Heute denken, morgen fertig

Gibt Yoga wirklich das Versprechen auf die Entdeckung von ewigen Wahrheiten?
Verheißt Yoga lebenslanges, ungetrübtes Glück und die Einheit hinter allen Dingen? Wenn ja, muss es sich entweder um ein Missverständnis handeln oder es spricht viel dafür, dass diese Versprechen falsch sind.

Es gibt im Yoga (wie fast überall) ein Hintergrund­rauschen an Grundüberzeugungen, die kaum jemals in Frage gestellt werden. Dazu gehört der Glaube an so etwas wie zeitlose Wahrheits- oder Weisheitslehren. Immer wieder werden uns Menschen präsentiert, die angeblich ewige Wahrheiten kennen, die praktisch alles verstehen und wissen. Dahinter steht offenbar die große Hoffnung, irgendwann einmal fertig zu sein mit all der Anstrengung im Denken, Forschen und Üben und in einer Art Durchbruch endlich über abschließende Ergebnisse zu verfügen. Ganz im Sinne des deutschen Malers Martin Kippenberger und seinem ironischen Credo „Heute denken, morgen fertig“.

Leben bedeutet kontinuierliche Veränderung

Fruchtbarer und auch sympathischer ist eine bescheidenere Variante des eigenen Nachdenkens und Urteilens, die davon ausgeht, dass wir uns so etwas wie der „Wahrheit“ immer nur annähern können. Diese Spielart geht davon aus, dass Erkenntnis etwas Vorläufiges und Einholbares ist und dass unser Wissen in Bewegung bleiben sollte, wenn wir nicht in dogmatischer Enge gefangen sein wollen. Yoga postuliert daher, dass der Mensch sich in einem immerwährenden Prozess der Veränderung befindet, der Leben heißt. Genau das motiviert im yogischen Sinne auch das fortgesetzte Üben.
Vor allem unsere liebsten Überzeugungen sind meist hoffnungslos provinziell – das heißt abhängig vom kleinen kulturellen Umfeld, einer zufälligen historischen Situation, unserer Bildung, der Sozialisation. Wir sind also gut beraten, Glaubenssätze immer wieder auf ihre Stichhaltigkeit, ihre Voraussetzungen und vor allem auf ihre Folgen zu überprüfen. Die Folge von zu viel ewiger Wahrheit ist ewige Erstarrung.

Der fertige Mensch?

Ähnlich fraglich ist die Vorstellung eines unveränderlichen Wesenskerns des Menschen. Erkenne dich selbst und fertig? Das würde, zu Ende gedacht, auch jeder persönlichen Entwicklung und Veränderung ein Ziel vorschreiben, einen Schlusspunkt. Mitunter wird auch behauptet dieser Wesenskern wäre bei allen Menschen im Wesentlichen gleich. Wir wissen also, wie der fertige Mensch in seinem Inneren aussehen wird oder soll? So schnell kann man sich jeder Freiheit berauben.
Auch mit dem Streben nach endlosem Glück ist es so eine Sache. Soll das wirklich das oberste Ziel im Yoga sein, wie ich erst vor Kurzem wieder auf der Website meiner Lehrer gelesen habe? Man muss ja nicht gleich vom Leben als endloses Leiden ausgehen, wie mancher Buddhist. Aber offensichtlich liegt im Wechsel von glücklichen und leidvollen Erfahrungen die besondere Qualität menschlichen Lebens. Kaum einer würde deshalb eine hypothetische Glückspille wirklich schlucken wollen, wenn es nie wieder eine Abwechslung vom immer gleichen Glück geben würde.

Zum Glück kein Ende in Sicht

Wahrheit, Weisheit, das Wesen des Menschen, Glück: All das gibt es in Reinform vermutlich gar nicht – und zwar „Gott sei Dank“. Allein schon die Vorstellung, einen Zustand zu erreichen, in dem alle Probleme und Herausforderungen ein für alle mal als erledigt gelten können, ist wenig hilfreich. Im Gegenteil dazu eröffnet das Ausgehen von einer grundsätzlichen Vorläufigkeit eine viel größere Freiheit. Allerdings auch eine viel größere Verantwortung, denn wir können uns nicht auf sichere Besitzstände berufen oder zurückziehen. Diesen ständigen Durchgang durch Übung, Reflektion, Meditation, Abstand, Korrektur, Übung, Reflektion… erklären die Yoga Sutras zum eigentlichen Yoga.

Michi KernMichi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-
Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs und Restaurants und studiert Philosophie.

 


Foto: Tero Vesalainen/ www.pixabay.com

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