Yoga-Playlist von Sara Sommerfeldt

Sara Sommerfeldt

Sara Sommerfeldt ist Sängerin und Schauspielerin. Sie hat auf diesem Weg jedoch auch zum Yoga gefunden und nutzt dessen Vorteile auch für ihren Gesang. Ihre liebsten Lieder hat sie uns in einer Playlist zusammengefasst.

Wunderbar und melancholisch

„Ein absolutes Aha-Erlebnis war für mich, als ich beim Yoga das erste Mal richtig geatmet habe und spüren konnte, wie viel Platz in meinem Körper ist.“ Seither verlässt sich die Sängerin und Schauspielerin Sara Sommerfeldt auch vor wichtigen Aufnahmen auf eine Mischung aus Asanas, Stimm- und Sprechübungen. Das kann man hören, zum Beispiel auf ihrem neuen Album „Herz aus Glas“: eine Mischung aus Pop, Trip Hop und Chanson mit sehr persönlichen Texten. Speziell für YOGA JOURNAL hat sie eine wunderbar melancholische Yoga-Playlist zusammengestellt.

Welche Asana zu welchem Lied?

  1. Zaz – Je veux (Sonnengrüße)
  2. Waldeck – Make My Day (Krieger 1 und 2, Trikonasana,
    gestrickter Winkel, Drehsitz)
  3. Calogero, Passi– Face à la mer (Krieger 1 und 2,
    Trikonasana, gestrickter Winkel, Drehsitz – andere Seite)
  4. Eddy Mitchell – Couleur menthe à l’eau
    (Katze, Vorwärtsbeugen, Tisch)
  5. Jack Johnson – Cocoon (Kopfstand)
  6. Coralie Clement – Samba de mon coeur qui bat
    (Kleinkind, Heuschrecke)
  7. Gotan Project – Epoca (Rückbeugen)
  8. Lara Maria Gräfen – Berlin, ich liebe dich
    (Schulterstand)
  9. Soko – Diabolo menthe (Pflug, Fisch)
  10. Savages Y Suefo – Wings (Bauchübungen)
  11. Bebe – Con mis manos (Bauchübungen)
  12. Sophie Hunger – Travelogue (Entspannung)
  13. Francoise Hardy – Message personnel
    (Entspannung)
  14. Sara Sommerfeldt – Die Fee (Meditation)

Hat dir die Yoga-Playlist von Sara Sommerfeldt gefallen? Dann schaue dir auch unsere anderen Playlists an. Wie wäre es mit ein paar Gute-Laune-Beats? Wenn du gerne mehr von Sara sehen und hören möchtest, findest du sie auch auf Instagram unter @sarasommerfeldt.

Tao Porchon-Lynch: Yoga-Fotograf Robert Sturman erinnert sich an die Yoga-Lehrerin

Tao Porchon Lynch by Robert Sturman
Tao Porchon Lynch

Sie war bekannt für ihren unbändigen Optimismus und ihre innere Stärke: Am 21.Februar verstarb die weltberühmte und inspirierende Yoga-Lehrerin im Alter von 101 Jahren. Yoga-Fotograf Robert Sturman erinnert sich mit diesen wunderbaren Fotos an seine enge Freundin.

Sie waren Künstler und Freunde: Robert Sturman und Tao Porchon Lynch. Dem „US Yoga Journal“ erzählte der Fotograf, wie alles anfing und warum sich die beiden Freigeister so gut verstanden: „Ich traf Tao vor neun Jahren, als sie erst 93 Jahre alt war. Eine ihrer Schülerinnen brachte sie zum Central Park, um mich für ein Shooting zu treffen. Ich hatte gehört, dass sie die älteste Yoga-Lehrerin der Welt war. Sie trug ein wunderschönes rotes Kleid. Wir machten Kunst und freundeten uns an. In dieser Nacht veröffentlichte ich einen Blogbeitrag im Elephant Journal über meine Begegnung mit dieser unglaublichen Frau, die sich permanent dafür bedankte, dass ich so geduldig mit ihr war. Als ich am nächsten Tag aufwachte, war es um die die ganze Welt gegangen; es ging komplett viral. Danach entschieden wir uns weiter miteinander zu arbeiten und unsere Freundschaft wuchs. Zuerst trafen wir uns zwei Mal im Jahr, dann drei oder vier Mal. Sie trug immer eine andere Farbe. Von Rot über Grün zu Blau. Gelb und dann Weiß. Das letzte Mal war es Lila.“

Tao Porchon Lynch

„Als Tao vor drei Jahren nach Venice und Santa Monica kam, gingen wir mit meinem Hund zum Strand, saßen uns in den Sand und redeten. Sie erzählte mir Geschichten aus ihrem Leben – da war sie mal nicht die inspirierende und glückliche Tao, die sie normalerweise der Welt zeigt. Ich hörte ihr zu und spürte ihre Traurigkeit – darüber, dass sie zwei Ehemänner überlebt hatte, eine Fehlgeburt hatte, ihre eigene Mutter während der Geburt verstorben war – eben Schicksale die ein Mensch, der seit 98 Jahren auf dem Planeten ist, erlebt hat.“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch

„Sie hat so oft erlebt, was es bedeutet ein Mensch zu sein. Sie erzählte über (ihre Verluste) auf eine Art und Weise, dass du den Schmerz spüren konntest. Aber sie beschwerte sich nie darüber und war nie ein Opfer.“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch

„Ich war total interessiert an ihr. Ich wollte mehr über ihre Kindheit in Indien wissen, all die Geschichten über das Leben in Europa während des Zweiten Weltkriegs, über ihre Ankunft in Amerika und ihre Zeit in Hollywood, als sie mit Leuten wie Marlene Dietrich, Marylin Monroe und Clark Gable zusammen war. Und wir tranken auch gerne Wein miteinander.“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch

„Wenn du jemanden siehst, der so anmutig und elegant durch diese Welt geht, dann macht dir das Hoffnung.“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch

Taos Geschichte muss erzählt werden, um Menschen zu inspirieren nicht aufzugeben. Nicht zu sagen ‚Ich bin zu alt um damit anzufangen‘. Und okay damit zu sein, dass man älter wird und irgendwann stirbt.“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch

„Bei den letzten Bildern ging es weniger um Yoga Posen und mehr um die Linien in ihrem Gesicht, die all die wunderschönen Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Eines Tages, als wir im Sonnenuntergang in Sedona arbeiteten, schien das Licht einfach perfekt auf ihr Gesicht, auf ihre eigene Geschichte.“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch

„Das war das letzte Bild, das wir zusammen gemacht haben. Es entstand im letzten Herbst in New England. Sie bot mir diese einfache, wunderschöne Geste an – ‚Honig im Herzen und Feuer im Bauch.'“ Robert Sturman

Tao Porchon Lynch gemeinsam mit Robert Sturman

„Wir arbeiteten so gut miteinander, weil wir einfach miteinander abhingen und das Leben genossen. Wir teilten die Einstellung, dass Kunst nicht unbedingt anstrengend sein muss. Kunst kann auch ein unaufgeregtes und fröhliches Abbild eines erfüllten Lebens sein.“ Robert Sturman


Robert Sturman findest du auch auf Instagram.

Massagen im Savasana: Noch tiefer entspannen

Loslassen und genießen, während Körper und Geist zur Ruhe kommen: Savasana (Totenstellung), die Entspannungshaltung am Ende einer Yogastunde, gilt als eine der wichtigsten Asanas überhaupt. Die Qualität der Tiefenentspannung wird entscheidend von der Ausrichtung unseres Körpers beeinflusst. Mit einigen einfachen Massagen im Savasana kann dem Schüler oder Übungspartner zu einer noch tieferen Entspannung verhelfen.

Einfach nichts tun und den Körper schwer in den Boden sinken lassen. Ich weiß noch genau, wie sehr ich diesen Moment nach meiner allerersten Yogastunde genossen habe. In Savasana können wir die süßen Früchte unserer Praxis ernten: Herzschlag und Atemfrequenz werden langsamer, Nerven und Prana beruhigen sich und der Geist ruht in entspannter Aufmerksamkeit. Wohlbefinden, Energieniveau und sogar das Selbstbewusstsein können sich beim regelmäßigen Üben von Savasana verbessern.

Klingt einfach? Theoretisch ist es das auch, allerdings kann es manchmal sehr schwer fallen, den Kopf „frei zu bekommen“. Eigentlich müssten wir den größten Teil unseres Alltags entschleunigen. Einfach nichts zu tun, fällt schwer, weil unser Körper den Modus ständiger Aktivität und innerer Anspannung als Normalzustand verinnerlicht hat. Deshalb brauchen wir die physische Asana-Praxis, um vom Kopf in den Körper zu gelangen. Den wenigsten Menschen dürfte es gelingen, nach einem anstrengenden Büroalltag ohne vorherige Yogapraxis in der Totenstellung den Kopf auszuschalten.

Einfache Massagen für Savasana aus der Thai-Yoga-Massage

Die Thai-Yoga-Massage, auch passives Yoga genannt, ist ein großartiges Mittel, um den Prozess des Loslassens in Savasana zu unterstützen. Mit Präsenz, Achtsamkeit und einer liebevollen Intention ausgeführt, reichen einige wenige Handgriffe, um einen Schüler oder Partner tiefer in die Entspannung gleiten zu lassen. Durch die passive Erfahrung der Berührung wird die Aufmerksamkeit des Empfangenden auf natürliche Weise in den eigenen Körper gelenkt. Das vegetative Nervensystem schaltet von der sympathischen Funktion (Handlungsmodus) auf die parasympathische Funktion (Ruhemodus). Wenn der Körper optimal ausgerichtet in Savasana liegt, kann Prana unsere Lebensenergie frei und ungehindert fließen.

Die folgende Sequenz eignet sich für Yogalehrer am Ende einer Gruppen- oder Einzelstunde, sowie einfach zum Üben und Genießen mit Freunden. Man kann entweder die komplette Sequenz oder auch nur Teile daraus verwenden. Vor der Anwendung im Unterricht empfiehlt es sich allerdings, die Techniken mit Freunden zu üben, um zu wissen, worauf es jeweils ankommt.

Vorbereitung

Lege die Handflächen im Anjali- oder Namaste-Mudra vor deiner Brust zusammen. Schließe die Augen und nimm einige tiefe Atemzüge, um dich selbst zu spüren und bei dir anzukommen. Mache dir die Intention bewusst, dem anderen etwas Gutes zu tun. Für die erste Berührung platziere deine Hände langsam, achtsam und respektvoll auf dem Körper – als ob du um Erlaubnis bitten würden. Dann erst beginnst du mit der Massagesequenz.

1. Beine ausrichten

Greife unter die Fersen des Partners. Mit dem eigenen Körpergewicht lehnst du dich zurück und bringst damit Länge in die Beine. Falls der Schüler die Muskulatur noch anspannt, also bewusst oder unbewusst festhält, hilft eine sanfte Schüttelbewegung, ihn zum Loslassen einzuladen. Anschließend bringst du die Beine langsam zum Boden. Die Füße fallen entspannt in einem 45-Grad-Winkel nach außen.

2. Oberschenkel nach innen rotieren und erden

Diese Technik wirkt sehr beruhigend auf das zentrale Nervensystem. Die Innenrotation der Oberschenkel im Hüftgelenk bewirkt eine Öffnung im unteren Rücken und wird insbesondere von Menschen mit Beschwerden in diesem Bereich als sehr wohltuend empfunden. Dazu hebst du zunächst mit sicherem Griff das Knie an. Anschließend greifst du mit stabilem Druck um die Mitte des Oberschenkels. Achtung: Um wirklich den Oberschenkelknochen bewegen zu können und damit die Ausrichtung zu verändern, ist es nötig, kräftig zuzugreifen und den Muskel gegen den Knochen zu pressen. Anschließend löst du die innere Hand (die äußere Hand hält den Oberschenkel in Innenrotation) und schiebst mit beiden Händen den Oberschenkel nach unten, um ihn in der Erde zu verwurzeln.

3. Schulter-Assist

Eine gute Technik gegen Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich: Wegen sitzender Tätigkeiten sind bei vielen Menschen die Schultern nach vorne gerollt. Diese Technik hilft, die Schulterblätter wieder zurück an den Rücken und damit in die optimale Ausrichtung zu bringen. Mit beiden Händen greifst du diagonal eine Hand und lehnst dich mit dem eigenen Körpergewicht zurück, um die Schulter leicht anzuheben. Dann greifst du mit der äußeren Hand unter das Schulterblatt und ziehst es nach hinten und unten. Lass diese Hand am Schulterblatt, wenn du nun Schulter und Arm zurück zum Boden bringst. Dann platzierst du die andere Hand unterhalb des Schlüsselbeins auf dem Ansatz des Brustmuskels, gibst sanften Druck nach unten und löst dabei die Hand unter dem Schulterblatt.

4. Becken ausrichten

Bringe beide Hände an die Rückseite der Beckenknochen. Dazu bewegst du das Becken am besten sanft von links nach rechts. Dann lehnst du dich mit dem eigenen Körpergewicht zurück und lässt das Becken leicht nach vorn kippen. Durch diese Technik wird die Lendenwirbelsäule verlängert und erhält einen besseren Bodenkontakt. Gleichzeitig fällt es leichter, den Bauch zu entspannen.

5. Halswirbelsäule verlängern

Setze dich hinter den Kopf deines Partners und hebe ihn vorsichtig an. Dabei liegen deine Fingerkuppen am unteren Rand des Schädelansatzes. Hier befinden sich wichtige Trigger- und Akupressurpunkte. Mit deinen Zehenballen fixierst du zugleich die Schultern. In der Ausatmung des Schülers gibst du sanften Zug in die eigenen Hände und streckst damit die Halswirbelsäule.

6. Kopfmassage

Eine kurze Kopfmassage ist das ideale Mittel, um jemanden tief in die Entspannung zu bringen. Dabei können auch Öle eingesetzt werden. Bei Verwendung von ätherischen Ölen solltest du vorab sicherstellen, dass keine Allergie oder Abneigung vorliegt. Die Bewegungen können in kleinen Kreisen über Kopfhaut und Schläfen verlaufen. Vertraue beim Massieren ruhig deiner Intuition. Wichtiger als eine bestimmte Technik sind Präsenz und Intention. Gerade am Kopf müssen alle Berührungen sehr langsam, leicht und achtsam sein.

Loslassen im Yoga: Was ist damit eigentlich gemeint?

Loslassen im Yoga

Was wir Yogis in unseren Breitengraden häufig unter „Loslassen“ verstehen, ist in den alten Schriften des Yoga so nicht zu finden. Machen wir es uns da mit der Praxis vielleicht zu leicht? Wir haben mal nachgelesen …

Text: Ralf Sturm / Titelbild: Paul Pastourmatzis via Unsplash

„Yoga heißt ja auch Loslassen.“ Diesem oder ähnlichen Sätzen begegnen wir gefühlt in jeder zweiten Yogastunde. Aber was ist damit eigentlich genau gemeint? Ist Loslassen im Yoga eher ein passiver oder ein aktiver Vorgang? Und was wollen wir überhaupt loslassen? Zwischen dem 21. Jahrhundert und den Ursprüngen des Yoga scheint es doch einige Unterschiede zu geben. Es lohnt sich also, die alten Schriften mal wieder in die Hand zu nehmen und sich ein paar Gedanken zu machen.

Wer spricht von Loslassen?

Wenn man die im Westen wohl populärste Übersetzung von Patanjalis Yogasutra liest, wird schnell klar, warum die Idee, Yoga sei Loslassen, so weit verbreitet ist. In der deutschen Übertragung des englischen Buches von T. K. V. Desikachar heißt es nämlich: „Durch Üben und die Fähigkeit loszulassen, kann unser Geist den Zustand von Yoga erreichen.“ (Yogasutra 1.12) Demnach ist „Loslassen“ wenigstens die halbe Miete auf dem Yogaweg. Nun sind Patanjalis Aphorismen äußerst knapp gehalten und entsprechend viel Spielraum besteht beim Übersetzen – erst recht, wenn vom Sanskrit ins Englische und weiter ins Deutsche übersetzt wird. Denn jede Übersetzung spiegelt die Haltung des Übersetzenden wider.

Loslösen der Vrittis

Eine andere, in Deutschland etwas weniger oft verkaufte Übertragung ist die von Deshpande. Er interpretiert den Sanskrit-Begriff Vairagya, um den es hier geht, nicht als Loslassen, sondern als „Loslösung“. In den Erläuterungen wird es dann noch ein wenig genauer: Es handelt sich um die Loslösung von den Vrittis, also salopp gesagt von dem, was wir so im Kopf haben. Das loszulassen, ist manchmal gar nicht so bequem, wie wir uns das landläufig vorstellen, wenn wir sagen: „Lass es doch los!“ Eigentlich ist dieser Satz nichts anderes als eine scheinbar spiritualisierte Form von „laissez faire“: Hoffen, dass sich die Dinge auch ohne eigenes Zutun zum Besten regeln. Lass das Universum mal machen!

Wie sehr sollen wir loslassen?

Viele kennen das: Wenn wir mit Yoga beginnen, dann ist es oft Liebe auf den ersten Blick. Aber diese Liebe bringt auch hohe Ansprüche mit sich: an die eigene Praxis, das damit verbundene Leben und den ganzen bisherigen Alltag. Man würde gerne direkt alles richtig machen, vielleicht auch mal ein Jahr in einem Ashram leben und sowieso nie wieder Fleisch essen, geschweige denn ein ordentliches Bier trinken. Nachdem man sich dann eine Weile so vollkommen in den sattvischen Lebensstil gezwungen hat, klopft das alte Leben aber wieder an. Es waren ja schließlich auch nicht alle alten Freunde doof.

Foto: Liana S via Unsplash

Yoga und Verzicht

In dieser Situation liest man dann gerne den Begriff „Loslassen“ in die alten Schriften hinein. Ein Glas Wein kann man doch mal trinken, oder? Ich würde sagen: Kann man, aber man sollte dabei mit sich im Reinen sein und es nicht begründen mit: „Das gehört auch zu Yoga: mal loslassen.“ Um beim Beispiel der Ernährung zu bleiben: Krishna ist im 17. Kapitel der Bhagavad Gita ziemlich eindeutig darin, was akzeptabel ist und was nicht. Auch sonst ist der liebe Gott eher restriktiv denn liberal: Loslassen heißt im traditionellen Yoga, auf vieles zu verzichten. Nun muss niemand zu dem in der Bhagavad Gita dargestellten „reinen Menschen“ (Bhagavad Gita, 17.8) werden. Aber dann können wir den tollen Schokoladenkuchen eben auch nicht legitimieren, indem wir sagen, das sei „auch Yoga“. Anders gesagt: Wenn im traditionellen Yoga losgelassen wird, dann richtig. Es hat eher den Geschmack von Entsagung und Etwas-von-sich-Werfen als von großzügiger Ausgewogenheit.

Was sollen wir loslassen?

Nun wollen wir den Krishna der Bhagavad Gita aber nicht nur als Hardliner dastehen lassen. Schließlich ist genau dieser Text ja eine Einladung für uns Laienpraktizierende, den göttlichen Gesang auch im Alltag zu hören. Die Botschaft lautet: Man muss nicht ins Kloster gehen, um den Weg des Yoga zu gehen. Den Yoga des Wissens, der Hingabe und des selbstlosen Dienens, den können wir auch in der Berliner Innenstadt oder in einem Dorf in der Eifel beschreiten. Allerdings sollten wir dann besser nicht die Hatha Yoga Pradipika aufschlagen: Denn da sehen wir uns sofort wieder gezwungen, uns „in eine einsame Zelle“ (Hatha Yoga Pradipika, 1.17) zurückzuziehen. Auch wenn die mit einem Altar und einem Brunnen verschönert werden darf.

Yoga und Besitz

Auch der in der modernen Yogawelt so viel zitierte Patanjali ist eher restriktiv. Vor allem, wenn es um materiellen Besitz geht: Der Yogi, der Aparigraha übt, soll sich konsequent „auf das beschränken, was er braucht und was ihm zusteht“. Die Frage, wie sehr wir heutigen Yogi*nis das reflektieren, dürfte für die meisten von uns nicht gerade angenehm sein.

Festhalten, wo es geht

Auch wenn es nicht immer bequem ist: Yoga ist halt doch vor allem auch die erste Hälfte des oben zitierten Yogasutra-Satzes: beharrliche Übung. Und ein Festhalten an dieser Praxis. Manchmal bedeutet das nicht einfach ein „Alles darf sein“, sondern ein bewusstes Loslösen, ja fast ein Wegschmeißen von alten Ideen, Vorstellungen und Verhaltensweisen. Nicht, dass wir den klassischen Weg so strikt gehen müssen, wie es die Schriften empfehlen. Die stammen aus einer anderen Zeit. Aber wenn wir uns darauf beziehen, dann sollten wir uns auch darüber klar sein, wann wir ein Stück weit unsere alten Muster bedienen. Es muss ja nicht Samadhi in diesem Leben sein.


RALF STURM ist Yoga- und Meditationslehrer und führt mit seiner Frau Katharina Middendorf eine Praxis für Paar- und Sexualtherapie. Mehr über ihn findest du auf middendorf-sturm.de oder nivata.de

Regelrecht Yoga: Praxis während der Periode

Alles im Fluss: Während der Menstruation empfiehlt es sich, die Yogapraxis den veränderten Abläufen im Körper anzupassen. Die Praxis während der Periode kann Schmerzen erleichtern, die Stimmung heben und eine neue Perspektive auf das Üben eröffnen. Bewusst loslassen – das Motto bei Yoga und der Periode.

„Unpässlich“ war man früher, Tanten kamen zu Besuch. Das „rote Meer“ sorgte für Überschwemmung und die „Erdbeerwoche“ startete. Insgesamt waren die Tage „kritisch“. Die Menstruation wurde verheimlicht und tabuisiert. Je nach historischer Epoche und Region werden ihr magische Wirkungen zugeschrieben. Durch die Berührung einer menstruierenden Frau verwelken Blumen, verderben Lebensmittel und verfärben sich Metalle. Gilt das auch für Yoga und die Periode?

Menstruation als natürlicher Teil des Lebens

Ganz real werden Frauen während ihrer Periode von ihren Communities ausgeschlossen oder schrieben sich selbst Sonderstatus zu. „Immer wieder konnte ich in meinen Kursen Frauen beobachten, die jahrelang unter Periodenschmerzen litten. Weil ihnen dies die einzig legitime Art zu sein schien, Zeit für sich zu haben“, schreibt Yoga-Pionierin Adelheid Ohlig in ihrem Buch „Luna Yoga“. Der weibliche Zyklus wird tatsächlich vom Mond symbolisiert. Erst durch moderne Hygienemaßnahmen fand frau zurück „mitten ins Leben“. Aber bitte diskret. Gesellschaftlich erwünschte Funktionstüchtigkeit führt zur Verdrängung der Weiblichkeit.

Die weise Wunde“ gehört zum Frausein. Das kann wieder als Brücke dorthin dienen – nicht zuletzt in der Yogapraxis. Diese die Selbstwahrnehmung schärft das Gefühl der Verbundenheit. Dann leuchtet mehr ein, dass in der Menstruation individuelleres Üben sinnvoll ist. Im Ayurveda wird die Menstruation als Regulierungs- und Reinigungsprozess gesehen, der Ungleichgewichte beseitigt, die sich angesammelt haben. Allgemein bekannt ist Erkenntnis aus dem Iyengar Yoga. Die Umkehrhaltung sollte weggelassen werdn, um die abfließende Energie nicht zu unterbrechen. Dieses schlägt Frauen während der Menstruation ein explizit angepasstes Programm vor, das bei Bedarf auch in regulären Stunden unterrichtet wird.

Praxis während der Periode: Tipps von den Expertinnen

Wie ist es mit der Teilnahme an einer dynamischen Flow-Stunde? Jivamukti-Lehrerin Antje Schäfer aus München hütet sich vor eindeutigen Ratschlägen. Sie empfiehlt jedoch, zumindest die ersten 2 bis 3 Tage der Menstruation kein intensives Yoga zu üben. „Jede Frau ist unterschiedlich, die wenigsten Regeln gelten für alle. Im Sinne der Achtsamkeit appelliere ich vor allem an die Eigenverantwortung der Yogaschülerinnen. Organisatorisch kann man in gut besuchten, fließenden Yogastunde kein individuelles Perioden-Programm anbieten. Dennoch ist es wichtig, ein Bewusstsein für die körperlichen Abläufe während der Menstruation zu entwickeln.“

Als regelrechte Chance sieht Margarete Eckl vom Iyengar-Studio Iyoga die Periode: „Was für eine gesunde, menstruierende Frau passend ist, kann für eine Frau mit Menstruationsproblemen unpassend oder sogar schädlich sein. Dennoch gibt es einige allgemeine Hinweise, die in jedem Fall hilfreich sein können. Yoga während der Menstruation kann genutzt werden, um an Schulter und Hüfte zu arbeiten.“ Allgemein lässt sich durch Yogaübungen lernen, eine bessere Selbstwahrnehmung zu entwickeln. Die Periode ist nicht mehr „notwendiges Übel“, sondern kostbare Zeit für innere Erkenntnis und Selbsterneuerung. „Eine gute Menstruationspraxis kann durchaus ein Schritt hin zu einer spirituellen Yogapraxis sein.

Margareta Eckl lebt in München und leitet das Studio iYoga. Sie praktiziert Yoga seit 1972, ist zertifizierte Iyengar Yoga-Lehrerin und besucht laufend Fortbildungen in Europa, USA sowie direkt bei B.K.S. und Geeta Iyengar in Indien. www.iyoga.de

Übe hier gleich die Mini-Praxis: Periodenyoga

Der Übungsbogen von Mark Stephens erklärt

Frau machr draußen Meditation
Foto von r._.f von Pexels

Ob man eine Yogastunde als rundum wohltuend und beglückend empfindet, oder eher nicht, hängt vor allem davon ab, wie gut der Übungsbogen aufgebaut ist. In unserer Reihe über guten Yogaunterricht erklärt der „Lehrer der Lehrer“ Mark Stephens, worauf man dabei achten muss. Das gilt nicht nur als Yogalehrer, sondern auch als aufmerksamer Schüler oder bei der eigenständigen Praxis. 

Die Bogenstruktur von Yogastunden

Man kann die Struktur eine Yogastunde mit einer Bergwanderung vergleichen. Mal ist diese eher ein Spaziergang über einen Hügel, eine anspruchsvollen Kletter-Tour. Der Yogalehrer übernimmt dabei die Rolle des Bergführers: Er kennt das Gelände und weiß, was er den Teilnehmern seiner Gruppe zumuten kann. Er geht voran und führt die Wanderer auf dem Weg zu sich selbst. Darüber hinaus er lädt sie zum Abenteuer der Selbstreflexion und des bewussten persönlichen Wachstums ein. Dabei wählt er einen Pfad, der sowohl in Bezug auf das Terrain als auch auf die Wanderer sinnvoll ist. Er lässt ihnen genug Zeit, die Gipfel ihrer Erfahrung zu erklimmen und zu genießen. Zudem sorgt er dafür, dass diese Tour sicher vonstatten geht.

Besonders gut kann man diesen Bogen erzeugen, wenn man bei der Stundenplanung von der oder den komplexesten Asanas ausgeht. Das ist sozusagen der Gipfelpunkt der Tour. Als erstes überlegt man, welche Elemente diese „Gipfel“-Yogaposition oder auch „Peak-Asana“ ausmachen, was also ihre Voraussetzungen sind:


Der Übungsbogen: Fragen zum Aufbau anhand einer „Gipfel-Asana“

  1. Was muss laut der Anatomie frei und beweglich sein? Welche Muskeln muss ich zuvor dehnen und entspannen? Welche Übungen können das leisten?
  2. Was muss stabil sein? Welche Muskeln muss ich zur Vorbereitung aktivieren und kräftigen? Welche einfacheren Asanas helfen, diese Stabilität herzustellen?
  3. Wo entsteht Spannung? Welche nachfolgende Asana kann diese Spannung wieder lösen?
  4. Worauf bereitet diese Asana mich vor, wenn ich bereit bin, noch einen Schritt weiter zu gehen?

Bei der Beantwortung dieser Fragen helfen neben der eigenen praktischen Erfahrung auch verschiedene Medien. Zum Beispiel der Anhang in meinem Buch „Yoga-Workouts gestalten“ oder die Stichpunkte „vorbereitende Haltungen“ und „nachfolgende Haltungen“ im großen Asana-Finder. Wichtig ist es hierbei auch, die Asana-Familien mit einzubeziehen. Als nächstes wendet man diese Informationen auf den Übungsbogen in 5 Phasen an.


Der Übungsbogen in 5 Phasen

1. Die Yogaerfahrung initiieren

Zu diesem Punkt zählt alles, was einen Beginn markieren kann und den Schülern hilft, ganz im gegenwärtigen Moment anzukommen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper an diesem speziellen Platz. Außerdem wecken wir die Atmung mit Ujjayi Pranayama auf. Dann machen wir uns klar, mit welcher Intention wir beginnen zu üben. Für manche gehört dazu auch das Chanten eines Mantra oder der Silbe Om, das Lesen eines Gedichts oder das stille Sitzen mit Konzentration auf den Atem.

2. Aufwecken und Aufwärmen

Jetzt fangen wir an, nach und nach den gesamten Geist-Körper mit Bewegung zu beleben. Ganz egal ob man mit Surya Namaskar (Sonnengruß), Katze-Kuh oder anderen Arten der dynamischen Aktion beginnt, die der Gruppe gerade angemessen sind – die Grundidee ist immer die selbe: Wir aktivieren den Körper so, dass die folgenden, komplexeren Formen des Übens leichter zu erschließen sind.

3. Der Aufstieg zum Gipfel

Wir haben das klare Verständnis, was für die „Gipfel-Asana“ im Einzelnen nötig ist. Nun üben wir eine Reihe von Asanas, die uns Schritt für Schritt darauf vorbereiten. In dieser Phase der Praxis tauchen die Elemente und Aspekte des „Gipfels“ auf. Wir lernen sie einzeln kennen und machen unsere Erfahrungen mit ihnen, bevor wir sie später zusammenfügen. Die Anordnung dieser vorbereitenden Übungen folgt dem Prinzip „Vom Einfachen zum Komplexen“. Dabei bietet der Yogalehrer wie ein Wanderführer Alternativen an, er sucht Rastplätze auf. Mal ermuntert er den einen dazu, eine einfachere Route zu wählen, und eröffnet dem anderen eine herausfordernde Variante. So erhält jeder die Möglichkeit, so zu üben, dass es seinen besonderen Bedürfnissen angemessen ist.

4. Den Gipfel erkunden

Kurz vor dem Gipfel ist der Körper warm, aber noch nicht müde. Man ist an jenen Stellen mobil, an denen Beweglichkeit gefordert ist, und da stabil, wo die „Gipfel-Asana“ Kraft verlangt. Während wir all diese vorbereitenden Elemente nun miteinander verbinden, erinnern wir uns an Patanjalis Maxime für jedes Üben von Asana. Sthira sukham asanam – die Asana sollte zugleich stabil und leicht sein. Damit wecken wir Präsenz und Bewusstsein, und erweitern das körperliche Üben zu einer Selbsterforschung. Dabei üben wir Selbstakzeptanz und lösen uns vom Drang nach Leistung. All das braucht Zeit, Ruhe, Geduld und die Unterstützung des Lehrers.

5. Integration

Um den Gipfel herum stand der Körper unter Spannung. Im Idealfall haben wir schon bisher auf dem Übungsbogen einen Großteil dieser Spannung aufgelöst. Der „Abstieg“ vom Gipfel bis zur Endentspannung in Savasana dient nun voll und ganz der Lösung und Integration: Wir wenden das Prinzip von Pratikriyasana an und üben eine Reihe von entspannenden Gegenbewegungen, die uns helfen, alles, was auf dem bisherigen Weg geschah, zu integrieren.


Mark Stephens hat bereits mehrere internationale Bestseller über den Yogaunterricht geschrieben. Sein neuestes Lehrbuch über Yogatherapie mit dem Schwerpunkt “Schlaf” erschien 2019 im Riva-Verlag. Er lebt in Kalifornien und unterrichtet weltweit, häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz. markstephensyoga.com

Petros Haffenrichter: Mein persönlicher Yoga-Weg

Petros Haffenrichter, internationaler Jivamukti-Yoga-Lehrer, berichtet YOGA JOURNAL GERMANY von seinem persönlichen Bezug zu Yoga durch seinen Großvater. Wie hat sich die Praxis verändert, seit Petros sein persönlicher Yoga-Weg begonnen hat? Und welche aktuellen Tendenzen stehen vielleicht sogar im Gegensatz zur Yogaphilosophie?

Als Vater von den „Yogis“ sprach, wandelte sich seine Stimme. Der Tonfall machte mich neugierig. Da klang Achtung und Würde mit. Ich fragte, was der morgendliche Kopfstand macht. Dabei verstand ich als Kind nicht, wie die Haltung des Körpers etwas mit den inneren Welten zu tun haben könnte. Da war ja der Körper „da draußen“ und das Denken „da drinnen“. Aber den Kopfstand habe ich mir gemerkt. Und damit die Selbstverständlichkeit, dass das Dasein je nach Haltung auch immer Kopf über oder Land unter verstanden werden könnte.

Die Bücher meiner Familie: Philosophie und Spiritualität

Als ich als Teenager die Bibliothek meines Großvaters, die vor allem riesige, schwere Werke zum Umzug ins Nationalarchiv vorbereitete, fiel mir das kleinste Buch von über 10.000 in die Hände. Krishna’s Flöte mit handschriftlichen Kommentaren. Das Buch über die indische Gottesliebe nahm ich als einziges mit. Ich vergaß das Buch bis ich in den Tagebüchern meines Opas viele Zitate aus den Upanishaden oder anderen Schriften fand, deren Quelle jeweils das besagte Büchlein war. Ich weiß nicht mehr viel von meinem Großvater, außer dass er nach Pfeifentabak roch und wir Kinder immer leise sein mussten, wenn wir die Großeltern besuchten, weil „Opa meditiert“. Sein persönlicher Yoga-Weg war die Grundlage für meinen.

Wir sollten in der Lage sein, unser Leben kontinuierlich mit Interesse, der nötigen Distanz, Integrität und ein bisschen Humor zu betrachten. Dadurch wird klarer, welche Wege wir gehen, welchen Mustern wir folgen – und dass es mit Sicherheit keine Zufälle gibt. Manchmal brauchen wir eben etwas Zeit oder Übung um die Zusammenhänge verstehen zu können und Vertrauen zu entwickeln. Weil die individuelle Unordnung zwar nie wirklich die große Ordnung stören kann, doch verzerrt sie den Blick auf das Wirkliche so, dass wir Sein und Schein verwechseln.

Yoga ist keine Glaubenssache

Ein persönlicher Yoga-Weg ist keine Glaubenssache, ganz im Gegenteil. Im Üben erfahren wir die klare Sprache von Ursache und Wirkung von Verantwortung und Konsequenz. Seelisch, universell, eben karmisch. Und Karma hat nichts mit Glauben zu tun: das wird spätestens klar, wenn wir am Ast sägen auf dem wir sitzen. Die Konsequenzen schieben wir lieber allen „anderen“ hin, denn wir in unserer Blase werden sicher irgendwie noch gut wegkommen. Die berechtigte Frage: Welche gesellschaftlichen Veränderungen bringen die kommenden Herausforderungen mit sich? Und was hat das mit unserem Verständnis für Yoga zu tun?

In der Bhagavad Gita erklärt Krishna, dass er sich (tatsächlich und als Bewusstsein) immer dann für uns Menschen erkennbar manifestiert, wenn wir praktisch am Abgrund stehen. Da ist der Moment der Wahrhaftigkeit beim Helden Arjuna. Die momentane Erkenntnis seiner Illusion und sein Drang das sofort zu ändern. Doch das geht nicht ohne Vision, Pfad und Vorbereitung, sonst trägt der Wunsch nach Wandel keine Früchte. Sri Krishna gibt Strategien für alle Lebenslagen und Talente, wie wir aus bloßer Erkenntnis zu Verständnis gelangen, also den Weg aus der Hölle.

Wertvolle Lehren aus der Bhagavad Gita

Im Mahabharat Epos, dem Rahmenwerk der Gita, ist auch das Srimad Bhagavatam enthalten. Ein philosophischer Dialog zu den Kernthemen des Lebens. Darin wird beschrieben, dass in den finstersten Zeiten der Menschheit der Narr zum König gemacht wird, der Mensch dem Materiellen verfallen ist und darin das Ewige wähnt. Und sogar der Yoga als das Heiligste, zur Erlösung oder Befreiung von Leid und Illusion, ist von den niedersten Eigenschaften (Hass, Gier, Neid, Stolz etc.) befeuert, zum Produkt degradiert. Ist alles nicht so wild? Früher war alles besser? Jetzt geht’s erst los?

Problematisch wird es z.B. von SchülerInnen aufgenommen, wenn ich im Unterricht, über leidfreie Ernährung spreche. In allen Fällen bin ich natürlich bereit, den Beteiligten ihre eigene Entscheidung zuzugestehen und bin mir im Klaren, dass es kein Recht und Unrecht per se gibt. Da ich seit 20 Jahren Yogastudios führe, kann ich ja nicht anders, als auf die Tradition zu verweisen. Dabei geht es nicht um Geschmack, auch nicht um Freiheit der persönlichen Entscheidung. Es geht tatsächlich ums Ganze. Das erfahrbare Prinzip der universellen Einheit. Solange wir das Leid anderer nicht als unser Leid verstehen, wirkt kein persönlicher Yoga-Weg. Denn Yoga ist das Aufheben dieser grundlegende Trennung von „die anderen“ und „ich“.

Yoga als Verhaltensänderung auch abseits der Matte

Die Entscheidung darüber, wer wir sind und welche Verantwortung wir für unser Bewusstsein und dessen Wirkungen in der Welt haben. Eine Welt, die Mensch und Tier bzw. Natur immer noch als zweierlei ansieht und Yoga dem Markt unterworfen ist, schreibt den Unterricht dann z.B. für Krankenkassen um. Der Kopfstand wird deswegen weggelassen. Traditioneller Weise dient diese Übung jedoch dazu, dass der Yogi gezielt das eigene Feuer ausrichtet (Agni), das Verhalten von den Vayus manipuliert um eine psychoenergetische Wahrnehmung zu ermöglichen in der alle Chakren ausgeglichen rotieren. Das gibt es bei der Krankenversicherung nicht.

Auch kein Karma, und kein Dharma. All das ist aber der Kern der Übungen des Yoga. Ein persönlicher Yoga-Weg hat nichts zu tun mit einer körperliche Zielebene. Das körperliche Wohlbefinden ist sozusagen ein Nebeneffekt, wenn wir uns durch Yoga mit den Kräften des Lebens harmonisieren. Wir tun uns schwer, als Menschen unser Wissen in Wirken umzusetzen. Der Yoga ist ein klarer, Schrittweiser weg, dies zu erlernen. Demut, Mitgefühl, Enthusiasmus, Bereitschaft, Reflexion und eben auch Entscheidungen gehören unausweichlich dazu.

Die Worte meines Vaters klingen mir noch im Ohr. Aber der Versuch Yoga auf den kleinsten Nenner zu bringen birgt immer den Nebeneffekt, dass thematische Tiefe verloren geht. Daher war Yoga, in allen Schriften und Traditionen so erwähnt, eine Geheimlehre. Die Idee ist ja, dass der Yoga vor allem den konditionierten Geist aushebelt. Das findet das Ego nicht sofort attraktiv, im Gegenteil. Denn wir lernen im Üben zunächst den Umfang unserer Illusion (Avidya). Für diese Begegnung müssen wir gesund, flexibel, mutig und konsequent sein. Und die war schon immer eine innere. Wir müssen aufhören, moderne, ob indische oder westliche, Trainingssysteme mit den Yogatraditionen zu verwechseln oder sie als solche anzupreisen.

Selbstreflexion sollte persönlicher Yoga-Weg sein

Die beinhalten zwar Asanas, doch als Teil eines holistischen Weges, der vor allem moralische und ethische Fragestellungen sowie einen klaren Bezug zum spirituellen Inhalt. Nicht religiös oder gesellschaftlich, sondern radikal den persönlichen Bezug in den Vordergrund stellt. Als selbstwirksames Korrektiv. Das bedeutet, dass durch die Übung der gegebenen Inhalte die Illusion materiellen Identität aufgebrochen und erkennbar wird, und Erkenntnisfähigkeit entsteht. Denn ohne die Zutaten von intensiver, andauender Bemühung, Reflexion über das Thema, emotionsloser Betrachtung des kleinen und des großen Ichs kann es nur die Betrachtung geben die unsere schon bestehenden Identitäten zulassen.

Meister Patanjali erklärt gleich vorneweg im Yoga-Sutra, dass Yoga das gegebene, also in der Natur inhärente Prinzip ist, aber die Denkmuster der konditionierten Person erlauben diese Wahrnehmung nicht. Daher muss die Grundlage für andere Muster geschaffen werden – dies geschieht u.a. durch die Praxis der Yamas: Ahimsa, Gewaltlosigkeit, Asteya – Erkenntnis über die Unmöglichkeit von Besitz oder Anspruch darauf, Satya – Wahrhaftigkeit, Brahmacharya (der Schöpfungsauftrag des Menschen und das Heilige in der Intimität), Aparigraha (ein Gemüt jenseits von Anspruch und Gier).

Was der Status Quo jedoch zeigt: Die Yoga-Tradition ist umstritten. Dadurch ist meiner Meinung nach damit die Wirkungsmöglichkeit gefährdet. Wir müssen gemeinsames Interesse haben an offenen, mutigen Gesellschaften, in denen wir unsere Illusionen aufdecken lernen. Ein persönlicher Yoga-Weg braucht intensive Übung und Kontinuität und Intensität. Dies muss ein persönlicher, ehrlicher Weg sein. Wohl dann mit der Einsicht, dass Wahrheit und Wahrhaftigkeit Lebensaufgaben sind, die alle Lebenskraft brauchen.

Hier liest du Teil 2 von Petros‘ Essay: aktueller Zeitgeist im Yoga.

Petros Haffenrichter ist international anerkannter Yogalehrer und Kritan-Künstler. Seine Leidenschaft, das Bhakti- und Jivamukti-Yoga gibt er weltweit auf Festivals und Gastlehrer bei verschiedensten Schulen weiter. In München kannst du ihn in seinem Studio Yoga am Engel live erleben.

Jivamukti Spiritual Warrior Video – 60-Minuten Signature Class

Video Jivamukti Spiritual Warrior

In diesem Video leitet euch Olga Oskorbina von Jivamukti Barcelona durch die 60 Minuten der festen Abfolge der Signature Class des Spiritual Warrior. Diese Klasse wird in Englisch unterrichtet. Auf dem Digital Channel und der App von Jivamukti gibt es den Spiritual Warrior in acht Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Norwegisch, Russisch, Japanisch: jivamuktiyogadigital.com

Video – Jivamukti Spiritual Warrior – 60 Minuten mit Olga Oskorbina (Englisch)


Wer die einzelnen Haltungen und Reihenfolge nochmal ganz genau sehen möchte, schaut in den Artikel von Moritz Ulrich rein. Er betreibt die Jivamukti Yoga School „Peace Yoga Berlin“. Er ist Arzt, Ausbilder der Jivamukti Yoga Teacher Trainings und unterrichtet neben Asanas auch Sanskrit und Anatomie für Yogalehrende. Außerdem ist der Jivamukti Advanced Teacher, Ausbildungsleiter für das Teacher Training in Italien.