Vipassana-Meditation – Die Redaktion testet

Viele Prominente, aber auch immer mehr „normale“ Menschen reden derzeit über diese buddhistische Vipassana-Meditation. Damit meinen sie den meisten Fällen ihre Erfahrungen in einem zehntägigen Schweige-Retreat nach der Lehre von S. N. Goenka. Dabei beobachtet der Übende achtsam und gleichmütig die Empfindungen im eigenen Körper, die Spiegel des Geistes und eine Verbindung zum Unbewussten sind.

Das Schweigen der Lämmer – von wegen. Ihr Blöken und Mähen dringt von draußen ein in die Stille des schummrigen Meditationssaals und mischt sich mit gelegentlichen Hustern. Oft fällt auch die Tür ins Schloss, wenn jemand wehleidig mit schmerzendem Rücken oder Knien die Sitzung verlässt.

So wie ich jetzt. Es ist der vierte von zehn Tagen Vipassana-Meditation, ich gehöre zu den „Neuen Schülern“. Auch wenn ich das selbstbewusste Gefühl verspüre, länger als die anderen Anfänger hier durchzuhalten und schon locker mit den Alten mithalten zu können, genehmigt mir mein schmerzender Lendenwirbel nun einen Spaziergang in unserem Außengehege. Jenseits des Zauns, der uns 70 Schweigenden von der Freiheit und dem Alltag trennt, trippelt wieder die Herde vorbei an unserem fußballfeldgroßen Gatter. Mäh! Määäh! Nun bleiben einige Schafe stehen und stieren mich verständnislos an. Nun stiere ich zurück.

Sie kommen und gehen und fressen und blöken, wann sie wollen. Schaf will man sein. Noch sieben Mal schlafen… Ihr Pfad ist sauber ausgetrampelt. Ein direkter Weg zu ihrem Ziel, einer schier endlosen Weide. Anschließend schaue ich mich in unserem Auslauf um. In dem vor drei Tagen gefallenen Schnee laufen die Spuren kreuz und quer wie auf dem Pausenhof einer Grundschule.

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Im (T)raum der Stille

Aber bei den Frauen drüben sieht es nicht viel anders aus, aber eher nach Oberstufe. Denn ihre Spuren führen zu einer Ansammlung von Bierbänken, eine Art Raucherecke ohne Zigaretten und Gespräche. Also schweigen sie offenbar gern sozial in der Sonne. Wir Männer sind Einzelschweiger. Einer hat sich zur körperlichen Ertüchtigung eine Art buddhistischen Mehrkampf ausgedacht. Schneeballweit- und Zielwurf, Klimmzüge am Fußballtor, Eisschlittern. Manchmal lacht er irre und ich denke: Der gibt bald auch. Tatsächlich wird von rund 70 Teilnehmenden nur ein Jugendlicher vorzeitig abreisen. Den Männer- und Frauen-Gefängnishof trennt der Laufplatz des Lehrer-Ehepaars: Wie in einem Sportstadion sind ihre exakten ovalen Bahnen zu lesen.

Zurück im Raum der Stille gibt mein Rücken zwar Ruhe, aber meine Gedanken springen herum wie erwähnte Grundschüler in der Pause. Los, atme! Ein. . . aus . . . ein. . . aus. . .  Dann fällt mir wieder „Das Schweigen der Lämmer“ ein, der Film. Und die Natur am Kongo, die den jungen Helden im Buch „Das Herz der Finsternis“ gnadenlos anschweigt. „Das Grauen, das Grauen!“ Dann die schlumpfblauen Außerirdischen in „Avatar“, die sich um einen Götterbaum herum mit ihren Zöpfen in die Mutter Natur einstöpseln und sich im meditativen Einklang wiegen. Wie albern ist das denn, wer kommt denn auf so eine Idee, dass wir alle miteinander durch eine göttliche Macht verbunden sind? George Lukas? Buddha! Ach so. Allerdings ist mir das alles gerade zu heilig.

Alleine mit den Gedanken

Witz, wir brauchen mehr Witz! Ich denke an „Pepe, den Paukerschreck“, Uschi Glas und die Streiche der „Lümmel von der ersten Bank“. Das müsste man hier mal ausprobieren. Den Schlussgong nach 15 Minuten statt nach zwei Stunden schlagen. Alle wähnten sich dann jenseits der Zeit, der Erleuchtung nahe. Oder man müsste mit einem lässig um die Hüften geschlungenen Handtuch in den Tabubereich, den Frauentrakt, einmarschieren und nach der gemischten Saune fragen. Haha! Naja. Zeit für einen Spaziergang.

Draußen läuft mir eine getigerte Bauernkatze über den Weg. Ich rufe ihr – voller Metta, der liebevollen Fürsorge – das einzige Wort zu, dass ich in den zehn Tagen nobler Stille sagen werde: „Miez!“ Ein Reflex. Ich erschrecke vor meiner eigenen Stimme. Die Katze offenbar auch. Sie duckt sich, maunzt und springt davon hinter den Zaun. Dann schweigt die Natur wieder und ich auch.

Vipassana-Meditation: Der Hintergrund

Jeden Abend klettert Joan Baez die Leiter zu ihrem Baumhaus hinauf. Die berühmte Friedenssängerin, heute nicht weniger aktiv als in den sechziger Jahren, macht es sich weit oben auf einer Plattform bequem. Zudem gibt es kein Dach über ihr, nur den kalifornischen Himmel. Sie liebt es, die Flügelschläge der Vögel und andere Luftbewegungen auf der Haut zu spüren. Dann übt sie sich in Vipassana-Meditation. All der Ärger, der sich den ganzen Tag beim Demonstrieren oder Debattieren mit Weltverschlechterern aufgestaut hat, löst sich auf. Ebenfalls Körperliche Schmerzen, etwa als sie nach einem Sturz von der Leiter an der Hüfte operiert wurde, werden unwirksam. Außerdem legen sich Begeisterungsstürme nach ihren Konzerten legen sich zu einem friedlichen Lächeln. Was immer war, nach Vipassana schläft Joan Baez ruhig und wacht wie neugeboren im Baumhaus auf.

Viele Prominente, die ständig im Rummel stehen, aber auch immer mehr „normale“ Menschen reden derzeit über diese buddhistische Meditationstechnik: Vipassana. Zudem über die eigene Erfahrungen aus dem täglichen Üben oder vom zehntägigen Schweige-Retreat, das sie bald endlich auch meistern wollen. Denn Vipassana-Meditation verbreitet sich sanft aber unaufhaltsam. Es schließt niemanden aus, die Kurse finanzieren sich allein aus Spenden, es lässt sich mit den meisten Weltanschauungen verbinden. Also finden Freunde Freud`scher Psychologie ebenso viele Anknüpfpunkte wie Yogis. Seltsamerweise begnügen sich viele Beim Vipassana mit der Lehre eines Meisters auf Video: S. N. Goenka. Selbst jene, die sonst jedem halbwegs prominenten Yogatrainer nachreisen.

Von Michael Zirnstein | Lies mehr in unserer Ausgabe November/Dezember 2013! | Foto von Marcus Aurelius von Pexels

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