Männer, Frauen, Menschen

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Sind Mädchen und Frauen, die Yoga üben, emanzipiert und mutig genug, um sich gegen die offen frauenfeindlichen Aktionen und Äußerungen von ultrakonservativen Politpredigern und Populisten zu wehren? Hoffentlich, denn eine starke gesellschaftliche Stellung von Frauen und die bisher erreichte Gleichberechtigung müssen aktiv verteidigt werden.

Der überwiegende Teil der heute aktiven Yogis sind Frauen und Mädchen. Es wäre interessant zu erfahren, ob Frauen durch ihre Yogapraxis auch freier, selbstbestimmter und stärker werden. Führt Yoga gar zu echter Gleichberechtigung? Mancher Yogaeffekt ist nicht so einfach zu messen – man stellt vielleicht erst nach Jahren fest, dass sich die Einstellung zu bestimmten Dingen grundlegend gewandelt oder dass sich die eigene Art zu leben verändert hat. Beim Thema Gleichstellung von Mann und Frau hat man den Eindruck, dass es in der Yogawelt in die richtige Richtung geht: Steinzeitforderungen nach Vollzeit-Müttern und Heimchen am Herd haben bei uns keinen Platz. Die Verklemmtheit, Biederkeit und Bigotterie, die sich in so manchen aktuellen politischen und religiösen Forderungen zeigt, kommt im Yoga nicht (mehr) vor. Selbst das esoterische Weiblichkeits-Mütterlichkeits-Fruchtbarkeitsgerede ist auf dem Rückzug. Weibliche Unterwürfigkeit und/oder Unterordnung sind im modernen westlichen Yoga nicht vorgesehen – was nicht ausschließt, dass im persönlichen Umgang oder im Lehrer-Schüler-Verhältnis einiges schiefgehen kann. Und tatsächlich haben es die Frauen in den Ursprungsländern des Yoga wie Indien oder Nepal bis heute nicht leicht, und auch der Yogaweg selbst musste nach Jahrhunderten (wenn nicht Jahrtausenden) Männerdominanz erst mühsam und gegen viele Widerstände für Frauen und von Frauen geöffnet werden.

Wer jetzt nicht gleich umgekehrt dem Amazonen- Quatsch einiger weniger amerikanischer Yogalehrerinnen folgt, müsste eigentlich zu einem ganz brauchbaren Frauenbild oder Selbstverständnis finden. Die großen weiblichen Leitfiguren im Yoga bestechen jedenfalls durch Stärke, Integrität und eine ebenso starke wie unabhängige Stellung in der Gesellschaft: Elisabeth Haich, Silvia Hellman, Indra Devi, Angela Farmer, Vanda Scaravelli, Anna Trökes, Ursula Lyon, Sharon Gannon …

Yoga hat das emanzipatorische Potenzial und die aufklärerische Kraft, Frauen und Männer von tradierten Geschlechterrollen, Diskriminierung und natürlich von Gewalt gegen Frauen, Chauvinismus und Sexismus zu befreien. Deutlich wird dieses Programm schon in den Yamas und Niyamas des Yogasutra: Diese Grundethik verwirft jegliche Art von Gewalt und will den Ausgleich von Interessen unter allen Menschen (und anderen Lebewesen). Trotz der hartnäckigen Ignoranz diverser Männercliquen (Brahmanen, Sadhus, Priester) ist es logisch, dieses ethische Programm auch auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und auf die gesellschaftlichen Rechte von Mann und Frau anzuwenden. Historisch gesehen hat hier sicher auch der Westen den Osten inspiriert und nicht nur umgekehrt. Allgemeiner gesagt sind Pluralismus und Vielstimmigkeit ein gutes Heilmittel für alle möglichen Kopfkrankheiten, auch für ideologische Sackgassen im Yoga. Aber letztendlich müssen wir (Männer und Frauen) uns in vielen Bereichen gegen eine Struktur wehren, in der wichtige Entscheidungen und Machtbefugnisse bei der immer gleichen Gruppe liegen – nämlich bei der kleinen Gruppe alter, weißer Männer. „Alt, weiß, männlich“ ist fast schon gleichzusetzen mit Desastern aller Art, mit Kriegen, Krisen, Stillstand oder Rückschritt – Reformen, Revolutionen, neue Ideen und Denkrichtungen müssen vor allem gegen diese Art von Establishment durchgesetzt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Lektüre der englischen Essayistin Laurie Penny ein wohltuender Schock. Ihr Angriff auf die Männerkulturen und die Konfrontation mit unserer offenbar unendlichen Geduld, Feigheit, Bequemlichkeit, was tradierte Verhaltensmuster und die Diskriminierung von Frauen betrifft, ist sehr heilsam. Ihr schon fast yogisches Credo lautet: „Die wichtigsten politischen Schlachten der Menschheitsgeschichte wurden auf dem Gebiet der Phantasie geschlagen.“ Da können wir Yogis mitmachen. Und dazu hat auch ein Mann etwas Positives beigetragen. Der Historiker Peter Steinbach formuliert die Grundlagen eines zukünftigen Zusammenlebens in Kurzform: „Tolerant, unaufgeregt, freiheitlich, pluralistisch und auch friedlich sollte es zugehen.“

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