Woman Power – Interview mit Melanie C

352

Nach einem langen Interviewtag zieht Melanie C für das Interview mit YOGA JOURNAL erst einmal die Schuhe aus und macht es sich auf dem Hotelbett gemütlich. Das Fast-Shavasana schafft ideale Bedingungen für ein Gespräch über ihre Entwicklung vom kickboxenden „Sporty Spice“ Girl zur reflektierten Solo-Künstlerin, die vor allem an der Mutterrolle gewachsen ist.

YJ: Melanie, als „Sporty Spice“ warst du in den 1990er-Jahren das am wenigsten schrille, geerdetste Mitglied eurer Supergruppe. Dein Solo-Album hast du „Version of Me“ genannt. Welche Version deines Selbstes möchtest du mit ihm zeigen?

MC: Am jetzigen Punkt meines Lebens fühlt es sich an, als würde ich ein neues Kapitel aufschlagen. Ich bin jetzt 42 Jahre und habe das Gefühl, dass ich die Verantwortung für mich selbst spätestens jetzt alleine tragen sollte. Die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens war ich in einer Position, in der mir viel abgenommen wurde. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, erleben das oft: Dein Umfeld will dich schützen, was nicht immer gut tut. Andere erledigen deine Drecksarbeit, was die unangenehmen Dinge aus deinem Blickfeld rückt und dich daran hindert, das zu tun, was einfach getan werden muss. Damit verneinst du einen großen Teil deiner selbst.

Was hat bei dir in puncto Verantwortung und Identität einen Hebel umgelegt?

Eindeutig die Mutterrolle, sie hat alles verändert. Seit der Ankunft meiner Tochter vor acht Jahren sehe ich jeden Tag, wie dieses wunderschöne neue Wesen heranwächst und wie stark sie sich an mir orientiert. Ich bin die wichtigste Instanz, die ihr in Bezug auf sich selbst und andere Werte vermitteln kann. Um das glaubwürdig zu tun, muss ich sehr klar in meinen Haltungen und Entscheidungen sein – und mich selbst gut behandeln. Das soll sie auf jeden Fall von mir lernen. Diese Verpflichtung hat mich stärker gemacht und lässt mich öfter auch den schwierigeren Weg gehen. Damit hat sie mir einen riesigen Gefallen getan.

Ist sie also eine wichtige Beraterin?

Früher habe ich immer gedacht, dass sich in der Erziehung die Erwachsenen an die Kinder richten, aber meine Tochter hat mir sehr viel über mein inneres Kind beigebracht. Als Kinder sind wir mutig und haben eindeutige Bedürfnisse. Im Laufe des Aufwachsens
ändert sich das, wir passen uns den Erwartungen anderer an. Daher bin ich wie nie zuvor auf der Suche nach meiner Essenz und möchte neu entdecken, wer ich wirklich bin. Daraus entstand „Version of Me“.

Von „Girl Power“ zu „Woman Power“?

Sicher habe ich eine Art Erwachsenwerden durchlaufen und erkenne deutlicher, was wirklich wichtig ist. Ich und alle in meinem Londoner Umfeld sind dem Zeitgeist gemäß ständig abgelenkt und in hohem Tempo unterwegs – davon handelt mein Song „Escalator“. Dieser Drang nach Besitz und Status macht mich allerdings nicht glücklich, und meine Tochter hält mich diesbezüglich fest auf dem Boden.

Der Song „Dear Life“ handelt vom Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Wie siehst du heute die Mel C vor 20 Jahren? Beziehungsweise das Image, das dir verordnet wurde?

Es war tatsächlich Teil meiner Entwicklung, mit der öffentlichen Wahrnehmung von mir klar zu kommen. Die Spice Girls waren ein solches Riesending und jahrelang ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse, besonders die sensationsgierigen Medien in meiner Heimat. In der Tat ist es seltsam, dort über eine Frau zu lesen, die ich selbst sein soll, die aber total entfernt von meinem Selbstverständnis ist. Das war immer schwierig für mich und fiel zu allem Überfluss mit der Entwicklungs­phase Anfang Zwan­zig zusammen, in der man ohnehin noch nicht­ weiß, wer man ist und wohin alles führt. Das hat mich manchmal ganz schön aus der Bahn geworfen.

Für eure Fans war der „Girl Power“-Slogan hin­­gegen eine kraftvolle Message. 

Mir selbst haben die Spice Girls auch viel Kraft gegeben! Unsere fünf sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten waren der Grund für die bunte Dynamik der Band. Der Zusammenhalt war sehr stark, gemeinsam haben wir fast die ganze Welt gesehen. Allein wäre ich von dem luxuriösen Umfeld und den berühmten Menschen, die wir auf einmal trafen, sicher sehr eingeschüchtert gewesen. Später habe ich allerdings herausgefunden, dass es auch gut ist, sich hin und wieder unbehaglich zu fühlen. Es bringt dich dazu, Fragen zu stellen.

Auf dem Cover deines neuen Albums ist dein Gesicht nicht zu sehen, ganz prägnant hingegen dein Markenzeichen, ein tätowiertes Kreuz auf dem Oberarm. Warum hast du dich für das Symbol statt für einen offenen Blick in die Kamera entschieden?

Ich dachte mir, dass das Kreuz hohen Wiedererkennungswert hat und den Menschen einen Anhaltspunkt gibt. Gleichzeitig ist „Version of Me“ mein bisher persönlichstes Album, es zeigt mich quasi von innen. Deshalb wollte ich auch auf dem Cover den Blick explizit nach innen richten.

Eine gute Überleitung zu Yoga, das du seit vielen Jahren praktizierst. Wann und wie hast du damit begonnen?

Noch zu Spice-Girls-Zeiten lebten wir Bandmitglieder in einem gemeinsamen Haus bei London und ­trainierten­ regelmäßig im lokalen Fitnessclub. Dort ging ich mit meiner Bandkollegin Geri Halliwell in meine erste Yogastunde. Ich hatte bereits eine Tanzausbildung und daher eine gut entwickelte Körper-Geist-Verbindung. Yoga sprach mich also unmittelbar an – die Ausrichtung, der Flow, die Energie, die Dehnung… Als ich später in Los Angeles meine erste Solo-Platte aufnahm, habe ich gleichzeitig meine Yoga­praxis vertieft­ und zwar mit einer Privatlehrerin, da ich zu Ungeduld neige und es unbedingt richtig und individuell auf mich zugeschnitten lernen wollte. Ich habe zu meinen dynamischsten Zeiten mit Ashtanga Yoga begonnen, dann kamen Iyengar und Bikram. Heute zieht mich Vinyasa Flow sehr an, ich übe viel mit Claire Missingham bei TriYoga in London.

Stichwort „Sporty Spice“: Als Athletin waren Kraft und Flexibilität anfangs sicher kein Thema für dich. Welche neue Qualitäten hast du durch die Praxis entdeckt?

Ich bin auch heute noch sehr sportlich, betreibe Krafttraining und liebe es, außer Atem zu kommen. Yoga bringt mich in Balance zu meinen anderen Aktivitäten, außerdem direkt in den Moment und zu mir selbst. Es ist eine sehr schöne, ästhetische Praxis, herausfordernd und dabei harmonisch. Yoga und Meditation beruhigen die Seele.

Welche Unterstützung bietet dir die Yogaphilosophie im Alltag?

Bei „Version of Me“ hatte ich erstmals auch als Produzentin volle kreative Kontrolle über ein Album. Ausgleich dazu fand ich über die Praxis des Loslassens. Ich gehe gerne in den Wettkampf, nehme zum Beispiel an Triathlons teil, aber nicht gegen andere, sondern um mich selbst zu verbessern und bessere Übergänge zu schaffen. Loslassen bedeutet für mich, nicht jeden Tag perfekt sein zu müssen, sondern zu akzeptieren, dass an jedem Tag alles anders ist.

Zurück zur Essenz, die sich hinter Erziehung und Sozia­lisierung verbirgt: Wo findet man sie im Zeitalter der festen Schönheitsstandards und der sozialen Medien, die kein Geheimnis mehr erlauben?

Alles wird ständig „geteilt“, ich weiß. Wir alle kennen das Bedürfnis, von anderen gesehen zu werden, vielleicht auch aus der Masse hervorzustechen. Ich wollte das als Kind unbedingt, aber für mich hatten echte Stars wie Madonna auch etwas Mysteriöses. Berühmtheit und Anerkennung waren für mich das Nebenprodukt besonderer Ausstrahlung und wirklichen Könnens, kein davon losgelöstes Phänomen. Auch in dieser Hinsicht möchte ich meiner Tochter Balance vermitteln.

Übst du auch gemeinsam mit ihr Yoga?

Hin und wieder. Ich erinnere mich an eine Stunde im Urlaub, als sie 6 Jahre alt war. Ich musste sie die ganze Zeit beobachten, bis sie mich ermahnte, nicht ständig zu ihr herüberzuschauen, sondern es ernst zu nehmen. Der Lehrer sprach in Shavasana mit starkem indischen Akzent von entspannten Hummeln und Schmetterlingen, und ich konnte nicht aufhören zu kichern. Sie hingegen schlief ein. Da sagte der Lehrer: „Sie macht es richtig.“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here