Namaskar – die Kunst der stillen Verneigung

Was bedeutet eigentlich “Namaskar”? Und was ist der Hintergrund dafür, dass wir uns im Yoga manchmal verneigen, oder ganz bewusst den Boden berühren?

TEXT: Rina Deshpande

Bevor ich anfange, diesen Artikel zu schreiben, lege ich die Handflächen vor dem Herzen aneinander und verneige mich sanft. Es ist eine Geste der Ehrerbietung und der Dankbarkeit gegenüber all jenen Menschen, die vor mir da waren. Meine indisch-amerikanische Familie, meine Lehrer und die Yoga-Gemeinschaft um mich herum haben den Grundstein gelegt: Dank ihnen konnte altes spirituelles Wissen auf eine lebendige Weise zu mir gelangen. Ohne sie – und ohne Menschen wie dich, die diesen Artikel lesen – hätte ich die Gelegenheit zu diesem Text garnicht. Dieser Gedanke macht mich dankbar. Dass ich mich dabei verneige, ist so etwas wie die physische Verkörperung dieser Dankbarkeit und Demut. Die Geste ist in vielen östlichen Kulturen gebräuchlich. Im Yoga, im Hinduismus und ganz generell in der indischen Kultur nennen wir sie: Namaskar.

Ein erster Schritt der Transformation

Als westliche Yogaübende ist dir dieser Begriff vielleicht zuerst im Sanskrit-Namen des Sonnengrußes begegnet: Surya Namaskar. Der ist im Yoga sicher wichtig, aber dahinter steckt viel mehr: Namaskar bedeutet nicht nur Gruß oder Verneigung, sondern im weitesten Sinn Ehrerbietung und Ergebenheit. In der Kultur Südasiens ist Namaskar buchstäblich ins Leben hineingewoben – und es gibt unzählige verschiedene Formen: Das einfache Zusammenlegen der Hände in Namasté ist eine alltägliche, den anderen würdigende Begrüßung, wörtlich bedeutet es “Verneigung von mir zu dir”; bei Pada Namaskar berühren wir demütig die Füße oder den Boden zu Füßen eines älteren Menschen; und wenn wir vor einen Altar oder die Abbildung einer Gottheit treten, dann verneigen wir uns tief. Das sind nur drei Beispiele, aber sie illustrieren etwas, das ich als eine Grundlage von Yoga beschreiben würde: die innere Haltung von Demut und Wertschätzung.

„Demut hat etwas Erleichterndes: Ich muss nicht alles selbst herausfinden und steuern.“

Rina Deshpande

Bereit sein zuzuhören

Indem wir diese Demut in Form von Stille ausdrücken, zeigen wir: Ich bin bereit zuzuhören. Und wenn wir den Kopf neigen oder uns verbeugen, dann drücken wir damit aus, dass wir uns einer Weisheit anvertrauen, die jenseits des eigenen Intellekts liegt. Das heißt nicht, dass Yoga uns dazu auffordert in konstanter Ergebenheit, in Passivität oder Selbstaufgabe zu leben. Im Gegenteil. Es geht immer im die Erfahrung von Balance oder anders gesagt: um das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher, aber letztlich miteinander verbundener Kräfte. Ich stelle mir Namaskar so vor, dass wir mit dieser Geste der bewussten, wertschätzenden Ergebenheit ein Gefäß bereit machen – sei es nun der Körper, der Geist, eine Gelegenheit oder ein weißes Blatt Papier – bevor wir es füllen. Das markiert zugleich einen Anfangspunkt und einen Endpunkt.

Die traditionellen Texte, allen voran Patanjalis Yogasutra, sprechen vielleicht nicht explizit von Demut und Dankbarkeit, aber die Grundhaltung steckt eigentlich in fast jedem Sutra, sie durchzieht für mein Empfinden jede Faser der Yogaphilosophie. Denn der Kern dieser Philosophie sind Nicht-Egoismus und Nicht-Anhaften: Wir wollen jene menschliche Schwäche überwinden, die dazu führt, dass wir unsere Wünsche und Vorstellungen als Bedürfnisse oder Anrechte ansehen. Dass wir unser individuelles Verlangen nach Kontrolle über das Allgemeinwohl stellen. Namaskar wirkt dem ganz konkret entgegen: Es ist eine körperliche Art, diese Selbstherrlichkeit aufzugeben und einfach jetzt da zu sein – praktizierter Nicht-Egoismus.

„Das heißt nicht, dass Yoga uns dazu auffordert in konstanter Ergebenheit, in Passivität oder Selbstaufgabe zu leben.“

Rina Deshpande

Vor Jahren war ich einmal als Teilnehmerin auf einem Retreat. Wir wurden gebeten, kurz in Stille an der Türschwelle innezuhalten, wenn wir die Küche betraten oder verließen, wo wir verschiedene Gemeinschaftsdienste zu erledigen hatten und zusammen aßen. In diesem kurzen Moment sollten wir den Raum und uns selbst beobachten. Am Anfang sträubte ich mich gegen diese Praxis, ich fand das einfach unnötig. Aber mit der Zeit bemerkte ich, wie wohltuend diese kleine Pause im Getriebe war: Nicht eine Gabel fiel mehr laut klappernd zu Boden und die Mahlzeiten verliefen unglaublich ruhig und harmonisch.

Namaskar als körperliche Praxis

Demut hat etwas Erleichterndes. Wenn ich Kontrolle abgebe, sinkt der Druck, alles selbst herausfinden und steuern zu müssen. Es kann uns daran erinnern, dass, egal was passiert, weiterhin die Sonne auf- und untergehen wird, dass die Welt sich weiter dreht und dass auch unser Körper in aller Regel weiter atmet, verdaut, wächst und heilt, ohne dass wir uns dafür anstrengen müssten.

• Panchanga Namaskar drückt diese vertrauensvolle Ergebenheit mit dem gesamten Körper aus. Das Sanskrit-Wort Pancha bedeutet “fünf”, Anga heißt “Glieder”. Bei Panchanga Namaskar berühren fünf Körperteile den Boden: Stirn, beide Ellenbogen und beide Knie. Das ist in einer Asana der Fall, die du ganz bestimmt kennst: Balasana, die Stellung der Kindes. Namaskar in einer Entspannungshaltung zu üben, hat den Vorzug, dass es das Parasympathische Nervensystem anspricht, also den Ruhe- und Regenerationsmodus, der uns hilft, auch in stressigen Zeiten zu entspannen und aus dem “Tun-Wollen” herauszukommen. Innerhalb der Asana-Praxis wird Balasana meistens als Haltung zum Pausieren oder als Ausgleichsstellung empfohlen: Sie erlaubt den Übenden, in sich hinein zu lauschen und sich selbst zu regulieren. Als Namaskar-Praxis kann die Asana aber noch mehr: Sie hilft dir, etwas Neues – sei es nun ein neues Projekt, deine Yogazeit oder ganz allgemein den Tag – mit einer ruhigen, bewussten Demut und Wertschätzung zu beginnen.

Noch umfassender wird es bei Ashtanga Namaskar: Hier ruhen acht Körperteile am Boden – Stirn, Brust, zwei Hände, zwei Knie und die Zehen beider Füße, allerdings nicht in einer so entspannten Haltung wie der Stellung des Kindes, sondern in einer kraftvollen Version, in der du das im Yoga so elementare, feine Wechselspiel aus Hingabe und Aktivität erforschen kannst. Schon indem du die Haltung bewusst und sorgfältig einrichtest, praktizierst du eine aktiven Form der Hingabe. Dazu legst du aus dem Brett die Knie möglichst weit hinten auf die Matte, bevor du auch Brust und Stirn (oder alter- nativ das Kinn) ablegst. Das Becken bleibt in der Luft, die Ellenbogen sind dicht am Körper und der Bauch stützt die Haltung von unten.

• Aber es geht auch ganz sanft und ohne bewussten Bodenkontakt, ganz einfach indem du einen Moment innehältst, die Augen schließt und deinen Atem spürst – und dann langsam und achtsam die Handflächen aneinander legst und das Kinn etwas senkst: Namasté. Spüre dabei den zarten Kontakt deiner Hände und stell dir diese simple Geste als den körperlichen Ausdruck von etwas viel Größerem vor: “Von Kopf bis Fuß lass ich mein gesamtes Ego los.”

Ehrlich Dankbarkeit

Versuche, Namaskar möglichst regelmäßig in deinem Alltag zu üben und beobachte, welche Wirkung das entfaltet. Ich beginne eigentlich jeden Tag mit Panchanga Namaskar. Wenn ich in Eile bin, lege ich statt dessen nur kurz die Hände in Namasté – und es ist verblüffend, wie unterschiedlich beides wirkt, je nachdem, ob ich wirklich da bin, oder nur schnell und ohne Bewusstsein eine Routine abspule. Sobald ich Namaskar mehr als einen flüchtigen Moment widme, folgt mein Geist der Geste und ich empfinde ehrliche Dankbarkeit für diesen neuen Tag und all seine Möglichkeiten. Und so fühlt es sich auch ganz natürlich an, wenn ich jetzt, wo ich den Artikel zu Ende geschrieben habe, erneut innehalte: Danke, liebe Eltern und Lehrer*innen, für euer Wissen und euer Vorbild. Danke dir, liebe Leserin und lieber Leser, dass du meine Gedanken folgen mochtest.


Autorin Rina Deshpande lehrt Yoga und Yogaphilosophie, sie forscht und schreibt über Yoga und Achtsamkeit und illustriert ihre Texte selbst.

Titelbild: Tabitha Turner via Unsplash


Dieser Artikel ist aus der Yoga Journal Print Ausgabe Nr. 77 05/21

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