Yoga statt Ritalin? Interview mit Leila Oostendorp

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Ein 10- bis 12-Stunden-Tag ist selbst für die Kleinsten in unserer Gesellschaft heute keine Seltenheit mehr. Kann man mit Yoga an Kitas und Schulen die Kids dabei unterstützen, Entspannung zu lernen? Das YOGA JOURNAL hat vier Experten zu dem Thema befragt. Nach dem Interview mit dem Ehepaar Seemann sprechen wir heute mit Leila Oostendorp. 

Yoga für mehr Solidarität und Respekt

YJ: Ist innerhalb der vollen Lehrpläne überhaupt Platz für Yoga? Wie wird Yogaunterricht an Schulen integriert?
Hier sind verschiedene Punkte zu berücksichtigen: Der Lehrplan an einer Regelschule beziehungsweise Ganztagesschule, das Vorhandensein von Mittagsbetreuung und Hort sowie die Verfügbarkeit von Lehrern mit einer Kinderyoga-Ausbildung oder anderen qualifizierten, externen Kinderyogalehrern. Bei der Regelschulzeit ist der Lehrplan sehr eng getaktet. Obwohl der Wunsch nach Yoga von Kindern, Eltern und Lehrern groß ist, gibt es wenige Zeitfenster, in denen regelmäßig Yoga etabliert werden kann. Viele Lehrer lassen sich dennoch extra ausbilden und integrieren dann einzelne, weniger zeitintensive Elemente von Yoga in ihrem Unterricht. Manche schaffen es sogar, wöchentlich eine richtige Yogastunde in ihrer Klasse anzubieten. Manche Schulinstitutionen finanzieren selber solche Fort- und
Ausbildungen für ihre Lehrerschaft. Es zeigt sich eine komplett andere Situation bei den Ganztagsschulen. Da viele Schulstunden für extra Aktivitäten bereits im Stundenplan vorgehalten werden, lässt sich Yoga einfacher in den Tagesablauf integrieren. Zum Teil beteiligt sich die Regierung von Bayern mit finanziellen Mitteln, um extra Angebote für die Kinder an öffentlichen Schulen zu ermöglichen. Hiervon profitiert nicht nur Yoga sondern auch andere Aktivitäten wie etwa Tanzen, Trommeln oder Schach.

Ein anderer Weg, den Kindern in der Regelschule Yoga näher zu bringen ist, außerhalb des Schulplans ein Angebot in der Mittagsbetreuung oder im Hort zu organisieren. Hier werden die Stunden privat über die Eltern, über den Elternbeirat oder Vereine finanziert. Normalerweise ist hier nicht die Finanzierung das Thema, sondern die oftmals eingeschränkten Raummöglichkeiten. Da sich die meisten Schulen in Bayern an ihrer Kapazitätsgrenze befinden, gibt es leider in vielen Fällen keine Räumlichkeiten für den Yogaunterricht. In diesem Zusammenhang ist es zusätzlich oftmals problematisch, dass in vielen Schulen keine externen Anbieter akzeptiert werden. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung. Wenn der Wunsch der Eltern über den Elternbeirat unterstützt und vertreten wird, wird an den meisten Schulen auch ein externer Anbieter geduldet.

YJ: Was sind Ihrer Meinung nach die klaren Vorteile von Yoga für Kinder und Jugendliche?
Kinder und Jugendliche, die regelmäßig eine gute Yogapraxis erfahren, haben eine andere Wahrnehmung ihres Körpers, ihrer Stimmung und ihrer Fähigkeiten. Sie gehen bewusster mit ihren Stärken um. Gleichzeitig kennen sie ihre Schwächen und arbeiten eher daran. Sie lernen, ihre Körper zu respektieren, die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Sie können sich entspannen, wenn sie es brauchen oder möchten. Sie betrachten die Welt und alles was dazu gehört mit den Augen der Solidarität und Respekt.

YJ: Gibt es auch Kinder und Jugendliche, für die Yoga nicht geeignet ist?
Prinzipiell ja. Manche Kinder und Jugendliche haben andere Notwendigkeiten, Geschmäcker und andere Ansprüche, wenn es um Sportaktivitäten geht. Oder sie befinden sich in einer Lebensphase, in der sie einfach keinen Zugang zu Yoga finden. Damit sich die Wirkung von Yoga entfalten kann, sollten Kinder und Jugendliche nur dann am Yoga teilnehmen, wenn sie es selber möchten, und nicht weil die Eltern, der Lehrer oder der Zeitgeist es einfordern.

Viele Faktoren können die Lust auf Yoga wecken aber auch dämpfen. Kinder und Jugendliche sind sehr empfindlich gegenüber der Stimmung von Lehrern, den Gruppenkonstellationen und ihrem sozialen Umfeld. Sind die ersten Erfahrungen positiv, spricht vieles für ein nachhaltiges Interesse an Yoga. Das Fehlen eines altersgemäßen Yogaunterrichts sowie externe Stressfaktoren können jedoch die Lust am Yoga limitieren.

YJ: Wird der Yogaunterricht an Schulen als Wahlfach angeboten oder gibt es auch Schulen beziehungsweise Klassen, an denen Yoga Pflicht ist?
An vielen Schulen wird Yoga als Wahlfach angeboten. Manchmal ist das Angebot für ein halbes Schuljahr, manchmal für ein ganzes Jahr. Es gibt Angebote seitens externer Anbieter aber auch der eigenen Lehrerschaft. In bayerischen Ganztagsschulen ist Yoga in den Stundenplan integriert.

YJ: Eine kritische Frage: Wird Yoga an Institutionen zum Teil auch eingesetzt, um die Kinder wieder zum „Funktionieren“ zu bringen und sie fit zu machen für unser leistungsorientiertes System?
Diese Aussage kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil, es wird an das Wohlbefinden der Kinder gedacht. Yoga wird vor allem als Möglichkeit des spaßigen und zugleich sportlichen Ausgleichs sowie der Entspannung angeboten. In vielen Fällen spielen auch lebensphilosophische Aspekte eine Rolle.

YJ: Kann Yoga wirklich dazu beitragen, die ständige Reizüberflutung, der Kinder und Jugendliche heute ausgesetzt sind, auszugleichen und ihr etwas Positives entgegenzusetzen?
Ja, definitiv! Als spezialisierte Yogalehrerin für Kinder und Jugendliche erlebe ich die positiven Effekte von Yoga direkt in den Gesichtern der Kinder. Am Ende der Stunde sehe ich viele entspannte und fröhliche Minen. Mit dem Einsatz von gezielten Asanas, Pranayama-Übungen beziehungsweise Konzentrations- und Meditationstechniken ist es möglich, den Kindern einen Freiraum als Ausgleich zum herausfordernden Alltag zu eröffnen. Auf diese Weise werden den Kindern Methoden an die Hand gegeben, die sie auch außerhalb des Yogaunterrichts individuell in ihren Tagesablauf integrieren und sich somit Rückzugsorte schaffen können.

YJ: Wie ist die Tendenz momentan: Haben Schulen von sich aus ein gesteigertes Interesse an Yoga für ihre Schüler oder muss man als Yogalehrer eher „Klinken putzen“ gehen, um den Schulleitern und Lehrern die Vorteile schmackhaft zu machen?
Meiner Erfahrung nach zeigen Schulen durchaus ein gesteigertes Interesse an Yoga. In den letzten 2 Jahren sogar ein sehr deutliches Interesse. Viele Nachfragen von interessierten Institutionen scheitern allerdings leider entweder an Finanzierungs- und Organisationsschwierigkeiten oder noch häufiger am Platzmangel.

YJ: Ist Ihnen bekannt, ob Yoga bereits Einzug in die Konzepte des Bildungsministeriums gehalten hat?
Es ist mir bekannt, dass im Studiengang zum Referendar Yoga als Inhalt der Ausbildung angeboten wird. Persönlich hatte ich selbst die Möglichkeit, Referendare entsprechend zu unterrichten. Hier wurden die Entspannung und der Ausgleich als bevorzugte Elemente von Yoga nachgefragt.


Leila Kadri Oostendorp bietet in München seit Jahren Yoga-Aktivitäten für Kinder und deren Eltern an. Die Gründerin der Kinder Yoga Welt und Leiterin des Kinderyoga-Arbeitskreises für Yogalehrer in München und Umgebung entflammt mit ihrer Energie in Groß und Klein die Liebe zum Yoga. www.kinderyogawelt.de


Illustration: Melanie Beutel

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