Yoga in der DDR

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In der DDR gab es eine hohe Nachfrage nach Yogakursen, die allerdings unter erschwerten Bedingungen abliefen. Dhanya aus Chemnitz war eine der ersten Yogalehrerinnen, die die Praxis offiziell unterrichtete – und für ihren ersten Kurs 5000 Anmeldungen erhielt.

Wenn man einen Yogakurs im Dhananjaya-Zentrum in Chemnitz besucht, unterscheidet sich die Szenerie nicht wesentlich von anderen deutschen Yogastudios. In einem Saal mit Parkettfußboden sind Yogamatten ausgebreitet, in einer Ecke steht ein von hinten beleuchteter Buddha, Blumen schmücken den Raum. Wie überall gibt es Accessoires wie Sitzkissen, Klötze und Bänder, um die Übungen zu unterstützen. Vom iPad rieselt leise Entspannungsmusik, und die vorwiegend weiblichen Yogaschüler bereiten sich auf die Haltungen der Kobra, der Katze und des Sonnengrußes vor. Das Ambiente ist warm, liebevoller vielleicht als in manch anderem Studio.

Ihr spiritueller Name bedeutet “Die mit Glückseligkeit Gesegnete”: Yogapionierin Dhanya aus Chemnitz

Wie immer wird Dhanya, 61 Jahre, die Stunde leiten. Der Name kommt aus dem Indischen und bedeutet so viel wie „Die mit Glückseligkeit Gesegnete“. Was heute so selbstverständlich scheint, war vor über 30 Jahren in der DDR eine kleine Revolution.

Denn noch mehr als in der alten Bundesrepublik war Yoga in der DDR etwas Exotisches und von der Staatsführung nur unter „Yoganastik“ als eine Art Gesundheitssport zugelassen. „Es war im Jahr 1981, ich war schwanger, arbeitete am Theater und gab Gymnastikurse für die Mädchen“, erzählt Dhanya. Chemnitz hieß damals noch Karl-Marx-Stadt, eingekauft wurde im Zentrum-Warenhaus und gearbeitet in den Kombinaten Haushaltsgeräte oder im Textima.

Schlimmer Mystizismus?

Das Titelblatt der ersten DDR-Veröffentlichung über Yoga bleibt betont nüchtern. Das Sonderheft der Zeitschrift “Deine Gesundheit” erschien 1986.

Aufgrund der Schwangerschaft konnte Dhanya die Gymnastik nicht mehr unterrichten und suchte etwas Leichteres. „Da lag bei einer Freundin ein Yogabuch aus Westdeutschland auf dem Couchtisch“, erzählt die Lehrerin. Es handelte sich um „Yoga für jeden“ von Kareen Zebroff, und Dhanya lieh es sich für eine Woche aus. Sie fand es höchst interessant, es war „wie von Gottes Hand“ dort hingelegt, wie sie es ausdrückt. Innerhalb der einen Woche schrieb sie das ganze Buch von Hand ab und verinnerlichte es. „Es war, als ob ein Tor aufging und sich mir dieses Jahrtausende alte Wissen auf einmal erschloss“, erinnert sie sich. Bis zur Geburt praktizierte sie die Übungen zu Hause. Nur vereinzelt war in Zeitschriften damals etwas über Yoga zu lesen, unter anderem in den Magazinen „Deine Gesundheit“, „Das Magazin“ oder „Guter Rat“.

Es war die Zeit, in der man Yoga in der DDR für eine Art gefährliche Krankheit hielt. Im Jahr 1979 verhängte der Deutsche Turn- und Sportbund DTSB sogar ein Yogaverbot für alle seine Veranstaltungen. Offiziell begründete man das mit dem schlimmen Mystizismus, den die „Sportart aus dem fernen Osten“ verkörpere. Dahinter stand wohl auch der Gedanke, dass die sehr individuelle „Sportart“ sich der Kontrolle der DDR-Oberen entziehen würde – was bei Mannschaftssportarten, die die DDR breit förderte, definitiv nicht der Fall war. Yoga war genau das Gegenteil von der Linie des Wettkampfes und des Leistungssports, die die DDR propagierte: Es war hoch individuell und in keinster Weise für Wettbewerbe zu gebrauchen.

Geächtet, geduldet, gefördert
Im Jahr 1986 durfte das erste Yogabuch in der DDR erscheinen, natürlich aus streng medizinischer Sicht. Der Bedarf war da, denn durch das westdeutsche Fernsehen waren die DDR-Bürger neugierig auf die fernöstliche Lehre. Das Buch trug den Titel „Die physiologischen Aspekte des Yoga und der Meditation“, verfasst hatte es der Mediziner Dr. Dietrich Ebert. Ebenfalls 1986 erschien dann auch eine Broschüre mit dem Titel „Yoga“, die die Übungen illustrierte. Der Preis betrug 3,20 DDR-Mark, die Auflage von 250.000 Exemplaren war im Nu vergriffen. Erst vor zwei Jahren hat der Yogalehrer Mathias Tietke die Geschichte des Yoga in der DDR in seinem spannenden Buch „Geächtet, geduldet, gefördert“ eingehend beschrieben (Ludwig Verlag 2014). Natürlich wurde auch die Stasi in Sachen Yoga aktiv, wie Tietke in dem Kapitel „Ausschluss aus der SED wegen Yogalehre“ schrieb. Ein anderes Kapitel widmet sich dem Flug über die Berliner Mauer, die Swami Vishnu-Devananda im September 1983 unternahm. Die Stasi protokollierte wegen „Luftraumverletzung“ natürlich mit – in der MfS-Akte „Devananda“. Nicht weniger interessant ist der Lebenslauf des „deutschen Ghandi“ Herbert Fischer, der als DDR-Diplomat in Indien auch Yoga praktizierte, ebenfalls nachzulesen in Tietkes Buch.

Inmitten dieser filmreifen Episoden musste Dhanya, wie es damals in der DDR üblich war, als junge Mutter bald wieder arbeiten. Neben der Theaterarbeit wollte sie allerdings etwas Neues beginnen und reagierte auf eine Anzeige in der Chemnitzer Freien Presse. Eine Lehrerin für „Pop-Gymnastik“ im städtischen Hallenbad wurde gesucht, und Dhanya stellte sich vor. Sie war die einzige Bewerberin und wurde sofort genommen.

Impro-Yoga

“Mehr Vitalität, Schaffenskraft und Lebensfreude”: Die Lokalpresse auf den Spuren des Yoga.

Statt der Pop-Gymnastik bot Dhanya dann natürlich Yoga an – „Yoganastik“, wie es offiziell hieß. Ihr Angebot schlug in Chemnitz ein wie der Blitz. „Ich bekam in Postsäcken 5000 Anmeldungen für den Kurs und wusste erst einmal gar nicht, wie ich das organisieren soll.“ In den folgenden vier Jahren wurde jede einzelne Anmeldung abgearbeitet, indem jede Teilnehmerin – es waren vorwiegend Frauen – einen Kurs über acht Wochen belegen durfte. „Ich war mit meinen 27 Jahren als jüngste Yogalehrerin der DDR bekannt“, erzählt Dhanya gut gelaunt. Viele Frauen wollten jedoch mehr als nur 8 Wochen Yoga und fragten Dhanya, ob sie sie irgendwie „wieder einschleusen“ könne. „So fand ich eine Turnhalle – Miete mussten wir in der DDR ja damals nicht bezahlen –, die ich am Montagabend nutzen konnte, und hatte eine zusätzliche Yogastunde mit rund 40 Personen.“ Den „Nebenjob“ wollte Dhanya natürlich beim Finanzamt registrieren. „Doch dort sagte man mir, dass es für private Yogastunden kein Gesetz gäbe und darüber nichts in den Büchern stehe“. Dhanya bekam die offizielle Erlaubnis der DDR-Führung, privaten Yogaunterricht erteilen zu dürfen und dafür pro Stunde und Teilnehmer 2,50 DDR-Mark zu kassieren – steuerfrei. Es gab zu dieser Zeit weder Yogamatten noch Hilfsmittel. Jede Teilnehmerin brachte einen kleinen Teppich oder einen Bettvorleger für die Übungen mit, wie überall in der DDR wurde improvisiert.

Obwohl die Yogaausbildung in der DDR Medizinern vorbehalten war, schaffte es Dhanya, sich in einem offiziellen Kurs in Leipzig zu qualifizieren. Schnell war die gesamte Woche voll mit Yogakursen, ihre Arbeit am Theater stand immer mehr hintenan. Nach der Wende baute Dhanya im Jahr 1993 schließlich das erste Yogazentrum der Stadt auf. Während dieser Zeit machte sie Bekanntschaft mit Osho, der sie in seinen Bann zog und ihre Meditationspraxis prägte. Er gab ihr den Namen Ma Anand Dhanya, die frühere Beate Rößger trat fortan in den Hintergrund. Heute gibt es im Dhananjaya-Zentrum jede Woche Oshos Dynamische Meditation. Dabei ist die Location in der alten Schönherr-Fabrik schon lange nicht mehr die einzige Yogaschule in Chemnitz. Vor allem ehemalige Schülerinnen von Dhanya haben heute eigene Studios eröffnet. Und zu „exotisch“ ist inzwischen nichts mehr: Neben Yoga gibt es auch Kurse in Reiki, Familienaufstellung und Meditation.

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