Ursula Lyon – Yogapionierin zwischen Yoga und Buddhismus

Yogapionierin Ursula Lyon

Die 1928 in Köln geborene Ursula Lyon versteht sich als Begleiterin auf dem „umfassenden Weg“ des von ihr begründeten Sampada-Yoga. Dieser verbindet das buddhistische Leitmotiv der liebenden Güte „Metta“ sowie Yoga und Meditation zu einer heilsamen und ganzheitlichen Lebensstrategie.

Eigentlich wollte Ursula Lyon nach dem Abitur Medizin studieren. Doch daraus wurde „nur“ eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und Physiotherapeutin. Bereits mit zehn Jahren hatte sie ihre leibliche Mutter verloren. Mit der späteren Frau des Vaters verstand sie sich nicht gut. So packt sie nach der Ausbildung mit 22 Jahren die Koffer, um in São Paolo als Kindermädchen zu arbeiten. Beweggründe: Fernweh und Neugier aufs Leben. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie erfüllende Jahre in Brasilien verbrachte. Als das Paar nach Deutschland zurückkehrte, entdeckte Jesse Lyon für sich den Buddhismus. Und Ursula Lyon folgte ihm auf diesem Weg. Anschließend begann sie sich für Yoga zu interessieren. Weil sie mit der Technik des bewussten Atmens die Geburt ihrer zwei Töchter nahezu schmerzfrei erlebte. 

Der Weg des Körpers

Yoga galt damals als esoterische Gymnastik. Es gab nicht viele Fortbildungsmöglichkeiten. Ausnahmen waren etwa Helga Peters oder Selvaraja Yesudian. 1977 absolvierte sie eine „Vorführstunde“ beim BDY. Damit war sie zertifizierte Yogalehrerin. Gleichzeitig besuchte sie ein Schweigeseminar bei ihrem späteren Lehrer Christopher Tittmus. Die Wege des Yoga und der Meditation eröffneten sich ihr gleichzeitig. Seitdem gehört beides untrennbar für sie zusammen. „Vereinigt im Körper als Tempel der Seele und des Geistes.“ Die Vorsitzenden der buddhistischen Vereinigungen sahen das damals allerdings anders. Frau und Autodidaktin? Ursula Lyon musste Yoga also über den Umweg der „Gesundheitsgymnastik“ vorwiegend an die Frau bringen. So vermittelte sie den Anhängern der rein geistig verstandenen buddhistischen Lehre Wahrnehmung durch Yoga. Und zwar auf körperlichem Wege.

Die „Emanzipation des Yoga“ erfolgte in dieser Zeit. Dank der Beharrlichkeit von Pionierinnen wie Indra Devi. Auch Ursula Lyons spätere Lehrerin Ayya Khema, die in Sri Lanka ein Nonnenkloster gründete, musste sich in der von Männern dominierten Glaubenswelt behaupten. Lyon schließlich traf die buddhistische Nonne nach dem Tod ihres Mannes. Anschließend vertiefte sie sich sowohl unter ihrer Anweisung als auch während längerer Aufenthalte in Sri Lanka und Thailand in die buddhistische Lehre. Auch hier erfuhr sie eine tendenzielle Ablehnung der Körperlichkeit. Aber Ursula Lyon blieb einmal mehr freundlich und humorvoll persistierend. Bei ihrer Überzeugung und hielt es mit Buddha: „Die Achtsamkeit auf den Körper ist ein Heilmittel für alles.“

Achtsamkeit, Liebe, Glück

Die alten Schriften weisen darauf hin, dass Yoga als Vorbereitung zur Meditation dient. Heute gehen Achtsamkeitstechniken wie MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) Hand in Hand mit körperbezogenen Wahrnehmungsübungen. Darunter Bodyscan, Meditation und Yoga. Ursula Lyon begegnet oft Menschen, die darüber klagen, keine Freude oder Liebe empfinden zu können. Ein Heimweg zu sich selbst könne ihrer Ansicht nach am besten über den Übungsweg der Selbstbeobachtung stattfinden. Er vollzieht sich in kleinen Schritten, etwa mittels Bodyscan durch die körperlichen Schichten hin zum Gefühl. Glück und Liebe sind komplexe Konstrukte, geknüpft an hohe Erwartungen.

Das Gefühl hingegen geht unmittelbar unter die eigene Haut. Kein Zufall, sondern vielmehr lernbar. Der Ratschlag der buddhistischen Achtsamkeitslehrerin: Bei allem, was schön ist, innehalten. Achtsame Beobachtung ist nur aus dem Zustand der Stille und Ruhe heraus wahrnehmbar. Hier löst sich das wertende Denken auf und verwandele sich in pures Hören, Riechen oder Fühlen. Wer sich mit dem reinen Objekt zu verbinden vermag, hebt den Zustand der Trennung auf. Dadurch erreicht man die Met(t)a-Ebene. Die Wohnstätte der Liebe im Herzen.

Der Verstand erweist sich dabei oftmals als Irrweg. Wir müssen Unvollkommenheit akzeptieren und uns vom Perfektionsanspruch befreien. Echtes Selbstbewusstsein geschieht durch achtsames Bewusstsein des Selbst. Dadurch lernen wir, das „Scheitern“ der Idealvorstellungen hinzunehmen. Deshalb sind Schwierigkeiten Übungsmomente.

Bewusst fühlen

YAuch der Buddhismus ist keine reine „Männerwirtschaft“ mehr. Als Schülerin von Ayya Kema wurde Ursula Lyon bewusst, wie viel Disziplin sie aufbringen musste, um als Frau in der buddhistischen Gemeinschaft ernst genommen zu werden. Damals mussten Frauen ihre Ernsthaftigkeit und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.

Im Laufe ihres eigenen Lebenswegs ist Ursula die weibliche Verkörperung des Buddha „Kuan Yin“ ans Herz gewachsen. Eine Allegorie der Weisheit sowie des liebenden Mitgefühls. Diese weiblichen Qualitäten ruhen nach Ansicht der Yoga- und Meditationslehrerin in uns allen. Außerdem entsprechen diese auch unserem tiefsten Selbstgefühl. Denn wir können nur mitfühlen, wenn wir uns erst selbst fühlen. Dies vollzieht sich nicht auf der Verstandesebene. Sondern sie sei Ausdruck unseres Wesens, das im Unterbewusstsein wirkt. Bewusst empfundene Gefühle sind reine Herzensangelegenheiten. Darüber hinaus bringen sie uns zum Wesentlichen.

Die „Buddha-Oma“ auf Youtube

Im digitalen Zeitalter angekommen, bietet Ursula Lyon auf ihrem Youtube-Kanal Buddha Oma Meditationsübungen an. Dort gibt sie zudem Antworten auf tiefgreifende Fragen des Seins.

Yogapionierin Ursula Lyon PortraitÜber 25 Jahre ist Ursula Lyon inzwischen in der Ausbildung für Yoga­lehrende tätig. Ihr Schwerpunkt sind Schweigeseminare, die alle Aspekte des umfassenden Weges einbinden. Sie sollen darüber hinaus in ein achtsames, entwicklungsfähiges Leben münden sollen. Im Waldhaus Verlag sind von Ursula Lyon unter anderem die Bücher „Sampada Yoga“ und „Rituale für das ganze Leben“ sowie Meditations-CDs erschienen. Mehr Infos unter www.sampadasangha.com

„Namasté“: Was bedeutet das eigentlich?

Namaste

Du kennst es vom Yogaunterricht. Zum Ende der Stunde verabschiedet sich der Lehrer mit gefalteten Händen, einer Verbeugung und einem „Namasté“. Viele stimmen in den Gruß ein, weil es eben jeder macht. Doch was bedeutet es und wieso tun wir es überhaupt? Wir haben bei Yogalehrer Aadil Palkhivala nachgehakt. 

Die Geste Namasté steht für die Überzeugung, dass sich in jedem Menschen ein göttlicher Funke befindet – und zwar im Herz-Chakra. Wenn wir sie ausüben, würdigt unsere eigene Seele damit die Seele unseres Gegenübers. „Nama“ bedeutet verbeugen, „as“ heißt ich und „te“ du. Wörtlich übersetzt bedeutet Namasté also: „Ich verbeuge mich vor dir.“

Die Geste selbst genügt für Namasté

Um Namasté auszuführen, bringen wir die Hände vor dem Herz-Chakra aneinander, schließen unsere Augen und neigen den Kopf zum Herzen. Eine andere Variante ist, die Hände vor dem dritten Auge zusammenzubringen, den Kopf zu senken und anschließend die Hände nach unten auf Höhe des Herzens zu senken. Dabei handelt es sich um einen besonders tiefen Ausdruck von Respekt. Auch wenn man im Westen normalerweise das Wort „Namasté“ in Verbindung mit der Geste sagt, versteht man in Indien die Geste selbst als Ausdruck von Namasté – deshalb ist es nicht notwendig, das Wort auszusprechen, während man sich verbeugt.

Namasté dient als Meditationstechnik

Die Hände bringen wir vor dem Herzchakra zusammen, um den Fluss göttlicher Liebe zu verstärken. Den Kopf zu senken und die Augen zu schließen, hilft unserem Geist, sich an das Göttliche in unserem Herzen hinzugeben. Namasté sich selbst gegenüber dient als Meditationstechnik, um tiefer in das Herz-Chakra einzutauchen; wenn man es mit jemand anderem zusammen macht, dann ist das ebenfalls eine wunderschöne, wenn auch kurze Meditation.

Seelische Einheit und Verbundenheit

In der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler erlaubt Namasté zwei Individuen, energetisch an einem Ort der Verbundenheit und Zeitlosigkeit zusammen zu kommen, frei von den Fesseln der Identifikation mit dem Ego. Wenn beide die Geste mit einem tiefen Gefühl, das aus dem Herzen kommt, und mit einem Geist, der sich hingegeben hat, durchführen, kann sich eine tiefe seelische Einheit entfalten.

Symbol der Dankbarkeit und des Respekts

Idealerweise baut man Namasté sowohl am Anfang als auch am Ende der Yogastunde ein. Meistens legt man es ans Ende der Stunde, weil dann der Geist weniger aktiv und die Energie im Raum friedvoller ist. Der Yogalehrer leitet Namasté als Symbol der Dankbarkeit und des Respekts gegenüber seinen Schülern an und lädt diese im Gegenzug dazu ein, sich mit ihrer Linie von Lehrern zu verbinden. Dadurch ermöglichen sie der Wahrheit zu fließen – die Wahrheit, dass wir alle eins sind, wenn wir aus dem Herzen heraus leben.


Yogalehrer Aadil Palkhivala

Aadil Palkhivala ist einer der bekanntesten Yogalehrer der Welt. Bereits im Alter von sieben Jahren begann er sein Yogastudium bei B.K.S. Iyengar. Drei Jahre später lernte er Sri Aurobindos Yogastil kennen und wurde mit 22 Jahren „Advanced Yoga Teacher“. Palkhivala ist Gründer eines eigenen Yogastudios im US-Bundesstaat Washington, zertifizierter Heilpraktiker, Hypnotherapeut, Shiatsu-Massagetherapeut und Ayurveda-Spezialist.

Krisenbewältigung von den Göttern lernen

Krisenbewältigung

Die Unsicherheit und die Veränderung bestimmt 2020. Noch wissen wir nicht, wie sich die nächsten Monate gestalten werden. Zurück in die Krise? Auch die Götter müssen Krisenbewältigung betreiben – so manches erscheint nämlich selbst im Himmel ausweglos. Und doch geht es immer weiter… 

Krisenbewältigung mit Hilfe der Götter. Eigentlich ist es im indischen Götterhimmel wie in Comics: Die Bösen wollen die Weltherrschaft erlangen. Und die Guten ma­chen sich an die Arbeit, um deren Pläne zu vereiteln und um gerade zu rücken, was aus den Fugen geraten ist. Je dreister die Dämo­nen werden, desto phantasievoller müssen die Götter agieren, um die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Genauso müssen wir Menschen immer wieder Wege finden, Krisenbewältigung meistern, oder mit den Anteilen unserer Persönlichkeit zu Recht­ zukommen, die uns selbst im Weg stehen.

War das nur die Ruhe vor dem Sturm?

Gerade wenn wir denken, das Schlimmste läge hinter uns, dauert es manchmal nicht lange, bis die nächste Krise ins Haus steht. Vishnu ging es da nicht anders. Kaum hatte er den Dämon Hiranyaksha be­siegt, sann dessen jüngerer Bruder Hiranyakashipu auf Rache. Dabei bediente er sich Vishnus eigener Mittel. Bei den Göttern sind die Din­ge nämlich oft sehr einfach gestrickt! Wer Askese praktiziert, darf sich beispielsweise eine besondere Gabe als Belohnung aussuchen. Nachdem Hiranyakashipu lange meditiert hatte, wünschte er sich von Göttervater Brahma nichts anderes als Unbesiegbarkeit.

Das konnte dieser natürlich nicht zulassen. Brahma antwortete Hiranyakashipu: „Das kann ich nicht gewähren. Du kannst dir aber die Bedingungen deines Todes aussuchen.“ Hiranyakashipu wählte clever: „Ich will weder von Mensch noch Tier besiegt werden. Weder bei Tag noch Nacht sterben. Nicht drinnen und nicht draußen. Weder auf der Erde noch in der Luft.“ Dermaßen abgesichert dachte er, dass nichts mehr seinen Plan vereiteln könnte, Vishnu zu töten. In ähnlicher Weise versuchen wir selbst ja oft, uns vor Unwägbarkeiten abzusichern. Wie oft glauben wir, dass uns nichts mehr erschüttern kann, sobald wir unsere Schäfchen im Trockenen haben?

Sicherheit stellt sich als trügerisch heraus

Doch genau wie bei uns zu Hause wurden auch bei den Göttern die Dinge komplizierter. Kayadhu, die Frau des Damöns, gebar einen Sohn namens Prahlada. Und da dieser schon im Bauch von den himmlischen Mächten geschützt wurde, die nicht gegen Hiran­yakashipus unschuldige Frau kämpfen wollten, entwickelte er eine natürliche Liebe und Hingabe zu Vishnu. Das gefiel seinem Vater nun gar nicht und er versuchte, seinen Sohn zu töten. Doch jeder seiner Versuche scheiterte, da Prahlada unter Vishnus persönli­chem Schutz stand.

„Du und dein Vishnu!“, herrschte Hiranyakashipu seinen Sohn schließlich wütend an. „Wenn er wirklich so allmächtig ist, warum ist er dann nicht hier im Haus, zum Beispiel in dieser Säule?“ „Er war hier, ist hier und wird immer hier sein“, antwortete Prahlada. In dem Wissen, dass die Bestimmtheit seiner Liebe ihm ein Schild gegen alle Angriffe war. Das musste sein Vater dann auch auf schmerzliche Weise lernen. Denn als er vor Zorn mit seiner Axt die Säule zerschmetterte, erhob sich Vishnu aus den Trümmern. „Wer bist du, dass du dich mir entgegenstellen willst?“, rief Hiranyakashipu. „Ich bin unbesiegbar, das wirst du gleich spüren“ Doch Vishnu hatte seine Form als Narasimha angenommen, halb Mensch, halb Löwe. Wie es sich begab, war es gerade weder Tag noch Nacht sondern die Zeit der Dämmerung. So trug er den Dämon zur Türschwelle, zerrte ihn auf seinen Schoß und Hiranyakashipu fand sein Ende weder am Boden noch in der Luft.

Hoffnungsvolle Symbole

In dieser zunächst brutal klingenden Geschichte sind viele Bilder ver­steckt, die Mut machen. Prahlada hatte keine Angst vor den Drohun­gen seines Vaters, weil er wusste, dass schützende Kräfte ihn um­gaben. Diese Kräfte sind – das ist zumindest meine Überzeugung – auch immer um uns herum. Es mag in dunklen Zeiten bisweilen sehr schwierig sein, sie auf den ersten Blick zu erkennen. Doch wir fin­den immer wieder Hilfe und Unterstützung, oft aus dem scheinbaren Nichts. Und das müssen nicht immer Götter sein. Oft tauchen Men­schen auf und reichen uns die Hand, von denen wir es nicht erwartet hätten. Es gibt so viel, wofür wir dankbar sein können.

Ebenso wie die Götter in den Geschichten unsere inneren Stärken symbolisieren, stehen die Dämonen für unsere quälenden Gedan­ken, unsere tiefsten Ängste, die wir oft selbst nicht ergründen kön­nen. Sie stehen auch für Vorstellungen, die wir davon haben, wie die Dinge sein müssten. Hiranyakashipu wollte alles richtig machen, um sich endlich seiner perfekten Welt sicher sein zu können. Doch das Leben hatte anderes vor. Der Clou der Geschichte ist nämlich. Hiranyakashipu war nicht von Natur aus böse. Er und sein Bruder waren ursprünglich die Wächter von Vishnus Himmelreich. Und dorthin kehrten sie auch zurück, nachdem sie erlebt hatten, dass das Leben immer wieder eine neue Alternative birgt. Auch in schein­bar aussichtslosen Situationen.

Krisenbewältigung aus der Kraft der Mitte

Wenn etwas unmöglich und alternativlos erscheint, liegt die Lösung meist dazwischen. Wir müssen keinem bestimmten Bild entspre­chen. Krisenbewältigung ist zumindest im Götterhimmel leichter als gedacht. Vishnu hat es Prahlada gezeigt: Er ist immer da.


RALF STURMs Geschichten von den Göttern gibt es zusammen mit Yoga-Übungen von Katharina Middendorf im Buch und auf der CD “Götter-Yoga”. Mehr zu ihm und seiner Arbeit unter www.ralfsturm.de

Yin Yoga: Style Guide

Yin Yoga Meditation draußen Frau

Die Kunst des Loslassens. „Und ich soll gar nichts tun?“- „Genau, du bleibst in den Übungen passiv. Du lässt einfach die Schwerkraft für dich arbeiten.“ Diese Konversation findet oft mit Beginnern von Yin Yoga statt. Für viele ist es gewöhnungsbedürftig. Denn „Loslassen“ steht an oberster Stelle, sowohl körperlich als auch geistig.

Wahrscheinlich gibt es Yin Yoga schon seit Tausenden von Jahren. In der Hatha Yoga Pradipika wurden nur sechzehn Positionen beschrieben. Davon war etwa die Hälfte Yang- und die andere Yin-orientiert. Wirklich unter diesem Namen bekannt wurde es jedoch durch Paul Grilley. Er begann seinen Yogaweg 1979 mit den Yang-orientierten Stilen Ashtanga und Hot Yoga. Als er eines Tages im Fernsehen zufällig den flexiblen Kampfsportler Paulie Zink sah, nahm er Kontakt auf. Zink übte Yin Yoga, um verletzungsfrei zu bleiben. Wenig später wurde Grilley Zinks Schüler. Sein Weg führte ihn außerdem zu Dr. Hiroshi Motoyama und der Meridianlehre. Paul Grilley brachte Anatomie, die Lehren des Dao, Yoga und der Meridiane zusammen. So entwickelte er Yin Yoga, was viele als Ausgleich schätzen.

Yoga und Yin: Wie passt das zusammen?

Nach meiner Yogalehrer-Grundausbildung besuchte ich Fortbildungen. Ich wollte mir ein größeres Yogawissen aneignen. Wenn ich einen Workshop ausließ, meinte ich, irgendetwas zu verpassen. Dabei bin ich auf unterschiedliche Meinungen gestoßen. Der eine Lehrer sagt: tue dies und lasse das. Der nächste sagt das Gegenteil. Wenn man nicht bei einem Yogastil bleibt, ist die Verwirrung groß. Dann habe ich Yin Yoga kennengelernt und gleich gespürt, wie sich mein Körper regelrecht nach diesem sanften Yogastil gesehnt hat. Als Paul Grilley in Deutschland eine Yin-Yoga-Ausbildung anbot, wollte ich dabei sein. Die Ausbildung bei diesem herausragenden Lehrer mit seinem großen Anatomie-Wissen hat meinen Yogahorizont erweitert. Und ich habe eine bisher nicht gekannte Ruhe gefunden.

In allen Lebensbereichen ist es wichtig, ein gesundes Maß zu finden. So kommt man in die eigene Mitte. Dazu braucht man Yin genauso wie Yang. Deutlich wird dies anhand des daoistischen Symbols, das einen Kreis mit zwei gleichen Hälften darstellt. Auf jeder Hälfte ist ein kleiner Teil der anderen Hälfte wieder zu finden. Die schwarze Seite steht für Yin, die weiße für Yang. Zusammen sind Yin und Yang eine Einheit. Das eine könnte ohne das andere nicht existieren.

Auf körperlicher Ebene werden die elastischen Körperteile dem Yang zugeordnet. Und die harten, unelastischen wie Knochen dem Yin. Um die gesamte Einheit zu erreichen, arbeitet man mit Muskeln, Knochen und Gelenken. Auf gesundheitlicher Ebene wirkt Yin Yoga, weil die Meridiane aktiviert und gereinigt werden. So kann man Yin Yoga mit einer Akupunkturbehandlung vergleichen. Durch Blockaden lösen kommt der Chi-Fluss in Balance. Dabei kann man den Fokus entweder auf ein bestimmtes Organ legen, wie zum Beispiel die Leber, oder man versucht, so vielseitig wie möglich zu praktizieren, um den gesamten Chi-Fluss im Körper und somit alle Hauptmeridiane zu aktivieren.

Die im Westen bekannten und beliebten Yogastile sind meist stark Yangorientiert, zum Beispiel Vinyasa Flow, Power und Ashtanga Yoga. Sie werden aktiv und kraftvoll ausgeführt und der Fokus liegt auf den Muskeln. Im Yin Yoga werden die Asanas dagegen passiv und ganz ohne Kraft geübt. Nicht die Muskeln, sondern die tieferen Schichten im Körper sollen angesprochen werden. Die Übungen werden über einen Zeitraum von 3 bis 5 Minuten gehalten. Fortgeschrittene können beliebig lange in den Positionen bleiben. Durch dieses lange Halten wird der Chi-Fluss im Körper harmonisiert. Bei Menschen, die zu wenig Energie haben, wird der Energiefluss angeregt. Bei zu viel Chi, das ebenso schädlich sein kann wie zu wenig, wird der Chi-Fluss ausbalanciert. Ein ausbalancierter Chi-Fluss ist wichtig für die Gesundheit von Körper, Geist und Seele.

Yin und Yang

Das ist ein Begriffspaar aus der chinesischen (daoistischen) Philosophie. Die Begriffe beschreiben einander entgegengesetzte und sich ergänzende Prinzipien. Das im Symbol schwarz dargestellte Yin steht für das empfangende, passive, weibliche Prinzip und wird mit Adjektiven wie „dunkel, innen, langsam, kalt“ umschrieben. Dagegen steht das weiß dargestellte Yang für gebend, aktiv, männlich, hell, außen, schnell und heiß. Im Wechselspiel der beiden Prinzipien entfaltet sich das Leben in all seinen sich ständig wandelnden Phänomenen.

Weitere Wirkungsweisen von Yin Yoga

Yin Yoga macht gerade diejenigen Gelenke, denen im Alltag wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, geschmeidiger. Yin Yoga verlangsamt den altersbedingten Gelenkverfall. Die Wirbelsäule bekommt durch die Übungspraxis Impulse, sich zu regenerieren. Bei den meisten Menschen sind die Kurven der Wirbelsäule durch stundenlanges Sitzen verkümmert. Rückenschmerzen sind inzwischen Volkskrankheit. Yin Yoga kann dem entgegenwirken. Ein weiterer Vorteil ist die Wirkung auf die Faszien. Rückenschmerzen werden selten von der Wirbelsäule selbst ausgesendet, sondern eher vom umliegenden Bindegewebe. Die Faszien umgeben den ganzen Körper. Auch Muskeln, Sehnen, Bänder, Gelenke, Knochen und Nervenbahnen. Wenn man die Faszien durch Dehnung sanft beansprucht, wirkt sich positiv auf eventuelle Schmerzen aus. So können diese gelindert oder sogar geheilt werden. Verbessert sich die Flexibilität trotz muskelorientierter Yogapraxis nicht wirklich, so ist man durch die Dehnung der Faszien häufig erfolgreicher.

Die Übungen

Die meisten Positionen werden im Sitzen oder Liegen ausgeführt. Hauptsächlich wird der Bereich zwischen Knien und Brustwirbelsäule angesprochen. Die Auswahl an Asanas ist geringer als im klassischen Yoga. Sie reicht aber aus, um sämtliche Bereiche des Körpers anzusprechen. Persönliche Variationen sind dabei immer möglich. Yin Yoga steht nicht in Konkurrenz zu den anderen Yogastilen, sondern bildet die perfekte Ergänzung dazu.

Wenn man seine Mitte finden möchte, braucht man sowohl Yin als auch Yang. Yin und Yang sollte man allerdings nicht mischen. Das bedeutet, dass Yin-Positionen nicht mit angespannten Muskeln und Yang-Positionen nicht mit entspannten Muskeln ausgeführt werden. Die Schönheit dieses Übungsstils liegt unter anderem darin, dass man die Dauer und Intensität ganz nach eigenem Empfinden bestimmt. Eine gute Yin-Yoga-Sequenz bringt Ruhe und Energie zugleich. Westliches Yoga übersieht, dass jeder Körper einzigartig ist. Jeder Mensch hat einen Knochenbau, den es kein zweites Mal gibt. Deshalb wird kein Yogaübender eine Asana genau gleich wahrnehmen wie ein anderer. Der eigene Körper ist unser wichtigster Yogalehrer. Man muss herausfinden, wie er funktioniert. Handelt es sich bei körperlichen Begrenzungen um Verspannungen oder vielleicht um Kompression?

Hierzu ein Beispiel. Jahrlang steckte ich im Bezug auf die Kopf-zu-Knie Haltung fest. In den Lehrbüchern liegt der Oberkörper dabei auf den Oberschenkeln. Immer wieder habe ich an dieser Position gearbeitet. Trotzdem wollte mein Oberkörper nicht zu meinen Oberschenkeln. Ich versuchte es mit Geduld weiter.Erst meine Ausbildung bei Paul Grilley zeigte mir, dass das in meinem Fall nie passieren wird. Der Grund dafür ist die Kompression meiner Knochen, die es mir nicht erlaubt, die Übung klassisch einzunehmen. Heute umgehe ich diese Kompression, indem ich meine Beine etwas weiter öffne. So stoßen die Beckenknochen und die Oberschenkel in einem anderen Winkel aufeinander. Das sieht nicht mehr so aus wie im Lehrbuch, aber diese kleine Veränderung bringt mir den vollen Nutzen der Übung.

Jeder Mensch ist einzigartig und sollte entsprechend behandelt werden. In welchem Ausmaß sich das auf den persönlichen Yogastil auswirkt, habe ich erst durch Yin Yoga verstanden. Das, was dem einen gut tut, kann mit einem anderen Körperbau schädlich sein. Dies sollte in jeder Yogapraxis berücksichtigt werden. Nur so kann man die Verletzungsgefahr verringern. Yin Yoga gibt diesen Freiraum.

Tiefer Gehen

Yin Yoga ist ein sehr ruhiger und meditativer Übungsstil. Durch das lange Halten der Asanas können positive und negative Emotionen aufkommen. Das Ausharren lehrt uns, mit damit umzugehen und dabei ruhig zu bleiben. Wenn zum Beispiel Wut oder Ärger aufkommen, kann man diese Gefühle annehmen und durch die Meditation neutralisieren. Gerade Anfänger werden oft mit Langeweile konfrontiert. Es lohnt sich, auszuhalten und zu erforschen, was dahinter steckt. Unsere Welt ist sehr schnelllebig. Das Gedankenkarussell kommt selten zum Stillstand. Langeweile muss kein negatives Gefühl sein. Man kann dieses Nichtstun-Müssen für tiefe Erholung und Entspannung nutzen.

Im Yin Yoga übt man ohne aktive Muskulatur. Die Asanas sind passiv. So sinkt man sich so weit in die Positionen  wie die Knochen es zulassen. Obwohl es sich um eine sanfte Übungspraxis handelt, ist die Wirkung kraftvoll. Deshalb sollte man es gerade als Anfänger nicht übertreiben. Auch im Yin Yoga kann man über seine Grenzen hinausgehen. Drei Minuten sind eine gute Einstiegszeit. Je länger man dabei ist, desto mehr kann man diese Übungszeit steigern. Der Körper öffnet sich nach eineinhalb Minutenund gibt seine Rebellion auf. Man kann die Positionen jedoch jederzeit verändern. So kann man zum Beispiel in der Position Eidechse die Beine weiter auseinander nehmen, wenn der Körper bereit ist. Dafür gibt der Körper die Signale. Es ist wichtig, sie ernst zu nehmen. Im Yin Yoga gibt es kein Richtig oder Falsch. Denn jeder Körper anders und einzigartig ist. Jeder Mensch hat eine natürliche Körperintelligenz, die es zu respektieren gilt.

Die Besonderheiten von Yin Yoga

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Wirbelsäule im Yin Yoga niemals gerade sein sollte. Je gebeugter sie ist, desto intensiver ist die Dehnung der tieferen Schichten. In muskelorientierten Yogastunden die aufrechte Haltung wichtig. Dadurch wird die Kraft im Rücken stärker aktiviert. Im Yin Yoga ist das Gegenteil der Fall. Hier soll die Wirbelsäule gebeugt sein. Die beiden ergänzen sich perfekt.

Eine neue Erfahrung beim Yin Yoga ist das Empfinden nach dem Auflösen der Position. Die Knochen und Gelenke fühlen sich fast zerbrechlich an. Dieses Gefühl hält nicht lange an und ist ein positives Zeichen. Es bedeutet, dass die Regeneration in den tieferen Schichten angekommen ist. Wenn dieses erste Gefühl vorbei ist, sollte eine tiefe Entspannung, Wärme oder Energie durch den Körper gehen. Das Chi fließt verstärkt. Dieser intensive Chi-Fluss begünstigt auch die Regeneration bei Verletzungen.

Persönliches Wunder durch Yin-Yoga

Von der kürzeren Regenerationszeit durch Yin Yoga konnte ich mich persönlich überzeugen. Bei einer Achterbahn-Fahrt hatte ich mir einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Der Arzt sagte mir eine Regenerationszeit von etwa zwei Jahren voraus. Intuitiv begann ich  während der Regenerationszeit mit Yin Yoga. So konnte ich mich langsam an die Bewegungen herantasten. Ich konnte auch durch Yin eine Wirkung zu erzielen. Nach nur drei Monaten war ich wieder beschwerdefrei und konnte meine Yogapraxis weiterführen. Yin Yoga ist seitdem fester Bestandteil meiner Praxis. Meiner Erfahrung nach wird Yin Yoga dankbar angenommen. Sie begrüßen es, in der heutigen Yang-bestimmten Welt einfach mal vollkommen abzutauchen.


Text: Stefanie Arend, Foto von Natalie von Pexels

Yoga-Pionierinnen: Asanas mit Vanda Scaravelli

Vanda Scaravelli

In unserer Reihe „Yoga-Pionierinnen“ stellen wir bedeutende Persönlichkeiten aus dem Yoga vor. Frauen, die Yoga in den Westen trugen und beharrlich dabei mitwirkten, Asanas, Meditation und Philosophie für jeden, und eben ganz besonders für Frauen, zugänglich zu machen. Wie beispielsweise Vanda Scaravelli.

Vanda Scaravelli (1908-1999) ist eine der Grandes-Dames des Yoga. Vermutlich ohne je auf einem Surfboard gestanden zu haben, sah sie Yoga als Übung darin, die Wellen des Atems und des Lebens anzunehmen. Individuelle Anmut und persönliche Freiheit sind bis heute Kernelemente des Scaravelli Yoga. Vanda Scaravelli war dafür bekannt, nur wenige Schüler auszubilden. Dafür betreute sie jeden einzelnen individuell. Bis heute kann man kaum von einer „Szene“ sprechen. Das von ihr inspirierte Yoga wird in Europa vor allem in Großbritannien und Italien unterrichtet. In Deutschland bieten hauptsächlich die Lehrerinnen Milena Willbrand (Aachen), Alke von Kruszynski (Hamburg) und Svenja Becker (Berlin) Scaravelli Yoga an.

Himmelhoch beugend

„Ich habe Vanda Scaravelli über zehn Jahre beim Üben beobachtet, und jedes Mal war es so, als sähe ich zum ersten Mal eine Rückbeuge. Ich sah und hörte zu, wie diese gleichzeitig kraftvolle und zierliche Frau Mitte 80 ihre riesigen Füße auf dem Boden platzierte und darüber sprach, Wurzeln zu schlagen. Anschließend bog sie sich mit einer ryhthmischen, wellenförmigen Bewegung weit nach hinten. Und erzählte von sich ausbreitenden Flügeln, hochfliegenden Vögeln und Liebe. Dann kam sie wieder hoch, um sich sofort wieder nach hinten zu beugen. Immer vor und zurück, als ob sie es für immer tun könnte.“ – Esther Myers, enge Schülerin Scaravellis

Einfach sein: Yoga im Alter

„Yoga ändert nichts an unserem Alter, das ist einfach da. Oft schützen sich alte Menschen vor vielen Dingen und werden zusätzlich von anderen Menschen abgeschirmt – das kann dazu führen, sich vom Leben zu entfernen. Dadurch nutzen sie immer weniger von ihren Erinnerungen und den Fähigkeiten ihres Körpers. Arme und Beine sind jedoch da, um sie einzusetzen! Das sollte nicht auf morgen verschoben oder gar aufgegeben werden. Ziehe dich nicht zurück, verliere nicht den Kontakt zu Menschen und zum Leben, das so viel zu bieten hat. Verliere nicht den Kontakt zur Schönheit. Manche Menschen haben die Tendenz, Ältere an den Rand zu drängen. Das ist nicht notwendig. Lebe, solange du am Leben bist! Teile deine Energie, deine Weisheit, deine Gefühle. Aber verschleudere sie nicht. Sei einfach. Das ist sehr gesund.“

Vanda Scaravelli fand mit Mitte 40 zum Yoga und praktizierte bis zu ihrem Tod mit 91 Jahren täglich.

Vanda Scaravelli


Fotoquelle: Rob Howard, Pinter & Martin

Yoga gegen Stress: Asanas plus Playlist

Wenn dich mal wieder der Stress gepackt hat, kannst du diese kleine Asana-Sequenz zwischen zwei Erledigungen schieben. Ob du die Yogamatte nun vor der Arbeit ausrollst, in der Mittagspause oder am Abend, in einer guten halben Stunde kannst du schon tolle Erfolge ­erzielen. Die „Yoga gegen Stress“ Übungen erden und intensivieren deine Selbstwahrnehmung. Versuche deine Ausatmung bei der Meditation zu Beginn etwas zu verlängern und du wirst sehen, wie du nach und nach ruhiger wirst. Vielleicht lösen sich hier schon erste Verspannungen und du schaffst es, immer mehr aus deinem Kopf herauszufinden. Konzentriere dich ganz auf deine Atmung und auf die Körperhaltungen. Das verordnet belastenden Gedanken erstmal eine Pause.

40 Minuten: Yoga gegen Stress Playlist

Wenn du nicht immer mit der gleichen Musik üben möchtest, findest du hier noch weitere Playlists.

1. Tiefe Bauchatmung im Fersensitz

Setze dich zu Beginn der „Yoga gegen Stress“ Praxis bequem hin. Das muss nicht unbedingt der Fersensitz sein, achte nur darauf, dass du aufrecht sitzt. Atme tief in den Bauch ein und wieder aus. Fühle, wie sich die Bauchdecke sanft bewegt. Du kannst ruhig im natürlichen Rhythmus ein- und ausatmen. Wenn du dabei die Beckenbodenmuskulatur sanft anziehst, fördert das das Gefühl der Erdung. Verweile für etwa 5 Minuten.

2. Meditation

Egal wo und zu welcher Tageszeit du gerade übst, häufig überfordern wir unser Gehirn mit einer Vielzahl an Gedanken. Nehme dir 5 Minuten Zeit, den Gedanken Ruhe zu verordnen bevor du mit den Asanas beginnst. Vielleicht möchtest du die Meditation auch mit einem Mantra verbinden oder eine weitere Atemtechnik üben. Denke bei der Einatmung leise „So“, und bei der Ausatmung „Ham“. Das heißt: „Ich bin“ und stärkt die Selbstwahrnehmung.

3. Parvatasana – Der Berg

Bringe die Handflächen vor der Brust zusammen und führe die Arme beim Einatmen langsam nach oben und atme zwei Atemzüge tief ein und aus. Wenn du möchstest, kannst du die Finger ineinander verschränken und die Handteller nach oben stülpen. Verweile weitere zwei Atemzüge in dieser Haltung, beuge schließlich die Ellbogen und ziehe die Schulterblätter fest zusammen. Wiederhole diesen Vorgang noch drei mal. Dies beruhigt Nerven und Gemüt, tonisiert die Lungen und entkrampft die Schulter- und Nackenmuskulatur.

4. Balasana – Stellung des Kindes

Komme zurück in den Fersensitz und lasse den Oberkörper schließlich nach vorne sinken, bis die Stirn den Boden berührt. Arme und Hände liegen neben den Füßen ab, der Rücken ist lang. Stelle dir vor, wie du immer weiter in ein Gefühl von Geborgenheit hinein sinkst. Vielleicht bemerkst du hier schon, dass du entspannter bist als am Anfang der Übungen.

5. Adho Mukha Shvanasana – Nach unten schauender Hund

Schiebe dich zurück in den Fersensitz und hoch in den Vierfüßlerstand. Von hier drückst du das Gesäß nach oben und streckst die Beine. Atme tief und ruhig in den Bauch. Der Kopf wird jetzt besonders gut durchblutet, was zur besseren Harmonisierung von Blutdruckschwankungen in Stress-Situationen hilft. Halte die Stellung für etwa 5 Atemzüge. Das stärkt die Muskulatur in Schultern und Rücken. Zudem unterstützt es eine gute aufrechte Haltung im Alltag.

6. Bhujangasana – Die Kobra

Komme in die Bauchlage und lege die Fersen aneinander. Der Po ist leicht angespannt, die Hände sind in Brusthöhe aufgesetzt, die Stirn zeigt zum Boden. Bei der nächsten Einatmung hebst du Kopf und Brust, der Nacken bleibt lang. Gehe dabei nur so weit, wie du eine Verbindung von der Brustwirbelsäule durch das Becken bis in die Beine aufrecht erhalten kannst. Die Kraft dazu kommt aus dem Rumpf, die Hände tragen kaum Gewicht. Die Fersen bleiben geschlossen. Beim Ausatmen senken sich Brust und Kopf bis die Stirn den Boden berührt. Wiederhole diese Übung 5 mal.

7. Purvottanasana – Schiefe Ebene

Setze dich mit ausgestreckten Beinen auf den Boden und gebe die Hände hinter dem Körper auf den Boden. Hebe die Hüften so weit hoch, bis der Körper gerade ist. Halte die schiefe Ebene für etwa 5 Atemzüge und senke dich langsam und bewusst wieder ab. Diese Bewegung entspannt die Muskulatur im unteren Rücken und lockert die Schultern.

8. Sahaj Ushtrasana – Gestütztes Kamel

Komme in den Kniestand und nehme die Hände an die Hüfte oder im Lendenwirbelbereich an den Rücken. Spanne das Gesäß an und neige dich ausatmend langsam und sanft nach hinten. Die Übung wirkt gegen den gefürchteten „Schreibtisch-Rücken“ und stärkt die gesamte Rumpfmuskulatur. Komme langsam wieder nach vorne und zurück in den Fersensitz. Wenn du möchtest, kannst du hier nochmal für 5 Atemzüge in die Stellung des Kindes (4) kommen.

9. Ardha Matsyendrasana – Drehsitz aus dem Fersensitz heraus

Der Drehsitz hilft die, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen: Lege die Hände auf Knie und Hüfte und drehe dich zur Seite. Halte diese Stellung für einige tiefe Atemzüge und komme dann langsam zur anderen Seite. Diese Übung dehnt und kräftigt nicht nur die Rückenmuskulatur, sie sorgt auch auf geistiger Ebene für Klarheit.

10. Savasana – Entspannungslage

Die wichtigste Übung unserer „Yoga gegen Stress“ Praxis. Lege dich in Rückenlage auf den Boden und öffne die Beine hüftbreit. Die Zehen fallen locker nach außen, die Arme sind etwas abseits vom Körper. Selbst Kiefer und Zunge sind entspannt. Atme ein, schließe die Augen, bemerke welche Gedanken aufkommen und lasse diese beim Ausatmen los. Du darfst in den letzten Minuten deiner Praxis nun ganz in die Stille hinein sinken. Drehe dazu gerne die Playlist ab und schenke dir einige Minuten Heilung bevor es mit neuer Energie zurück in den Alltag geht.


Alexandra Keller: „Wir brauchen mehr Yoga in unserem Leben“

Alexandra Keller Ayouga

Business und Spiritualität müssen sich nicht ausschließen: Alexandra Keller macht vor, wie man einen Job in der Finance-Branche mit Yoga und Ayurveda verbindet und wie beide Bereiche sogar voneinander profitieren. Wir haben uns mit der inspirierenden jungen Frau über fehlende Spiritualität in unserem Alltag und die Kraft von Yoga und Ayurveda unterhalten.

Job in der Bank, Start up, Yoga Ausbildungen … Das klingt ja nach vielen Eisen im Feuer. Warst du schon immer so vielfältig interessiert?

Ja, total. Das liegt wahrscheinlich in meinem Naturell begründet. Nach der ayurvedischen Konstitutionsbestimmung bin ich ein Vata-Pitta Typ, wobei Vata dominiert. Vata-Typen sind ja von Natur aus schnell begeisterungsfähig, lieben Abwechslung und neue Herausforderungen. Kaum habe ich ein Thema abgeschlossen, überlege ich schon was ich als nächstes machen könnte. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Besonders stark zum Ausdruck kam diese Eigenschaft als es um die Berufswahl nach dem Abi ging. Ich hätte mir aufgrund meiner vielfältigen Interessen vieles vorstellen können – angefangen von Sportmanagement, über Eventmanagement, Tourismus und schließlich bin ich im Finance Bereich, genauer im Consulting, gelandet. Ich habe schon früh meine Leidenschaft für Sport (Tennis, Tanzen, Fitness, und später Yoga) und Ernährung entdeckt. Gleichzeitig bin ich ein absoluter Planungsmensch, habe für alles To Do-Listen und bin ein Meister darin, Dinge vorauszuplanen – deswegen auch Eventmanagement. Aber auch der Tourismusbereich ist toll: Ich liebe es zu reisen und würde am liebsten jeden Fleck auf dieser Erde erkunden und fremde Kulturen kennenlernen. Naja und in Sachen Finance und Consulting schlägt mein Pitta Typ durch! Besonders kennzeichnend für Pitta-Typen ist eine analytisch-strukturierte Arbeitsweise; nicht selten neigen Pitta-Typen zum Workaholic …

Muss man eine sehr fokussierte Person sein, um das alles unter einen Hut zu bekommen?

Fokus ist bei der Vielzahl an Themen auf jeden Fall wichtig, um sich nicht zu verlieren: Ich habe – zum Leidwesen meines Freundes, der Familie und Freunden – die Gabe, dass ich alles um mich ausblenden kann, wenn ich ein Ziel vor Augen habe: Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, suche ich solange nach Mitteln und Wegen bis ich es erreicht habe. In meiner Disziplin und meinem Perfektionismus zeigt sich wiederum mein Pitta-Typ. In einem sehr hektischen Alltag helfen mir vor allem auch meine Routinen in Balance zu bleiben: Dazu gehört eine regelmäßige Schlafroutine, feste Zeiten für Yoga/Sport, Zeit in der Natur sowie bewusste und konstitutionsgerechte Ernährung.

Wie passt dein Job im Consulting zu deinem spirituellen Weg? Schließt sich das nicht eher aus?

Alexandra Keller Ayouga
Ich bin ein Fan davon, Paradigmen zu durchbrechen, neue Denkanstöße und Impulse zu geben und zu zeigen, dass nicht immer alles nach „Schema F“ im Leben laufen muss.

Natürlich wirkt es in einer sehr analytisch-logisch denkenden Welt wie der Finance Branche für viele erst mal befremdlich, wenn jemand eine spirituelle Richtung einschlägt: Auch die Reduktion der Arbeitszeit auf eine 4-Tage Woche ist für den Consulting-Bereich eher untypisch. Ich bin ein Fan davon, Paradigmen zu durchbrechen, neue Denkanstöße und Impulse zu geben und zu zeigen, dass nicht immer alles nach „Schema F“ im Leben laufen muss. Wir sind alle einzigartig und so sollten auch unsere Lebensweisen sein. Was sich für Dich gut und richtig anfühlt, muss nicht unbedingt das Beste für mich sein und umgekehrt. Wir können nur dann unser volles Potenzial entfalten und langfristig glücklich sein, wenn wir uns ehrlich eingestehen wer wir sind, zu unseren individuellen Bedürfnissen und Wünschen stehen und unser Leben danach ausrichten. Die Vielfältigkeit und Einzigartigkeit drückt sich bereits durch unsere Doshas aus.

Lies auch: Dosha-Test – Welcher Konstitutionstyp bist du?

In meinem Vata-Pitta Dosha treffen zwei Herzen in einer Brust zusammmen. Der spirituelle Freigeist trifft auf den ambitionierten Planungsmensch. Für mich ergänzen sich die Wesenszüge perfekt. Wenn mich bspw. mein Ideenreichtum und Aktionismus (Vata Typ) mal wieder dazu verleitet, viele Themen gleichzeitig zu verfolgen, hilft mir meine strukturierte Seite (Pitta Typ) wieder Ordnung in mein Leben zu bringen. Die verschiedenen Ausrichtungen helfen mir auch beruflich sehr. Durch mein Finance-Studium sowie meine Tätigkeit im Consulting habe ich gelernt wirtschaftlich zu denken, Arbeitsabläufe vorauszuplanen und Projekte zu strukturieren – das hat mir beim Aufbau meiner eigenen Firma AYOUGA enorm geholfen. Umgekehrt helfen mir Yoga / Ayurveda in meinem oft hektischen und dynamischen Arbeitsalltag im Consulting, in Balance und bei mir selbst zu bleiben.

Yoga und Ayurveda sind ja mittlerweile auch ein Lifestyle-Trend geworden. Genau das wird oft kritisiert, nach dem Motto „Wer nur Asanas macht, macht kein echtes Yoga“ oder „Yoga sollte kein cooles Lifestyleding sein“. Wie denkst du darüber? 

Für mich sind Yoga und Ayurveda keine Trenderscheinung. Yoga und Ayurveda sind seit tausenden von Jahren Grundkonzepte des indischen Gesundheitssystems und eine gängige / bewährte Praxis für einen gesunden Lebensstil. Mit Zunahme unserer Reisetätigkeiten und Erkundung fremder Kulturen wurde Yoga und Ayurveda auch in der westlichen Gesellschaft immer populärer und Menschen haben die Vorzüge kennen und schätzen gelernt. Es ist im Yoga völlig in Ordnung erst mal „nur“ mit Asanas zu beginnen. Ich erinnere mich zurück, als ich mit Yoga angefangen habe, ging es mir primär auch erst mal nur um mehr Flexibilität und ich habe mich eher auf den sportlichen Aspekt konzentriert. Ich dachte immer, ich sei viel zu rational, als dass Yoga das Potenzial hätte, mich innerlich zu verändern. Tatsächlich ist aber genau das schleichend passiert. Das ist natürlich ein Prozess und passiert nicht von heute auf morgen. Wer aber mit Leidenschaft und Herz praktiziert kommt früher oder später an einen Punkt, an dem er tiefer gehen möchte und sich mit den philosophischen Aspekten auseinander setzen möchte. Auch das Thema Mindfulness ist mittlerweile gar nicht mehr wegzudenken aus unserer Gesellschaft.

Warum denkst du, brauchen wir alle mehr Yoga und Spirit in unserem Leben?

Mit fällt dazu eine sehr passende Aussage von Albert Schweizer ein: „Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“ Die heutigen Nachrichten werden bestimmt von Themen wie Ressourcenverschwendung, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Artensterben, kriegerischen Konflikten, Flüchtlingskrisen, Armut, Hunger und Not. Nachhaltige Lösungen scheitern nicht zuletzt immer wieder an Egoismen, Ignoranz, Gier, und kapitalistischen Verhaltensweisen. Bildungssysteme lehren uns mathematische Gleichungen aufzulösen, ein Gedicht auf Englisch zu interpretieren und, dass Bayern eine Bundesland von Deutschland ist. Selten jedoch lehren und Bildungssysteme im Umgang mit anderen und uns selbst. Persönlichkeitsfördernde Fächer wie Psychologie und Philosophie fehlen im Lehrplan oft komplett. Angesichts der Tatsache, wie viele Menschen trotz einem „guten“ Job und viel Geld zu Depressionen neigen, an Burn-Out-Syndromen leiden und vergeblich nach ihrem Lebensglück suchen, bin ich der Meinung, dass die Themen rund um Mindfulness, Yoga und Spirit noch einen viel höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft benötigen. Yoga stärkt uns nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf geistiger und seelischer Ebene. Die ethischen Prinzipien „Yamas“ und „Niyamas“ des 8-gliedrigen Pfads lehren uns in einem liebevollen und respektvollen Umgang mit unserer Umwelt und uns selbst. Würden wir alle unser Verhalten an diesen Prinzipien ausrichten, bestünde auf dieser Welt im Grunde kein Raum mehr für Gewalt, Verletzung, Täuschung, Missgunst, oder Gier und Menschen könnten in Frieden und als Einheit zusammenleben.

Leben wir also zu hektisch, zu Erfolgs orientiert und zu wenig achtsam?

Gerade bei den jüngeren Generationen ist im Moment eine Trendumkehr zu erkennen. Jüngere Menschen legen heute viel mehr Wert auf eine gesunde Work-Life Balance, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit – getreu dem Motto: Ich arbeite um zu Leben. Nicht umgekehrt. Ziele wie Zufriedenheit, Gesundheit und Lebensfreude sind oft wichtiger als Karriere, Ruhm und Materialismus. Ich freue mich, dass hier ein Umdenken und eine Sinnorientierung in der Gesellschaft stattfindet und hoffe, dass wir diesen Wandel auch in Unternehmen in Zukunft noch stärker sehen. Zunehmende Angebote zur Stressbewältigung (wie Yoga und Meditation), flexible Arbeitszeiten/-orte und die Förderung von selbstbestimmtem Arbeiten sind für mich Schritte in die richtige Richtung.

Hast du ein paar einfache Tipps für unsere Leser, wieder mehr Achtsamkeit in ihr Leben zu bekommen?

Alexandra Keller Ayouga
„In unserem hektischen Alltag vergessen viele, wer sie eigentlich sind und gehen mechanisch einem Lebensstil nach, der im Grunde gar nicht zu ihnen passt und sie daher auch nicht erfüllen kann.“

Es ist zunächst einmal wichtig, dass du dir darüber bewusst zu wirst, wer du eigentlich bist. Was sind deine Bedürfnisse, Wünsche, Träume, die du im Leben verwirklichen möchtest? Welcher Lebensstil passt zu dir? In welchem Umfeld fühlst du dich am wohlsten? Eine Konstitutionsanalyse kann dich dabei unterstützen, Klarheit darüber zu bekommen. Nur wenn du weißt wer du bist, kannst du dein Leben danach ausrichten. In unserem hektischen Alltag vergessen viele, wer sie eigentlich sind und gehen mechanisch einem Lebensstil nach, der im Grunde gar nicht zu ihnen passt und sie daher auch nicht erfüllen kann. Viele brauchen erst einen Wendepunkt in ihrem Leben – etwa eine gescheiterte Beziehung, Kündigung oder Krankheit – um ihr Leben neu auszurichten – bei mir war es bspw. ein Bandscheibenvorfall. Warte nicht, bis dass Leben dich dazu „zwingt“ dein Leben und dich selbst zu reflektieren. Gönn dir eine Pause, um dich mit dir selbst auseinanderzusetzen. Und wenn du weißt wer du bist, fasse den Mut, zu dir selbst zu stehen, lege ggf. alte Gewohnheiten ab und lass Freiraum für Neues entstehen.

Hast du deswegen auch dein eigenes Start up AYOUGA gegründet? Um andere auf diesem Weg zu unterstützen?

AYOUGA steht schon im Wort für die Symbiose aus Ayurveda und Yoga. Ayurveda und Yoga bilden eine wunderbare Symbiose für ganzheitliche Gesundheit. Ayurveda kümmert sich um unser physisches und geistiges Wohlbefinden durch Massagen, Kräuterlehre, Ernährung, und Reinigung. Yoga wiederum hilft uns, durch Asanas, Meditation, Mantras, Pranayama, und ethische Disziplin mit uns selbst, unserem Umfeld und der Natur in Verbindung zu treten. Ich möchte Menschen inspirieren, durch die Verbindung von Yoga & Ayurveda ganzheitliche Gesundheit zu erfahren und dadurch Leichtigkeit und Glück in ihr Leben bringen.


Mehr über Alexandra und AYOUGA: ayouga.de und @ayouga.by.alex

Yoga-Pionierin: Anneliese Harf

Anneliese Harf

Von 1974 bis 1984 war sie im deutschen Radio die Stimme des Yoga. Auch über ihre aparte Stimme hinaus hat die Yoga-Pionierin Anneliese Harf entscheidend dazu beige­tragen, die Praxis hierzulande salonfähig zu machen.

Eine andächtige Runde hat sich im Münchner Yogazentrum eingefunden. Die jüngste Teilnehmerin  ist 69, die älteste 85 Jahre alt. Gemeinsam sind sie Yogis der ersten Stunde. Denn sie  haben in den 1960er- und 70er-Jahren mit der Praxis begonnen, als diese von der Allgemeinheit bestenfalls als „exotisch“ empfunden wurde. Für YOGA JOURNAL erinnern sie sich an ihre Lehrerin Anneliese Harf. Die 1990 verstorbene Gründerin des Zentrums und Wegbereiterin des Yoga in Deutschland. Die Art des Yoga, die sie vermittelte, ist so traditionell, konzentriert und ruhig, dass sie sich erhalten hat. Kein „Fitness-Stress“. Sondern Rückverbindung mit dem Selbst und ihre Verwirklichung im Alltag.

„Anneliese Harf war kein Yogi in Sack und Asche, sondern hatte einen inspirierenden Stil“, erinnert sich die Yogalehrerin und Heilpraktikerin Gabriele Reischl. Sie begleitete Harf jahrelang auf ihrem Weg. Mit unfehlbarer Intuition hat Harf das Potenzial und die Berufung ihrer Schüler erkannt. Yogalehrer konnten bei ihr nur werden, wert über Jahre jede Stufe ihres Unterrichts durchlief. Dazu gehörten Atmungs- und Entspannungslehre, Konzentration, Hatha Yoga. Aber auch Hara-Übungen, Meditation, Feinstoff- und Chakralehre, Raja Yoga und Vedanta.

In der Ruhe liegt die Kraft

„Schnell ging bei Anneliese Harf gar nichts“, so Reischl. Wer sich jedoch bewährte, hatte quasi keine Chance: „Sie sagte mir: Du wirst Yoga unterrichten. Ich hatte drei kleine Kinder, einen skeptischen Mann. Aber zur ersten Ausbildungsstunde war ich da.“ Für Margareta Blätte, 77, war die Stimme der Grund, Harf zur Lehrerin zu wählen. „Sie strahlte Klarheit und Stärke aus, was mir neuen Selbstwert vermittelte.“

Anneliese Harf kannte aber auch ihre Grenzen, wie Heinrich Textor, 66, erzählt. Er ist bis heute Meditationslehrer am Münchner Yoga­zentrum. „Sie wusste genau, wann sie nicht weiterhelfen konnte und verwies die Schüler dann an andere Meister.“ Jedoch verlor sie aufgrund einer körperlichen Nervenkrankheit die ihr so wichtige Sprache. Deshalb nahm sie den Verlust als weitere Fokussierung und schrieb ihren Schülern eine stenografierte Notiz. „Ohne dieses Leiden hätte ich weniger Tiefe erfahren.“ Auch ihre Schülerin Tilde Gruber-Melchers erinnert sich. „Sie strahlte auch ohne Worte. Sie war eine Sonne. Eine strenge Sonne.“

Münchner Urgestein

1930 in München geboren, war ihre Jugend von der Liebe zur Musik geprägt. Bereits als 15-Jährige erteilte Anneliese Harf das Händel-Konservatorium die Erlaubnis, Klavier zu unterrichten. Aus einer christlichen Familie stammend, brachte ihr ihre Musiklehrerin Maria Heyden auch die Spiritualität näher. Immer schon ein kränkliches Kind, begann sie 1956 mit der Asana-Praxis. Bereits 1959 war sie Mitarbeiterin der Deutschen Yoga-Gemeinschaft. Diese wurde von ihrem Lehrer Karl Lorenz Mesch geleitet. 1962 übergab er ihr seine Raja Yoga-Gruppe. Zu ihrer Überraschung. „Eigentlich wollte ich ihm nur bei den Vorbereitungen helfen, den Kursraum putzen und mit Blumen schmücken.“ So schreibt sie im Buch „Himmel und Erde verbinden“. Allerdings gründete sie noch im gleichen Jahr das Münchner Yogazentrum (MYZ). Eine der ältesten Yoga­schulen Deutschlands hat heute noch das Ziel, Yoga für westliche Menschen zugänglich zu machen.

Von der Volkshochschule bis zum Radio

Ab 1965 brachte sie die Praxis an die Volkshochschule, wirkte an der Gründung des BDY mit, unterrichtete Yoga im Radio­programm des Südwestfunks. Außerdem richtete sie das MYZ in den 1980er-Jahren als spirituelles Zentrum der Friedensbewegung aus. Intuitiv schien der regelmäßigen Betenden die Einheit zwischen Yoga und Christentum klar zu sein. Revolutionär war zu dieser Zeit, diese Verbindung zu betonen. Unter anderem bei ihren Seminaren zum Thema „Tod“ arbeitete Harf sogar mit dem Klerus zusammen. Obwohl die Kirche nicht selten starke Vorbehalte gegen Yoga äußerte. „Anneliese zog viele Gläubige an, die ihren Weg praktischer und vor allem erfahrbarer gestalten wollten“, so Heinrich Textor.

Mit ihrem Hang zu Perfektionismus und Disziplin habe sie Yoga eher als Mittel gesehen, starke Emotionen zu kontrollieren als mit ihnen zu arbeiten. Der große Unterschied zur Osho-Meditation, dem anderen spirituellen Zeitgeist der Epoche. Und vor allem als Weg zu Gesundheit. Da sie bereits als Dreijährige regelmäßig Klavier übte und ihre Eltern aus Angst vor Fingerbrüchen keinen Sport erlaubten, war sie nie gelenkig. Doch mit Yoga konnte sie unter anderem eine schwere Gelbsucht kurieren.

Disziplin aus Leidenschaft, nicht aus Strenge

Impulsen gab sie selten nach. Nur hin und wieder lockerte sie beispielsweise ihre vegetarische Ernährung. Zu sich selbst war sie sehr streng, aber uns sagte sie diesbezüglich. „Ständig von Würstchen zu träumen, ist schwerwiegender als einmal eins zu essen.“ Bei aller Strenge ging es ihr hauptsächlich ums Loslassen. So Gabriele Reischl. Die Heilpraktikerin erlebte oft Harfs augenzwinkernde Natur. Nach einem intensiven Kundalini-Erlebnis durch Pranayama hatte Reischl Schlafstörungen. Um die starke Helligkeit zu dämpfen, legte sie nachts ein Tuch über die Augen. Harfs Kommentar: „Sieh an, da möchte jemand das Licht der Seele mit einem Handtuch abdecken.“

Hat sie ein speziell weibliches Yoga geprägt? Eher eine pragmatische, methodisch unterfütterte Verbindung mit dem Geist. Dennoch oder deshalb hat sie beigetragen, dass Yoga populär wurde. 1967 zeigte sich die Süddeutsche Zeitung im MYZ geradezu visionär. „Yoga­übungen kann man eigentlich überall treiben, in der Straßenbahn, auch am Steuer. Richtig angewendet kann es zum großen Helfer in der hastigen Umwelt werden.“