Das Magazin // November + Dezember 2012 + CD#4

Musik & Therapie

Ob man Musik nun als „Sprache der Leidenschaft“ (Richard Wagner), „Stenografie des Gefühls“ (Leo N. Tolstoi) oder „höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“ (Ludwig van Beethoven) verstehen will – in einem Punkt scheinen sich alle einig zu sein: Musik kommt aus dem Herzen und wird auch dort gehört und verstanden. Für die meisten Yogis sind Kirtan-Konzerte, das Hören von Mantras und gemeinsames Chanten in der Yogastunde sowieso nicht mehr wegzu„denken“. Sämtliche Künstler, die in dieser Ausgabe vorgestellt werden, wissen und betonen, dass das hingebungsvolle Chanten nicht weniger ist als eine Verbeugung vor dem Göttlichen – und dass diese Verbeugung die Fähigkeit besitzt zu transformieren. Diese Stars aus der Kirtan-Szene – darunter C.C. White, die ihre Songs mit den spirituellen Klängen des Gospel und Soul unterlegt, sowie DJ Drez, MC Yogi und Jai Uttal, die traditionelle indische Musik mit HipHop- und Reggae-Beats verbinden – haben sich bereit erklärt, uns ihre schönsten Stücke zur Verfügung zu stellen, aus denen wir für Sie die vierte YOGA JOURNAL-CD zusammengestellt haben. Legen Sie „YOGI BEATS“ während Ihrer nächsten Home Practice ein und lassen Sie sich durch die Kraft des Bhakti in die Sphären der „göttlichen Sounds“ (siehe Seite 22) katapultieren. Auch wenn es beim Bhakti-Yoga (Yoga der Hingabe), wie bei allen Yogawegen, um die Erfahrung der Einheit geht, muss sich niemand zum Glauben an das Göttliche verpflichtet fühlen. Es reicht durchaus, wenn man es wie Dave Stringer hält: „Kirtan ist ein Weg, Freude zu erleben und zu spüren, wie sie durch andere verstärkt wird.“ Neben Musik ist das Thema Yogatherapie ein weiterer Schwerpunkt dieser Ausgabe (ab Seite 74). Wir wollten wissen, was genau man darunter versteht, und sind auf eine Reihe unterschiedlicher Antworten gestoßen – ein buntes Potpourri hilfreicher Ansätze, die jeweils die physische oder die psychische Komponente stärker betonen. Nutzen Sie die praktischen Tipps und Übungen aus den therapeutischen Strecken, um Ihre eigene Praxis zu verfeinern!

Viel Spaß beim Lesen, Hören und Üben wünscht Ihnen
Ihre YOGA JOURNAL-Redaktion

TITELTHEMEN
– Stilserie: Jivamukti Yoga
– 11 Übungen gegen Nackenschmerzen
– SPECIAL: Yogatherapie. Grundlagen und Experten-Tipps
– SPECIAL: Musik! Unsere YOGI BEATS CD N°4 und Künstlerportraits/Interviews
– Interviews: Dr. N. Chandrasekaran (Koryphäe der Yogatherapie), Dechen Shak-Dagsay über die Kraft der alten Mantras und C.C. White (Soulkirtan-Sängerin)
– Yoga City Trip: Wien

Dave Stringer – Exklusiv für das Yoga Journal

Auf die Matte, fertig, play!

Auf unserer 4. CD „YOGI BEATS“ haben wir wieder 10 Stars der Kirtan-Szene versammelt — neben großartigen Künstlern wie C.C. White, Jai Uttal, DJ Drez und MC Yogi hat uns unter anderem auch Dave Stringer einen Song zur Verfügung gestellt.

Die Leidenschaft und Freude, mit der Dave Stringer die Mantren vermittelt, steckt an! Wie jedes Jahr war Dave auch dieses Jahr wieder auf Deutschland-Tournee. Am 13.10.2012 war er für einen Kirtan-Workshop mit anschließendem Konzert im Hamburger Studio „Flying Yogi“ zu Gast, wo er unsere aktuelle Ausgabe in die Finger bekam…

Seht selbst — Bhakti pur!

© Flying Yogi, Hamburg, Germany — Herzlichen Dank für den schönen Beitrag!

 

 

 

Auf die Matte, fertig, play!
Auf unserer 4. CD „YOGI BEATS“ haben wir wieder 10 Stars der Kirtan-Szene versammelt — neben großartigen Künstlern wie C.C. White, Jai Uttal, DJ Drez und MC Yogi hat uns unter anderem auch Dave Stringer einen Song zur Verfügung gestellt.
Die Leidenschaft und Freude, mit der Dave Stringer die Mantren vermittelt, steckt an! Wie jedes Jahr war Dave auch dieses Jahr wieder auf Deutschland-Tournee. Am 13.10.2012 war er für einen Kirtan-Workshop mit anschließendem Konzert im Hamburger Studio „Flying Yogi“ zu Gast, wo er unsere aktuelle Ausgabe in die Finger bekam…
Seht selbst — Bhakti pur!
© Flying Yogi, Hamburg, Germany — Herzlichen Dank für den schönen Beitrag!

 

Der Atmende Gott

Zurück zu den Wurzeln!

„Der atmende Gott“ von Jan Schmidt-Garre begeisterte bislang über 70.000 Menschen in den Kinos. Nun gibt es den wunderbaren Dokumentarfilm, der den Ursprüngen des Yoga auf den Grund geht, endlich auch auf DVD. Schmidt-Garre erzählt davon, wie Krishnamacharya im Auftrag des Maharadschas von Mysore ein umfassendes Konzept zur Erhaltung von geistiger und körperlicher Gesundheit entwickelte, das als Quelle des modernen Yoga angesehen werden kann. In Ergänzung zum Film enthält die DVD-Edition 160 Minuten spannende Bonustracks mit historischem Archivmaterial, vielen bisher unveröffentlichen Filmszenen und Interviews – darunter ein faszinierendes Gespräch mit B. K. S. Iyengar über seine Yoga-Praxis und Vinyasa Krama.

FAZIT: Ein Muss für alle, die den Film noch nicht oder noch nicht oft genug gesehen haben!

Verena Kling

„Der atmende Gott – Reise zum Ursprung des modernen Yoga“ von Jan Schmidt-Garre (Ascot Elite Home Entertainment, 2 DVDs, ca. 18 Euro.

 

„Yoga für den Körper, Buddha für den Geist“

In Ihrem Übungsbuch „Yoga für den Körper, Buddha für den Geist“ erklärt die weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus bekannte US-amerikanische Yogalehrerin Cyndi Lee, wie es zu OM Yoga kam – der Verbindung von tibetischem Buddhismus und Yoga. Das Buch erschien bereits 1994 auf Englisch und ist jetzt auch endlich in deutscher Sprache erhältlich. Das Buch spiegelt Cyndi Lees Reise wider, einen Yogastil zu finden, in dem ihr Bedürfnis nach Bewegung und das Konzept von Achtsamkeit zur Geltung kommt. Jedes Kapitel beginnt mit einer sehr persönlichen Geschichte aus ihrem Leben und beschreibt, wie diese Erfahrung in ihren Unterricht als Yogini und Praktizierende des tibetischen Buddhismus einfloss. Lee bietet einfache Meditationsübungen und Yogasequenzen, die überall ausgeführt werden können. Für fortgeschrittene Yogis und Meditierende gibt es zusätzliche Übungen.

Fazit: Dieses Buch ist eine Offenbarung für alle, die sich einer Yogapraxis zuwenden möchten, die von den buddhistischen Lehren der Achtsamkeit durchdrungen ist, oder nach einem Weg suchen, die eigene Meditationspraxis mit präzisen Yogaausrichtungen anzureichen.

„Yoga für den Körper, Buddha für den Geist“ von Cyndi Lee

 

Das Magazin // September + Oktober 2012

Stärke und Offenheit

Für diese beiden Begriffe würden wir uns entscheiden, hätten wir nur zwei Worte für die essenzielle Botschaft dieser Ausgabe. Schauspielerin Martina Gedeck erzählt von ihrer Rolle im neuen Kinofilm „Die Wand“: eine Frau, die zwei Jahre lang völlig auf sich selbst gestellt in der Natur überlebt. Mit Shiva Rea, die den Mondgruß erklärt, und Barbra Noh, die in unserem Style Guide Anusara Yoga im Detail vorstellt, führen zwei weitere starke Frauen durch die Yogapraxis. Und Huberta von Gneisenau fordert in dem inspirierenden Artikel „Yoga als Weg durch die Zeitenwende“, dass man als Yogi in Anlehnung an Patanjalis Yoga-Sutra Verantwortung für sich selbst und die Welt übernehmen muss.
Bei so viel kraftvoller Weiblichkeit war es uns wichtig, in der Ausgabe September und Oktober 2012 in einem Praxis-Special auch der Männerwelt gebührend Beachtung zu schenken. Was ist „Männeryoga“ und braucht man solch ein spezielles Konzept überhaupt? Das wollten wir von den Experten wissen. „Ein Mann ist stark, wenn er sich seine Schwäche eingesteht.“ Diesem Zitat von Honoré de Balzac pflichten sämtliche Redakteurinnen im Team bei und wünschen den männlichen Yogis, dass sie sich auf und außerhalb der Matte darauf einlassen, nicht ständig perfekt sein zu wollen, indem sie auch mal Schwäche zulassen.
Denn es ist diese Offenheit und Ehrlichkeit, die uns dieses Mal besonders berührt hat. So spricht Julia Pritzel im Interview mit Ana Forrest sehr offen über Missbrauch und darüber, wie man durch Yoga traumatische Erlebnisse aufbrechen und möglicherweise sogar heilen kann. Das beweist nicht nur Mut, sondern innere Größe. Lange haben wir in der Redaktion darüber diskutiert, ob und wenn ja, in welcher Form man ein solch schweres Thema aufgreifen kann. Wir finden: Man kann. Denn am Ende ist es die Arbeit an uns selbst, die uns stärker macht.
Für diesen Weg zu uns selbst findet Ana Forrest eine wunderschöne Metapher: Sie arbeite an sich selbst wie einst Michelangelo an seinen Skulpturen – die perfekte Form ist immer schon da, man muss sie nur erkennen und alles Überflüssige, alles Störende wegmeißeln, um am Ende herauszufinden, wer man wirklich ist.

Herzlich,
Ihre YOGA JOURNAL-Redaktion

Sie können die Ausgabe 05/2012 bequem und versandkostenfrei in unserem Wellmedia-Shop bestellen.

Pilgern ins Mandala des Yoga

Er thront in der tibetischen Hochebene und gilt für Hindus und Buddhisten als das Zentrum des Universums. Ihn zu umrunden ist der Traum vieler Yogis. Was macht den Mount Kailash so besonders?

Das Jahr 2012 geht in die zweite Hälfte, doch das Paradies, das sich die Esoteriker erträumt haben, bleibt aus. Wir müssen immer noch mit Geld für den Bus bezahlen, und oft sogar arbeiten, um es zu verdienen. Es scheint, dass wir nicht darum herumkommen, uns mit den Anforderungen der materiellen Welt auseinanderzusetzen.

Der Legende nach hat der gutmütige Gott Shiva dafür aber ein Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Zu Beginn des „dunklen Zeitalters“ – des Kali Yuga, in dem wir heute leben – hatte seine Gattin Parvati ihn gefragt, was die Menschen der Moderne tun können, um in Zeiten von physischen und emotionalen Herausforderungen zu bestehen. „In einer grobstofflichen Welt beginnt man seine Praxis mit dem Körper“, antwortete Shiva. Und er begann am Berg Kailash, ihrem gemeinsamen Wohnsitz, Asanas zu üben. Vom benachbarten See Manasarovar aus schaute ein Fisch zu, der sich die 8.400.000 verschiedenen Variationen der Haltungen genau einprägte. Daraufhin wurde er von Parvati in Matsyendranath, den ersten Lehrer für Hatha Yoga, verwandelt.

Hatha Yoga – Das Yoga der Anstregung
Im Sanskrit-Wörterbuch wird Hatha Yoga als „Yoga der Bemühung“ übersetzt. Es geht um „die Kraft, die notwendig ist, sein eigentliches Ziel zu erreichen“, so sagen die Schriften. Nun, was ist das „eigentliche“ Ziel? Wer sich auf die Reise zu Shivas Wohnsitz macht, muss bereit sein, einiges an körperlicher Anstrengung auf sich zu nehmen. Ob man zu Fuß durch West-Nepal nach Tibet wandert, oder mit dem Jeep von Kathmandu oder Lhasa aufbricht; es dauert immer einige Tage, bis man das „kostbare Juwel des Schnees“ (so der tibetische Name) erreicht. Man könnte seinen Urlaub leichter am Strand verbringen oder in heimischen Wäldern wandern. Was macht gerade den Kailash so anziehend für Yogis?

Das natürliche Mandala

„Es gibt Berge, die nur Berge sind, und solche, die eine ausgeprägte Persönlichkeit besitzen“, schreibt Lama Govinda in seinem Reisebericht „Der Weg der weißen Wolken“. Das Charisma des Kailash ergibt sich nicht nur aus seiner eindrucksvollen Pyramidenform, mit der er fast alleinstehend auf einer Ebene im Transhimalaya thront, sondern auch aus der Natur, die ihn umgibt. Aus seiner Mitte entspringen in alle vier Himmelsrichtungen die vier großen Flüsse des indischen Subkontinents (Indus, Brahmaputra, Satluj und der später in den Ganges mündende Karnali). Er bildet dadurch ein natürliches Mandala und ruht als Achse in dessen Mitte.

„Ha“ und „Tha“: Sonne und Mond

Wenn man nach Tagen des Wanderns oder der nicht immer bequemen Fahrt über die Pisten des tibetischen Hochlandes endlich den Gurla-Pass im äußersten Westen Tibets erreicht, lässt einen der majestätische Anblick des Berges, der hier auch wie ein großer Shivalingam aussieht, umgehend still werden. Für einen Moment gibt es keine Wellen im Geist, außer tiefer Freude und der Dankbarkeit, dieses Wunder der Natur mit eigenen Augen sehen zu können. Dann fällt der Blick auf die beiden großen Seen am südlichen Fuß des Berges, und die nächste Analogie zum Hatha Yoga wird klar: Die beiden Silben „Ha“ und „Tha“ bedeuten laut B. K. S. Iyengar auch Sonne und Mond. Sie repräsentieren die Gegensatzpaare weiblicher und männlicher Energie, kühlender Entspannung und erhitzender Aktivität (siehe Kasten).

Die phantastische Reise
Bei einer Reise zum Kailash bewegt man sich also – wie im Film „Die phantastische Reise“ – wie ein mikroskopisch kleines Wesen in der Natur seines eigenen Körpers. Denn die beiden Seen Manasarovar und Rakshastal entsprechen im Mandala des Kailash Ida und Pingala. Bei oberflächlicher Betrachtung hat der erste die Form einer Sonne, der zweite die Form einer Mondsichel. Der Manasarovar wird als „See der Götter“ bezeichnet. Um ihn herum blühen mittlerweile wieder viele der alten Klöster auf, und es wimmelt von Brahmanengänsen, Kranichen, Möwen und etwa zwanzig anderen Vogelarten. Der Rakshastal hingegen ist still und verlassen. Von den Tibetern wird er „See der Dämonen“ genannt. Dort ist kein Laut zu hören. In unserer Seele wirken auch immer beide Seiten; die Kräfte des Lichtes und die Kräfte der Nacht. Manch eine Reiseteilnehmerin hat sich schon bei mir beschwert, dass die Frauen schlecht dabei wegkommen, weil sie in dieser Philosophie mit dem Dunklen, Tiefgründigen, gar Dämonischen assoziiert werden. Aber möglicherweise gibt es auch keine Erleuchtung, ohne die Kräfte des Unterbewussten zu achten. Wenn wir uns auf die Reise gemacht haben, den Kailash kennen zu lernen, dann laufen wir tatsächlich um das „Zentrum des Universums“ – denn wir bewegen uns bildlich um unsere eigene Wirbelsäule, unser eigenes Inneres.

Von Ralf Sturm

Lesen Sie den Rest dieses Artikels in der September/ Oktober 2012-Ausgabe des YOGA JOURNALs.

Yogamänner auf dem Vormarsch

Jahrzehnte, nachdem Millionen von Frauen im Westen die Praxis für sich entdeckt haben, entwickelt sich Yoga nun in eine Richtung, die auch moderne, sportbegeisterte Männer anspricht.

James Arbona erwartete sich nicht viel von dieser Yogastunde. Der 48-jährige Kameramann aus New York hatte es schon einige Male versucht und nie Feuer gefangen. Blumige Metaphern, fremdartig klingende Gesänge und langsame Dehnübungen sagten dem begeisterten Basketballer und Läufer einfach nicht zu. Doch die Stunde, zu der ihn seine Freundin nun genötigt hatte, war anders: „Yoga for Dudes“ („Yoga für Kerle“). Arbona genoss es, er kam regelmäßig und weil er sich durch Yoga schon bald anders fühlte und die positiven Auswirkungen auch im Basketball spüren konnte, veränderte sich seine Einstellung dazu. Viele Männer haben in letzter Zeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Zwar wird Yoga im Westen noch immer hauptsächlich von Frauen praktiziert (in den USA machen sie laut einer aktuellen Erhebung 77 Prozent aus, ältere Zahlen aus Deutschland sprechen sogar von rund 80 Prozent), doch der Anteil der Männer steigt. Studios mit entsprechenden Angeboten berichten, sie hätten bis zu 20-mal mehr männliche Teilnehmer als noch vor einigen Jahren.

Auch die regelmäßigen Marktforschungen der amerikanischen Ausgabe des YOGA JOURNAL ergaben, dass der Anteil der Männer an der Gesamtheit der Übenden in kurzer Zeit um fast fünf Prozent gewachsen ist. Wie erklärt sich dieser Wandel – und vor allem die Tatsache, dass es gerade die sportlichen, maskulinen Typen sind, die in letzter Zeit die Yogastudios stürmen? Bestimmt nicht dadurch, dass Männer neuerdings besonders beweglich und spirituell werden, oder dass sie mehr im Kontakt mit ihrer weiblichen Seite sind – auch wenn diese Qualitäten häufig mit Yoga in Verbindung gebracht werden und noch immer eine Menge Männer abschrecken. Viel eher liegt es daran, dass Yoga Männer endlich da abholt, wo sie stehen – sei es nun in speziellen Männerkursen oder durch eine andere Ansprache. „Männer sollten nicht gegen ihre Stärken arbeiten müssen“, erklärt Nikki Costello, die Lehrerin von James Arbona, die die wegweisenden „Yoga for Dudes“-Kurse im Kula Yoga Project in Manhattan entwickelt hat. „Wenn man die Männer sieht, wirklich so sieht, wie sie sind, dann müssen sie sich auch nicht dazu überwinden, Yoga anzunehmen.“
Historikern zufolge hat sich Yoga im Laufe der Jahrhunderte immer wieder an ein wechselndes Publikum angepasst. Was wir heute üben, lässt sich in weiten Teilen auf die Erziehung junger Inder vor etwa 75 Jahren zurückführen. Das Ziel von Yoga war damals, die Körper der Jungen zu kräftigen und ihre Konzentration zu fördern. Auch die westliche Körperkultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielte eine wichtige Rolle. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts geschah dann etwas eigentlich sehr Erstaunliches: Die Frauen eroberten das traditionell Männern vorbehaltene Yoga für sich – und sie taten es so gründlich, dass Yoga im Westen zu etwas wurde, das unserem Männerbild sogar ziemlich zuwiderläuft.
Seit einigen Jahren gibt es nun eine Gegenbewegung. Einzelne Studiobesitzer und Yogalehrer wie Nikki Costello haben die Gelegenheit wahrgenommen, auch Männer an die Praxis heranzuführen, die dem Image von Yoga eigentlich eher ablehnend gegenüberstehen. Sie tun das unter anderem, indem sie den Unterricht speziell auf ihre Bedürfnisse zuschneiden. Welche Bedürfnisse das sind, konnte Costello beobachten, als sie zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts in einem großen Fitnessstudio unterrichtete: Schweißtreibende Sequenzen ohne viel Hokuspokus zogen einen viel höheren Prozentsatz Männer in die Stunden als gewöhnlich. Die Schüler waren sportbegeisterte, körperbewusste Alphatiere, es waren Businesstypen, die es liebten, sich zu verausgaben, Männer, die kein Blatt vor den Mund nahmen und mit Gefühlsduselei nichts am Hut hatten.
Costello erkannte, dass Asanas, wie sie in einer typischen Yogastunde des 21. Jahrhunderts unterrichtet werden, nicht zu den körperlichen Merkmalen dieser Schüler passten. Viele hatten sich im Fitnessstudio dicke Muskeln antrainiert, einen großen Bizeps, robuste Oberschenkel und breite Schultern. „Diese Jungs hatten häufig nur an isolierten Stellen ihres Körpers gearbeitet. Im Yoga geht es aber darum, wie alles zusammenhängt“, erklärt sie. Deswegen zielt sie in ihren Männerstunden weniger auf Kraft und Stabilität als auf Integration und Beweglichkeit. So werden von Sport und Krafttraining verhärtete Muskeln dazu gebracht, sich zu lockern und mit anderen Muskelgruppen zusammenzuarbeiten.

Den nach unten schauenden Hund beispielsweise übt Nikki Costello mit neuen Schülern überhaupt nicht, denn da ist die Tendenz groß, das gesamte Gewicht auf den Armen zu tragen und sich mit reiner Muskelkraft durch die Haltung zu mogeln. Stattdessen führt sie sie durch Übungen wie den Krieger II. Dabei ermutigt sie ihre Schüler, sich nicht allein auf die Kraft der Oberschenkel zu verlassen, sondern stattdessen die Dehnung in Leisten und Hüften zuzulassen und zu beobachten, wie die verschiedenen Details der Haltung sich gegenseitig beeinflussen. Diese Bezüge – zwischen einem Körperteil und einem anderen, zwischen Gedanken und Handlungen, zwischen Atem und Bewegung – sind es, um die es nach Costellos Meinung im Yoga geht. Sie sind zwar sowieso der Kern jeder Asana, nur erschließt sich das Männern, die es gewohnt sind, jeden Muskel einzeln zu trainieren, nicht unbedingt auf Anhieb. „Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Jungs die Bedeutung der körperlichen Vernetzung begreifen“, erklärt Nikki Costello. „Und wenn sie lernen, die einzelnen Körperteile miteinander zu verbinden und sich in dieser Bewusstheit zu bewegen und zu handeln, dann öffnen sie sich auch für die volle Erfahrung von Yoga.“

 Von Andrew Tilin

 

Lesen Sie den Rest des Artikels in der September/ Oktober 2012-Ausgabe des YOGA JOURNAL.

Be Love Now

Ein Guru kann alles sein – sogar ein Buch. Zum Beispiel Ram Dass‘ neues Werk „Be Love Now“, in dem der beliebte Bhakti-Yogi offen und inspirierend seinen Weg des Herzens seit seiner Begegnung mit seinem Guru Neem Karoli Baba in Indien beschreibt. Und dieser Wegwar nicht gerade leicht für den ehemals hoch angesehenen Harvard-Psychologieprofessor Dr. Richard Alpert, wie Ram Dass mit bürgerlichem Namen heißt. Nachdem er 1963 wegen kontroverser Experimente mit psychedelischen Drogen aus Harvard entlassen wird, begibt er sich auf seine wichtigste Reise nach Indien. Dort trifft er „Maharaj-ji“, wie der Guru liebevoll genannt, der mal augenzwinkernd, mal streng, seinen Schülern den Weg des Bhakti Yoga, der absoluten Hingabe, zeigt. Immer wieder zweifelt Ram Dass – von seinem Verstand und seinen Mustern begrenzt – an sich selbst und der allumfassenden Liebe. So ist „Be Love Now“ voller Anekdoten über die Stolpersteine, die Ram Dass und seine Weggefährten (u.a. Krishna Dass) benötigten, um sich im Eins-Sein zu entwickeln. Schließlich beschreibt Ram Dass das große Glück, das er erfährt: Liebe ist allumfassend, nicht gebunden an Ort und Zeit. Die wunderbar ehrlichen Geschichten sind Inspiration und Quelle der Selbsterkenntnis. Aber das Buch lädt auch zum Schmunzeln ein, unter anderem durch viele Fotos, die Maharaj-ji´s Anhänger Anfang der 60er Jahre zeigen.

FAZIT: Dieses Buch muss man mit dem Herzen lesen. Dann wird das Buch zum Guru und das Lesen zum Gebet. Bhakti Yoga pur!

Annette Söhnlein

„Be Love Now: Der Weg des Herzens“ von Ram Dass (J.Kamphausen, ca. 20 EUR)