Endlich unzertrennlich

Ist der Satz „Ohne dich will ich nicht sein“ Ausdruck von Abhängigkeit? Oder ist es wirklich so, dass Männer und Frauen zusammengehören?

Wie nah will ich dir sein?
„Ich hab das Gefühl, meine andere Hälfte gefunden zu haben“, sagte meine damalige Freundin, kurz nachdem wir uns kennen gelernt hatten. In dem Moment ahnte ich, dass unsere Beziehung nicht lange halten würde, weil sie mit einer zu großen Hypothek begonnen hatte. Ich wusste damals noch nicht viel über Partnerschaft, aber ich fühlte mich auf einmal ängstlich. Ich fragte mich: Wie soll ich auf Dauer dem Anspruch genügen können, den anderen zu komplettieren? Dabei hatte ich selbst ein großes Bedürfnis nach Nähe und Intimität.

Die meisten von uns sind damit in bester Gesellschaft. Den Göttern ergeht es ähnlich. Shiva und Parvati, das Vorzeigepaar im Yoga – ungefähr so wie Brad Pitt und Angelina Jolie in Hollywood – bekam ebenfalls nichts auseinander. Das führte in vielen Fällen leider auch zu Streit. Wenn der eine unbedingt alles mit dem anderen zusammen machen möchte, wird das, was eigentlich gesucht wurde, in den meisten Fällen irgendwann zu viel. Aus Nähe wird Druck. Dann distanziert sich der weniger nähebedürftige Partner. „Du liebst mich gar nicht“, ruft jetzt der andere. Die Rollen können dabei durchaus wechseln. Oft kann über Jahre hinweg einer der Partner vor Intimität flüchten. Wenn er dann aber irgendwann ganz unverhofft auf den anderen zukommt, dreht sich das Spiel plötzlich um. Der Grund? In dieser Phase der Beziehung haben beide noch eine heimliche Angst, ihre eigene Verletzlichkeit im Spiegel des Partners zu sehen.

Welchen Partner ziehe ich an?
Was suchen wir überhaupt in unserem Partner? Wenn ich in Seminaren über Männer und Frauen spreche, greife ich gerne zum Stilmittel der Vereinfachung. Sätze wie „Ein Mann ist verlässlich“ können natürlich nicht allgemeingültig sein. Es geht dabei auch nie um den Mann oder die Frau an sich, sondern um die männliche und weibliche Polarität. Die ist stets in beiden Geschlechtern vorhanden. Da die Anteile in jedem von uns unterschiedlich ausgeprägt sind, suchen wir jemanden, der unsere Energie ergänzt, je nachdem ob wir selbst „männlicher“ oder „weiblicher“ sind. Wichtig ist dabei, dass wir immer schon beide Seiten in uns haben.

Erfahrung und Erkenntnis
Vor vielen Jahrhunderten wollte der indische Weise Bhringi das unter keinen Umständen einsehen. Er akzeptierte nur Shiva in seiner männlichen Gestalt als die allumfassende Wirklichkeit. Und er weigerte sich, den Göttinnen auch nur ein Blütenblatt zu opfern. Das gefiel -Parvati gar nicht. Zu dieser Zeit und auch heute noch ist es Brauch, im Kreis um die Figuren der Götter herumzugehen, um seine Verehrung auszudrücken. Also setzte Parvati sich auf Shivas Schoß, so dass Bhringi nicht darum herumkommen könnte, auch ihr zu huldigen. -Darauf verwandelte dieser sich in eine Biene und versuchte, zwischen den beiden -hindurchzufliegen. Parvati blieb bei ihrer Demonstration und verschmolz mit Shiva zu Ardhanarishvara (Sanskrit: „ardha“ = halb, „nari“ = Frau und „ishvara“ = Herr).

Das göttliche als Verbindung
Jetzt war das Göttliche nur noch als Verbindung des Mannes und der Frau – der männlichen und weiblichen Anteile – zu sehen. Als Bhringi trotzdem noch gegen die Weiblichkeit wütete, entzog Parvati ihm die Lebenskraft. Der Mann, der sich selbst für so weise hielt, sah sich auf einmal auf sein Skelett reduziert und fiel zu Boden. Da verstand er durch die -Beziehung zwischen der weiblichen, dynamischen Fülle seines Fleisches und Blutes und der statischen, tragenden Kraft seiner Knochen, wie beide Pole zusammen-gehören und keiner allein sein kann.

Nur mit dir …
Uns bleibt die Aufgabe, diese Hochzeit zwischen Shiva und Parvati in unserer eigenen Persönlichkeit nachzuvollziehen. Am Anfang der Beziehung lieben wir unseren Partner meist für das, was wir in ihm sehen, das wir scheinbar gerade selber nicht haben. Wir finden uns beispielsweise selbst entweder zu intellektuell oder zu emotional und schätzen den anderen für die ganz gegensätzliche Qualität. Unser Partner scheint uns zu ergänzen. Dieses Gefühl von Ganzheit steht aber auf wackeligen Füßen. Denn was, wenn der andere sich plötzlich entfernt?

… oder ganz allein?
Die philosophische Frage ist: Kann uns jemand anders ganz machen oder können das nur wir selbst? Dem Bild von Ardhanarishvara nach sind wir das ja schon. Wenn das aber nur intellektuelle Erkenntnis bleibt, geht es uns immer noch nicht besser. Ich glaube, dass wir auf der Welt sind, um zu lernen, uns selbst zu lieben. Dazu dürfen wir weder den analytischen Geist, noch die Kraft der Gefühle einseitig idealisieren. Wir müssen beide in uns akzeptieren können. Dann brauchen wir keine „bessere Hälfte“ mehr, um uns vollständig zu fühlen. Statt in der Partnerschaft nach Fusion zu suchen, können wir uns jetzt auf eine Beziehung einlassen, in der wir gleichzeitig frei und verbunden sind.

Gut zu zwein!
Normalerweise funktioniert das nicht von heute auf morgen. Es reicht aber schon zu wissen, dass unser Weg in diese Richtung geht. Genauso wenig wie wir je einen Partner finden, der ganz mit sich im Reinen ist, genauso wenig werden wir selbst irgendwann „perfekt“ in der Selbstliebe sein. Warten Sie also nicht darauf, dass Sie endlich „reif“ für eine Beziehung werden. Wir warten ja auch nicht darauf, dass unser Geist ruhiger wird, bevor wir uns aufs Kissen setzen. Wir setzen uns zur Meditation und lassen ihn dann zur Ruhe kommen. Auf die gleiche Weise können wir in der Zuneigung von und zu unserem Partner uns selbst und ihn (oder sie) noch viel mehr schätzen lernen.

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