Verletzungsgefahr beim Yoga: Von der Kobra an die Krücke?

Die Kobra ist nur eine von etlichen Asanas, die für immer mal für negative Schlagzeilen sorgt. Verletzungsgefahr beim Yoga ist immer wieder Thema in den Medien – und entfacht regelmäßig neue Diskussionen. Ein Zwischenruf.

Die Aufregungswelle begann vor ein paar Jahren mit einem Artikel in der „New York Times“. Er schilderte schockierende Gesundheitsschäden durch Yoga und löste einen Sturm der Entrüstung aus. Der Autor wurde als Skandaljournalist beschimpft, der mit Einzelfällen PR für sein Buch „The Science of Yoga“ mache. Später sorgte das Thema auch in Deutschland für Wirbel. „Von der Yogamatte an die Krücke?“ titelte die „Bild“ damals. „Tagesspiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Stern“ und andere zogen nach. Alle unterstrichen die Risiken. 

Verletzungsgefahr beim Yoga – Ist die Aufregung berechtigt?

Dabei stellte keiner den gesundheitlichen Nutzen von Yoga in Frage. Ebenso wenig wie Internet-Kommentatoren die Gefahren leugnen. Warum also die ganze Aufregung? Vielleicht weil die Warnungen wegen der geringen Fallzahlen überzogen schienen? Weil manches einseitig und oberflächlich aufbereitet und nur mangelhaft belegt war? Oder vielleicht nur, weil wir unser schickes Image lieb gewonnen haben? Dabei bringt die Diskussion in meinen Augen mehr Nutzen als Schaden. Nicht nur, weil sie für die zweifellos bestehenden Verletzungsgefahr beim Yoga sensibilisiert.

Sie trägt hoffentlich dazu bei, das oberflächliche Bild zu differenzieren. Und sie kann den Blick schärfen für das, was Yoga eigentlich auszeichnet. „Wohlfühlsport“, „Meditationssport“, oder „Trendsport“. Das sind die Bezeichnungen, mit denen Yoga in Massenblättern fast immer beschrieben wird. Darin verbinden sich auf unheilvolle Art gleich zwei Mythen über Yoga. Das eine reduziert Yoga auf eine rein körperliche Praxis. Wenn man Yoga als Sportart ansieht, dann sind Ehrgeiz und Leistungsdenken nur die logische Folge.

Einige der Zeitungsartikel haben zurecht darauf hingewiesen, dass Ehrgeiz mit schlechter Anleitung das größte Verletzungsrisiko darstellt. Vernünftige Standards in der Yogalehrer-Ausbildung sind ein wichtiges Thema. Auch wenn die Verhältnisse in Europa weitaus besser sind als in den USA. Ein verantwortungsloser Lehrer kann seinen Schülern Schaden zufügen.

Hineinspüren um die Verletzungsgefahr beim Yoga zu verringern

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der beste Yogalehrer Verletzungen nicht sicher verhindern kann. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin unachtsam übt, wenn Vorschädigungen ignoriert werden oder man unbedingt mithalten will. Wir alle sind so sehr vom Leistungsdenken geprägt, dass es naheliegender ist, mittels Training und Willenskraft eine schwierige Asana zu meistern. Einfach mal „nur“ den Atem beobachten und Körpergefühl ausbilden?

Für die meisten von uns ist es eine echte Herausforderung, sich auch dann spüren zu lernen, wenn wir nicht an unsere Grenzen gehen, wenn wir bewusst sogar mal hinter unseren Möglichkeiten bleiben und kein Erfolgserlebnis suchen. Noch schwieriger ist es, sich selbst dabei zu beobachten, wenn falscher Ehrgeiz und Eitelkeit aufkommen. Genau diese Themen muss ein guter Yogaunterricht aufgreifen. Denn erst da beginnt Yoga überhaupt. Ohne diese Idee der Selbsterforschung sind Kobra, Kopfstand und Krähe nichts als akrobatische Gymnastik. Dabei sind Verletzungen unvermeidlich.

Wohlfühl-Image auf dem Prüfstand

Gleichzeitig verknüpft sich mit dieser geistigen Komponente aber das zweite unseelige Klischee. Dem „Trendsport“ wird ein spiritueller Mehrwert beigemessen. Und genau der macht Yoga in unserer konsumfreudigen Zeit so attraktiv. Selbst wenn sich die „Spiritualität“ oft auf ein paar Buddha-Figuren, Räucherstäbchen und Om-Klänge beschränkt. Das Wohlfühl-Image von Yoga weckt bei vielen Menschen ein fast kindliches Vertrauen. Sie sind davon überzeugt, dass Yoga ihnen „nur gut tut“.

Wer auf diese Weise ermutigt wird, zu üben, kommt nicht so leicht auf den Gedanken, auf sich aufpassen zu müssen. Auch deshalb ist es so wichtig, dass bei der Vermittlung von Yoga nicht Klischees bedient, sondern die Eigenverantwortung gestärkt werden. Ich will nicht behaupten, dass sich dann niemand mehr verletzen würde. Aber die Chancen, zu einem wirklich angemessenen, bewussten und sicheren Üben zu finden, stünden besser.

Titelbild: Foto von Karolina Grabowska von Pexels

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