“Ich glaube nicht an Gurus” – Patrick Beach im Interview

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Patrick Beach

An einem kalten Februarwochenende war Patrick Beach zu Gast im Hot Yoga Studio in Berlin Friedrichshain. Patrick war mir bis dahin trotz seiner mittlerweile 348.000 Instagram Follower gänzlich unbekannt. Aber da wir vom Yoga Journal Germany ja ständig auf der Suche nach neuen Lehrern und Themen sind, fuhr ich den weiten Weg von München nach Berlin. Was ich dann während der zwei Tage erleben durfte, übertraf alles, was ich bisher in meiner fünfjährigen Praxis kennengelernt hatte. Patrick unterrichtete fordernd und gleichzeitig sehr feinfühlig. Er brachte jeden der Teilnehmer an seine Grenzen, ohne jedoch diese Grenzen zu überschreiten. Denn am Ende ging es ihm nur darum, uns alle eine ureigene „Body-Sensation“ erleben zu lassen.

Wenn ich Yogalehrer frage, wie sie Yoga für sich entdeckt haben, erzählen sie normalerweise eine lange Geschichte. Dass sie zum Beispiel nach einer schwierigen Trennung oder einer anderen sensiblen Lebensphase mit Yoga angefangen haben…

Nein, meine Geschichte lief überhaupt nicht so ab. Wenn ich ehrlich bin, war bei mir eigentlich alles ganz normal und einfach. Ich hatte kein schlimmes Erlebnis zu verarbeiten, sondern wollte etwas Neues ausprobieren. Mit etwa 20 Jahren habe ich in meiner Küche angefangen, Yoga zu üben. Meine Mutter hat damals viel praktiziert und mir ein paar Hüftöffner gezeigt, weil ich durch mein Basketballtraining total verkürzt und andauernd verspannt war.

Wie ging es dann weiter?

Erst habe ich zugegebenermaßen nicht viel mehr darin gesehen, als flexibler zu werden. Dann fing ich an, den ganzen Weg des Übens und Praktizierens immer mehr zu genießen. Ich habe damals zum Beispiel damit begonnen, Bücher über verschiedene Yogasysteme und -stile zu lesen und habe mich dann damit befasst, wie man einzelne Haltungen auf verschiedene Weise ausführen kann.

Hattest du dabei Lehrer an deiner Seite?

Nein, das habe ich alles erst allein ausprobiert, später dann auch in Yogastudios. Meine größte Inspiration waren eigentlich immer Menschen, die zum Beispiel den Handstand beherrschten. Darum habe ich die ganze Zeit auch einfach Umkehrhaltungen geübt – manchmal so intensiv, dass ich regelmäßig aus Yogastunden flog. Lehrer mochten mich nicht wirklich. Da war ich dann auch kurz davor, mit Yoga aufzuhören. Weil alles immer nach bestimmten …

… Regeln ablaufen musste?

Nein, nicht unbedingt Regeln. Ich glaube nicht an „Yoga-Regeln“. Aber es gab Lehrer, die ständig bestimmte Dogmen verfolgten. Das war ganz anders als das, was ich in den Büchern gelesen habe. Diese handelten von Einheit, Verbindung, Gemeinschaft, Bewusstsein, Verständnis und Achtsamkeit. Mir kam es so vor, als wenn diese Lehrer Yoga nicht wirklich gefühlt und gelebt haben. Wie gesagt spielte ich mit dem Gedanken, ganz aufzuhören – bis auf einmal Leute auf mich zu kamen und fragten, ob ich sie nicht unterrichten und ihnen verschiedene Haltungen beibringen könnte – sie fanden meinen Ansatz interessant!

Du hast also keine klassische Yogalehrer-Ausbildung bei einem Guru oder bekannten Lehrer absolviert?

Nein, habe ich nicht. Ich habe bei vielen Lehrern gelernt und geübt – manche kennt man, manche nicht – aber glaube nicht an Gurus. Genauso wenig wie ich an Dogmen und religiöse Liebe zur Yogapraxis glaube. Ich würde sagen, dass mich viele Menschen eher inspiriert und weniger etwas „gelehrt“ haben, wie man es im klassischen Sinne verstehen würde.

Spielst du eigentlich immer noch Basketball oder machst anderen Sport? Denn hier in Deutschland gibt es zurzeit den Trend, dass viele Sportler ihre Sportart mit Yoga verbinden. Die Deutsche Fußball Nationalmannschaft hat zum Beispiel sogar einen eigenen Yogalehrer.

Nein, regelmäßig übe ich neben Yoga nichts. Yoga ist die Hauptsache, das praktiziere ich ständig. Aber wenn ich es schaffe, dann mache ich auch noch andere Dinge, Basketball zum Beispiel oder Boxen. Manchmal gehe ich auch laufen. Ich liebe es, mich zu bewegen und sehe es als großes Geschenk.

Wie lange unterrichtest du schon Yoga?

Etwa 7 Jahre.

Deine Freundin, Carling Harps, ist ebenfalls Yogalehrerin, richtig?

Ja, außerdem Raw Food Köchin – insgesamt eine echte Macherin. Sie liebt es, sich zu bewegen und beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Themen rund um Gesundheit und Wohlbefinden.

Habt ihr in Sachen Yoga die gleiche Einstellung? Ist sie allem gegenüber ähnlich offen eingestellt wie du?

Ja, total. Wir haben beide bei sehr unterschiedlichen Leuten gelernt, viele zusätzliche Aus- und Fortbildungen gemacht, pränatales Yoga zum Beispiel. Wenn man unsere Erfahrungen und unser Wissen zusammennimmt, können wir den Leuten immer eine sehr umfassende Erfahrung bieten.

In deiner Stunde hier in Berlin hast du extra viele Core-Übungen eingebaut und nicht nur mich an meine Grenzen gebracht... Eine Frage zu diesen Asanas: In Deutschland fangen viele Leute mit Yoga an, weil sie Rückenprobleme haben. Ihre Ärzte sagen, dass sie sich auf das Core-Training konzentrieren sollen. Aber mir fällt immer wieder auf, dass viele Menschen den Fokus auf ihren Rücken legen und das Core-Training vernachlässigen. Konzentrierst du dich immer speziell auf diesen Bereich?

Nein, eigentlich nicht. Ich möchte Leuten die Möglichkeit geben, sich komplett frei und fließend zu bewegen und einzelne Haltungen sinnvoll zu verbinden. Dazu gehört unverzichtbar eine starke Körpermitte und ein Verständnis von Mula Bandha. Die gestrige Yogastunde drehte sich tatsächlich um Core-Übungen, weil ich zeigen wollte, wie man die Körpermitte wirk- und achtsam in den einzelnen Asanas einsetzen kann und sollte. Dieses Thema wird in der Tat nämlich ziemlich oft vergessen. Mir ist generell wichtig, wie man das beste aus den einzelnen Haltungen rausholen kann. Ich möchte, dass die Menschen nicht nur die Dehnungen spüren und dabei ins Schwitzen kommen. Ich möchte, dass sie die Zusammenhänge verstehen und dadurch achtsamer werden.

Wie stehst du zum Thema Spiritualität und Yoga? In Deutschland gibt es viele Männer, die Hemmungen davor haben, Yoga zu praktizieren, weil sie glauben, mit der damit im Zusammenhang stehenden Spiritualität nichts anfangen zu können. 

Als ich angefangen habe, Yoga zu praktizieren, habe ich mich überhaupt nicht darauf fokussiert. Inzwischen habe ich dieses Thema für mich so ausgelegt: Durch Yoga können wir mehr über uns und unsere Bedürfnisse erfahren, insgesamt achtsamer werden. Am Anfang sind unsere Beweggründe, die uns zum Yoga bringen, eher selbstsüchtig. Man beschäftigt sich viel mit sich selbst und versucht, Dinge über sich herauszufinden, die man vorher vielleicht noch nicht wusste. Mit der Zeit weiß man immer genauer, wer man ist, was die eigentliche Essenz des eigenen Ich ist, wenn man es so formulieren will. Man wird immer häufiger seinen eigenen Bedürfnissen folgen und lernt alles über Selbstliebe. Man geht liebevoller mit sich selber um und entwickelt große Empathie für sich selbst. Nun ist man dazu bereit, diesen liebevollen Umgang und diese Empathie auch den Mitmenschen entgegenzubringen.

Ich glaube, dass jeder Mensch die gleichen grundlegenden Bedürfnisse hat, egal woran er glaubt und woher er kommt: sich geborgen zu fühlen, geliebt und wertgeschätzt zu werden. Wir alle haben unterschiedliche Gründe, warum wir das wollen. Aber das sind die drei Dinge, die jeder Mensch will. Und wenn wir lernen, dass wir mit unseren Mitmenschen liebevoll und mitfühlend umgehen können, kommen wir auch unserem eigenen Glück ein bisschen näher.

Wie waren denn die Reaktionen, insbesondere aus deinem männlichen Umfeld, als du mit Yoga angefangen hast?

Nun ja, viele Menschen wissen immer noch nicht genau, was mit Yoga eigentlich gemeint ist. Manche meiner Freunde dachten ganz lange, dass ich Bikram Yoga unterrichte. Weil sie dachten, dass ausschließlich dieser in den USA lange sehr populäre Stil Yoga ist. Dank der Medien hat sich das alles aber geändert und die verschiedenen Yogastile haben sich in der Öffentlichkeit verbreitet. Dadurch fühlen sich jetzt auch mehr Menschen zum Yoga hingezogen.

Also folgst du hier auch deinem Prinzip der Freiheit, das zu tun, was einem gut tut und sich nicht von Außenstehenden beeinflussen zu lassen?

Dem Prinzip folge ich in allen Lebenslagen. Wie gesagt glaube ich nicht an Dogmen und Gurus. Ich glaube, dass es wichtig ist, eigene Rituale zu haben. Ich finde es komisch, jemandem blind zu folgen. Meiner Meinung nach sollte jeder alles dafür tun, um klare, bewusste Entscheidungen für sich selbst treffen zu können. Das hilft uns, ein besseres Leben nach unseren eigenen Bedürfnissen zu führen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und eine nachhaltige Zukunft für alle zu schaffen.


Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Nelli, Andrea und eben Patrick für diese schöne und intensive Erfahrung.

Franziska Weinmann

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