Wann ist der Mensch ein Mensch?

Was lässt uns lieben, leiden und was verbindet uns trotz unterschiedlicher Herkunft im tiefsten Inneren? Der von der UN unterstützte Dokumentarfilm „Human – Die Menschheit“ des französischen Regisseurs Yann Arthus-Bertrand stellt die bewegenden Fragen unserer Zeit. Indem er Menschen aus 60 Ländern zu Wort kommen lässt, spricht die Dokumentation auf beeindruckend subtile Weise für sich selbst.

Worin liegt die Kraft des Kinos, ein umfassendes Bild menschlicher Befindlichkeit zu vermitteln?
Das Medium führt uns näher an die Wahrheit unserer Existenz. Meine gesamte Arbeit als Fotograf, Regisseur und Gründer der Stiftung GoodPlanet kreist um die Schönheit unseres Planeten und die Gefahren, die ihn bedrohen. Ich agiere aus Liebe zum Leben und zu den Menschen. Meine Frage lautet: Was bringt uns zusammen? Mit dem Rhythmus aus direkt in die Kamera gesprochenen Statements und Luftaufnahmen atemberaubender Landschaften habe ich versucht, den Begriff „Menschlichkeit“ auf eine neue Weise zu kommunizieren.

Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich?
Die wesentlichen Entscheidungen des Lebens bewusst zu treffen. Ich bin jetzt 70 Jahre alt und versuche, mit meinen Projekten Sinn zu stiften. Der 13-jährige Straßenjunge, der im Film seine Überzeugung beschreibt, dass „Gott sicher eine Mission für ihn habe“, geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Wir alle haben einen Plan zu erfüllen, den wir in unserem Leben Schritt für Schritt kennenlernen. Dabei sollten wir unsere Menschlichkeit über unsere Ängste stellen. Wir tragen beides in uns, Empathie und Hass. Aber wir können jeden Moment neu entscheiden, welchem Gefühl wir den Vorrang geben.

© A. Miquel

„Human“ ist ein visuelles Kunstwerk, dazu politisch engagiert. Eigentlich eine untrennbare Verbindung?
Ich sehe mich eher als Journalist als als Künstler. Ich reflektiere das Leben, das ich um mich herum beobachte – wie in einem Museum, dessen Bilder ich fotografiere. Alles auf dieser Welt ist ein Kunstwerk, aber ich habe nichts dazu beigetragen. Meine Aufgabe ist es, mich an einen guten Ausgangspunkt zu bewegen, um diese Schönheit aufzunehmen und zu vermitteln. Ich finde, dass wir in dieser Hinsicht bescheiden sein müssen.

„In Gesichtern, Blicken und Worten finde ich einen kraftvollen Weg, die Tiefe der menschlichen Seele zu ergründen“: Können Sie beschreiben, was Sie dort gefunden haben?
Wenn man die Menschen betrachtet, die vor unsere Kameras getreten sind und oft zum ersten Mal in ihrem Leben Gehör gefunden haben, sind alle schön. Jeder möchte Liebe geben und geliebt werden. Das ist das, was uns am meisten verbindet. Dabei gehen Schönheit und Schatten Hand in Hand.

Reisen bedeutet, Spuren zu hinterlassen – wie sind Sie und Ihr Team mit den unvermeidlichen Konsequenzen umgegangen?
Bei 110 Drehtagen in 60 Ländern mussten wir uns Gedanken über den Ausgleich der CO2-Bilanz machen. Wir haben tatsächlich 917 Tonnen CO2 produziert und versucht, es mit dem „Action Carbone Solidaire“-Programm meiner Stiftung GoodPlanet einigermaßen auszugleichen. Mit dem Programm haben wir in diesem Fall 153 Biogas-Reservoire in Indien unterstützt.

Würden Sie „Human“ als spirituellen Film bezeichnen?
Absolut. Wir brauchen zweifellos mehr Spiritualität im Leben, eine Revolution, nicht nur politisch oder wirtschaftlich, sondern auf umfassenderer Ebene.

Haben Sie eine bestimmte spirituelle Praxis?
Ich versuche gerade, regelmäßig zu meditieren, ich habe einfach zu viele Gedanken im Kopf. Ich merke aber, dass ich Unterstützung brauche: Nachdem ich mehrere Bücher darüber gelesen habe, möchte ich nun mit einem Lehrer arbeiten.

„Human“ ist pure Meditation … Er kam zu einer Zeit in die deutschen Kinos, in der intensiv über Flucht und die Bedrohung durch Terror diskutiert wird. Kann Ihr Film über Menschlichkeit eine adäquate Reaktion empfehlen?
Ich denke, dass der Film genau zur richtigen Zeit erscheint, in der wir neue Wege lernen müssen, miteinander zu leben. Er bietet allerdings keine Lösung an. Die Konsequenz heißt, Verantwortung zu übernehmen. Die Lösung heißt Liebe.

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