„Ich bin eine ewige Schülerin“ – Elena Brower im Interview

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Sie ist klug, kreativ und schön. Was ihre Fans weltweit aber vielleicht am meisten an Elena Brower schätzen, ist ihre Direktheit und Offenheit. Anlässlich eines Workshops im Züricher Studio AirYoga sprachen wir mit ihr über Drogen, Rollenbilder und die Kunst, Vergangenheit und Zukunft in die Balance zu bringen.

Elena, du hast in letzter Zeit einiges durchgemacht: Du hast deinen suchthaften Marihuana-Konsum überwunden, kürzlich starb deine Mutter – und über all das sprichst du ganz offen in deinen Stunden und Vorträgen. Warum trägst du dein Privates in die Öffentlichkeit?

Ich könnte gar nicht anders. Indem ich mich für diesen Beruf entschieden habe, unterscheide ich nicht mehr zwischen öffentlich und privat.

Hat das etwas mit der Authentizität als Yogalehrer zu tun?

Nein, ich teile einfach mit, was in meinem Leben passiert.

Wie reagieren die Menschen auf diese Offenheit?

Ich habe den Eindruck, dass sie sehr dankbar dafür sind und dass es ihnen hilft, weil sie sehen: Ich bin nicht allein.

Es gibt ja die verbreitete Annahme, dass ein spiritueller Lehrer seine Glaubwürdigkeit verliert, wenn er zugibt, dass er ernsthafte Probleme hat. Muss eine Yogalehrerin tatsächlich so etwas wie ein Vorbild für gelungene Lebensführung sein?

Ich war das nie. Nicht einen Moment lang.

Aber erwarten nicht viele Yogaschüler, dass ihr Lehrer das Tuch bei den vier Zipfeln hat – schließlich soll Yoga doch glücklich machen?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass von mir nie jemand so etwas erwartet hat. Meine Schüler wussten immer, dass ich echt bin und nicht ein bestimmtes Image nach außen trage.

Trotzdem hast du erst über deine Sucht gesprochen, als du schon darüber hinweg warst.

Nein, ich hab die ganze Zeit davon gesprochen. Ich hab nie irgendwas versteckt. Ich habe auch nie behauptet, ich hätte die Antwort auf die Probleme meiner Schüler. Ich spreche immer nur über meine eigenen Erfahrungen – als eine Schülerin, die gemeinsam mit euch allen lernt. Ich bin eine ewige Schülerin und das ist, warum dieser Beruf für mich überhaupt funktioniert.

Du definierst die Rolle eines Lehrers also …

… als die eines Schülers, genau. Auch meine Lieblingslehrer sind alle Schüler, die ihre Erfahrungen teilen. Der Segen liegt darin, dass das, was mir hilft, auch anderen Menschen zu helfen scheint. Das empfinde ich wirklich als Segen.

Das heißt, dein Unterricht entwickelt sich entlang deines eigenen Lernens?

Klar. Ich lese eine Menge und erzähle davon, ich lerne von meinen eigenen Lehrern und von dem, was sie jeweils anzubieten haben und was ich mir dabei herauspicke – und das alles fließt in meinen Unterricht ein. Es verändert sich.

Du hast zunächst bei Cyndi Lee gelernt, dann Iyengar Yoga bei Nikki Costello und lange warst du vor allem als Anusara-Lehrerin bekannt. Seit einiger Zeit spielt Kundalini Yoga eine größere Rolle in deinem Unterricht …

Ja, schon seit fünf oder sechs Jahren. Ich habe auch eine Kundalini-Ausbildung angefangen, dann aber festgestellt, dass ich nicht weitermachen sollte, solange ich nicht clean war.

Kundalini Yoga als Weg aus dem Drogenkonsum?

Das hatte nicht unbedingt etwas mit Kundalini zu tun. Ich hab einfach gemerkt, dass ich mit dem Thema durch war. Beim Yoga geht es ja im Grunde um die Klarheit des Geistes. Deshalb hat es auch irgendwann nicht mehr zusammen funktioniert – zumindest für mich. Es war, als hätte ich zwei Leben.

Wie hast du es geschafft, clean zu werden?

Dabei hat mir am meisten die Wechselatmung geholfen. Und Kunst. Ich hab eine Menge gemalt, quasi vierzig Tage am Stück. Das alles liegt jetzt schon bald zwei Jahre zurück. Heute fühle ich mich viel besser. Es ist so viel einfacher.

Was genau ist einfacher? Im Gegensatz zu anderen Menschen musstest du ja nie eine Fassade aufrecht erhalten, denn du bist, wie du sagst, immer offen mit deiner Sucht umgegangen …

Es ist das Leben, das einfacher ist. Da war immer so ein Schleier drüber. Ich habe mich einer Menge Dinge gegenüber taub gemacht. Ohne Marihuana bin ich besser: produktiver, liebevoller, zugewandter, eine bessere Mutter – einfach alles.

Was hat dich dann überhaupt an Marihuana gereizt? Ging es um Entspannung?

Nein, für mich ging es nie um Entspannung, sondern eher um Konzentration. Wenn ich geraucht hatte, konnte ich gut arbeiten, mich für Dinge begeistern, aber kaum mal still sitzen. Es hat mir Auftrieb gegeben, aber eigentlich habe ich das gar nicht gebraucht. Jetzt arbeite ich und begeistere mich für Dinge, ohne zu rauchen.

Stichwort „liebevoller, zugewandter“, also Hinwendung: Warum ist das für viele Menschen heute so schwierig? Worauf käme es deiner Meinung nach an?

Ich denke, wir sind technologisch so sehr vernetzt und miteinander in Verbindung, dass es ein tieferes Bedürfnis nach Selbstwahrnehmung und nach kleinen, intimen Gruppen von engen Freunden gibt. Wir sind ja sehr gut darin, ständig mit der ganzen Welt verbunden zu sein. Aber das wird auch leicht zu viel. Für mich heißt die Lösung: Die Gruppen wieder klein zu machen und auch sehr viel Zeit alleine zu verbringen.

Welche Rolle kann Yoga für mehr Hinwendung spielen?

Der ganze Zweck der Praxis – egal ob Asana oder Meditation – besteht ja darin, sich mit seinem eigenen Wissen zu verbinden. Ich praktiziere vedische Meditation, und das Wort Veda bedeutet Wissen. Es geht einzig darum, sich selbst zu erkennen.

Und aus dieser tieferen Verbindung zu sich selbst folgt eine bessere Verbindung zu anderen Menschen, zur Welt?

Das Erste und Wichtigste bist du selbst. Ich muss nicht an die Welt denken, sondern an mich selbst. Der Rest kommt ganz von alleine, wenn ich in meinem eigenen Herzen sein kann.

Wie vermittelt man dieses Wissen im Yogaunterricht? Sind Worte da oft nicht eher störend? Wenn mein Gehirn damit beschäftigt ist, Informationen zu verarbeiten, finde ich es schwierig, mich überhaupt zu spüren.

So geht es mir auch. Im Vergleich zu den meisten meiner Kollegen spreche ich deshalb nur wenig im Unterricht. Ich möchte in meinen Klassen viel Raum für Stille lassen. Nur so hörst du die Musik, nur so spürst du dich selbst in deinem Körper und kommst zur Erfahrung deines eigenen Herzens.

Dein Buch und viele deiner Workshops heißen „The Art of Attention“, die Kunst der Aufmerksamkeit. Der Begriff Aufmerksamkeit scheint für deine Arbeit zentral zu sein. Wie würdest du ihn definieren?

Es ist genau dasselbe wie bei der Selbsterkenntnis: Du passt auf, was passiert, das heißt, du gehst immer von der Kraft deiner Beobachtung aus. Ich spreche jetzt nicht mehr so viel über Aufmerksamkeit, weil sie viel mehr in mir ist: In dem Moment, in dem ich aufgehört habe, Marihuana zu rauchen, brauchte ich das Wort eigentlich nicht mehr, ich hatte es!

Und wie unterscheidet sich Aufmerksamkeit von dem derzeit sehr präsenten, wenn nicht sogar überstrapazierten Begriff der Achtsamkeit?

Vielleicht gibt es gar keinen Unterschied. Oder wenn, dann so: Wenn ich ganz konzentriert in einer Yogahaltung bin und zugleich alles im Raum um mich herum klar wahrnehmen kann, dann ist das für mich Achtsamkeit. Aufmerksamkeit hingegen ist da, wohin ich meinen Fokus in diesem Moment richten möchte.

Im Workshop hast du die Teilnehmer mehrmals aufgefordert, den Blick in einer Asana bewusst nach vorne zu richten, und dazu gesagt: „Habt keine Angst, mal ein bisschen nach vorn in eure Zukunft zu schauen!“

Ich glaube, die meisten Menschen tendieren dazu, viel zu sehr in ihrer Vergangenheit zu sein. Stattdessen könnten sie sich auch das Ende dieses Jahres vorstellen und sich sagen: Hey, du hast es toll gemacht, du hast so viel gelernt, du bist sicher hier angekommen und jetzt kannst du dich selbst in den Arm nehmen und stolz auf dich sein.

Aber sorgen wir uns nicht sowieso schon viel zu sehr um die Zukunft, viel mehr als um die Vergangenheit?

Nein, ich glaube wirklich, für die meisten ist die Vergangenheit viel dominanter. Aber egal: Wenn du ein Zukunftstyp bist, könntest du damit anfangen, den bestmöglichen Ausgang zu sehen anstatt den schlechtesten. Genauso sage ich denen, die mehr in der Vergangenheit sind: Würdige deine Vergangenheit und wisse, dass sie dich auf eine wirklich gute Weise hierher geleitet hat. Wir müssen beides in die Balance bringen.

Wie integrierst du diesen Gedanken in den Yogaunterricht?

Die ganzen Sequenzen der letzten eineinhalb Tage dieses Workshops und der Fokus auf die Beine und die Füße sollten euch das Gefühl vermitteln, dass ihr von einem starken Fundament herkommt, für das ihr dankbar sein könnt. Dieses Fundament hat euch hierher gebracht. Und von da aus könnt ihr auch voller Vertrauen in die Zukunft schauen.

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