Das Magazin // September + Oktober 2011

Titel_YJ_0511Alles (k)eine Zumutung

Neulich stand in großen, handgeschriebenen weißen Lettern auf der Scheibe der benachbarten Kunstgalerie: „Die Zeit der Selbstverwirklichung ist vorbei!“ Herrje, das haben die bestimmt für uns da hingeschrieben, dachte ich und hatte sofort die Fortsetzung des Satzes im Kopf: „Jetzt muss mal was passieren.“ Denn diesseits der ozeanischen Gefühle auf der Matte könnte doch eigentlich sehr viel mehr Kraft und Interesse übrig sein für den Rest der Welt. Mit anderen Worten: Wo ist eigentlich das große Engagement all der Menschen, die in Deutschland Yoga üben? Wo ist mein eigenes?

Unser Yogastudio ist jedenfalls nicht das Zentrum des Widerstands gegen den Klimawandel, gegen Armut, Hunger oder Ungerechtigkeit auf der Welt. Bei uns fliegen im August alle ganz entspannt in den Urlaub.

Während der Yogastunde interessiert man sich schon irgendwie verklausuliert für das große Ganze: Alles hängt mit allem zusammen, ist ja klar. Daraus entwickelt sich aber noch lange keine „Idee der Gerechtigkeit“ (von Amartya Sen, Nobelpreis für Wirtschaft 1998) oder gar ein „Engagiert euch!“ (von Stéphane Hessel, nur 40 Seiten und viel besser als „Empört euch!“).
In der letzten Ausgabe des YOGA JOURNAL erläuterte der Dalai Lama, dass aus der Meditation Verantwortung für sich und andere erwächst – nämlich durch die Praxis des genauen Hinsehens, Sich-nicht-Abwendens, des Aushaltens und Erkennens der Zusammenhänge zwischen unserem Handeln und dem Leben der anderen. Doch es scheint im Yoga kein Wort für „Solidarität“ oder „Gerechtigkeit“ zu geben. Und das Handeln beschränkt sich oft auf eine Ohne-mich-Haltung und den Rückzug auf die eigenen Befindlichkeiten. Mir erklärte erst neulich eine befreundete Lehrerin, sie könne dieses kleine Buch über junge Frauen in Nepal und Indien („Maya“ von Harald Hetzel) nicht lesen, weil es ihr danach bestimmt schlecht ginge. Das möchte ich gern respektieren, aber der Witz dabei ist natürlich: Manchmal geht es eben für einen kleinen Moment nicht um uns selbst und darum, wie wir uns fühlen – sondern um die anderen.

An diesem Punkt könnte ein spontaner Impuls zum Engagement entspringen: „Was wird da von mir gebraucht?“, fragt Stéphane Hessel. „Zur Stelle sein mit Worten und Taten, mit Herz und Verstand.“ Das heißt, wir müssen uns nicht nur interessieren, sondern auch exponieren. Das ist eine Zumutung und eine Anstrengung. Die Aktivistin Julia Butterfly Hill stimmt dem zu (Interview S. 36) und fasst die anstehende Selbstaktivierung in einem einzigen Satz zusammen: „Die Welt braucht jeden Einzelnen von uns.“

Einen aktiven Herbst
wünscht Ihnen

Michi Kern
und die Redaktion