Die Kunst der Hilfestellung im Yoga: Mark Stephens über helfende Hände

Der amerikanische Yogalehrer Mark Stephens gilt als einer der besten, wenn es darum geht, Asanas so anzuleiten, dass sie mit Körper und Geist gefühlt statt nur nachgeahmt werden. YOGA JOURNAL sprach mit ihm im Interview über die Kunst der praktischen Hilfestellung.

Yogahaltungen kann man lernen, indem man genau hinschaut, wenn es jemand vormacht. Indem man hört, was im Yogaunterricht für alle Bedürfnisse erklärt wird. Und indem man sich von helfenden Händen leiten lässt. Mark Stephens hat alle drei Methoden erforscht und zur Perfektion gebracht. In den vergangenen Jahren bildete er über 1.000 Yogalehrer aus und verfasste mehrere Grundlagenbücher über den Yogaunterricht. Er setzt sich detailliert mit Hands-on-Assists auseinander. Stephens Ziel: weitergeben, wie man mit nachhaltig gesunder Wirkung Yoga praktiziert. Wir haben ihn gefragt, worauf es dabei ankommt.

Allgemeine Prinzipien für eine gelungene Yogapraxis

YJ: Was ist das Wichtigste für eine gesunde Asana-Praxis?

MS: Bewege dich langsam, atme tief und dann lass die Haltung einfach passieren. Geh nicht so tief in eine Asana, dass die Atmung nicht mehr fließen kann. Eine Asana muss in den gleichmäßigen Atemfluss passen. Wieso also die Eile? Die Kunst der Hilfestellung kann man durch Langsamkeit ebenfalls besser meistern.

YJ: Patanjali schreibt in den Yoga Sutras: Eine Asana braucht Stabilität und Leichtigkeit. Wie vermitteln wir das als Yogalehrer durch praktische Hilfestellungen und Handgriffe?

MS: Jedes Mal, wenn wir Hand anlegen, brauchen wir eine klare Absicht. Was wollen wir mit der Berührung erreichen? Dann sollten wir uns dem Atemrhythmus des Schülers anpassen. Beim Einatmen unterstützen unsere Hände die Länge und die Weite. Und beim Ausatmen begleiten sie den Schüler sanft tiefer in die Haltung hinein. Die Hand des Lehrers liegt dabei dort, wo die Bewegung entsteht: Wenn ich zum Beispiel im gestreckten Dreieck möchte, dass der Schüler den oberen Arm auswärts dreht, liegt meine Hand an der Schulter und nicht am Handgelenk.

Respekt und Einfühlungsvermögen als Voraussetzungen für Hands-on-Assists

YJ: Es gibt Lehrer, die überhaupt nicht mit Berührungen arbeiten, weil Assist vielleicht unerwünscht sind.

MS: Ja, manche Lehrer scheuen das aus verschiedensten Gründen. Und auch für manche Schüler ist Yoga eine so persönliche Praxis, dass eine plötzliche Berührung eine Grenzüberschreitung wäre. Es ist eines meiner Grundprinzipien, immer um Erlaubnis zu fragen, ob ich jemanden mit den Händen leiten darf. Wie und wann man berühren darf, darum geht es auch viel in meinen Büchern. Ich hoffe, dass Lehrer manuelle Hilfen auf der Basis von Wissen und Respekt geben. Jeder Schüler hat bevorzugte Sinne, um Dinge zu lernen. Für manche Schüler sind verbale Anleitungen sinnvoll und wichtig. Andere hingegen lernen eher optisch und brauchen das visuelle Vorbild des Lehrers. Und wieder andere lernen dadurch, dass sie körperlich spüren. Es gibt keine EINE Kunst der Hilfestellung, sondern sie geht auf die Bedürfnisse der Schüler ein.

YJ: Wann reichen Worte oder das optische Vorbild des Lehrers nicht aus?

MS: Wenn es noch etwas zu verbessern gibt und der Schüler die manuelle Unterstützung möchte. Angemessene und gewählte Handgriffe helfen, eine Asana tiefer zu verstehen. Besonders die richtige Ausrichtung und das, was energetisch in der Haltung passiert. So wird die Asana sicher und zugänglich und guter Yogaunterricht wirkt nachhaltig.

Achtsamkeit in er Yoga-Praxis

YJ: Welche Möglichkeiten haben Lehrer noch, eine gesunde, nachhaltige Asanapraxis zu vermitteln?

MS: Neben unseren Worten, unseren Händen und unserem Vorbild haben wir noch all die Hilfsmittel wie Blöcke, Gurte, Kissen und Decken, mit denen wir Haltungen erleichtern. So können wir die Ausrichtung verbessern und konkrete Modifikationen bieten.

YJ: Wann ist der Körper am verletzlichsten?

MS: Eine große Verletzungsgefahr liegt natürlich darin, eigene Grenzen nicht zu respektieren. Außerdem ist das Auflösen einer intensiven Haltung immer kritisch, weil die Aufmerksamkeit meist stark auf dem Aufbau und der Durchführung der Asana liegt und dann abfällt.

Welche Hilfstellungen halten Sie für besonders wichtig?

Lehrer sollten vor allem dort stabilisierende Berührungen anbieten, wo die Gelenke sehr beweglich sind. In Urdhva Dhanurasana (Bogen) zum Beispiel tragen die Schultergelenke in einer sehr mobilen Position einiges an Gewicht. Da ist es wichtig, dem Schüler in die Auswärtsdrehung der Oberarme zu helfen. Denn so sind die Gelenke stabil. Die Berührung des Lehrers sollte präzise sein und das Fundament des Schülers festigen, den Körper ausrichten und tiefere Entspannung in der Asana ermöglichen. So hilft die Kunst der Hilfestellung dem Schüler, eine Asana zu erleben und zu fühlen, statt nur die äußere Form einzunehmen.

Auch Yoga das auswählen, was einem gut tut

In einem Artikel haben Sie mal geschrieben: „Du machst Yoga. Yoga macht nicht dich.“ Was meinen Sie damit?

Ich will darauf aufmerksam machen, dass jeder für sich wählen soll, was ihm gut tut. All die verschiedenen Yoga-Stile und Unterrichts-Arten, sind wie ein riesiges, abwechslungsreiches Buffet. Davon würde man auch nicht alles essen. Sondern man würde auswählen, was man mag und was einem gut bekommt.


Mark Stephens hat bereits mehrere internationale Bestseller über den Yogaunterricht geschrieben. Sein neuestes Buch über Yogatherapie mit dem Schwerpunkt „Schlaf“ erschien 2019 im Riva-Verlag. Er lebt in Kalifornien und unterrichtet weltweit, häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz. markstephensyoga.com


Foto: Sylvia Bidermann

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