Heile dich selbst: Diese natürlichen Heilmittel gehören in deine Hausapotheke

Heimapotheke

Zu schlapp oder angekränkelt für die Yogapraxis? Lass dich nicht gleich entmutigen! Gut möglich, dass du in deiner Küche einige Mittelchen findest, die schnelle Linderung verschaffen. Wir erklären dir, was in deine Hausapotheke gehört und wie du dir bei kleinen Beschwerden mit der richtigen Atmung und Meditation selbst helfen kannst.

Text: Sally Wadyka, Fotos: Raymond Hom, Titelbild: Brooke Lark via Unsplash

Natürlich gesund bleiben

Husten, Antriebslosigkeit oder Nackenschmerzen: Bei kleinen Beschwerden rennt man nur ungern gleich zum Arzt. Pünktlich zum Herbstbeginn findest du hier die einfachsten Heilmethoden für die häufigsten Beschwerden. Basierend darauf geben wir dir ein paar Anregungen für deinen persönlichen Erste-Hilfe-Kasten.

1. Rosenwasser gegen müde Augen

Rosenwasser gegen müde Augen

Von allen Sinnesorganen beanspruchen wir die Augen wohl am meisten. Nach langen Nächten oder stundenlanger Arbeit am Computer sind sie oft müde, trocken und gereizt. Aber es gibt Abhilfe: Lege dir mit reinem, destillierten Rosenwasser (ohne Parfümstoffe oder Chemikalien) getränkte Watte-Pads auf die Augen. Das reduziert Rötungen und hilft bei Entzündungen.

 

2. Stress: Richtig atmen hilft

Eine wirksame yogische Abhilfe gegen Stress ist die sanfte Bauchatmung: Mache es dir in einer ruhigen Sitzposition bequem, dann atme bewusst durch die Nase ein und durch den Mund aus. Um dabei den Bauch zu entspannen, denke bei der Einatmung „weicher“ und bei der Ausatmung „Bauch“. Die Übung bringt mehr Sauerstoff in den Kreislauf und aktiviert zudem den Vagus, einen Nerv, der sich vom Gehirn aus bis weit in den Körper verzweigt und unter anderem dafür sorgt, dass Stressreaktionen gedämpft und Ängste gelindert werden. Am besten praktizierst du die Bauchatmung täglich einige Minuten lang. In akuten Stresssituationen können schon fünf bis zehn Atemzüge dafür sorgen, dass du ruhiger wirst.

Hausapotheke: Samen3. Fenchel bei Menstruationsbeschwerden

Zur Linderung von Krämpfen empfiehlt Feather Jones, eine amerikanische Expertin für Kräuterkunde, einen Tee aus je einem Teelöffel Katzenminze, Fenchel und Pfefferminze auf einen halben Liter nicht mehr kochendes Wasser. „Die ätherischen Öle in den Kräutern gelangen ins Nervensystem und wirken dort krampflösend„, so Feather. Also rein damit in deine persönlichen Erste-Hilfe-Koffer.

 

4. Bauchweh und Verdauungsbeschwerden? Versuch es mit Natron

Bei einer kleinen Magenverstimmung hilft oft schon der Griff in den Küchenschrank: Erste Abhilfe schafft ein Glas lauwarmes Wasser mit einem halben Teelöffel Natron. Laut Maria Marlowe, Ernährungsberaterin für integrative Gesundheit, treten Verdauungsprobleme oder Magenschmerzen häufig dann auf, wenn die Barriere zwischen Magenschleimhaut und Magensäure kurzzeitig weggespült wird. Das kann aufgrund von Alkohol, Infektionen oder Empfindlichkeiten bei bestimmten Nahrungsmitteln der Fall sein.

Petersilie und Minze5. Petersilie und Minze bei Mundgeruch

Bei schlechtem Atem wirkt es Wunder, kurz ein paar Nelken-, Fenchel- oder Anissamen zu kauen und diese danach wieder auszuspucken. Die ätherischen Öle in diesen Samen töten wirksam Keime im Mund, die den Geruch auslösen. Ganz speziell gegen Knoblauchgeruch helfen frische Minze oder Petersilie. Laut dem Journal of Food Science enthalten diese Kräuter spezielle Enzyme, die den Geruch von Knoblauch neutralisieren. Ein weiterer Bestandteil für die natürliche Hausapotheke

6. Hausapotheke – so lecker: Banane gegen Muskelkrämpfe

Verschiedene Studien zeigen, dass Muskelkrämpfe nach dem Sport oder einer herausfordernden Yogastunde ein Zeichen von Dehydration und/oder einem Mangel an Elektrolyten, wie den Mineralien Kali- um oder Magnesium, sein können. Dem kannst du entgegenwirken, indem du nach der Praxis reichlich trinkst und clevere Nahrung in deine Hausapotheke packst: Eine Banane versorgt den Körper schnell mit Kalium, eine Handvoll Kürbiskerne füllt die Magnesiumspeicher auf. Spüle das Ganze mit einem Glas Kokoswasser (in dem sich eine zusätzliche Portion Kalium befindet) oder Wasser runter und einer ruhigen Nacht ohne Wadenkrämpfe sollte nichts im Wege stehen.

7. Meditation gegen Antriebslosigkeit

Kleiner Energieschub gefällig? Sharon Salzberg, amerikanische Autorin, Buddhistin und Meditationslehrerin, empfiehlt eine einfache Meditationsübung, die den Körper belebt und ihm ein wenig Aufmerksamkeit schenkt. Stehe aufrecht, nehme wahr, was du siehst, was du hörst und richte den Fokus auf deine Haltung. Atme zwei- bis dreimal bewusst ein und aus und wiederhole den Wahrnehmungsprozess. „Indem du dich einer Vielfalt an Objekten um dich herum hingibst, füllst du deine Energiereserven auf“, so Salzberg.

Rosmarin Heilkräuter Hausapotheke8. Rosmarin – ätherisches Öl löst Schnupfen

Die Atmung ist ein wichtiger Bestandteil der Yogapraxis. Problematisch ist das nur dann, wenn ein Nasenloch verstopft ist und die Nase bei jedem Atemzug pfeift. Mindy Green, Aromatherapeutin und Autorin des Buches „Aromatherapie“, empfiehlt einen Dampf mit einer Mischung aus ätherischen Ölen für die Hausapotheke: Dazu gibst du drei Tropfen Rosmarin, zwei Tropfen Grapefruit und einem Tropfen Pfefferminz in einen Topf mit heißem Wasser und inhalieren. Der Wasserdampf befeuchtet gereizte Nasenschleimhäute und transportiert die ätherischen Öle bis tief in die Atemwege.

9. Gegen die Traurigkeit atmen

Eine melancholische, bedrückte Stimmung kann man mit Atemtechnik aufhellen. Eine einfache Übung wirkt dem flachen Atem in der oberen Brusthälfte entgegen und lenkt Sauerstoff in den Blutkreislauf: Dazu stehst du aufrecht, die Knie leicht gebeugt. Atme tief durch die Nase ein, während du die Arme vor dem Körper langsam mit nach oben weisenden Handflächen bis auf Schulterhöhe heben und von dort weiter über die Seiten bis über den Kopf. Hier sind die Handflächen einander zugewendet. Anschließend atmest du mit geöffnetem Mund und einem hörbaren „Lam“ (einem erdenden, energievollen Laut) wieder aus, während die Arme nach hinten-unten schwingen und du die Knie in eine Variante der Stuhlhaltung beugst. Diese Übung wiederholst du bis zu zehnmal.

10. Kokosöl pflegt spröde Lippen

Trockene, rissige Lippen im Winter? Damit haben viele Menschen zu kämpfen. Oft helfen schon ganz einfache Mittel, um spröde Lippen wieder schön zart zu machen. Zum Beispiel ein sanftes Peeling aus Hagelzucker und Kokosöl: Rühre daraus eine Paste an, streichen Sie sie auf die Lippen und bürste sie nach wenigen Minuten mit einer Zahnbürste wieder sanft ab. Der Zucker entfernt feine Hautschüppchen, während das Öl die Lippen befeuchtet und pflegt. Ein Hauch Kokosöl im Anschluss an das Peeling oder zwischendurch ersetzt den Fettstift. Ein Muss für die Hausapotheke.

Hausapotheke: Kurkuma und Honig11. Husten und Honig – ein unschlagbares Team

Ein hartnäckiger Reizhusten kann uns manchmal mehrere Wochen lang von der Yogapraxis abhalten. Schon unsere Großeltern kannten dagegen ein wirksames Hausmittel: Honig. Eine Studie des Journal of Alternative and Complementary Medicine stellte fest, dass Husten bei Kindern mit Honig effektiver gelindert wird als mit Hustensaft. Die ayurvedische Heilkunst setzt zum Schleimlösen zudem auf entzündungshemmende Kurkuma (Gelbwurz). Dazu verrührst du etwas Kurkumapulver mit der gleichen Menge Honig und nimmst alle drei Stunden einen Teelöffel davon zu dir, bis der Husten nachlässt. Ein natürlicher Ersatz für den Hustensaft und wichtiger Bestandteil der Hausapotheke.

12. Salz bei Halsschmerzen

Der Hals ist vergleichbar mit einem großen Netz, in dem sich Bakterien sammeln, die über Mund und Nase in den Körper gelangen. Um Schleim, Keime oder Bakterien im Hals zu lösen, hilft ein „Gurgel-Mix“ aus einem halben Teelöffel Salz und warmem Wasser. Gurgele den Winter über zwei- bis dreimal pro Woche. Sobald du ein erstes Kratzen im Hals spürst, erhöhst du auf einmal täglich. Laut einer Studie des American Journal of Preventive Medicine wirkt die regelmäßige Anwendung Infekten der oberen Atemwege wirksam vor.

Ingwer gegen Blähungen13. Schluss mit Blähungen dank Ingwer

Frischer Ingwertee wärmt nicht nur schön an kalten Tagen und stärkt das Immunsystem, er schafft auch Abhilfe bei einem Blähbauch und entspannt den Verdauungstrakt. Dazu gibst du zwei bis drei Scheiben frischen Ingwer etwa 5 Minuten lang in kochendes Wasser. Danach lässt du den Sud etwas abkühlen und trinkst ihn warm. Möchtest du Blähungen vor dem Verzehr von blähenden Lebensmitteln wie Kohl oder Bohnen vorbeugen, dann hilft die Einnahme von Bitterstoffen etwa 10 Minuten vor der Mahlzeit. Das kann zum Beispiel eine Handvoll Rucola oder einem Schluck Apfelessig sein. Die darin enthaltenen Bitterstoffe kurbeln den Magen an, der daraufhin Verdauungsenzyme, Gallenflüssigkeit und Magensäure produziert, was insgesamt die Verdauung fördert und die Gasbildung im Darm reduziert.

14. Schmerzende Füße? Bittersalz plus Massage

Geschwollene und müde Füße? Auch hier gibt es ein Mittel für die Hausapotheke. Um sie wieder zu beleben, tauchst du deine Füße etwa 10 Minuten lang in ein Bad mit Bittersalz. Danach gönnst du dir eine kleine Massage, bei der du von den Zehen bis zu den Knöcheln hoch massieren um eingelagerte Lymphflüssigkeit aus den geschwollenen Füßen zu lösen. Zum Abschluss kannst du deine Fußsohlen noch sanft über einen Golfball rollen. Das wirkt besonders belebend, wenn du den Ball zuvor etwa 2 Stunden lang im Gefrierfach gekühlt hast. Die Kälte reduziert nicht nur Schwellungen und Schmerzen, sie fördert auch die Durchblutung.

15. Schlafstörung: Beruhigung durch Meditation

Schlaflose Nächte gehen an die Reserven und können den Alltag zur Qual machen. In der Metta-Meditation geht es darum, eine wohlwollende, mitfühlende Haltung sich selbst und allen fühlenden Lebewesen gegenüber zu entwickeln. Übersetzt bedeutet der Begriff  „Metta“ so viel wie „Freundschaft“. Um Schlafstörungen in den Griff zu bekommen, empfiehlt sie, vor dem Schlafengehen mehrere Male im Stillen zu wiederholen: „Mögest du glücklich sein. Mögest du dich wohlfühlen.“ Richte diese Wünsche an alle schlaflosen Menschen (sich selbst eingeschlossen), aber auch an schlafende Personen. So verordnest du Verstand und Gedanken eine Pause, beruhigst die Atmung und bannst die Angst, die ganze Nacht wach zu liegen.


Du hast Probleme beim Einschlafen? Dann probiere es doch mal hiermit…

„Hoffnung ist eine Pflicht!“ – Interview mit Vandana Shiva

Vandana Shiva

Im einen Moment spricht sie mit indischen Kleinbäuer*innen, im nächsten mit Parlamentarier*innen – die indische Wissenschaftlerin Vandana Shiva gilt als „Rockstar der Öko-Bewegung“ und hat keine Scheu, sich mit Großkonzernen anzulegen. Wenige Wochen nach ihrem 70. Geburtstag sprachen wir mit ihr in München …

Interview: Carmen Schnitzer / Bilder: Aus der Doku „Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde“

Umweltschutz, Frauenrechte, Globalisierungskritik – Ihr Aktivismus beinhaltet so viele unterschiedliche Aspekte. Gleichzeitig könnte man sagen: einen einzigen – das Leben auf der Erde.

(lächelt) Ja, das stimmt.

Wann haben Sie realisiert, wie eng alles mit allem zusammenhängt?

Im Grunde bin ich von klein auf in einer Welt einzigartiger Verbundenheit aufgewachsen, dieses Denken in Getrenntheiten war mir nie vertraut. Aber als ich 1973, be­vor ich zum Studieren nach Kanada ging, noch mal meinen Lieblingswald besuchen und dort im Fluss schwimmen wollte, die Bäume aber gefällt und der Fluss nur noch ein Rinnsal war, da ist mir bewusst gewor­den, wie sehr Ausbeutung, Gewalt und Ge­winnmaximierung unsere Welt dominie­ren. Danach wuchs mein Bewusstsein für die Zusammenhänge sehr stark und mir wurde klar, dass ich die Pflicht habe, ein­zuschreiten. So bin ich dieser wunderbaren Bewegung namens Chipko beigetreten.

… in der sich überwiegend Frauen gegen die kommerzielle Abholzung der Himalaya-Wälder engagierten und die das Umarmen von Bäumen als Methode dafür bekannt gemacht hat.

Richtig. Wenn du dich entschließt, die Natur zu schützen, wenn du einen Baum umarmst, dann wirst du in gewisser Weise eins mit ihm.

Das klingt wunderschön und sehr spirituell. Gleichzeitig sind Sie Wissenschaftlerin. Wissenschaft und Spiritualität werden oft noch als Gegensätze betrachtet, hierzulande vielleicht noch mehr als in Indien. Dabei haben sie letztlich einiges gemeinsam, oder nicht?

Oh, das kommt sehr auf die Art der Wis­senschaft an! Für Albert Einstein zum Beispiel, der eine große Inspiration für mich war, hatte sie immer auch einen spirituel­len Aspekt. Seine Wissenschaft basierte mehr auf der Idee, dass alles eins ist – und weniger auf fragmentarischem Denken und mechanistischer Wissenschaft, die dann lange vorherrschend waren. Dieser Blick auf die Welt, der die Trennungen hervorhebt, ist für viel Leid verantwortlich.

Die Aktivistin bei einer Rede (aus der Doku „Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde“)

Inwiefern?

Wenn wir etwas als Objekt betrachten, lässt es sich leichter ausbeuten, als wenn wir das wirklich Lebendige daran wahr­nehmen. Vor etwas Lebendigem haben wir Respekt. Betrachten wir die Welt aber als tote Materie, die sich aufteilen lässt, für die wir Lizenzen vergeben kön­nen und so weiter, dann schaffen wir die Grundlage für Gewalt – gegen Menschen, gegen Tiere, gegen die Natur. Mir geht es darum, die Verbindungen zwischen allem zu sehen.

Darum habe ich auch gegen die Grüne Revolution gekämpft, die Industri­alisierung der Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und Giften, die auf gentech­nisch veränderte Hochertragssorten und Gewinnmaximierung setzte, die Kreisläufe der Natur missachtete und Menschen in den Ruin trieb. Von der ein Konzern wie Monsanto mit seiner Saatgutkontrolle profitierte, während kleinen Bauern und Bäuerinnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Dabei ist doch ein Samen eigentlich die Verkörperung von Leben, von Evolution! Saatgutmonopole zerstören buchstäblich Leben! Ich möchte hier gerne noch mal auf das Thema Wis­senschaft zurückzukommen …

Gerne.

Bei dieser Art der Wissenschaft haben wir es mit einer zu tun, die mehr oder weniger sagt: „Keine Ahnung, was ich da tue, aber wenn ich es so und so mache, dann kann ich viel Geld verdienen. Was das für Aus­wirkungen hat, interessiert mich nicht. Ist nicht meine Verantwortung.“ Das ist Wis­senschaft, die mit Wissen im Sinne von Verständnis nichts zu tun hat, sondern eher das Gegenteil davon ist.

Wenn ich Ihnen so zuhöre oder auch lese, wogegen Sie alles kämpfen, wohin Sie überall reisen, mit wem Sie alles sprechen – woher nehmen Sie die Energie dafür?

Nun, wissen Sie (lacht) – wenn Sie nach neun Monaten Schwangerschaft ein Baby zur Welt bringen, dann nennt man das La­bour (engl. sowohl für Wehen als auch für Arbeit, Anstrengung). Und dann weckt es Sie erst mal jede Nacht zehn Mal, Sie wech­seln die Windeln, stillen … Das ist definitiv nicht einfach! Aber es ist ein notwendiger Teil des Lebens. Pflege und Fürsorge be­inhalten Mühe. Wenn ich den Wald be­schütze, indem ich einen Baum umarme, wenn ich Monsanto daran hindern will, die Saatgutvielfalt zu zerstören, ist das letztlich etwas Ähnliches, wie wenn ich mich um mein Baby kümmere. Es geht um einen Akt der Liebe. Womit ich auf keinen Fall die Anstrengung herunterspielen möchte, die das kostet! Dennoch ist die Fürsorge keine Last – sie ist ein Teil des Lebens, sie bedeutet: in Beziehung gehen.

Vandana Shiva Auszug aus der Doku „Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde“

Aber ist es nicht manchmal schwer, die Hoffnung zu behalten? Wir leben noch lange nicht in einer perfekten Welt, nicht einmal in einer besonders guten. Es ist noch so viel, wie soll ich sagen …?

… total vermurkst. (lacht)

Ja, genau.

Nun, nehmen Sie Yoga. Yoga bedeutet Ver­bindung. Wenn Sie sich mit der Welt um Sie herum verbinden, mit der Natur, der Biodiversität, den Bäumen, den Samen, dem Boden – natürlich sehen Sie dann die Zerstörung, die Gewalt. Gleichzeitig aber möchten Sie das Leid lindern und das Richtige tun. Das gehört auch zum Yoga, ich nenne das „Yoga der Erde“. Wir sollten uns drei Dinge immer bewusst machen: Erstens sind wir Teil einer lebendigen Erde. Zweitens: Wir haben die Pflicht, diese Erde zu pflegen und zu schützen. Ein Teil dieser Pflicht ist Widerstand. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass sie zerstört wird. Und wenn Sie das nicht akzeptieren, dann ist da auch Hoffnung. Diese Hoff­nung speist sich daher, dass Sie den tiefe­ren Sinn verstehen und sich ihm verpflich­tet fühlen. Und wenn Sie das Richtige tun, erschaffen Sie neue Hoffnung. Das ist im Prinzip das Yoga des Lebens. Hoffnung ist unsere Pflicht!

Ein starker Satz! Ich würde noch gerne über das Konzept des Ökofeminismus sprechen, zu dessen wichtigsten Vertreterinnen Sie gehören. Ich sehe zwar, dass wir in patriarchal geprägten Gesellschaften leben und dass Frauen lauter werden sollten. Nichtsdestotrotz kam mir der Gedanke, dass es vielleicht die binäre, also trennende Sicht auf die Welt stärkt, wenn wir in der Umweltbewegung den Fokus auf die Frauen als Beschützerinnen der Natur legen …?

Aber beim Feminismus ging es doch schon immer darum, die Trennung aufzuheben! Diese Trennung in ein dominantes und ein unterlegenes Geschlecht.

Ja, so sehe ich das eigentlich auch.

Na also! Ökofeminismus erweitert das Ganze noch um eine Dimension und macht uns deutlich, dass das Konzept von Unterdrückung im Grunde dasselbe ist wie zwischen Frauen und Männern: Hier die Natur, dort die Menschen, die über sie herrschen, sie kontrollieren wollen. Hinter der Zerstörung der Natur stecken dieselbe Philosophie und dieselben Mechanismen wie hinter der Leugnung von Frauenrech­ten. Das heißt nicht, dass ich glaube, dass Frauen von Natur aus die besseren Um­weltschützerinnen sind!

Aber ihnen hat man es vielerorts überlassen, sich um die Nahrung zu kümmern, das Wasser zu ho­len und so weiter, darum haben sie eine gewisse Erfahrung und ein Wissen darü­ber, was die Zerstörung bedeutet. Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Natur – das ist letztlich ein und dieselbe Gewalt. Die Befreiung der Frau sollte natürlich nicht bedeuten, dass ab sofort Frauen Männer dominieren – sondern dass beide menschlicher werden, erdverbundener. Die In­dustrialisierung hat uns von der Natur entfernt, zu viele Menschen haben den Kapitalismus als alternativlos akzeptiert. Ökofeminismus bedeutet für mich, einen Weg zu gehen, der gut für die Natur, gut für Frauen und gut für Männer ist.

Sie sind viel in der Welt herumgereist – fallen Ihnen in den verschiedenen Kulturen Unterschiede im Umgang mit der Natur auf?

Lassen Sie mich zunächst lieber eine Gemeinsamkeit betonen: Alle Kulturen haben den Menschen einst als Teil der Natur wahrgenommen! Also nicht als ihren Besitzer oder Meister. Doch dieses Bewusstsein wurde später teilweise sogar kriminalisiert – hier in Deutschland etwa, indem man Frauen, die sich mit der Natur verbunden fühlten, als Hexen verfolgt, verurteilt und getötet hat. Ich glaube aber, dass wir mittlerweile an einem Punkt ange­kommen sind, an dem wir eine neue Sehn­sucht spüren, wieder zurückzukehren zu unserer alten Erdverbundenheit.

Welchen Beitrag kann dafür jeder und jede von uns persönlich leisten?

Yoga ist auf jeden Fall schon mal ein An­fang. (lächelt) Und damit meine ich nicht, einfach nur regelmäßig ein paar Asanas zu üben, sondern wirklich in Verbindung zu kommen mit der Natur, zu verstehen, wie sie funktioniert, worunter sie leidet. Ein wichtiger Punkt ist zum Beispiel die Ernährung. Jeder von uns muss essen und sollte seine Lebensmittel mit Bedacht wäh­len. So können wir unsere tägliche Nahrungsaufnahme zu einem spirituellen Akt werden lassen. Einen ökologischen. Einen, der dazu beiträgt, die Welt zu heilen.

Vandana Shiva

„Monsantos schlimmster Albtraum“ wurde die studierte Physikerin Vandana Shiva bisweilen genannt. Seit Jahrzehnten setzt sie sich als Aktivistin für Umweltschutz, Bio­diversität, Frauenrechte und vieles mehr ein und wurde für ihr Engage­ment unter anderem mit dem Right Livelihood Award, dem „Alternati­ven Nobelpreis„, ausgezeichnet. Ende 2022 erschien der spannende Dokumentarfilm „Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde„, für den das Regie­paar James und Camilla Becket die Tochter eines Waldhüters aus dem indischen Himalaya acht Jahre lang begleitet hat.


Carmen_Schnitzer, Autorin Yoga Journal

„Vandana Shiva? Das beeindruckt mich so viel mehr als dass du mal Justin Bieber interviewt hast!“ Das sagte eine enge Freundin von Carmen Schnitzer begeistert, als sie von diesem Gespräch erfuhr. Carmen arbeitet als Journalistin und schreibt seit Jahren für das YOGAWORLD JOURNAL. Erfahre mehr über die Autorin und besuche ihre Facebook-Seite.


Lies auch unser Interview mit Yogapionierin Anna Trökes zum Thema „Yoga und Politik“:

7 Ideen für mehr Lebendigkeit im Alltag

Lebendigkeit im Alltag

Unser Alltag ist häufig zeitlich strukturiert und geprägt von routinierten Handlungen. Eine Aufgabe wird nach der nächsten abgearbeitet. Anstatt die Vielfalt des Lebens wahrzunehmen, nehmen rationale Handlungen das Leben ein. Hier stellen wir dir 7 Tipps vor, wie du wieder mehr Lebendigkeit in deinen Tagesablauf integrieren und die Schönheit des Lebens erkennen kannst.

Text: Stephanie Schauenburg / Titelbild: Ryan Moreno via Unsplash

1. Prana-Pausen machen

Vor allem, wenn du am Computer arbeitest, hilft es, regelmäßig kleine, bewusste Pausen einzuplanen: Stell dir zum Beispiel einen Timer auf bestimmte Intervalle und bei jedem „Pling“ klappst du den Rechner zu, streckst und drehst dich, schaust aus dem Fenster, atmest durch und machst dir ein paar Momente wieder deine Verbundenheit bewusst: Körper und Geist, Innen und Außen, ich und Welt … alles eins.

2. Ausprobieren

So wichtig und heilsam Routinen sind – es sind oft die neuen Eindrücke und Erfahrungen, die uns besonders viel Lebendigkeit schenken. Dafür musst du dich nicht unbedingt zum Handstand-Workshop anmelden oder auf große Pilgerreise gehen. Schnapp dir die Taucherbrille deiner Kinder und schau dir mal wieder die Welt unter der Wasseroberfläche an, mach einen Purzelbaum und nimm dir überhaupt vor, jeden Monat, jede Woche oder sogar jeden Tag etwas Ungewohntes zu tun.

3. Rausgehen

Direkt vor deiner Haustür beginnt die „große weite Welt“ – mit Sonnenschein, Wind und Wetter und der lebendigen Natur. Schon bei einem kleinen Spaziergang kannst du deine Achtsamkeit anregen und alle deine Sinne beleben: Da sind Vogelgezwitscher und grüne Wipfel, knirschende Kiesel unter deinen Füßen, wärmende Sonnenstrahlen auf deinem Rücken, der Geruch von frisch gemähtem Gras – und all das gibt es auch in der Stadt!

4. Mitschwingen

Musik hat die Kraft, dich schlagartig ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Sie kann dich elektrisieren und deine Lust auf Bewegung wecken, sie kann dich zu Tränen rühren, dein Herz öffnen oder dir ganz einfach nur ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Also immer nur her mit all den Tunes, die dich in die Lebendigkeit bringen – und dann gerne auch mal wieder wild durchs Wohnzimmer tanzen!

Lebendigkeit: Handstand
Foto: Tyler Nix via Unsplash

5. Erforschen

Manchmal muss man sich erst einmal bewusst machen, was die eigene Lebendigkeit überhaupt ausmacht und wo man sie am ehesten findet. Frage dich: Wann habe ich mich zuletzt wirklich lebendig gefühlt? Wie war das auf körperlicher Ebene (und in welcher Region besonders)? Was bringt mich in die Lebendigkeit? Wo liegen Samen der Lebendigkeit in meinem Alltag? Interessiere dich dafür und schreibe es am besten auch auf.

6. Ausschalten

Das Handy nur weglegen, zählt nicht. Beim nächsten Pling, bei der nächsten auftauchenden Frage, die du mal schnell googeln willst, bist du sowieso wieder „hooked“. Besser: Alle deine Geräte zu bestimmten Zeiten ganz ausschalten und jeden Tag eine gewisse Zeit bewusst offline sein. (Geht nicht, gilt nicht: Es gibt auch noch Wecker, die einfach nur zur gewünschten Zeit bimmeln. Und Festnetztelefone für Notfälle. Und und und.)

7. Still werden

Dass Lebendigkeit vor allem etwas mit Bewegung oder gar mit Intensität und äußeren Impulsen zu tun hat, ist ein komplettes Missverständnis. Als Yogi*nis kennen wir die lebendige Kraft der Stille. Der Meditationslehrer und Philosoph Fabrice Midal hat es in seinem Buch „Die innere Ruhe kann mich mal“ so schön formuliert: „Wenn ich weiterhin jeden Tag – oder fast jeden Tag – praktiziere, dann um das Herz des Lebens zu berühren.“


Yogamatte oder Online-Scrabble? Abendsonnenspaziergang oder Sofa? YOGAWORLD JOURNAL-Redakteurin Stephanie Schauenburg weiß genau, was ihr mehr Lebendigkeit schenkt (und stolpert dann doch immer in die Fallen des Gewohnten).


Dem Thema „Lebendigkeit“ haben wir im Sommer 2023 eine ganze Ausgabe gewidmet. Hier kommst du zum Heft, wenn du mehr darüber lesen möchtest:

https://yogaworld.de/produkt/yoga-journal-nr-8-04-23-online-ausgabe-kopie/

#122 Darshanas Teil 2: Vedanta und Yoga – Die klassischen Philosophiesysteme Indiens mit Timo Wahl

Erkunde die philosophischen Grundlagen von Yoga und Vedanta und was diese Lehren für moderne Yogi*nis bedeuten

Im zweiten Teil unserer Doppelfolge über die sechs klassischen Darshanas tauchen wir noch tiefer in die Philosophie Indiens ein. Nachdem wir im ersten Teil die Systeme Samkhya, Nyaya, Vaisheshika und Purva Mimamsa behandelt haben, richten wir heute den Fokus auf die beiden besonders prägenden Darshanas: Vedanta und Yoga. Gemeinsam mit Yogalehrer und Philosophie-Experte Timo Wahl geht Gastgeberin Susanne Mors den tiefen Fragen nach, die diese Lehren aufwerfen. Was bedeuten Dualität (Dvaita) und Nicht-Dualität (Advaita) im Vedanta? Wie prägen Brahman, Atman und Maya das Verständnis der Realität? Und welche Rolle spielt das Yoga-Darshana nach Patanjali für die Entwicklung der yogischen Praxis?

Wir besprechen, wie diese Philosophiesysteme nicht nur die meditative Praxis, sondern auch das alltägliche Leben und die Suche nach spiritueller Befreiung beeinflussen. Außerdem werfen wir einen Blick darauf, wie sich die unterschiedlichen philosophischen Ansätze von Vedanta und Yoga ergänzen – und was es mit der Vorstellung auf sich hat, dass die höchste Stufe des Yoga, Samadhi, letztlich die Verschmelzung mit dem wahren Selbst bedeutet. Zum Ende verrät Timo noch, wie die Beschäftigung mit den sechs Darshanas seine eigene Spiritualität und Sicht auf das Leben beeinflusst hat.

Diese Folge YogaWorld Podcast gibt dir die Möglichkeit, tiefer in die philosophischen Wurzeln des Yoga einzutauchen und wertvolle Impulse für deine eigene Praxis zu entdecken.

Dies.Das.Asanas mit Jelena Lieberberg – Tip Toe Pose

Dies.Das.Asanas: Tip Toe Pose: Jelena Lieberberg

Samatvam Asana heißt diese kniffelige Pose auch – was nichts anderes bedeutet als: Gleichgewichtshaltung. Unsere Kolumnistin nimmt sie zum Anlass, einmal etwas grundsätzlicher über das Thema Balance nachzudenken…

Text: Jelena Lieberberg / Foto: Nenad Blazevic

Eine alte, oft zitierte Definition von Yoga stammt aus der Bhagavad Gita: samatvam yoga uchyate (II.48), was man übersetzen kann als „Yoga ist Balance“, aber auch „Yoga ist Ausgeglichenheit“. Dieser Vers unterstreicht die zentrale Rolle des Gleichgewichts sowohl in der Yogapraxis als auch im Leben. Als Yogi*nis suchen wir nach körperlichem, geistigem und spirituellem Gleichgewicht. Aber das ist kein statischer Zustand, wir können uns Balance eher als eine unendliche Reise zu uns selbst vorstellen.

Diese persönliche Reise beginnt damit, dass wir ein sensibles Bewusstsein für den sich ständig verändernden Moment entwickeln und lernen, darauf zu reagieren. Dazu gehört das Korrigieren von Fehlern und dann wiederum das Korrigieren einer Überkorrektur dieser Fehler. Für die Asana-Praxis bedeutet das: Wenn wir uns zu weit in eine Richtung bewegen, müssen wir uns ein wenig in Richtung des anderen Pols orientieren, um uns wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Ein bewusster Atem erleichtert uns diese Präsenz, er macht uns auf entspannte Weise ansprechbar: Sicher hast du schon mal beobachten können, wie gleichmäßige Ein- und Ausatmungen einen geschmeidigen und zentrierten Körper schaffen, während verkürzte oder angehaltene Atemzüge zu Empfindungen von Steifheit und Unverbundenheit führen.

Aber selbst wenn du von außen betrachtet völlig entspannt im Gleichgewicht zu sein scheinst: Das Spiel der Balance hört nie auf, innerlich spürst du auch innerhalb von Stabilität immer kleine und kleinste Anpassungen, ein ständiges Wechselspiel von Bewegung in der Stille und Stille in der Bewegung. Darum geht es auch in der Asana, die ich dir jetzt vorstellen will.

Macht das Spaß?

Auf jeden Fall! Wer es gerne knifflig mag, wird bei diesem Balanceakt auf seine Kosten kommen: Du brauchst eine Menge Geduld und ständige Mikro-Korrekturen, um Balance zu finden.

Muss ich das können?

Natürlich nicht. Gerade bei Knieverletzungen oder -beschwerden sind tiefe Hocken wie diese keine gute Idee. Aber das heißt nicht, dass du nicht auch anders deine Balance verbessern kannst, zum Beispiel mit einem einfachen Baum (Vrksasana).

Was muss ich dafür tun?

Sonnengrüße helfen, Hitze zu erzeugen und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Danach darf alles geübt werden, was die Kniegelenke zum Glücklichsein brauchen: einfache Kniebeugen mit dem eigenen Körpergewicht, die tiefe Hocke und das Strecken und Anheben der Beine im Stand.

Dies.Das.Asanas: Tip Toe Pose: Jelena Lieberberg
Ein Poller im Hafen von Split – das ist natürlich ein tolles Fotomotiv, macht die Balance aber nicht gerade einfacher. Wir probieren es lieber daheim auf der Yogamatte.

Step by Step

1. Beginne im aufrechten Stand, spüre deine Mittel­achse und deinen ruhig fließenden Atem. Dann hebe deine Fersen und finde erst einmal hier bewusst ins Gleichgewicht.

2. Senke langsam dein Gesäß bis auf die Fersen, ohne dabei die Füße flach aufzusetzen. Klappt das? Dann richte dich langsam wieder zum Stehen auf.

3. Für die Tip Toe Pose gibt es zwei Varianten: Entweder du lässt einen Fuß am Boden nach vorn gleiten, während du in die Hocke kommst und versuchst dann anschließend, das Bein aus der Kraft deiner tiefen Bauchmuskulatur anzuheben. Oder (noch anspruchsvoller) du streckst das Bein waagerecht nach vorne und hältst es in der Luft, während du das Becken senkst. Stell dir dabei vor, dass deine beiden Oberschenkel magnetisch miteinander verbunden sind.

4. Richte die Wirbelsäule gerade auf und verbinde dich immer wieder bewusst mit deinem Atem und dem Bewusstsein, dass Gleichgewicht ein Prozess ist. Du kannst die Fingerspitzen seitlich der Hüften auf Blöcken aufsetzen, um das Balancieren zu unterstützen. Wiederhole die Übung auf beiden Seiten. An manchen Tagen wird sie dir leichter fallen als an anderen. Sei geduldig.


JELENA LIEBERBERG ist Osteopathin und Yogacoach in Berlin. Ihre eBooks, Retreats und Workshops findest du unter kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.


Zur Abwechslung mal mehr Entspannung? In ihrer letzten Kolumne zeigte dir Jelena, wie du im bescheidenen Held entspannen kannst:

Melodie der Natur: die heilsame Kraft der Jahreskreisfeste

Jahreskreisfeste

Mabon steht vor der Tür. Das keltische Fest zur Herbst-Tagundnachtgleiche ist eines der acht Jahreskreisfeste, die schon unsere Vorfahr*innen gefeiert haben. Beate Tschirch stellt dir hier die Bedeutung der keltischen Feste vor und erklärt, wie uns diese Rituale wieder in die Verbindung zur rhythmischen Lebendigkeit der Natur bringen – und wie das auch zu mehr Harmonie mit uns selbst führt.

Text & Titelbild: Beate Tschirch

Draußen liegt Schnee, aber auf meinem Frühstückstisch steht ein cremiges Müsli, garniert mit frischen Himbeeren und Erdbeeren. Dieses Bild verkörpert unsere moderne Welt eigentlich perfekt: Nahezu alles ist zu jeder Zeit verfügbar. Ein Luxus, den wir oft ohne viel Nachdenken genießen. Was wir dabei aber leider übersehen: Wir verlieren den Bezug zur natürlichen Ordnung. Wir haben vergessen, dass Erdbeeren im Frühsommer reifen, dass Hühner nur Eier legen, wenn sie ausreichend Tageslicht bekommen und dass unsere Urgroßeltern noch sprichwörtlich „mit den Hühnern ins Bett gingen“, weil es kein elektrisches Licht gab.

Stattdessen haben wir uns in einem Meer von Zeitplänen, digitalen Anforderungen und unmittelbaren Bedürfnissen verloren. Mit dieser Einsicht begann meine Reise in die Welt der Jahreskreisfeste – nicht auf einem abgelegenen Pfad oder in einer fernen Zeit, sondern hier, in meiner Küche, mit einem Müsli voller Sommerfrüchte mitten im Winter. Ich begriff, dass wir etwas ganz Wesentliches vergessen haben: dass das Leben weiterhin aus Phasen besteht – Zeiten des Wachstums, der Ernte, des Loslassens und des Neubeginns. Die alten Jahreskreisfeste erinnern uns daran, dass alles seine Zeit hat. Und so begann ich zu entdecken, wie wir durch das Feiern dieser Feste eine tiefere Harmonie mit der Natur und letztendlich mit uns selbst erreichen können.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter – diese Zyklen wiederholen sich seit Millionen von Jahren. Es ist beruhigend zu wissen, dass der nächste Sommer sicher kommt. Denn auch wenn ein Jahr keine reiche Ernte schenkte, unsere Ahn*innen vertrauten darauf, dass mit dem nächsten Jahreskreis auch das Versprechen eines Neuanfangs kommt. Darin liegt eine sich ständig verändernde, aber dennoch unendlich verlässliche Ordnung allen Lebens.

Die Natur gab unseren Vorfahr*innen klare Signale und sie wussten genau, was jeweils zu tun war. Niemals hätten sie Kohl und Karotten im Winter ausgesät oder erwartet, dass sie im Frost gedeihen. Ihre Verbindung mit der Natur war tief verwurzelt und umfasste ein umfangreiches Verständnis ihrer Auswirkungen auf das tägliche Leben. Auch heute noch reagieren wir ganz selbstverständlich auf ihre Einflüsse: Im Sommer tragen wir Shorts, springen in Seen und genießen die Wärme, während wir uns im Herbst mit Decken einmummeln, Tee trinken und die Gemütlichkeit drinnen suchen.

Denn auch wenn wir viel altes Wissen und Bewusstsein eingebüßt haben: Wir sind immer noch Teil dieses ewigen Zyklus, in dem jede Jahreszeit ihre eigene Bedeutung und Einzigartigkeit hat.

Bilder des magischen Zyklus

Schon in vorhistorischer Zeit beobachteten Menschen den Lauf der Sonne und der Gestirne. Auch der Mond mit seinem Einfluss auf die Gezeiten spielte eine wichtige Rolle. Die Mondphasen halfen ihnen, das Timing zum Beispiel beim Pflanzen und Ernten genauer zu bestimmen. Auch die Wetterphänomene wie die Schneeschmelze oder die Wanderungen von Tieren waren wichtige Signale, die dabei halfen, eigene Aktivitäten zu planen. All das bildete nach und nach die Grundlage für verschiedene Kalendersysteme. Neben den vier Jahreszeiten mit den am Mond ausgerichteten zwölf Monaten gab es auch Modelle mit acht Abschnitten. Wir kennen sie noch heute als „Rad des Jahres“ oder als Jahreskreis.

Wenn wir ein Rad mit acht Speichen auf den Kreis des Jahres legen, gibt es zwei Hauptachsen. Diese richten sich nach der Position der Sonne und werden daher auch als Sonnenfeste bezeichnet: Die Wintersonnenwende markiert den Beginn des Winters. Die Frühlings-Tagundnachtgleiche läutet den Frühling ein. Die Sommersonnenwende verkündet den Beginn des Sommers. Und die Herbst-Tagundnachtgleiche bedeutet Herbstanfang.

Feste im Einklang mit der Natur

Nun hat der Frühling im März eine völlig andere Qualität als sechs Wochen später im Mai – und so verhält es sich mit allen Jahreszeiten. Ein Fest pro Jahreszeit reichte also nicht aus. Daher finden zwischen den Sonnenfesten jeweils weitere Feste statt, die Erd- oder Mondfeste genannt werden: Samhain (auch bekannt als Halloween), Imbolc (Brigid oder Mariä Lichtmess), Beltane (Walpurgis) und Lughnasadh (Lammas oder Schnitterfest).

All diese Feste reichen tief in die europäischen Kulturen zurück – lange bevor sie die christliche Bedeutung erlangten, die wir noch heute zum Beispiel als Ostern und Weihnachten feiern. Wenn wir uns heute wieder an sie erinnern, dann nicht, um heidnische Riten oder die keltische Kultur wiederzubeleben, deren Namen sie tragen. Es geht vielmehr darum, dass sie uns helfen, uns wieder mit den natürlichen Zyklen in Einklang zu bringen.

Dabei können wir nicht nur die Weisheit vergangener Generationen bewahren, sondern auch ein tieferes Verständnis für die Erde und unser eigenes Leben entwickeln. Fast so, als würden wir wieder im Rhythmus der Welt mittanzen und dadurch eine harmonischere Verbindung zwischen Körper und Seele herstellen.

Die 8 Jahreskreisfeste

Jahreskreisfest: Litha
Foto: davit85/Getty Images via Canva

Der Jahreskreis teilt sich in eine dunkle und eine helle Seite: die „Jahresnacht“ und den „Jahrestag„. Ähnlich wie der Mondzyklus mit dem Neumond beginnt, startete auch das Jahr für unsere Vorfahr*innen Anfang November mit der dunklen Hälfte. Dadurch wird verdeutlicht, dass alles Leben wie im Mutterleib aus den Tiefen der Dunkelheit geboren wird. Die Dunkelheit ist also etwas Positives – eine Geburt aus Finsternis, die nicht im Tod und ewiger Verdunklung endet, sondern sich zyklisch erneuert. Dabei wird die Natur oft als nährende Mutter angesehen; eine göttliche Frau, die verschiedene Phasen durchläuft und je nach Phase in unterschiedlichen Farben dargestellt wird: weiße Göttin (Maid), rote Göttin (Mutter) und schwarze Göttin (Alte).

Samhain (31. Oktober)

Samhain ist ein keltisches Fest, das den Beginn des neuen Jahres markiert. Wir kennen es heute als Halloween. Es wird in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November gefeiert. Die letzte Ernte des Jahres ist eingebracht und die Menschen bereiten sich auf die kälteren Monate vor. Samhain symbolisiert daher den Übergang von der warmen Zeit in die dunkle, ruhende Phase des Jahres. Es ist eine Zeit des Loslassens und des Rückblicks, der Reflexion und des Teilens von Geschichten über die Verstorbenen. Man glaubte nämlich, dass an Samhain die Tore zwischen der Welt der Lebenden und der Toten offenstehen. Deshalb vollzog man Schutzrituale und hinterließ Opfergaben, um sie zu ehren und zu besänftigen.

Yule (um den 21. Dezember)

Die Wintersonnenwende ist die längste Nacht des Jahres und zugleich die Wiedergeburt des Lichts. Dieser Wendepunkt ist ein Fest der Hoffnung: Mit den Yule-Bräuchen ehren wir nicht nur die Kraft des Lichts, sondern auch die Urmutter, die Quelle des Lebens. Wir reflektieren über die Vergangenheit und richten gleichzeitig unseren Blick auf den Neubeginn. Yule ist eine Zeit der Zusammenkunft, der Freude und Hoffnung. Wir feiern die Verbindung zur Natur und die Zyklen des Lebens. Das Entzünden von Feuern und das Dekorieren mit immergrünen Zweigen (daher der weihnachtliche Tannenbaum) symbolisiert das Leben, das auch in den dunkelsten Zeiten weitergeht.

Imbolc (um den 1. Februar)

Imbolc oder Brigid, im Christentum ersetzt durch Mariä Lichtmess, markiert den Übergang vom tiefen Winter zur ersten Frühlingszeit. Es wird traditionell am 1. Februar gefeiert, wenn die Natur allmählich aus ihrem Winterschlaf erwacht. Es ist eine Zeit des Reinigens, der Vorbereitung und der Erneuerung. Traditionell werden an Imbolc Kerzen entzündet und Reinigungsrituale durchgeführt. Es ist eine Gelegenheit, unsere Absichten für das kommende Jahr zu formulieren und Kreativität zu fördern, denn Imbolc ermutigt uns dazu, Dunkelheit zu überwinden und das Licht in uns zu entfachen.

Ostara (um den 21. März)

Ostara, die Frühlings-Tagundnachtgleiche, feiert den offiziellen Beginn des Frühlings. Ostara symbolisiert die Erneuerung des Lebens, das Erwachen der Natur und die Fülle, die mit dem Frühling einhergeht. Es ist eine Zeit der Freude und des Optimismus. Zu den Ostara-Bräuchen gehört das Pflanzen von Samen, das Dekorieren von Eiern als Symbole für Fruchtbarkeit und die Wiederbelebung der Natur. Ostara erinnert uns daran, Neuanfänge im Leben so zu begrüßen, wie wir auch die jetzt wachsenden Blüten willkommen heißen. Es ist die beste Gelegenheit, mit unseren Projekten zu starten, damit sie in diesem Jahr wachsen können.

Beltane (Nacht zum 1. Mai oder 5. Vollmond nach dem Yulefest)

Beltane, die Walpurgisnacht, ehrt die Freude am Leben, die Fruchtbarkeit der Natur und die Vereinigung von männlicher und weiblicher Energie. Das Fest ermutigt dazu, uns mit der Natur zu verbinden und die Energie des Frühlings zu nutzen. Wir dürfen unsere Lebendigkeit spüren und uns auf die kommenden Monate der Fülle freuen. Die traditionellen Beltane-Rituale zeigen das deutlich: Man entzündet große Feuer, die die Sonnenkraft ehren, stellt Maibäume als Symbol der Fruchtbarkeit auf und tanzt ausgelassen im Freien.

Litha (um den 21. Juni)

Litha, die im Christentum mit Johanni gefeierte Sommersonnwende, markiert den Höhepunkt des Sommers. Es feiert den längsten Tag des Jahres und hat eine tiefe Verbindung zur Sonnenenergie – ein Moment der Fülle, wenn die Sonne ihren Zenith erreicht. Jetzt werden traditionell Sonnwendfeuer entzündet, die Reinigung und Transformation symbolisieren, denn wir stehen an einem Wendepunkt im Jahreskreis: Jetzt beginnt der schrittweise Rückgang des Sonnenlichts. Litha ermutigt uns, die Natur jetzt in ihrer Fülle zu würdigen, die Sonnenenergie zu nutzen und das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Lughnasadh (Nacht zum 1. August oder 8. Vollmond nach Yule)

Anfang August feiern wir Lughnasadh, in den alten Kulturen auch als Lammas oder Schnitterfest bekannt und im Christentum überführt zu Mariä Himmelfahrt. Es markiert den Beginn der Erntezeit und ehrte ursprünglich den keltischen Sonnengott Lugh. Dieses Fest ist eine Hommage an die Erde, eine Zeit der Dankbarkeit für die Nahrung, die sie uns schenkt, und eine Gelegenheit, die harte Arbeit der Landwirt*innen anzuerkennen.

Bei den Feierlichkeiten stehen gemeinsame Mahlzeiten, Wettkämpfe und Handwerkskunst im Mittelpunkt. Man backt Brote aus dem ersten geernteten Getreide und bringt sie als Opfergaben dar. All das erinnert uns daran, dass Fülle nicht selbstverständlich ist – auch bezogen auf die eigenen Anstrengungen und Ziele. Es ermutigt dazu, Erfolge zu feiern und gleichzeitig Vorbereitungen für kommende Veränderungen und Herausforderungen zu treffen.

Mabon (um den 21. September)

Die mit Mabon, dem Matthäustag oder Michaeli gefeierte Herbst-Tagundnachtgleiche markiert den astronomischen Beginn des Herbstes. Es ist eine Zeit der Balance, in der Tag und Nacht nahezu gleich lang sind. Zugleich feiern wir den Höhepunkt der Erntesaison und haben Gelegenheit für Dankbarkeit: Früchte, Gemüse, Getreide und anderes mehr wird als Symbol für Wohlstand, Überfluss und Reichtum feierlich präsentiert. Zugleich bereiten wir uns im Einklang mit der Natur darauf vor, bald in die Ruheperiode einzutreten. Es ist eine Zeit des Loslassens, in der wir uns von dem trennen, was wir nicht mehr brauchen, und Platz für Neues schaffen.

Müssen die Termine für die Feste
eingehalten werden?

Wie haben unsere Vorfahr*innen das wohl gemacht? Sie hatten keinen Computer, der ihnen sagte: „Frühlingsbeginn 2024, 20. März 4.06 MEZ“. Stattdessen orientierten sie sich an der Natur und nutzten altes Wissen. Mein Vorschlag lautet daher: Sei flexibel! Es ist okay, wenn man die Feste ins Wochenende verlegt. So können mehr Menschen teilnehmen und ihr habt ausreichend Zeit füreinander. Probiere auch verschiedene Tageszeiten aus! Wie fühlt es sich an, frühmorgens ein Fest zu feiern oder um Mitternacht zusammenzukommen?

Kompass durch die Zeit

Die Beschäftigung mit den Festen des Jahreskreises macht deutlich: Jahrhunderte und Jahrtausende mögen vergangen sein, doch der Kreislauf der Jahreszeiten bleibt unverändert. In dieser Kontinuität können wir Weisheit, Trost und Inspiration finden. Dabei dienen uns die alten Jahreskreisfeste mit ihrer reichen Symbolik als Kompass durch das Labyrinth der Zeit. Gerade in unserer schnelllebigen Epoche laden sie uns dazu ein, innezuhalten, die Schönheit und Bedeutung jedes Augenblicks zu erkennen und unsere Verbindung zur Natur und zu uns selbst zu stärken.

Lasst uns also gemeinsam dem sanften Rhythmus der Jahreszeiten lauschen. Mögen sie uns auf unserem Weg begleiten und uns daran erinnern, dass wir ein Teil des magischen Zirkels des Lebens sind, eingebettet in einen ewigen, sich wiederholenden Zyklus der Natur. Sie helfen uns, unser eigenes Leben zu verstehen, uns an die unablässigen Veränderungen anzupassen und zu wachsen.

Lies auch: Magische Zeit: Rituale für die Rauhnächte

Jahreskreisfeste gestalten

Jahreskreisfeste feiern
Foto: Hans via Pixabay

Als moderne Menschen sind wir frei darin, wie wir diese Feste gestalten. Alles, was du brauchst, ist deine Intention. Sei kreativ, sei respektvoll gegenüber der Natur und feiere vor allem mit deinem Herzen. Die folgenden Hinweise können dich dabei unterstützen:

Bevor du ein Jahreskreisfest begehst, solltest du dich über seinen Hintergrund und seine Bedeutung informieren. Je tiefer du eintauchst, umso faszinierender wird deine Reise in die Vielfalt an spirituellen und kulturellen Traditionen. Das Wissen über Geschichte, Symbolik und Bräuche des jeweiligen Festes eröffnet dir eine tiefere Verbindung zu den zyklischen Rhythmen der Natur.

Hier geht es nicht so sehr um eine hübsche Deko, sondern darum, dich mit der Essenz des Festes zu verbinden und zugleich deine eigene spirituelle Reise widerzuspiegeln. Dabei spielen Symbole eine wichtige Rolle, angefangen bei den Farben – etwa lebendiges Grün für Ostara oder warmes Gelb für Litha. Auch Steine oder Kristalle können spezifische Energien repräsentieren. Natürliche Elemente wie Zweige, Blumen, Blätter oder Früchte symbolisieren das Wachstum der Natur und stellen eine ganz unmittelbare Verbindung zum Jahreszyklus her. Festes Element für alle Feste sind Kerzen oder Feuer als Symbol des Lichts und der Transformation.

Im Frühling könntest du zum Beispiel helle, leichte Stoffe und florale Muster wählen, die das Erwachen der Natur symbolisieren, während im Herbst warme, erdige Farben die Fülle der Erntezeit einfangen. Auch Schmuck kann deine Verbindung zum Festthema ausdrücken. Zum Beispiel Kränze aus Blumen und Zweigen oder Ohrringe mit Natur-Motiven.

Meditationen, Gesänge, Gebete, Tänze oder das Anzünden von Kerzen sind nur einige Beispiele. Wähle Zeremonien, die für dich persönlich bedeutsam sind und die Stimmung des Festes unterstreichen. Deine Handlungen sollen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich wirken, deine Absicht fokussieren und dich tiefer mit den zyklischen Energien der Natur verbinden. Ganz wichtig: Lege einen klaren Anfangs- und Endpunkt fest. Als Einstieg bieten sich beispielsweise das Beschwören der Elemente, das Ziehen eines magischen Schutzkreises oder eine Räucherrunde an. Der Abschluss kann ein gemeinsames Lied sein sowie der Dank an die Elemente und Himmelsrichtungen. So signalisiert ihr dem Unterbewusstsein, dass hier eine Zeit außerhalb des normalen Alltags stattfindet.

Das Feiern in Gemeinschaften, insbesondere in Frauenrunden, hat eine lange Tradition. Frauen spielten und spielen eine bedeutende Rolle bei Ritualen und Zeremonien, die sich auf die Natur, die Ernte, die Fruchtbarkeit und viele andere Aspekte des Lebens beziehen. Gemeinsamkeit und Austausch verstärken die Festlichkeit: Es ist schön, zusammenzukommen, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsam zu singen und zu essen. Dabei würdigen wir in der Auswahl der Gerichte die Jahreszeit.

Jedes Jahreskreisfest bietet eine besondere Gelegenheit, Dankbarkeit zu üben und sich bewusst zu machen, wie sehr die Natur, das Leben oder persönliche Errungenschaften uns bereichert haben. Diese Dankbarkeit vertieft die Wertschätzung für das, was wir haben. Es ist auch ein Moment der Reflexion über vergangene Erfahrungen. Indem wir zurückblicken, können wir Lehren aus unseren Erfahrungen ziehen und sie als Anstoß für neue Pläne nutzen. So wird das Fest zu einem bedeutsamen Moment der Selbstbetrachtung und des Wachstums.


Beate Tschirch

Beate Tschirch beschäftigt sich als Autorin und Impulsgeberin seit vielen Jahren mit den Traditionen unserer Ahn*innen. Ihr Buch „Rituale für die Seele“ erschien im EMF Verlag. Auf ihrer Website findest du zu jedem Jahreskreisfest ein Ebook mit einer geführten Seelenreise.


Willst du noch mehr über die Jahreskreisfeste erfahren? Wir haben Beate Tschirch eingeladen, in Folge 93 unseres YogaWorld-Podcasts darüber zu sprechen:

#121 Darshanas: Die sechs klassischen Philosophien Indiens – Teil 1 mit Timo Wahl

Erkunde die indischen Philosophiesysteme Samkhya, Nyaya, Vaisheshika und Purva Mimamsa und ihre Verbindungen zum Yoga

Diese Folge “YogaWorld Podcast” ist der erste Teil einer spannenden Doppelfolge über die sechs klassischen Darshanas – die orthodoxen, philosophischen Systeme des Hinduismus. Gemeinsam mit Yogalehrer und Philosophie-Experte Timo Wahl erkundet Gastgeberin Susanne Mors die Lehren von Samkhya, Nyaya, Vaisheshika und Purva Mimamsa. Diese Darshanas bieten unterschiedliche und teils widersprüchliche Ansätze, um die Wirklichkeit zu beschreiben und den Weg zur Befreiung zu ergründen. Doch sie alle sind tief in der indischen spirituellen Tradition verwurzelt und haben wiederum Einfluss auf den Yoga.

Wir beleuchten in dieser ersten Folge, wie die Darshanas das Verständnis von Yoga bereichern können, welche Rolle die Grundsätze dieser Philosophiesysteme in der modernen Praxis spielen und warum es so lohnenswert ist, sich als Yogalehrende oder Übende damit zu beschäftigen. Besonders interessant wird es, wenn wir uns anschauen, wie Yoga von den dualistischen Prinzipien des Samkhya-Darshanas beeinflusst wird und welche Rolle die drei Gunas – Sattva, Rajas und Tamas – dabei spielen.

Diese Episode ist der Auftakt einer intensiven Reise durch die Welt der hinduistischen Philosophie, in der wir die philosophischen Hintergründe des Yoga in einen größeren Kontext setzen. In Teil 2 geht es dann weiter mit Vedanta und der Frage, wie diese Philosophie Yoga auf neue Weise interpretiert und bereichert.

Wenn du mehr über die Ursprünge des achtgliedrigen Pfades erfahren möchtest und wie du dieses Wissen für deine eigene Praxis nutzen kannst, ist dieses intensive Gespräch genau das Richtige für dich.

Ayurvedische Herbstrezepte – so hältst du dein Vata in Balance

Der Herbst wird von der starken Energie des Vata Doshas dominiert. „Vata“ bedeutet „das, was Dinge bewegt“, setzt sich aus den Elementen Luft und Äther zusammen und steht grundsätzlich für die Bewegung im Organismus. Es regelt die Dynamik hinter allen Stoffwechselprozessen, die Atmung sowie sämtliche Vorgänge des Ausdehnens und Zusammenziehens im Körper. Ayurvedische Herbstrezepte unterstützen diesen Prozess. 

Text & Rezept: Volker Mehl, Titelbild: Susann Sam/Getty Images via Canva

Vata besitzt die Eigenschaften kalt, rau, trocken, leicht, bewegt und feinstofflich. Traditionell werdem diesem Dosha Emotionen und Gefühle wie Kühle, Nervosität, Aufregung, Zittern und Krämpfe zugeordnet. Dieser Konstitution wird der Dickdarm zugeordnet, dem Becken, den Ohren, der Haut und den Knochen und hat auch für den Verlauf des Lebens Bedeutung: Vata nimmt nicht nur im Herbst, sondern auch im Laufe des Lebenszyklus zu. Erscheinungen des Alters, darunter Osteoporose, Demenz, Zittern und sprichwörtlich die morschen Knochen, sind aus Sicht des Ayurveda eine zu starke Anhäufung der Elemente Luft und Äther im Körper.

Die Bedeutung von Vata

Mit seiner dynamischen Energie sorgt Vata aber auch für den nötigen Schuss Inspiration und Dynamik – vor allem nach der Hitze des Sommers, die uns manchmal verleitet, alles von uns zu strecken und den lieben Gott einen guten Mann oder Frau sein zu lassen. Deshalb ist der Herbst  eine gute Zeit, um anstehende Projekte mit neuer kreativer Kraft anzugehen.

Zudem bietet sich der Herbst hervorragend an, um mit einer kleinen Entgiftung die durch die Hitze des Sommers gelösten Schlacken auszuspülen. Denn schon bald steht wieder die Weihnachtszeit mit Plätzchen, Punsch und deftigem Essen vor der bunt geschmückten Tür.

Tipp zur herbstlichen Entschlackung

Eine einfache Variante ist, morgens nach dem Aufstehen eine Tasse heißes Wasser zu trinken. Aber Achtung: Das Wasser sollte mindestens 10 Minuten kochen.
Dadurch werden die Wasserstoffbrückenbindungen gelöst, die Moleküle werden somit leichter und ähneln so stärker dem Wasser in den Zellen. Dieser Vorgang beschleunigt die Detoxen der Zellen erheblich, da das Wasser schneller aufgenommen werden kann. Wenn ein Stück frischer Ingwer mitgekocht wird, verstärkt sich dieser Effekt noch.

Einfache ayurvedische Herbstrezepte

Um ein Gleichgewicht zu den kalten, rauen und trockenen Eigenschaften des Herbstes zu schaffen, sind aus Sicht des Ayurveda Gerichte mit süßem, salzigem und saurem Geschmack zu empfehlen. Das heißt natürlich nicht zwangsläufig, die pure Zitrone zu trinken oder das Nugat-Glas leer zu frühstücken. Mit ihrem wärmenden, anfeuchtenden und schweren Charakter sorgen diese drei Geschmacksrichtung aber für ein natürliches Gleichgewicht: Im wärmenden Mantel fühlen wir uns jetzt ja auch wohler als mit Flip-Flops und T-Shirt.

Karotten-Dattel-Suppe (Zutaten für 4 Personen)

1,5 Liter basic Karottensaft
8 Karotten
12 Blätter frisches Basilikum
8 saftige Datteln
1 EL edelsüßes Paprikapulver
1 EL mildes Currypulver
2 TL frische, zerstoßene, rosa Pfefferbeeren
2 EL Gemüsebrühe
Ghee oder Kokosfett zum Anbraten
1 Prise Meersalz

Die Karotten schälen, klein schneiden, Datteln ebenfalls klein schneiden und in Ghee andünsten. Anschließend werden Paprika und Currypulver zugeben, alles gut verrühren und für weitere drei Minuten ziehen lassen. Mische den Karottensaft mit der Gemüsebrühe, in den Topf geben, aufkochen und für 15 Minuten köcheln lassen. Basilikum zugeben und die Suppe pürieren. Zum Schluss wird mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt.

Biryani mit warmem Kokos-Mangold-Salat und gerösteten Cashewkernen (Zutaten für 4 Personen)

Reis-Zubereitung:

400g gemischtes Gemüse, gewaschen und klein geschnitten
100g getrocknete Mangostücke, klein gehackt
500g Natur- oder Sojajoghurt
300g Reis
1,5 Liter Gemüsebrühe
1 EL fein gehackter Ingwer
2 EL Currypulver
2 EL süßes Paprikapulver
2 rote Zwiebeln

Zuerst wird der Reis nach Anleitung in Salzwasser gekocht. Gemüse in 1,5 Liter Gemüsebrühe bissfest garen. Als nächsten Schritt schäle die Zwiebeln, schneide sie in Würfel  und dünste sie zusamen mit dem Ingwer kurz in Ghee glasig. Darüber hinaus vermische Joghurt mit Curry, Paprika, Zwiebeln und Ingwer. Darin wird das Gemüse mariniert und 20 Minuten lassen es. In eine kleine Auflaufform eine Schicht Reis, darauf das Gemüse und wieder eine Schicht Reis geben. Das Ganze für 15 Minuten bei 180 Grad in den Backofen geben.

Zubereitung Mangold:

100 g Cashewkerne
1 EL Garam Masala oder eine andere Gewürzmischung
500g Mangold
200 ml Kokosmilch
200 ml Gemüsebrühe
100 ml Orangensaft
1 EL gehackter Ingwer
1 kleine gehackte grüne Chili
1 EL Ghee oder Kokosfett

Cashewkerne in einer Pfanne ohne Fett anrösten. Mangold waschen, die weißen Stiele und die Blätter in Streifen schneiden. Danach wird Ghee in einer Pfanne erhitzt. Anschließend Ingwer und Chili kurz darin glasig dünsten. Zuerst die Mangoldstiele in die Pfanne geben, nach 4-5 Minuten die Blätter. Nun Brühe, Kokosmilch und Orangensaft zugießen. Lass die Mischung aufkochen, reduziere die Hitze und lass den Mangold auf kleiner Hitze weitere 2-3 Minuten in der Pfanne. Kurz vor dem Servieren die Cashewkerne untermischen. Bei Bedarf mit Meersalz und rosa Pfefferbeeren abschmecken und mit Kokosflocken bestreuen.


Koche hier noch mehr Ayurveda-Rezepte von Volker Mehl. Mehr zu Volker unter volkermehl.com