Gemischte Gefühle – wenn wir in der Yogastunde emotional werden

Gefühle sind im Yoga seit jeher ein wichtiges Thema: Beim Üben steigen sie ganz unwillkürlich auf, sie können uns bereichern, erfüllen, aber auch ablenken und irritieren. Wie gehen wir also am besten mit ihnen um? Eine Annäherung in sechs Fragen von YOGA JOURNAL Chefredakteurin Stephanie Schauenburg.

1. Warum spüren wir im Yoga unsere Gefühle besonders deutlich?

Sicher kennst du das: Du liegst nach der Stunde in Shavasana und plötzlich kommen dir die Tränen. Einfach so. Du bist nicht traurig. Einfach nur berührt. Das hat sicher viel damit zu tun, dass wir uns beim Yoga selbst Raum geben. Wir lassen den Alltag draußen, fangen an zu spüren und zu lauschen. Und wir nehmen Gefühle deutlicher wahr als sonst, weil die Praxis genau diese feine Eigenwahrnehmung schult.

Gleichzeitig werden wir, wenn wir in der Bewegung unsere körperlichen Blockaden lösen, auch emotional durchlässiger. Manchmal kommt es dabei vor, dass eine bestimmte Haltung auf rätselhafte Weise ein bestimmtes Gefühl weckt: Widerstand zum Beispiel, euphorische Freude, Angst, oder eine unbestimmte Verwirrtheit. Das könnte etwas damit zu tun haben, dass nicht nur das Gehirn Erinnerungen speichert, sondern angeblich auch Gewebe, besonders die Faszien, eine Art “Gedächtnis” haben. Darin hinterlassen Erlebnisse demnach Spuren, die durch bestimmte Bewegungen und Haltungen wieder an die Oberfläche kommen und sich lösen können. Genau erforscht und belegt ist dieses Phänomen bisher nicht, aber viele Körper- und Psychotherapeuten arbeiten bereits erfolgreich damit.

Was wir sicher wissen: Atmung und Bewegung wirken direkt auf Nervensystem und Psyche – und umgekehrt. Emotionale Zustände haben also immer auch eine körperliche Dimension: Wir ziehen ängstlich die Schultern hoch, wir beißen die Zähne zusammen und Stress sitzt uns im Nacken. Manche Forscher glauben sogar, ohne körperliche Empfindung könnten Gefühle überhaupt nicht entstehen.

Genauso eng wirken auch beim Üben von Asanas Bewegungen, die Atmung und unsere Emotionen ineinander – und wenn wir es zulassen, machen wir dabei eine ganzheitliche Erfahrung. Im besten Fall ist sie heilsam, in jedem Fall aber tief menschlich.

2. Sind Gefühle im Yoga eher Helfer oder Hindernisse?

Auch das wirst du aus eigener Erfahrung kennen: Es ist ziemlich schwierig, konzentriert zu üben, wenn dir die Angst im Nacken sitzt. Genauso wirst du mit Wut im Bauch nicht so leicht in eine tiefe Meditation finden. Daher lautet eine häufig zu hörende These, dass wirkliches Yoga (gemeint ist hier die spirituelle Dimension) erst möglich sei, wenn man in der Lage ist, die eigene Gefühlswelt bewusst zu durchdringen und zu regulieren. Ziel und Ideal von Yoga lauten seit Patanjalis Definition ja “citta vrtti nirodah”: Die Bewegungen in Geist und Gemüt kommen zur Ruhe. Wobei offen bleibt, ob diese Ruhe von Dauer sein kann (oder soll).

In jedem Fall führt der Weg zur sprichwörtlichen “Seelenruhe” nicht an den Emotionen vorbei, sondern mitten durch sie hindurch. Mit anderen Worten: Wir sollten Gefühle nicht als hinderliche Störenfriede beiseite schieben, sondern sie aufmerksam wahrnehmen. Als Boten, als Wegweiser, als Teile einer lebendigen Erfahrung. Auf diese Weise nehmen wir sie ernst. Doch zugleich sollten wir uns auch bewusst machen: Emotionen kommen und gehen. Selbst das, was du gerade jetzt ganz stark empfindest, kann sich in einer Stunde, einem Tag oder Jahr völlig gewandelt haben. Das meiste wirst du schlicht vergessen haben. Und genau wie für Intelligenz, Verstand und sogar für unsere Wahrnehmung gilt auch für Gefühle, dass sie uns manchmal Wahrheiten offenbaren – ebenso gut aber auch in die Irre führen können. Mit anderen Worten: Jedes Gefühl ist echt, aber nicht alle sind gut oder wahr. Vor allem aber: Ich bin nicht dieses Gefühl.

3. Wie hängen Gedanken und Gefühle zusammen?

In der westlichen Kultur sind wir es gewohnt, Herz und Hirn, Denken und Fühlen als getrennte Dinge zu betrachten, oft sogar als Widersacher: “Das Herz ist ein besserer Ratgeber als der Verstand”, heißt es dann zum Beispiel. Dabei übersehen wir leicht, dass Gedanken immer eine mehr oder minder deutliche emotionale Färbung haben – und dass wir umgekehrt unseren Gefühlen erst durch Gedanken Struktur und Nahrung geben. Gedanken erzeugen also Gefühle, Gefühle erzeugen Gedanken – und im Grunde sind sie eins: nämlich mentale Bewegungen. In dem aus dem Lateinischen stammenden Wort “Emotion” klingt diese Dynamik noch mit, es bedeutet: etwas, das uns “herausbewegt”, also von einem Zustand in einen anderen versetzt.

So ähnlich sieht das auch die klassische Yogaphilosophie: Dort spricht man nicht umsonst von Wellen (Vrtti) in den verschiedenen Instanzen des Geistes (unter anderem Citta). Egal ob wir grübeln oder träumen, ob wir wütend sind oder fröhlich, verliebt oder angeekelt, all diese Vorgänge sind dem Wesen nach Bewegungen, die wie Wellen kommen und gehen. Ein großer Teil davon geschieht in unserer geistig-emotionalen Wesenshülle (Manomaya Kosha). Da, wo wir im Deutschen einen Bindestrich machen zwischen geistig und emotional, zwischen Gedanke und Gefühl, fließt im Sanskrit-Wort Manas beides ineinander. Diese dritte, mittlere Hülle ist ständig im Austausch mit den anderen vier Koshas, die nach yogischer Vorstellung den Wesenskern eines Menschen umgeben. Sie hat dabei eine besondere Rolle als Mittler zwischen den beiden äußeren – der physischen und der energetischen Hülle – und den beiden feinstofflichsten Schichten im Inneren, der Weisheits- und der Wonnehülle. Was aber am wichtigsten für das Verständnis von Gefühlen ist: Alle Schichten in diesem Gebilde sind mal mehr, mal weniger stark in Bewegung, nicht nur weil sie miteinander in Resonanz sind: Das Ganze schwingt auch mit der Welt, die es umgibt.

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