Das Magazin // November + Dezember 2010

Yoga Journal November Dezember 2010

Samadhipadah

Die Autorin Kristin Ruebesamen sagt „Yoga kann viel, aber nicht alles.“ Ihr neues Buch „Alle sind erleuchtet“ sorgt für Diskussionen (Rezension und Interview ab S. 104). Allgemein scheint in der Szene eine gewisse Ernüchterung eingesetzt zu haben. Zwar üben immer mehr Menschen Yoga, Studios und Lehrer sind flächendeckend verfügbar, aber irgendwie geht es nicht mehr wirklich vorwärts nach den Jahren der Euphorie. Wo bleibt denn nun die große Erleuchtung oder Befreiung? Ab Seite 48 („Verkaufte Erleuchtung“) beschreibt auch Diana Krebs dieses Gefühl – der „Mose-Effekt“ durch Yoga, der das Meer unserer Probleme teilt, bleibt offenbar aus.

Die Yoga-Szene ist zersplittert, unübersichtlich und es fehlen die Integrationsfiguren. Ganz zu schweigen davon, dass niemand so recht weiß, was eigentlich unterrichtet wird und wer sich wie qualifiziert, um Yoga-Lehrer zu sein. Diese gewisse Orientierungslosigkeit (und vielleicht ist das zu viel gesagt) im Großen hat ihr Gutes im Kleinen: Das YOGA JOURNAL sieht überall wieder extrem engagierte und selbstständige kleine Schulen mit Lehrern, die sich über Jahre an verschiedensten Orten selbst weiterbilden und sehr authentisch sind. Die Widersprüche in der Szene befeuern die Selbstständigkeit und garantieren Vielfalt.

Gleichzeitig löst sich Yoga von seinen Wurzeln und will mancherorts zu einer reinen Körperübung oder umgekehrt zu einer reinen Gefühlssache werden (Lernen von den Göttern S. 74). Der Kopf und das Denken kommen scheinbar immer weniger vor. Das Ziel war aber einmal die Integration der verschiedenen Aspekte, nicht die Isolation. Im Interview mit Beate Cuson wird das noch einmal besonders deutlich: „Yoga war intellektuelles Lernen und die Verkörperung dessen“ (S. 114).

In jedem Fall hat die körperliche Praxis alle anderen Yogalehren in den Studios weit hinter sich gelassen. Die Asanas sind aber nur ein winziger und willkürlicher Ausschnitt der Yogaidee wie sie zum Beispiel von Patanjali in den Yogasutren beschrieben wird: Der achtgliedrige Pfad (padah) zum Yoga (ashtanga) beginnt noch nicht einmal mit Asanas, sondern mit Yama, unserem Verhalten gegenüber anderen, und schließt die reine Körperübung in sieben andere, ebenso wichtige Praktiken ein. Victor van Kooten und Angela Farmer, die 1984 bei Iyengar hinausgeworfen wurden, sprechen heute sogar vom Loslassen der Asanas (Sanfte Rebellen S.56 ). Zumindest ist das herkömmliche Verständnis von Asana überholt. Matthew Sanford in den USA sowie Maria Proske und Antje Kuwert in Deutschland unterrichten Yoga für Querschnittsgelähmte und Körperbehinderte. Sie berichten begeistert (ab S.28): Yoga ist offen für alle.

Die wichtigste Lebens- und Yoga-Frage, so stand es neulich auf einem T-Shirt beim Üben in Woodstock, ist: Was tust du für andere?. „What are you doing for others?“ – Martin Luther King. Das wäre reines Karma Yoga. Der entscheidende Yogaweg ist Bakthi, glaubt man dem spirituellen Lehrer Shyamdas, der gerade in Deutschland war. Er sagt nach 40 Jahren Sanskrit- und Yogastudien in Indien: „Beobachte nicht deinen Atem, beobachte das Leben!“

Viel Spaß beim Lesen!

Michi Kern, Herausgeber

TITELTHEMEN der Ausgabe November + Dezember 2010:

SPECIAL:

Perspektivenwechsel – Umkehrhaltungen

INTERVIEWS:

“Wir sind Helden”: Judith Holofernes über Meditation

Angela & Victor: Yogische Rebellen

Spot auf die Yoga-Szene – Wo bleibt die Erleuchtung?

5 Wohlfühltipps – Ayurveda für zuhause

Mutige Krieger – Sonnengruß mit Behinderung

Yoga & Kunst – Kreativer Flow

Basics – Wie ein Fisch im Wasser

Allround-Talent Tofu? – Infos und Rezepte

Yoga-Trip England – London, Brighton, Manchester

Samadhipadah

Die Autorin Kristin Ruebesamen sagt „Yoga kann viel, aber nicht alles.“ Ihr neues Buch „Alle sind erleuchtet“ sorgt für Diskussionen (Rezension und Interview ab S. 104). Allgemein scheint in der Szene eine gewisse Ernüchterung eingesetzt zu haben. Zwar üben immer mehr Menschen Yoga, Studios und Lehrer sind flächendeckend verfügbar, aber irgendwie geht es nicht mehr wirklich vorwärts nach den Jahren der Euphorie. Wo bleibt denn nun die große Erleuchtung oder Befreiung? Ab Seite 48 („Verkaufte Erleuchtung“) beschreibt auch Diana Krebs dieses Gefühl – der „Mose-Effekt“ durch Yoga, der das Meer unserer Probleme teilt, bleibt offenbar aus.

Die Yoga-Szene ist zersplittert, unübersichtlich und es fehlen die Integrationsfiguren. Ganz zu schweigen davon, dass niemand so recht weiß, was eigentlich unterrichtet wird und wer sich wie qualifiziert, um Yoga-Lehrer zu sein. Diese gewisse Orientierungslosigkeit (und vielleicht ist das zu viel gesagt) im Großen hat ihr Gutes im Kleinen: Das YOGA JOURNAL sieht überall wieder extrem engagierte und selbstständige kleine Schulen mit Lehrern, die sich über Jahre an verschiedensten Orten selbst weiterbilden und sehr authentisch sind. Die Widersprüche in der Szene befeuern die Selbstständigkeit und garantieren Vielfalt.

Gleichzeitig löst sich Yoga von seinen Wurzeln und will mancherorts zu einer reinen Körperübung oder umgekehrt zu einer reinen Gefühlssache werden (Lernen von den Göttern S. 74). Der Kopf und das Denken kommen scheinbar immer weniger vor. Das Ziel war aber einmal die Integration der verschiedenen Aspekte, nicht die Isolation. Im Interview mit Beate Cuson wird das noch einmal besonders deutlich: „Yoga war intellektuelles Lernen und die Verkörperung dessen“ (S. 114).

In jedem Fall hat die körperliche Praxis alle anderen Yogalehren in den Studios weit hinter sich gelassen. Die Asanas sind aber nur ein winziger und willkürlicher Ausschnitt der Yogaidee wie sie zum Beispiel von Patanjali in den Yogasutren beschrieben wird: Der achtgliedrige Pfad (padah) zum Yoga (ashtanga) beginnt noch nicht einmal mit Asanas, sondern mit Yama, unserem Verhalten gegenüber anderen, und schließt die reine Körperübung in sieben andere, ebenso wichtige Praktiken ein. Victor van Kooten und Angela Farmer, die 1984 bei Iyengar hinausgeworfen wurden, sprechen heute sogar vom Loslassen der Asanas (Sanfte Rebellen S.56 ). Zumindest ist das herkömmliche Verständnis von Asana überholt. Matthew Sanford in den USA sowie Maria Proske und Antje Kuwert in Deutschland unterrichten Yoga für Querschnittsgelähmte und Körperbehinderte. Sie berichten begeistert (ab S.28): Yoga ist offen für alle.

Die wichtigste Lebens- und Yoga-Frage, so stand es neulich auf einem T-Shirt beim Üben in Woodstock, ist: Was tust du für andere?. „What are you doing for others?“ – Martin Luther King. Das wäre reines Karma Yoga. Der entscheidende Yogaweg ist Bakthi, glaubt man dem spirituellen Lehrer Shyamdas, der gerade in Deutschland war. Er sagt nach 40 Jahren Sanskrit- und Yogastudien in Indien: „Beobachte nicht deinen Atem, beobachte das Leben!“

Viel Spaß beim Lesen!

Michi Kern, Herausgeber