Das Atem-Dilemma des modernen Menschen

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Die Lebensumstände unseres hochtechnisierten Zeitalters stellen eine Herausforderung für unsere Gesundheit dar. Während unser Nervensystem häufig durch immer schnellere Informationsabläufe überfordert wird, führt der Bewegungsmangel dazu, dass unser Atemsystem stark unterfordert ist.

Atemübungen laden den Solarplexus, die Batterie unseres Körpers, systematisch auf und sind damit ein Nerventonikum. Durch Yoga-Atemtechniken im Alltag kann auch ohne Körperbewegung die Vitalkapazität der Lungen voll ausgeschöpft werden und über den Blutkreislauf werden zusätzlich alle Körperzellen mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Durch regelmäßige Pranayama-Übungen lässt sich ein bewusster Atemrhythmus trainieren – ein wichtiger Schlüssel zu verbesserter Konzentration und Vitalität.

Atem-Dilemma Nr. 1: Flache Atmung

Da wir unsere Atmung nicht bewusst steuern, können wir uns leicht ungesunde Atemmuster angewöhnen. Aufgrund von nervlicher Anspannung atmen viele Menschen nur über ihre Brust und Schlüsselbeine – das Zwerchfell kommt kaum oder nur wenig zum Einsatz. Oft werden bei der Einatmung zudem die Schultern gehoben und der Bauch eingezogen. Der Solarplexus und die Bauchmuskeln werden dadurch angespannt. Mit der zu flachen Brustatmung füllen wir nur ein kleines Areal der Lungen, nämlich lediglich die Lungenspitzen. Dadurch gelangt nur wenig Sauerstoff ins Blut, was zu einem Verlust an Vitalität führt und unsere Abwehrkräfte schwächt. Die Folge: Wir sind schlapp, müde, antriebslos. Bildhaft kann man sich das so vorstellen, als würden wir eine Flasche mit Wasser füllen, sie immer nur bis zur Hälfte leer trinken und dann gleich wieder auffüllen – und das wieder und wieder. Auf die Lunge bezogen heißt das, dass ständig verbrauchte Restluft in der Lunge bleibt, die leicht zum Bakterienherd werden kann.

Bauchatmung

Die Bauch- oder Zwerchfellatmung ist unsere natürliche Art zu atmen – Kinder tun dies noch ganz selbstverständlich, Erwachsene meist nur noch im Schlaf. Dabei erlaubt diese Atmung eine größere Ventilation der Lungen und ermöglicht uns, mehr Sauerstoff aufzunehmen und mehr verbrauchte Luft abzugeben. Entscheidend ist hierbei der Gasaustausch in den Lungen, der zum Großteil über die Ausatmung gesteuert wird – denn je mehr verbrauchte Luft wir ausatmen, desto mehr frische Luft können wir einatmen. Bei der Bauchatmung senkt sich das Zwerchfell, aktiviert dadurch die Einatmung und massiert dabei die Bauchorgane. Bei der Ausatmung geht der Bauch wieder nach innen, die verbrauchte Luft wird passiv ausgeatmet, das Zwerchfell hebt sich und massiert dabei das Herz. Durch regelmäßige Praxis der Yoga-Atemtechniken lernt man, die Bauchatmung auch im Alltag anzuwenden.

Atemdilemma Nr. 2: Evolution braucht ihre Zeit…

Das Atmen zählt zu den wichtigsten unwillkürlichen Körperfunktionen und sorgt dafür, dass jede Körperzelle genug Sauerstoff erhält. Als unbewusster Prozess wird die Atmung von den Atemzentren im Gehirnstamm und in der Halsschlagader überwacht. Diese spezialisierten Nervenzentren kontrollieren über Chemorezeptoren gewisse chemische Werte im Blut. Anzunehmen wäre, dass diese Chemorezeptoren den Sauerstoffgehalt im Blut messen und bei einer Unterversorgung mit Sauerstoff eine tiefere Atmung stimulieren. Tatsächlich wird dort aber nur der Gehalt von Kohlendioxyd (CO2) gemessen. Bei CO2 handelt es sich um die verbrauchte Atemluft, die wir mit jeder Ausatmung ausscheiden. Während beispielsweise beim Sport das tiefe Atmen aufgrund des starken Kohlendioxydanstiegs automatisch stimuliert wird, muss bei einer bewegungslosen Tätigkeit wie im Büro die Atmung bewusst angekurbelt werden.

Noch vor 100 Jahren, als körperliche Arbeit unseren Alltag bestimmte, war das kein Problem: es gab kaum Autos, keine Rolltreppen und Aufzüge – mehr Bewegung sowie anstrengende körperliche Arbeit sorgten für ein regelmäßiges Ansteigen der Kohlendioxydwerte. Und dadurch wurde automatisch der Impuls zum tiefen Atmen eingeleitet.

Heute arbeiten die meisten Menschen im Sitzen – zumindest in den industrialisierten Ländern mit den vielen computergesteuerten Abläufen. Bei den meisten fehlt die körperliche Betätigung, wodurch der Impuls zum tieferen Atmen ausbleibt. Das Dilemma: Bis sich die autonome Programmierung der Atmung an die modernen Lebensumstände angepasst hat, wird es voraussichtlich noch viele Generationen dauern. Denn 100 Jahre sind evolutionsgeschichtlich eine sehr kurze Zeitspanne. Was können wir also tun, um bereits heute aus dieser Atemfalle herauszukommen?

 

Anuloma Viloma (Wechselatmung)

Diese Übung beruhigt die Nerven, gleicht die Gehirnhemisphären aus und beruhigt den Geist.

1. Setzen Sie sich in eine Meditationshaltung. Wirbelsäule, Nacken und Kopf sind in einer Linie.

2. Die linke Hand liegt auf dem Knie im Chin Mudra, das heißt, Daumen und Zeigefinger berühren sich. Die rechte Hand formt das Vishnu Mudra – Zeige- und Mittelfinger sind zur Handinnenfläche gebeugt.

3. Zentrieren Sie den Geist in der Atmung. Atmen Sie aus und verschließen Sie mit dem rechten Daumen das rechte Nasenloch.

4. Atmen Sie vier Sekunden lang durch das linke Nasenloch ein.

5. Schließen Sie nun auch das linke Nasenloch mit dem Ringfinger und halten Sie den Atem für 16 Sekunden an.

6. Lösen Sie den rechten Daumen und atmen Sie rechts acht Sekunden lang aus.

7. Atmen Sie ohne Pause rechts wieder auf vier ein, verschließen Sie Ihr rechtes Nasenloch, halten den Atem 16 Sekunden lang an und atmen links auf acht aus.

Von Swami Sivadasananda

Lesen mir mehr über Atemübungen in der Ausgabe 02/2013.

 

INFO: Swami Sivadasananda ist Yoga-Acharya und langjähriger Schüler von Swami Vishnudevananda, Sivananda Yoga Vedanta Zentrumdem Gründer der weltweiten Sivananda Yoga Vedanta Zentren. Er unterrichtet seit über 30 Jahren in den Sivananda-Yogalehrerausbildungen weltweit und ist einer der Leiter der Internationalen Sivananda Yoga Vedanta Zentren. Weitere Infos zu den europäischen Zentren in Berlin, München, Hamburg, Wien, Reith bei Kitzbühel, London, Paris, Orléans, Genf, Madrid und Vilnius finden Sie unter: www.sivananda.eu/de

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