Yoga als Performance (?)

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Seit 1978 kombiniert Edward Clark Yoga und Performing Arts. Mit seinen Tripsichore-Shows schafft er eine Zuschauerverbindung der besonderen Art. “Dabei sitzen wir nicht nur herum und singen Om”, erklärte er YOGA JOURNAL anlässlich eines Workshops im Yogaloft Köln.

YOGA JOURNAL: In deinen Workshops beschreibst duYoga als„Technik“,die es vermag, das Schöne und Göttliche in allen Dingen zu sehen. Wie ist das gemeint?
Edward Clark: Brahman (kosmische Kraft) ist der Schlüssel. Gemeint ist die Schönheit, die erst zum Tragen kommt, wenn man sie erlebt. Brahman ist nicht wie ein Gemälde, dass du anschauen kannst. Nehmen wir den Sonnenuntergang als Beispiel: Du stehst auf der Spitze eines Berges, auf der du dieses überwältigende Erlebnis hast, auf ein von der Natur geschaffenes Kunstwerk zu blicken. Du kannst diese Schönheit in Tanz, Theater, in der Musik oder der Malerei wiederfinden. Yoga hilft, Schönheit wahrzunehmen, ohne sie explizit zu erleben. Yoga ist eine Technik, um bestimmte Dinge erlebbar zu machen. Je mehr wir unsere Yogatechnik diesbezüglich verfeinern, desto mehr kommen wir in Einklang mit dem, was wir erleben. Asanas helfen dabei.

Du hast eine Verbindung aus Yoga und Performing Arts entwickelt, die du „Tripsichore“ nennst. Was genau steckt dahinter?
Tripsichore ist eine griechische Muse des Tanzes. Unser Ziel ist es, das Schöne zu erleben und anhand eines yogisch-choreografischen Vokabulars zu transportieren. Wir nennen es zwar Theater, aber wir beschränken es nicht auf eine Sparte wie beispielsweise Tanz. Wir betrachten es ganzheitlich. Wir drücken uns durch Yoga, Vinyasa und die Verbindung der Haltungen aus. Wobei all das ständig im Fluss bleibt und Raum für Entwicklung lässt.

Wie läuft eine Performance normalerweise ab?
Wenn du ein trauriges Stück spielst, wird das Publikum traurig werden. Die Zuschauer nehmen Anteil und leiden mit. Wenn wir jedoch eine gute Vorstellung bieten, dann schaffen wir es, das Publikum in den selben meditativen Zustand zu befördern, in dem wir uns befinden. Die Zuschauer atmen mit uns und tauchen in eine gemeinsame Erfahrung ein. Wobei ich betonen möchte, dass wir extrem anstrengende Körperübungen machen. Wir sitzen nicht bloß herum und singen Om. Tripsichore besteht aus zahlreichen Partnerübungen und komplexen Asana-Konstellationen, mit denen wir versuchen, den yogischen Gedanken zu transportieren. Diese Kombination benötigen wir für unsere Ausdrucksfähigkeit und packen sie in eine Show. (lacht)

In den ersten Jahren war Yoga nur eine Ergänzung des Tripsichore-Trainings. Was war der Auslöser, es fest zu integrieren?
Das war eigentlich ein pragmatischer Grund. Damals hatten wir große Probleme, öffentliche Fördermittel zu bekommen. Wir hatten zwar eine Bühne, aber gefördert wurde nur langweiliger Kram wie Modern oder Contempory Dance. Also dachten wir uns, wir müssten auch etwas Langweiliges bieten. Wir nahmen an, dass die Kulturförderer Yoga-Theater lieben würden. Es war eigentlich ein Witz – aber es funktionierte.

Ihr habt dann experimentiert…
Genau, wir wollten eine Mischung aus Yoga und Style entwickeln. Und während wir experimentierten, bemerkten wir, wie außergewöhnlich diese Verbindung ist. Die Formen, die Gestaltung, die Ausdruckskraft – es war so viel besser als alles, was wir bisher gemacht hatten. Es stellte alles Bisherige in den Schatten.

Was ist der Unterschied zu den Ausdrucksmöglichkeiten im Contemporary Dance?
Das ist eine interessante Frage, weil Asanas noch nie Bestandteil einer Choreografie waren, abgesehen vom traditionellen indischen Tanzformen. Es war einfach ein Experiment, für das die Zeit reif war. Diese Kombination konnte wahrscheinlich nicht ohne den Modernen Tanz entstehen. Möglicherweise brauchte es auch den Einfluss Krishnamarcharyas und seiner innovativen Neuerungen bezüglich der Verbindung von Atem und den Haltungen. Die Atemkontrolle hat gleichzeitig eine Kontrolle über Körper und Geist zur Folge – was den Tänzer zu einer Einheit verschmelzen lässt. Im modernen Tanz steht diese Verbundenheit nicht im Vordergrund.

Hast du eigentlich schon vor der Tripsichore-Gruppe Yoga praktiziert?
Nein, es entwickelte sich parallel: Als ich anfing zu schauspielern und die idiotische Entscheidung traf, Tanz zu studieren, kam ich auch das erste Mal mit Yoga in Kontakt. 1978 – es war das Ende der Punk-Ära – gab es einen Jungen in der Klasse, der Yoga praktizierte. Und es stellte sich heraus, dass ich es mochte. Yoga war tatsächlich eine tolle Ergänzung zum Tanzen. Meine damalige Freundin und ich behielten es bei. Mit der Tripsichore-Gruppe nutzten wir Yoga zur Aufwärmung. Es war einfach da – auf ganz natürliche Art und Weise. Dann kam der Trick für die Fördermaßnahmen, und ab da es wurde fester Bestandteil von Tripsichore. Es dauerte 14 Jahre, bevor wir Yoga schließlich choreografisch einbanden.

In welcher Art und Weise beeinflusst dein Job beim Tripsichore-Yoga-Theater deine persönliche Yogapraxis?
Ich denke, der Job eröffnet mir eine interessante Perspektive für mein eigenes Üben. Yoga, Tanz und Theater haben gemeinsame – schamanische – Ursprünge. Viele Konzentrationstechniken sind denen aus dem Yoga sehr ähnlich. Die Art, wie man den Raum und den Geist nutzt oder wie der Geist Raum für Bewusstsein schafft, ist im Theater ähnlich. Die Schauspieler loten aus, wie sie den Raum nutzen können, der ihnen für die Performance zur Verfügung steht. Ähnlich ist es bei den Yogis, die ihre Konzentration auf ihr drittes Auge richten, einen sehr kleinen Raum. Oder sie konzentrieren sich auf etwas Externes, wie eine Blume oder den Himmel. Es ist in jedem Fall ein Moment der Konzentrationssteigerung.

Wie funktioniert das auf der Bühne?
Im Theater – vor 800 Menschen – kommt das Tanzen an einen Punkt, an dem du etwas geben musst. Beim Yoga hört man ständig: „Es ist okay, wenn etwas nicht klappt. Übe ohne Druck. Du bist gut so, wie du bist.“ Klar stimme ich damit überein, aber es muss doch möglich sein, darüber hinaus zu gehen. Hör auf dich zu entschuldigen, geh raus und tu, was du kannst! Theaterbühnen eignen sich ausgezeichnet dafür. Wenn du einen Handstand machst und dabei umkippst, werden das die Anwesenden mitbekommen. Damit muss man in diesem speziellen Moment umgehen. Während einer Vorstellung ist es wichtig, glaubhaft an die Choreografie anzuknüpfen. Wenn das gelingt, ist das großartig, denn dann arbeitest du tatsächlich im Moment.

Du sagst , Tripsichore habe sehr viel mit der energetischen Intention des Tänzers zu tun.
Damit ist das Vermögen zur Steigerung gemeint. Sobald du an etwas glaubst, wird eine gewisse Entwicklung seinen Lauf nehmen. Die positive Energie wirkt sich auf das Handeln aus. Es wird sich manifestieren. Genauso funktioniert es natürlich, wenn du denkst: „Das wird niemals klappen.“ Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das beste Beispiel sind Schüler, die sich immer in die hintersten Reihen verdrücken und meinen, sie könnten bestimmte Asanas nicht. Mit dieser Einstellung werden sie tatsächlich keinen Erfolg haben.

Wie änderst du ihre Einstellung?
Ich versuche sie energetisch an einen Punkt zu bringen, an dem sie Lust bekommen, daran zu arbeiten. Was du denkst, beinflusst dein Bewusstsein und damit auch deine Transformation. Das ist etwas, was wir bewusst kontrollieren können. Wenn du dich auf den Moment konzentrierst, ist das ähnlich wie Mantren zu singen. Sie können sehr lang sein, und möglicherweise ergibt sich ein Moment, der eine Stunde andauert. Und jeder Atemzug sollte mit dieser Konzentration und diesem Bewusstsein geschehen. Einige Atemzüge werden vielleicht nicht im Rhythmus sein, aber das ist kein Drama. Sie werden sich entwickeln. Du kennst zwar nicht den genauen Weg, aber du weißt, es wird funktionieren.

Du hast nie eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht, weshalb nicht?
(lacht) Ich glaube es ist nicht möglich, Menschen das Unterrichten zu lehren. Viele Menschen meinen, dass sie Yogalehrer sein könnten. Oftmals wissen sie aber nicht, was für ein harter Job das ist. Es ist ein Prozess des Lernens. Wobei du erst etwas lernst, wenn du deine eigene Praxis beleuchtest. Die Fähigkeit zu unterrichten erlangst du nicht in 200 oder 500 Stunden. Im Gegenteil, ich denke, Teacher-Training-Zertifizierungen mindern den Unterrichtsstandard beträchtlich. Entweder man kann unterrichten oder man kann es nicht. Ich lache darüber, dass jemand meint, mit einem 200h-Teacher-Training könne er nichts mehr falsch machen. Viele Senior Teacher wissen nicht einmal, wie man Adjustments korrekt gibt.


Edwark Clark Tripsichore YogaWeitere Infos, Termine, Workshops und Retreats finden Sie unter www.tripsichore.com. Copyright: Edward Clark