Interview mit Patrick Broome

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“Die Gedanken machen unglücklich – nicht das Leben selbst“

2009 erkrankte Patrick Broome an einer chronischen Leukämie, die ihn vorübergehend „in seinen Grundfesten erschütterte“. Ist eine Krankheit ein Hindernis für die spirituelle Entwicklung? Wir sprachen mit dem bekannten Jivamukti Yogalehrer über die Bedeutung von Gesundheit, über Psychotherapien und über das, was wirklich im Leben zählt.

YOGA JOURNAL: Patrick, vor zwei Jahren erhieltest du die Nachricht, dass du Krebs hast.Unglücklicherweise genau an dem Tag, an dem dein Sohn zur Welt kam. Kam die Diagnose völlig überraschend – oder hatte sie sich vorher angekündigt?

PATRICK BROOME: Die endgültige Diagnose erhielt ich am 6. August 2009, als ich zwischen zwei Wehen meiner Frau kurz aus dem Kreißsaal gegangen bin, um meinen Arzt zurückzurufen. Der Verdacht wurde aber bereits vor zwölf Jahren geäußert. Da wurde mir ein Lymphknoten entfernt, in dem ein paar Krebszellen gefunden wurden. Schon seit zehn, 15 Jahren waren meine Lymphknoten angeschwollen. Ich wurde immer schwächer und müder und bekam immer mehr Allergien. Im Nachhinein weiß man, dass das alles bereits Vorboten der Krankheit waren. Eine chronische Leukämie trägt man jahrelang mit sich herum, ohne dass sie ausbricht. In der nächsten Stufe werden die Begleiterscheinungen immer stärker. Dann muss man handeln.
Du hast dich einer Chemotherapie unterzogen…
Ja. Ein Arzt hat zu mir gesagt, eine Chemotherapie wirkt wie ein Tsunami. Der spült einmal durch den Körper durch und alles, was im Weg ist, wird platt gemacht. Diese Chemotherapie tötet wunderbar die Krebszellen ab. Die Krankheit ist nun verschwunden, die Ursache jedoch noch nicht behoben. Die versuche ich jetzt in intensiver Zusammenarbeit mit einem Homöopathen und einem Psychotherapeuten zu finden. Ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg dahin.
Ist eine Krankheit ein Hindernis auf dem Weg zur spirituellen Erleuchtung?
Patanjali nennt in den Yoga Sutren eine Reihe von Hindernissen, die sogenannten Antarayas. Trägheit gehört dazu, auch Faulheit, kein Vertrauen und eben auch Krankheiten. Weil sie die Konzentration von dem Konzentrationsobjekt wegziehen und nur auf den Körper richten. Aber nicht jede Krankheit muss ein Hindernis werden…
Warum nicht?
Wenn ich mir die Biographien großer Yogis anschaue, sehe ich, dass viele sehr krank waren, sogar ziemlich bösartige Krankheiten hatten. Und dennoch waren etliche von ihnen schon sehr weit auf ihrem Weg. Es ist immer eine Frage der Identifikation. Ich kann sagen: Ich bin der Krebs, die Tuberkulose oder die Malaria. Oder ich kann sagen, ich bin ein Organismus, der ganz passabel funktioniert, nur einem Teil von mir geht es gerade nicht so gut. Dann hat die Krankheit nicht mehr so einen Allmachtsgriff auf mich. Aber wenn sie neu ist, vereinnahmt sie erstmal jeden. Die Aufgabe besteht darin, die Krankheit zu kontrollieren. Und das mache ich jetzt. Aber ich weiß auch, dass diese Krankheit nicht nur ein Hindernis war, sondern auch ein ganz, ganz großer Lehrer.
Was hast du durch die Krankheit gelernt?
Ich bin wesentlich geduldiger und ruhiger geworden. Früher wollte ich lieber allein sein, heute genieße ich es, am Leben teilzuhaben. Die Hauptlektion habe ich während der Chemotherapie gelernt. Das ist eine Behandlung, die dich mehrfach im Jahr komplett auseinandernimmt, geradezu zerstört. Und dann findet eine Art Wiedergeburt statt, deine Kräfte erholen sich wieder und du merkst, dass etwas Neues entsteht – bis zur nächsten Behandlung. Da geht alles wieder von vorne los. Dieses Vertrauen in den Zyklus aus Werden, Wachsen und Vergehen war mir die wichtigste Lehre. Guru brahma, guru vishnu, guru devo maheshvara. Es gibt nichts, was die Erfahrungen des Lebens so gut beschreibt wie dieses Mantra.
In der Zeit, als die Leukämie ausgebrochen ist, kam bei dir einiges zusammen. Du hattest Schulden, dich von deinen Geschäftspartnern getrennt, solltest bald Vater werden… Glaubst du, all diese Umstände waren auch verantwortlich dafür, dass du krank wurdest?
Bestimmt war der Organismus insgesamt geschwächt, so dass er vielleicht die Krankheit, die er vorher noch kontrollieren konnte, plötzlich nicht mehr im Griff hatte. Vielleicht war er auch einfach nur erschöpft, unabhängig von dem, was zu jener Zeit alles los war. Ich befand mich an einem Punkt, an dem ich Dinge ändern wollte. Und die Krankheit hat meinen Mut, dies auch tatsächlich zu tun, bestärkt. Ich habe mir gesagt, wenn ich nun schon nicht mehr lange zu leben habe, dann will ich wenigstens so leben, wie ich es mir vorstelle. Dann möchte ich mich nicht mehr mit Geschäftspartnern streiten oder Yogacenter am Leben erhalten, die eigentlich tot sind, wie in Berlin. Dann will ich mich auf wichtigere Dinge konzentrieren. Auf meine Freiheit. Und auf meine Familie.
Hast du in deinem Leben etwas durch die Krankheit geändert?
Am Anfang fand ich das alles total ungerecht: Warum werde ausgerechnet ich jetzt krank? Ich lebe von klein auf vegetarisch, habe nie viel Alkohol getrunken oder viel Drogen genommen. Ich habe schon immer gesund gelebt, viel Kampfsport gemacht, später Yoga. Darum konnte ich gar nicht so viel ändern. Ich konnte ja nicht mit Yoga anfangen, mit Entspannung, mit Meditation oder bewusster Ernährung… Das war ja alles schon immer Bestandteil meines Lebens.
Hat sich deine Yogapraxis verändert?
Körperlich ja. Ich kann keine Power-Vinyasa-Stunden mehr mitmachen. Dafür fehlt mir einfach die Kraft. Meine eigene Praxis ist wesentlich ruhiger geworden. Außerdem meditiere ich nach wie vor regelmäßig. Meditation ist immer gut.
Warst du enttäuscht, dass Yoga dir nicht mehr bieten konnte?
Nein, ich habe Yoga schon immer als Instrument verstanden, um den Geist zu beruhigen, nicht so sehr um den Körper zu heilen. Darum habe ich auch nicht erwartet, dass es eine Wunderasana gibt, die den Krebs verschwinden lässt. Es ist unseriös, wenn Leute das behaupten. Aber ich war froh, dass es Yoga gab, sonst wäre ich vielleicht in jener Zeit durchgedreht.
Hast du eine Antwort für dich gefunden, warum dir all das passiert ist?
Ich kann es nicht sicher sagen. Mir fällt nur auf, dass viele meiner Krankheiten Reaktionen auf die Umwelt waren, die mein Körper als bedrohlich erachtete. Heuschnupfen, Allergie, Leukämie, Asthma… Vielleicht hängen diese Krankheiten damit zusammen, dass ich mich von anderen abschotten wollte. Ich weiß es nicht.
Manche Leute sagen „Hauptsache gesund“. Ist Gesundheit wirklich das Wichtigste im Leben?
Wenn jemand glücklich ist, weil er gesund ist, dann freue ich mich für ihn. Aber ich halte es für eine unglaubliche Arroganz eines Gesunden allen Kranken gegenüber, wenn er behauptet, dass man nur glücklich sein kann, wenn man gesund ist. Ich kenne so viele Menschen mit enormsten körperlichen Beeinträchtigungen aller Art, und teilweise leben sie glücklicher und bewusster als die sogenannten Gesunden, die ich in meinem Leben getroffen habe. Hauptsache gesund – das klingt für mich wie eine platte Oma-Weisheit. Sie enthält eine gewisse Wahrheit, aber man sollte sie auch hinterfragen. Ich denke, Gesundheit kann schon einen Teil ausmachen, um glücklich zu sein, aber es ist keine Bedingung.
Was macht deiner Meinung nach glücklich?
Es ist gar nicht das Ziel, glücklich zu sein, sondern zufrieden mit dem, was man hat. Mit dem Körper, den man hat, den Gedanken, die man hat, den Ängsten, die man hat… Glück heißt für mich, mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Eine wirkliche Zufriedenheit und Frieden mit dem, was ist – das ist Satchidananda, die Glückseligkeit, von der die alten Yogaschriften sprechen.
Bestimmt kommt häufiger mal jemand in einer Lebenskrise zu dir und fragt dich nach Rat. Was sagst du ihm?
Das kommt tatsächlich immer wieder vor. Ich empfehle ihm, die Verantwortung für sein Leben wieder zu übernehmen und vor allem eine Psychotherapie zu beginnen, um zu sehen, welche Gedanken einen da unglücklich machen. Es sind immer die Gedanken, die einen unglücklich machen, nicht das Leben selbst.
Ergänzt eine Psychotherapie die Yogapraxis besonders gut?
Für mich ist jede spirituelle Entwicklung ohne Psychotherapie ein Schuss in den Ofen. Sonst lässt du die ganzen Schatten, die du mitbringst, den ganzen Müll auf deiner Yogamatte raus und wühlst dich darin – aber Yoga hilft dir hier auch nicht weiter. Ich kenne Leute, die seit 40, 50 Jahren Yoga machen, aber nicht bereit sind, sich ihren Schatten zu stellen. Und es ändert sich gar nichts bei denen.
Kann man sich nicht auch selbst mit seinen Schatten, seinen Prägungen auseinandersetzen?
Du kriegst sie im Yoga um die Ohren gehauen, aber du brauchst einen Profi, um dich darüber auszutauschen.
Und sogar du brauchst einen Profi, obwohl du selbst promovierter Psychologe bist?
Natürlich. Der Zahnarzt kann sich auch nicht selbst seinen Backenzahn behandeln. Jeder Psychologe braucht auch einen Spiegel. Das muss kein Therapeut sein. Es kann auch ein weiser Ratgeber sein. Die Gurus früher waren nichts anderes als Psychotherapeuten, die lange mit dir gelebt und sich intensiv mit dir auseinandergesetzt haben. Das gibt es bei uns nicht. Du gehst jetzt anderthalb Stunden ins Yogacenter, setzt dort dein bestes Gesicht auf, gehst raus und trittst den nächsten Hund um die Ecke, weil du die Energie, die in dir hochgekommen ist, irgendwie verarbeiten musst. Allein kommst du schwer aus dem Sumpf raus. Wenn du jedoch einen Partner hast, mit dem du dich austauschen kannst, kann sich das enorm auf deine spirituelle Entwicklung auswirken. Es muss kein Psychotherapeut sein. Es kann jeder sein, der ein bisschen was davon versteht, wie der Mensch funktioniert. Es gibt großartige spirituelle Meister in der katholischen und evangelischen Kirche, die dich begleiten können. Seelsorger heißen sie so schön.
Man sagt ja auch, dass ein starker Glaube helfen kann, Krankheiten zu überwinden.
Meine 80-jährige Tante hat nur zweimal in ihrem Leben einen Arzt besucht. Sonst hat sie immer, wenn sie krank oder traurig war oder nicht wusste, wie es weitergehen soll, ihre Bibel aufgeschlagen und dort eine Antwort gefunden. Ein gefestigter Glaube schenkt einem Gelassenheit. Dann kannst du Schmerzen erdulden, ohne auszuflippen und Gott und die Welt und andere dafür verantwortlich zu machen. Wenn du den Glauben hast, dass es eine gewisse Ordnung in der Natur gibt, dann akzeptierst du die Dinge leichter. Es nützt ja nichts, wenn man hadert, dass man nicht den superbeweglichen Körper fürs Yoga bekommen hat. Es geht immer darum, mit dem zu arbeiten, was da ist. Und wenn der Körper krank ist, ist er eben krank. Ich kann nicht sagen, dass mein Glaube mich geheilt hat, aber er hat mich durch viele Krankheiten, die ich hatte, getragen. Jetzt bin ich hier, und es geht mir eigentlich ziemlich gut.

von Silvia Schaub

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