Nachgefragt bei ANNA RÖCKER

Warum muss man in Shavasana manchmal (scheinbar) grundlos weinen?

Man fühlt sich energiegeladen, ist gut gelaunt und besucht eine Yogastunde. Am Ende freut man sich auf die Tiefenentspannung, legt sich auf die Matte, entspannt – und plötzlich fließen die Tränen. Wie kommt es dazu? Die Therapeutin Anna E. Röcker liefert zwei Erklärungsansätze.

Diese Frage wird mir auch in meiner Praxis immer wieder gestellt. Meine Antwort beinhaltet zwei Aspekte: Zum Einen sind viele Menschen heute sehr unterschiedlichen Anforderungen ausgesetzt, die manchmal kaum noch zu bewältigen sind. Vor allem Frauen kämpfen häufig damit, Kinder und Beruf miteinander zu vereinbaren, sich um Angehörige kümmern und nebenbei den Alltag der Familie zu organisieren. Da bleibt kaum Zeit, sich um die eigenen seelischen Bedürfnisse zu kümmern, zu denen in erster Linie Ruhe und Zeit für sich selbst zählen. Die Seele mag bekanntlich keinen Druck und keine Daueranspannung. Sind Zeiten der Regeneration nicht mehr gewährleistet, kommt es unweigerlich zu Überlastungssymptomen auf körperlicher und psychischer Ebene. Die Yogastunden sind für viele wie kleine Oasen, in denen man sich wieder mit Energie aufladen kann. Während der
Tiefenentspannung (Shavasana) oder auch während einer Yoga-Nidra-Übung fallen oft schon nach wenigen Sekunden Spannung und Stress ab und es kommt unwillkürlich zu einem inneren Aufatmen, das sich nicht selten in Form von Tränen äußert. Die Tränen zeigen, dass innerlich wieder etwas in Fluss kommt und sich die Seele von Druck befreit.

Zum Anderen können Tränen auch darauf hinweisen, dass im Inneren schon länger ein Schmerz oder Problem schlummert, auf der bewussten Ebene aber nicht wahrgenommen wird. Dieses verdrängte Gefühl hat jetzt in der Tiefenentspannung die Chance, ins Bewusstsein zu gelangen und sich bemerkbar zu machen. Kommen Menschen mit diesem Thema zu mir in die Praxis, stellt sich meistens heraus, dass sie wohl ahnen, worum es sich handeln könnte, aber nicht den Mut haben, das Thema wirklich anzuschauen. In der Tiefenentspannung wird die Kontrolle, die unser Kopf üblicherweise ausübt, etwas schwächer. Der Verstand, der sonst unter anderem dafür zuständig ist, schmerzhafte Gefühle zu rationalisieren und auf der Verstandesebene eine Lösung zu finden, ist in diesen Momenten weniger präsent. Dafür ist das Gefühl stärker. Meistens sind diese Tränen dann ein wichtiger Hinweis, dass man sich mit einem dahinter liegenden Thema auseinandersetzen sollte.

Sie sollten sich also, wenn Ihnen während der Tiefenentspannung öfter die Tränen kommen, selbst fragen, ob es einfach ein Aufatmen der Seele ist, die endlich wahrgenommen wird, oder ein wichtiges Signal, sich mit einem tiefer liegenden Problem auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls therapeutische Hilfe zu holen.

Anna E. Röcker bietet in ihrer Münchner Praxis für Therapie und Inner Coaching unter anderem Yoga-Nidra-Seminare an. 

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