Resilienz: Warum sie so wichtig ist und wie du sie trainierst

Schnelle Atmung, Angstschweiß, flaues Gefühl im Bauch … Sind wir gestresst, reagiert unser Körper. Im Idealfall greift dann die Resilienz, die Fähigkeit uns selbst zu regulieren. Doch oft ist genau diese Stressregulation gestört und wir trudeln in einen Teufelskreis, aus dem es gefühlt kein Entkommen gibt. Die gute Nachricht: Resilienz kann man trainieren. Wie das geht, erklärt Dr. Isa Grüber in ihrem neuen Buch.

“Resilienz ist für mich die Fähigkeit, sich bei Stress und in schwierigen Lebenslagen zu regulieren, das heißt sich in die eigene Mitte zurückzubringen, den Kopf frei zu bekommen, wieder klar zu denken und handlungsfähig zu sein. Wir erkennen Resilienz an einem klaren Kopf und einem energiegeladenen Körper.” Es klingt so einfach und schlüssig, was Dr. Isa Grüber in ihrem Buch “Resilienz – dein Körper zeigt dir den Weg” erklärt. Die Heilpraktikerin weiß aber auch: Bei vielen Menschen ist die Stressregulation gestört, denn wir haben verlernt auf unseren Körper zu hören. Dabei ist unser Körper sehr weise, er hilft uns, sagt uns genau, was er braucht – wenn wir ihn nur lassen. Diese Weisheit unseres Körpers, besser gesagt die Faszination dafür, ist der rote Faden, der sich durch Dr. Isa Grübers Arbeit zieht: Sie hat sich darauf spezialisiert, seelische Spannungen im Körper aufzuspüren und aufzulösen. Wie das funktioniert und was Somatic Experiencing (SE)® nach Dr. Peter Levine damit zu tun hat, erklärt sie uns im Interview.

Liebe Frau Dr. Grüber, ihr Buch ist auf der Grundlage von Somatic Experiencing (SE)® entstanden. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Der Körper ist ein machtvolles Instrument, um Resilienz zu erleben. In meiner Praxis mache ich immer wieder die Erfahrung, dass er nur darauf wartet, seine Ressourcen zu aktivieren. Im Alltag nehmen wir unseren Körper meist wenig wahr oder sogar nur bei Schmerz oder Unwohlsein oder dann, wenn er nicht mehr “funktioniert”. Wir wissen alle, wie sich Stress anfühlt. Aber wer nimmt sich schon die Zeit, um der Erleichterung nachzuspüren, wenn der Stress sich löst? Dabei ist diese Form von Aufmerksamkeit der Schlüssel, um Resilienz im Körper zu verankern. Und genau das machen wir mit Somatic Experiencing. Wörtlich bedeutet es “den Körper erleben”. Wir orientieren uns an Ressourcen und lassen diese inneren Kraftquellen im Körper ankommen. Das machen wir, indem wir ihnen auf eine bestimmte Art und Weise nachspüren. Im Laufe der Zeit entsteht daraus ein neuronales Muster für Resilienz.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass unsere Körperwahrnehmung gestört ist. Warum verlernen wir es, auf unseren Körper zu hören?

Das hat viele Aspekte: Erstens: Wir leben in einer schnellen Zeit, doch Spüren ist langsam, es braucht Zeit. Zweitens: Wir leben in einer stark visuellen Gesellschaft und sind es eher gewohnt, uns auf Bilder zu fokussieren. Drittens: Süchte, materielle und immaterielle, dämpfen unangenehme Gefühle und Empfindungen – und die angenehmen gleich mit. Schließlich hat es mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun. Wenn ich, vielleicht schon früh im Leben, aufgrund von chronischem oder traumatischem Stress meine Gefühle und Körperwahrnehmung abschalten musste, weil es sonst nicht auszuhalten gewesen wäre, ist Spüren manchmal bedrohlich. Dann taucht womöglich der alte Schmerz wieder auf, wenn ich in mich hineinspüre. Das Nichtspüren ist dann eine Überlebensstrategie und die ist sinnvoll! Denn Aufmerksamkeit verstärkt. Im Somatic Experiencing gehen wir daher ganz behutsam an das Spüren heran. Vor allem spüren wir dann in den Körper, wenn es sich angenehm anfühlt, wenn Erleichterung da ist und sich etwas löst.

Dabei kommt auch die “Resilienz-Schatzkiste” zum Einsatz, die Sie in ihrem Buch beschreiben. Können Sie uns erklären, welche Schätze – oder besser gesagt Kraftquellen – in dieser wertvollen Truhe liegen und wie sie uns helfen?

Das kann alles Mögliche sein. Eine Ressource in Ihrer Schatzkiste kann zum Beispiel eine schöne Erinnerung sein. Etwas, das Ihnen niemand nehmen kann. Eine Erinnerung ist dann eine wertvolle Ressource für Sie, wenn sie in Ihrem Körper ein wohliges Gefühl auslöst. Auch eine Zukunftsvision kann eine starke innere Kraftquelle sein. Sie kann ein vages und dennoch unbeirrtes Gefühl sein wie “Ich schaffe das, auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, wie.” Sie kann auch ein konkretes Szenario sein, das Sie sich innerlich mit allen Sinnen ausmalen und das Ihnen Kraft gibt. Sobald eine Ressource stark genug ist, verändert sich beim Gedanken daran etwas in Ihrem Körper auf angenehme Art und Weise. Dann können Sie ihr nachspüren, sie dadurch noch weiter intensivieren und sie dann in Ihre Schatzkiste packen. Wahrscheinlich werden Sie überrascht sein, was alles Kraftquellen in Ihrem Leben sind. Ich habe diesem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet und mache viele Vorschläge dazu. Es ist spannend, die eigenen Ressourcen besser kennenzulernen.

Dr. phil. Isa Grüber ist Heilpraktikerin und Coach mit eigener Praxis in Bonn und Bad Honnef. Foto: Ulrich Dohle

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter mangelnder Resilienz. Sollten wir als Gesellschaft größeren Wert darauf legen, diese wichtige Fähigkeit schon früh, etwa in der Schule, zu vermitteln?

Resilienz als Schulfach, das wäre wunderbar. Faktenwissen ist heute überall verfügbar. Was in der Schule mehr vermittelt werden sollte, ist “Lebenslernen”, also wohin mit der inneren Unruhe, lernen die Aufmerksamkeit zu steuern anstatt sich vom Handy verführen zu lassen, sich konzentrieren und tief in etwas eintauchen, die eigenen Stärken kennen, stolz darauf sein und sich stark fühlen. Und vieles mehr. Bis es so weit ist, können wir Erwachsene mit gutem Beispiel vorangehen und unsere eigene Resilienz stärken. Dann sind wir ein lebendiges Vorbild für unsere Kinder und Enkel.

Dabei sind auch manche Erwachsene längst keine Resilienz-Profis, ich nehme mich da selbst nicht aus. Ich wundere mich oft, wie einige Menschen scheinbar mühelos, mit Stress, Angst oder Schicksalsschlägen umgehen, während andere das kleinste Problem aus der Bahn wirft? 

Das ist eine gute Frage. Es gibt viele Möglichkeiten: Weil manche Menschen ein gutes Vorbild für Resilienz hatten, zum Beispiel eine Mutter, die gut trösten konnte oder die bei Problemen kreative Lösungen fand. Oder, weil sie kraftvolle Ressourcen haben und einen guten Zugang zu ihnen. Vielleicht auch, weil es selbst in einer schwierigen Familienkonstellation eine Person gab, von der sie gesehen und unterstützt wurden. Weil sie etwas in ihrem Leben gefunden haben, das ihnen Kraft gibt, egal was geschieht. Ein Schicksalsschlag kann sie dann umhauen, für eine gewisse Zeit, und dann rappeln sie sich wieder hoch. Und weil sie gelernt haben Hilfe anzunehmen und noch vorher, sie aktiv zu suchen.  

Wir können ein gewissen Maß an Resilienz also erlernen? Können wir auch lernen, uns selbst zu regulieren?

Ja, auf jeden Fall. Selbstregulation ist der Kern von Somatic Experiencing. In meinem Buch stelle ich viele einfache Übungen genau dafür vor. Sie zeigen, wie man sich bei Stress und in kleinen und größeren Krisen selbst regulieren kann. Konkret heißt das, sich zu beruhigen und zu motivieren für den nächsten Schritt. Bei all dem kann der Körper helfen. Es geht darum, seine feinen positiven Signale wahrzunehmen und zu verstärken. Das ist der Weg in Richtung Resilienz. So können Sie Ihren Körper als Kraftquelle erleben. Ressourcen nachzuspüren macht glücklich. Es verbreitet ein wohliges Gefühl, löst Spannungen und weckt die Lebensfreude. Je öfter wir es machen, desto leichter wird es. So fluten wir unsere Zellen mit Glücksgefühlen – und stärken ganz nebenbei Nerven und Immunsystem.

Verraten Sie unseren Lesern zum Abschluss noch, wie Sie sich persönlich immer wieder Mut machen? 

Gern. Ich habe viele Ressourcen und ich hege und pflege sie. Beim Schreiben dieses Buches habe ich sie noch einmal intensiv erforscht und gespürt. Es war Winter, Lockdown, Einschränkungen überall und ich hatte eine gute Zeit, weil ich mich so viel mit Resilienz beschäftigt habe. Das war eine interessante und nährende Erfahrung. In Phasen der Mutlosigkeit oder inneren Unruhe wende ich all das an, was ich in meinem Buch beschrieben habe. Zum Beispiel die fünf Basisübungen zur Stabilisierung. Sie sind für mich so selbstverständlich geworden, dass ich sie nicht mehr als Übung empfinde. Ich nehme mir regelmäßig Zeit, in den Körper zu spüren, vor allem meinen Ressourcen nachzuspüren. Alles was ich in meinem Buch beschreibe, habe ich im Laufe der Jahre, in denen ich Somatic Experiencing in meiner Praxis anwende, zutiefst verinnerlicht. Ich lebe es ganz natürlich.

Basisübung zur Stabilisierung: Die Energie in die Füße bringen

  • Warum? Stressenergie schießt im Körper nach oben. Bei einem hohem Stresspegel haben wir zu viel Energie im Kopf und zu wenig in den Füßen. Die Energieverteilung im Körper spielt eine wichtige Rolle für unser Wohlbefinden. Mit dieser Übung wollen wir uns dieses Thema genauer ansehen. Da die Stressregulation vom autonomen Nervensystem gesteuert wird, also nicht mit dem Willen allein beeinflussbar ist, können wir dieses System nur einladen, sich zu regulieren. Und das machen wir zum Beispiel auf folgende Weise.
  • Mache es dir im Sitzen bequem und nimm dir ein bisschen Zeit, um vollständig anzukommen.
  • Dann wandere mit deiner Aufmerksamkeit wie mit einem Scan durch deinen ganzen Körper. Wo nimmst du die Energie wahr, als Wärme, als Fließen, Strömen, Kribbeln, ausgefüllten inneren Raum oder wie auch immer? Wo ist der Schwerpunkt in deinem Körper?
  • Ist die Energie gleichmäßig im ganzen Körper verteilt? Dann brauchst du jetzt nichts weiter zu tun, als dem nachzuspüren und es zu genießen!
  • Wenn du mehr Energie in der oberen Körperhälfte als in der unteren wahrnimmst, lenke deine Aufmerksamkeit freundlich zu deinen Füßen und fange an, sie leicht zu bewegen. Du kannst zum Beispiel mit deinen Zehen spielen, den Vorderfuß links und rechts abwechselnd anheben und wieder aufsetzen, dann die Fersen, den Fuß leicht kreisen lassen, das Bein dabei ausstrecken, kleine Laufbewegungen auf der Stelle machen. Alles ist möglich, Hauptsache, es ist leicht! Es darf leicht sein. Das hier ist kein Muskeltraining und keine Gymnastik. Es ist ein spielerisches Aktivieren der Nerven, der Muskeln, der Faszien.
  • Oder du stellst deine Füße erst über Kreuz auf den Boden und spürst dem nach, dann stellst du sie flach auf den Boden. Was ist jetzt anders?
  • Du kannst dir auch vorstellen, dass du mit deinen Füßen tanzt. Du bewegst die Füße spielerisch und leicht und gehst mit deiner ganzen Aufmerksamkeit dahin.
  • Was beginnt sich dabei in deinen Füßen zu verändern? Und gleichzeitig in deinem ganzen Körper? Nach einer Weile solltest du eine Veränderung in die folgende Richtung wahrnehmen: In der oberen Körperhälfte wird es leichter, der Kopf wird leerer, es wird innerlich ruhiger. In der unteren Körperhälfte wird es schwerer, du sitzt breiter oder schwerer, die Beine sind dir bewusster, die Füße fühlen sich lebendiger und wärmer an.
  • Du kannst noch einen Schritt weitergehen und deine Füße sich so bewegen lassen, wie diese es wollen, wie es von Innen kommt.
  • Das machst du, bis du spürst: Die Energie in deinem Körper bewegt sich nach unten, etwas in dir “sackt” im besten Sinne, etwas fließt ab nach unten – wo es auch hingehört. Deine Energie gehört in deinen ganzen Körper, nicht nur in deinen Kopf.
  • Bleibe ganz neugierig und offen, was dabei geschieht. Dein Körper kann das! Er macht es regelmäßig, wenn er nach einer Anspannung wieder entspannt. Wahrscheinlich hast du dem bisher nur noch nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt. (Diese Übung ist ein Auszug aus dem Buch “Resilienz – dein Körper zeigt dir den Weg”)

Über die Autorin: Mit Somatic Experiencing (SE)® nach Dr. Peter Levine, einem körperorientierten Ansatz zur Stress- und Traumalösung, begleitet Dr. Isa Grüber Klient*innen dabei, durch gezieltes und achtsames Spüren im Körper blockierte Stressenergie zu befreien und als neue Lebenskraft zu erfahren. Mehr über ihre Arbeit und SE erfährst du im Buch “Resilienz – dein Körper zeigt dir den Weg” (Irisiana, 15 Euro) // Titelbild von Corey Dupree von Pexels

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