Zeit für Dankbarkeit

Unseren Eltern haben wir mehr zu verdanken, als wir manchmal zugeben wollen. Es gibt viele Gründe, sie sehr zu lieben: Dankbarkeit für die Eltern heißt Dankbarkeit gegenüber der Welt.

Kinderyoga gehört heute zum Alltag. Es ist schön, dass es wieder zeitgemäß ist, Nachwuchs zu haben und sich darum zu kümmern. Wir ­modernen Eltern tun alles, um unseren Kindern das Beste zu geben. Wir wollen diesmal alles richtig machen. Und manchmal wollen wir ganz ausdrücklich anders als unsere Eltern sein. Es ist noch nicht wirklich modern, seine eigenen Eltern zu schätzen. In Asien werden die Ahnen verehrt, sogar auf dem Altar. In unseren Breitengraden aber haben wir seit Sigmund Freud so viel über die Fehler unserer ehemaligen Ernährer gelernt, dass wir ihnen vieles nicht verzeihen wollen oder können. Zu tief scheinen alte Wunden zu liegen. Muss das so sein?

In Indien gibt es eine Figur, die immer am Eingang von Tempeln steht. Auch in deutschen Yoga-Studios ist sie vermehrt anzutreffen. Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf, Sohn von Shiva und Parvati, ein gutmütiger Kerl, der seine Eltern liebt. Dabei hätte er eigentlich allen Grund, sauer zu sein, zumindest auf seinen Vater. War Shiva es doch, der seinem Sohn in Streit und Unwissenheit den Kopf abgehauen und anschließend notdürftig durch ein Elefantengesicht ersetzt hatte. Auch Ganeshas Mutter war nicht immer besonders achtsam mit ihm.

Ganeshas Umgang mit seinen Eltern

Eine Geschichte berichtet über den Streit zwischen ihm und seinem Bruder Karthik. Die Frage, wer der Ältere von beiden sei und daher als erster heiraten durfte, konnten die Eltern nicht beantworten (die Götter sind manchmal so) und schlugen den beiden daher einen Wettkampf vor. Einmal um das Universum laufen. Ein aussichtsloses Rennen für Ganesha. Mit seinem dicken Bauch und einer Ratte als Fortbewegungsmittel hatte er keine Chance, gegen seinen durchtrainierten Bruder zu gewinnen. Er gab trotzdem nicht auf.

Als Karthik bereits in Eile ­gestartet war, ging er einfach seelenruhig zweimal im ­Uhrzeigersinn um Shiva und Parvati herum, so wie Pilger im Tempel das Heiligste verehren. Keine Minute später kam sein Bruder von der Umrundung des Universums zurück und wähnte sich als Sieger. Ganesha allerdings erklärte, er habe in der kurzen Zeit bereits zweimal die ganze Welt umrundet. Seine Eltern seien für ihn das Wichtigste. Shiva und Parvati waren hocherfreut und gaben Ganesha die zwei Bräute Weisheit und Fülle. Karthik verließ in Wut das Elternhaus im Himalaya und zog zornig nach Südindien, um ab jetzt nichts mehr mit seiner Familie zu tun zu haben.

Bei all dem, was wir uns bemühen, für unsere Kinder zu tun, frage ich mich manchmal, was wir unseren Eltern geben können. Denn wenn wir unsere Eltern nicht annehmen, wie sollen unsere Kinder uns als vollständig ansehen? Ich sehe viele Seminare auf dem Markt, in denen man „lernt“, seine Wut über Verletzungen aus der Vergangenheit heraus zu schreien. So kann man aber auch Gefahr laufen, eine alte Geschichte zu zementieren. Wenn man sich auf das konzentriert, was falsch gelaufen ist, sieht man nur Fehler.

Mit den Augen der Liebe sehen

Aber genauso gilt: Sehe ich mit Augen der Liebe, dann sehe ich Augen der Liebe. Wir haben auch unsere Schokoladenseiten von unseren Eltern geschenkt bekommen. Je mehr wir uns auf Dankbarkeit konzentrieren, desto mehr sind wir mit uns selbst im Reinen. Das, was wir uns manchmal am meisten gewünscht haben – von unseren Eltern angenommen zu werden – vielleicht können wir anfangen, das selbst zu geben. Wenn meine Tochter mit mir meckert, kann ich mir heute vorstellen, dass meine Eltern es auch nicht immer einfach mit mir hatten. Ich kann verstehen, dass sie mich nicht immer verstehen konnten.

Auf der spirituellen Suche projizieren viele Leute den Wunsch nach Akzeptanz und Geborgenheit auf Lehrer, Gurus oder umarmende Mutterfiguren. Einfacher könnte es sein, „zuhause“ anzufangen. Denn vielleicht ist es das, wonach wir eigentlich suchen. Die Sehnsucht nach unseren Eltern ist unendlich groß. Ganeshas Bruder ließ sich auf seiner Flucht vor den Eltern schließlich auch an einem kleinen Berg im Süden Indiens nieder. Weil der ihn an seine Heimat erinnere, sagte er. Unsere Wurzeln sind immer sehr stark, auch wenn wir manchmal anders denken. In Dankbarkeit liegt eine Menge Kraft. Und wenn wir uns zu unseren Wurzeln bekennen, dann fühlen sich auch unsere Kinder sicher und wohl.


Ralf Sturm hat zusammen mit Katharina Middendorf das Buch „Götter-Yoga“ verfasst.

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