Ich bin dann mal weg

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Drei Menschen – drei ungewöhnliche Mutmacher-Geschichten

Viele von uns spielen mit dem Gedanken, beruflich neu anzufangen. Und das womöglich in einem Umfeld, das absolut nichts mit dem alten Beruf zu tun hat. Doch wie lässt sich so etwas umsetzen? Das wollte YOGA JOURNAL von drei Menschen wissen, die aus konventionellen Arbeitsstrukturen ausgebrochen sind, um sich in den Bereichen Nachhaltigkeit beziehungsweise Spiritualität selbstständig zu machen.

Foto: Wari Om

Angekommen in der Realität
Bereut hat keiner der drei den Schritt in die Selbstständigkeit. „Im November 2011 musste ich kurz seufzen, weil ich nun eigentlich das Weihnachtsgeld bekommen hätte. Doch das war der einzige wehmütige Moment in der ganzen Zeit!“, so Jennie Appel. Auch Christine Julius würde es wieder genauso machen. „Allerdings passiert ein solcher Wandel nicht über Nacht. Bei mir waren es anstrengende fünf Jahre. Doppelleben und drastische Sparmaßnahmen, aber es hat sich gelohnt!“, stellt Julius fest. Jörg von Kruse geht es um die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. „Das war auch die Herausforderung. Wir wollten eine tolle Firma, die tolle Ideale hat. Nun muss man es schaffen, dass man diese Ideale in die heutige Zeit rettet und das Unternehmen trotzdem ökonomisch überlebensfähig macht. Das ist die Symbiose, die zwischen der Inhaberin und uns besteht“, so von Kruse. „Ich habe jahrelang mit dem Transporter die Paletten gepackt und ausgefahren und Verpackungen etikettiert. Wir sind mit einem kleinen Mitarbeiterstamm an den Start gegangen. Da muss man sowieso alles machen. Und das nicht nur ein halbes Jahr, das ging drei oder vier Jahre lang so.“

Springen – aber richtig
Was sind also die Überlegungen, wenn man einen Neustart im Bereich Nachhaltigkeit oder Spiritualität hinlegen möchte? Jörg von Kruse meint: „Man sollte schon genau in alle Richtungen prüfen. Wir haben das aus meiner Sicht im Grunde nicht tief genug analysiert.“ Ob er den Schritt auch gewagt hätte, wenn er alle Fakten in der Hand gehabt hätte? „Dieser Einwand ist richtig. Wenn man sehr stark anaschwerpunkt lysiert, besteht vielleicht die Gefahr, dass man die Dinge seltener anpackt, weil es natürlich immer etwas gibt, das einen zurückhält“, so von Kruse. Christina Julius hat neben Yoga und inspirierenden Workshops das Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron geholfen. „Es ist ein 12-Wochen-Programm mit vielen Fragen und Aufgaben, die mir geholfen haben, auf mich zu hören, meine Wünsche und Bedürfnisse zu verstehen und erste Schritte in die richtige Richtung zu machen.“ Jennie Appel empfiehlt die gute alte Pro-Kontra-Liste zum Abwägen, ob man den Schritt wagen möchte. Daneben rät sie zu einer klaren Auseinandersetzung mit den wichtigen Sachfragen, die vorab geklärt werden sollten: Wie sieht es mit der Rechtslage aus, mit Steuerfragen, Marketing- und Werbemaßnahmen und mit allem, was zu einer erfolgreichen Veränderung dazugehört? Appels Fazit: „Man sollte auf keinen Fall kopflos springen – aber springen sollte man!“

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Von der erfolgreichen Managerin zur leidenschaftlichen Verfechterin gesunder Ernährung

Christina Julius führte ein turbulentes, stressiges Leben: Die studierte Betriebswirtin arbeitete 15 Jahre lang als christina_juliuserfolgreiche Managerin. Sie wurde in Den Haag geboren, wuchs in der englischen Pampa auf und machte als Teenagerin Paris unsicher, bevor sie in München landete. Zuletzt arbeitete sie als Bereichsleiterin im internationalen Marketing eines großen amerikanischen Softwareunternehmens. „Meine Mitarbeiter waren über ganz Europa verteilt und ich musste viel reisen“, schreibt mir Julius aus Bali, wo sie zur Zeit Station macht und vegane Kochkurse gibt. Ihre Jivamukti-Yogapraxis in Kombination mit ihrem wachsenden Bewusstsein für ganzheitliche Gesundheit, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit brachten den Stein ins Rollen. Daher widerstrebte es ihr auch, für ein Unternehmen zu arbeiten, in dem die Aktieninhaber ausschließlich an Renditen interessiert waren. „Abends und am Wochenende absolvierte ich die Heilpraktikerausbildung, sowie Abschlüsse in Homöopathie und Ernährungsberatung. Das war schwierig! Aber meine Leidenschaft für faires, nachhaltiges und gesundes Essen, meine regelmäßige Yogapraxis und eine gesunde Lebensweise gaben mir die Kraft dafür. Als ich irgendwann die Gelegenheit bekam, das Unternehmen zu verlassen, griff ich zu und stieg aus.“ „Vom Partygirl zur veganen Yogini“ – so beschreibt sie selbst ihren Lebenswandel.
Christina Julius ist Homöopathin, Ernährungsberaterin und Yogalehrerin. Sie schreibt einen Foodblog und arbeitet gerade an einem Kochbuch über vegane Ernährung.

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Früher Wirtschaftsanwalt, heute Geschäftsführer einer Bio-Kosmetikmarke

Jörg von Kruse war Wirtschaftsanwalt in einer Berliner Kanzlei. Es ging ihm gut. Nur die Arbeitszeiten waren nicht so ganz nach seinem Geschmack. Meist saß er bis 20 Uhr in der Kanzlei. So verlangt es die verdrehte von KruseArbeitskultur der starken Männer. „Ich wollte einfach weniger arbeiten“, erzählt von Kruse. Zusammen mit einem Kollegen, der gleichzeitig sein bester Freund ist, reduzierte er zunächst die Wochenarbeitszeit. Von den übrigen Kollegen wurden sie deswegen schief angeschaut. Schließlich waren sie ja keine Mütter. Dann kam der gemeinsame Schritt in die Selbstständigkeit. Die Freunde hatten sich auf Unternehmen spezialisiert, die in der Krise steckten, und waren nun beratend für diese tätig. „Wir wollten aber ein Stück raus aus diesem geldorientierten Bereich. Und wir wollten nicht mehr nur den anderen sagen, wie man es besser machen kann, sondern selber mitmischen“, erklärt von Kruse. Langfristig hatten sich sein Geschäftspartner und er vorgenommen, im ethischen und ökologischen Sektor zu arbeiten. Wie es der Zufall wollte, war eines der letzten Beratungsmandate, das die beiden annahmen, eine Biokosmetik-Firma aus Berlin. Die Inhaberin war zu einer Zeit in das Geschäft gestartet, als man bei dem Begriff „Biokosmetik“ noch die Nase rümpfte. „Nach einem halben Jahr der Beratung gab es noch immer keine wirklich guten Lösungen. Gleichzeitig verstanden wir uns aber immer besser“, so von Kruse. Daher beschlossen sie, das Unternehmen zusammen weiterzuführen: die Inhaberin zusammen mit von Kruse und seinem Geschäftspartner. Sie beendeten die Beratungstätigkeit und stiegen in die Firma ein.
Jörg von Kruse ist teilhabender Geschäftsführer des Berliner Naturkosmetikunternehmens i&m.

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Von der Verwaltungsfachangestellten zur Schamanin

Irgendwann kommt ein Punkt, an dem das Herz und der Verstand im Gleichklang sind – und man springt. So wie Jennie Appel, die seit 2006 in ihrer eigener Praxis mit schamanischen Techniken, Bewusstseinstraining und als Jennie Appel Portrait 8576cutCoach arbeitet. Zuvor hatte sie zwölf Jahre lang in Frankfurt im Einwohnermeldeamt als Verwaltungsfachangestellte im öffentlichen Dienst gearbeitet. Ihr Vertrag war unbefristeten und Sorgen um den Arbeitsplatz schienen so fern wie es der Mars einmal war. Schon früh hatte sie sich mit spiritueller und energetischer Arbeit beschäftigt, die sie letzten Endes zum Schamanismus führte. Ursprünglich war die Beschäftigung mit dem Thema eine rein persönliche Angelegenheit. Appel wollte lernen, mit ihrer Hellsichtigkeit umzugehen, die ihr seit ihrer Kindheit Angst machte. „Ich wollte verstehen, was genau ich da ‚empfange‘ oder ‚kann‘ und lernen, damit umzugehen ohne krank zu werden“, erzählt Appel, denn damals war sie häufig körperlich und seelisch krank. Lange arbeitete sie in beiden Berufen gleichzeitig, als spirituelle Beraterin und als Verwaltungsfachangestellte. „2009 hatte ich dann eine sehr bewegende außerkörperliche Erfahrung, die mir den Weg aufzeigte.“ Zudem hatte sie sich verliebt und stand vor der Entscheidung: weiterhin eine zermürbende Fernbeziehung voller Sehnsucht und Abschieden oder ein gemeinsames Zuhause? Also kündigte sie, machte sich selbstständig und zog zu ihrem Partner.
Jennie Appel arbeitet seit 2006 in ihrer eigener Praxis mit schamanischen Techniken, Bewusstseinstraining und Coaching.