Yoga-Mythbuster: Muss man die Yogaklasse mit dem Wort “Namasté” beenden?

Im heutigen Mythbuster-Beitrag geht Yogalehrerin Eva der Frage nach, was es mit dem Namasté-Gruß so auf sich hat und ob man eine Yogastunde damit beenden muss.

Erstmals möchte ich heute ein Thema ergebnisoffen erörtern. Mein Ziel ist es, meinungsfreie Denkanstöße zu geben, und zwar für LehrerInnen sowie für TeilnehmerInnen gleichermaßen. Viele SchülerInnen haben sich sicher ohnehin schon diese Frage gestellt oder (nach meiner Klasse) etwas vermisst: Glückliche, aber verwirrte Gesichter nach dem Savasana – “Wo war Evas ‘Namasté’??” Bist Du auch förmlich auf dieses Wort konditioniert worden? Fehlt Dir etwas, wenn Du es am Ende der Stunde nicht hörst?

Namasté Bitches?

Vielleicht möchtet Ihr mit mir diese Sache beleuchten, die für Lehrer und Schüler scheinbar ritualisiert zu jeder Yogastunde gehört, auch wenn man sich über die wahren Gründe vielleicht noch nie Gedanken gemacht hat. Was bedeutet das Wort? Und wenn Du YogalehrerIn bist – vielleicht möchtest Du vor dem Weiterlesen noch kurz inne halten und Dir selbst die Frage beantworten: Warum sagst Du es, was ist Dein Grund?

Im deutschsprachigen Raum wurde dieses Thema bisher wenig auf den Tisch gebracht. Insbesondere in den USA und (wegen der traurigen Vergangenheit) in Großbritannien ist die Diskussion allerdings lebhaft. Auslöser war spätestens die “Verstümmelung” des Ausdrucks für Werbezwecke, was auch wohl der ewig falschen Aussprache [ steɪ ] (wie das Englische “-stay”) der letzten Silbe geschuldet ist. Shirts, Wasserflaschen und andere Artikel werden bedruckt mit Begriffen, die für mich Fremdschäm-Faktor haben: Nama-stay in bed // Namasté Bitches // Nama-Slay usw.

Namasté oder sogar Namovaha?

Vorab ein paar Worte zur Etymologie: Sanskrit wird als eine der ältesten Sprachen angesehen und hat z B. Latein beeinflusst und sogar ins Englische hineingefärbt. Christopher Wallis ist Meditationslehrer und hat einen Doktortitel in Sanskrit. Von ihm habe ich gelernt, dass “Namasté” grammatikalisch der Singular ist, also man es benutzt, wenn man eine Einzelperson adressiert. Der korrekte Plural, zum Beispiel für eine Yogagruppe, müsste “Namovaha” lauten. 

Im alltäglichen Sprachgebrauch der Hindus ist “Namasté” eine Begrüßung, und zwar eine eher förmliche, die man Älteren oder Respektspersonen zuteilwerden lässt. Der indische Comedian Akaash Singh beschreibt das Dilemma für indische Ohren in einem kurzen Clip auf YouTube sehr drastisch-treffend (“Welche höhere Bewusstseinsstufe glaubst Du zu erlangen, wenn Du am Ende Deiner Yogastunde Deine Hände faltest und die Worte ‘Guten Tag’ falsch aussprichst?”).

Lies hier: Was bedeutet Namasté denn überhaupt?

Kulturelle Aneignung

Romatisch verklärt klingt die wörliche Übersetzung: “Das Göttliche in mir grüßt / verneigt sich vor dem Göttlichen in Dir” – dennoch ist mir in der Recherche immer klarer geworden, dass Namasté in seinem Ursprungsland für eine ganze Nation, für Billionen Menschen, etwas ganz anderes bedeutet. Und wäre dies nicht der Fall, würde der folgende Vorwurf nicht immer wieder aufkommen.

Insbesondere aufgrund der großen Anti-Diskriminierungsdiskussion sehe ich es – schon lange – als meine Pflicht an, der Kritik der Menschen anderer Kulturen zuzuhören. Menschen aus Indien berichten sehr häufig, dass die Verwendung von Namasté durch (zumeist weiße) YogalehrerInnen im Westen verletzend für sie ist. Kritisiert wird die sogenannte “Kulturelle Aneignung” (cultural appropriation) einer Kultur, der man selbst eben nicht entstammt. Auch geht es hier immer um ein Machtgefälle, also um geschichtliche Verbindungen und Machtdynamiken aus Richtung des aneignenden Landes.

Es gibt noch unzählige weitere Fälle kultureller Aneignung: Indianischer (Haar-)Schmuck, Rastazöpfe, Bindis auf der Stirn, Henna-Tatoos,… oder eben das Namasté!? Es ist eine heikle und unbequeme Gewissensfrage wenn es ums Tragen oder Sagen der genannten Dinge geht, die man sich vielleicht noch nie gestellt hat; eigentlich wollte man doch nur Trends und Mode folgen und hat es gar nicht böse gemeint oder schlichtweg nicht gewusst. Und doch gibt mir persönlich die starke Reaktion indischer Menschen zu denken, dass hier ein Wort ganz spezifisch und tief mit einer Kultur verwoben ist, welches nicht für einen leeren Slogan oder modischen Aufdruck auf einem Shirt herhalten sollte.

Lese-Tipp: Die beliebtesten Yoga Symbole und ihre Bedeutung

Mehr Authentizität und Respekt

Noch prekärer ist der Blick in ein Land wie Großbritannien, das in Indien eine Kolonialvergangenheit hat (oder hast Du den Linksverkehr in Indien für einen lustigen Zufall gehalten?). Während der Kolonialherrschaft wurden Yoga und hinduistische Praktiken und Kulturgüter weitgehend verboten. Wie müssen sich Inder heutzutage fühlen, die vielleicht sogar in Großbritannien leben, und sich in der Yogawelt kaum repräsentiert finden? Inklusive der oben beschriebenen Vergangenheit?

Wie ich eingangs schon erwähnt habe, soll dieser Artikel ergebnisoffen sein und es ist mein Ziel, das Denken anzuregen. Die Schlüsselworte, die ich ans Ende des Artikels stelle, sollen Authentizität und Respekt lauten. Ich kenne einige YogalehrerInnen, die sich umfassend mit Sanskrit, der tantrischen Philosophie, Mantra, Gottheiten oder Gebeten befassen. Die ein tiefes Verständnis für die indische Kultur besitzen (das weiter reicht als Restaurantbesuche beim Inder oder den einen Trip nach Goa). Es gibt einen Menschen in meinem Umfeld, der eine familiär geprägte, ganz besonders persönliche Verbindung zu einem Symbol bzw. zu Sanskrit hat. Es gab im Vorfeld dieses Artikels aber auch LehrerInnen, die mutig und offen von sich sagten, dass das Namasté kritiklos aus der Yoga-Ausbildung “übriggeblieben” ist.

Dieser Artikel ist nicht dazu da, um Kollegen und Schüler zu verunglimpfen, die nach dem Lesen immernoch “Namasté” sagen möchten. Im Gegenteil, vielleicht habe ich Dich ja nochmals bestärkt. Es ist eine Einladung, Deine Entscheidung zu evaluieren und Dein starkes “Warum” zu finden – denn ich bin der Meinung, dass unsere Schüler mehr verdienen als unreflektierte Yogastunden nach dem Schema F!

Lies auch diesen Yoga-Mythbuster: Detox im Yoga

Du interessierst dich für das Thema und würdest gerne mehr darüber erfahren? Hier ist ein erster Anreiz:

Unsere Mythbuster-Kolumnistin und Yogalehrerin Eva kommt ursprünglich aus dem Leistungssport. Aufgrund einer gesunden Neugier liebt sie es, sich mit anatomischen Fragen auseinanderzusetzen und so den eigenen Körper besser zu verstehen. Zusätzlich nutzt sie ihr Wissen, um die Yogawelt immer inklusiver zu machen. Mehr Infos auf Instagram: @yogacycle_by_eva. Porträtbild: Sonja Netzlaf www.sonjanetzlaf.com

5 KOMMENTARE

  1. Hallo Laura!

    Ich freue mich sehr, dass Du nach der Lektüre meines Artikels direkt solch große, grundsätzliche Fragen stellst. Bewusst ist mein Text ergebnisoffen geblieben und ich persönlich empfinde den Grat, wo Inspiration aufhört und kulturelle Aneignung beginnt, denkbar schmal.

    Grundsätzlich sollte es doch immer unser Ziel sein, andere Kulturen genießen zu dürfen, ohne die Menschen vor den Kopf zu stoßen, die ihr angehören (die Namasté-Debatte zeigt leider, dass hier häufig Zweiteres der Fall ist).

    Da ich selbst ein Teil der westlichen Gesellschaft bin, möchte ich den Blick auf andere Stimmen lenken, denen wir hierfür zuhören und die das letzte Wort haben sollten. Vielleicht findest Du für Dich weitere Antworten, wenn Du z.B. in den kürzlich vom Yoga Journal vorgestellten “Yoga Is Dead”-Podcast von Tejal Patel und Jesal Parikh reinhörst (siehe Online-Artikel “Yoga für die Ohren” vom 09.02.)?

    Es ist ein guter Anfang, wenn man nicht nur die Asanas “konsumiert”, sondern Yoga als bewussten, ganzheitlichen Lebensstil und als den Stolz einer anderen Kultur anerkennt. So kann in meinen Augen ein kultureller Austausch statt einer Aneignung beginnen. Auch schützt ein reflektierter Umgang und das Darüber-Reden davor, die kolonialen Strukturen nicht zu vergessen.

    Ich hoffe, dass meine ergänzenden Gedanken Dich Deiner Antwort ein gutes Stück näher gebracht haben!
    Deine Eva

  2. Du schreibst “romantisch verklärt” wäre die Übersetzung des Namaste wie wir Yogis sie gemein hin kennen – könntest Du da bitte nochmal genauer drauf eingehen? Ist es die Übersetzung oder ist sie es nicht?
    Ich tue mich ehrlich gesagt schwer mit der aktuellen Diskussion um solche und ähnliche Themen. Selbst in der Bedeutung das man diese Begrüßung Älteren oder Respektpersonen gegenüber wählt, ist es doch ein wunderbares Zeichen der Wertschätzung.
    Insgesamt glaube ich, dass wir uns entscheiden müssen was wir wollen. Interesse an anderen Kulturen bringt es auch immer mit sich, einige Dinge von dort abzuschauen. Daran kann ich nichts schlimmes finden.
    Vielen Dank für Deinen sehr interessanten Beitrag.

    Norman

  3. Danke fürs Kommentieren, lieber Norman!

    Hast Du meinen Artikel bereits gelesen? Hier widme ich der Etymologie und dem Bedeutungsspektrum des Wortes “Namasté” einen Absatz. 

    Danke auch für Deinen Mut, offen preiszugeben, dass Du Dich mit den aktuellen Diskussionen schwer tust.

    In meinem Artikel wird hoffentlich deutlich, dass mir persönlich der wertschätzende Umgang mit fremdem Kulturgut sehr wichtig ist (versus: sich “Dinge irgendwo abschauen”, aus dem persönlichen “Interesse an anderen Kulturen”).

    “Daran kann ich nichts Schlimmes finden”, offenbarst Du. Da es in dieser Debatte zwei Seiten gibt, sollte die Wertung den Menschen überlassen werden, aus deren Kultur man sich bedient. Im vorangegangenen Kommentar findest Du nochmals den Link zu einem tollen Podcast, falls Du noch tiefer ins Thema eintauchen möchtest.

    Denn die Tatsache, dass Du den Kommentar verfasst hast zeigt, dass ein Interesse und eine Offenheit Deinerseits vorhanden ist. Das finde ich toll und wünsche Dir viel Spaß und Neugier beim Entdecken dieser weiteren Facette des Yoga!

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