Yoga while you wait

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Toll, nichts geht mehr: Dank „Yoga while you wait“ hat das Warten zwar kein Ende, aber eine neue Qualität gewonnen. Das hinreißende Buch der Hamburger Yogalehrerin Judith Stoletzky ist ein skurriler, selbstironischer Blick auf den Yoga-und Achtsamkeits-Hype.

Frau Stoletzky, regen Sie sich persönlich gar nicht mehr auf, wenn Stillstand angesagt ist?

Schön wär’s, doch ich arbeite täglich daran. Yoga schärft zumindest das Bewusstsein dafür, dass man seine Stimmungen zu einem sehr großen Teil steuern kann. Ob man sich nerven lässt, kann man entscheiden, man muss diese Haltung aber ständig üben. Die Seele scheint nämlich auch Muskeln und Bänder zu haben, die sich trainieren lassen. Die Idee für das Buch kam mir in der Tat, als ich sah, wie ein Mann richtig schlechte Laune hatte, weil der Fahrstuhl nicht kam. Der Mensch war jung, sah gesund aus und hatte nichts Schweres zu tragen. Ich dachte, wo ist das Problem? Du bekommst gerade Zeit geschenkt. Genieß es. Mach was damit. Zu Fuß gehen zum Beispiel.

Die berühmte „Zeit für sich selbst“, für deren Organisation wir uns oft genug in Stress versetzen: Ist sie also leichter zu bekommen, als wir immer denken?

In jedem Tag stecken kleine Ritzen. Man hat ja auch Zeit, permanent das Smartphone zu befummeln, erst recht, wenn man warten muss. Mal eben dies checken und mal eben da gucken läppert sich schnell zu einer Stunde zusammen. In der Regel ist das verplemperte Zeit, an deren Inhalt man sich im nächsten Augenblick schon nicht mehr erinnern kann.

Aus der Reihe zu tanzen, ist manchmal gar nicht so einfach – schon gar nicht in einer Yogaposition. Wie überwinden wir die eventuelle Peinlichkeit einer solchen Situation?

Diese Verklemmtheit ist Teil der Idee des Buchs und macht die Situationen so skurril. Ist doch verrückt, dass man soviel Angst davor hat, dass andere denken, dass man verrückt ist. Welches echte Risiko geht man ein? Wem tut man damit weh? Die Leute gucken. Und? Ich glaube ja eher, dass sie etwas anderes denken. Sie denken, der oder die ist aber entspannt. Stimmt. Ich müsste mich auch mal strecken.

Geht es Ihnen beim Yoga um eine umfassendere Haltung, als sie meistens im Unterricht geübt wird?

Wenn ein Lehrer eine Yogaklasse zu einem Bootcamp macht, gehe ich lieber joggen. Aber das ist ja Geschmackssache. Wenn Yoga heute vielfach das ist, was vor 30 Jahren Aerobic war, mit dem Unterschied, dass in der Ecke ein Baumarkt-Buddha steht, dann ist das ist auch okay – jedem das Seine. Die Übungen sind ja de facto auch ein tolles Workout. Mit der Bedeutung des Wortes Yoga hat das für mich nur minimal zu tun. Lance Schuler sagte mal, dieses ganze Geturne auf der Matte veranstalte man eigentlich nur, damit der Körper beim Meditieren nicht stört. Ich glaube, da ist was dran.

Wie würden Sie die Ästhetik der Fotos in Ihrem Buch beschreiben?

Yoga im ganz profanen Alltag, in dämlichen Situationen, Alltagsklamotten, an normalen Körpern und Übungen, die man für sich selbst macht, nicht für die Kamera und Likes. Ich finde das Insta­gram-Showbusiness weder nützlich noch freundlich und vor allem nicht einladend. Es schüchtert Menschen, die noch nie auf der Matte waren, ein. Weil sie denken: In diese Zirkuspose komme ich in 100 Jahren nicht, so sehe ich nicht aus, und außerdem muss ich jetzt zum Einwohnermeldeamt und nicht an den Traumstrand auf Bali.



Dass „Yoga while you wait“ (Becker Joest Volk Verlag,
ca. 16 Euro) sogar in der Fachpresse landet, hätte Judith Stoletzky nie für möglich gehalten, denn „ich bin keine Yogaexpertin, sondern eine für lustige Ideen“. Damit hat sie bei YJ-Redakteurin Christina Raftery einen Nerv getroffen, die für künftige Behörden-, Restaurant- und Arztbesuche bewusst die „Stoßzeiten“ wählen wird.

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