Gemischte Gefühle – wenn wir in der Yogastunde emotional werden

Die Kleshas zu kennen, heißt leider nicht, dass man ihnen so einfach entkommt, denn sie gehören quasi zum menschlichen „Betriebssystem“. Aber es hilft, wenn wir die Mechanismen, die da im Spiel sind, etwas genauer durchschauen: Kleshas wecken und verstärken Gefühle und sie bewirken, dass wir uns auf eine ungute Weise in ihnen verstricken. Das wissend, kann ich mich fragen, was eigentlich hinter einem Gefühl steckt: Wieviel Gier ist zum Beispiel im Spiel, wenn ich wütend bin, dass etwas nicht so läuft, wie ich es mir wünsche? Welche Täuschung steckt hinter meiner Enttäuschung? Wenn ich mir klar mache, dass es meine Gier ist, meine Täuschung, meine Angst, dann kann ich für meine Gefühle Verantwortung übernehmen. Ich kann Projektionen besser durchschauen und versuchen, meine Gefühle mit mehr Klarheit wahrzunehmen.

Welche Täuschung steckt hinter meiner Enttäuschung?

6. Welche Gefühlszustände sind hilfreich?

Ein Grundprinzip von Yoga besteht darin, Schwierigkeiten und Hindernisse nicht nur wahrzunehmen, sondern bewusst gegenzusteuern. Wenn wir uns in leidvollen, in die Irre führenden Gefühlen verstricken, dann hilft es vor allem, die vier Brahmaviharas zu kultivieren, die Patanjali in Sutra I.33 nennt. Sie spielen aber auch in vielen anderen Weisheitsschriften, vor allem im Buddhismus, eine wichtige Rolle. Wörtlich bedeutet das Sanskrit-Wort „Verharren in Brahman“, also dem Absoluten, Allumfassenden. Brahmaviharas sind Geisteszustände, die uns helfen, mit dem Leben und den Wesen, die uns umgeben, in eine gute, heilsame Verbindung zu treten – anstatt durch Verstrickung noch mehr Leid, Schmerz und Vereinzelung zu verursachen:

  • Maitri (buddhistisch: Metta) ist liebevolle Güte, also das warme, zärtliche und wohlmeinende Gefühl, das wir zum Beispiel einem Kind oder einem engen Freund entgegenbringen.
  • Karuna bedeutet Mitgefühl, oder in Buddhas Worten ein „Beben im Herzen“, das wir empfinden, wenn wir andere leiden sehen. Es weckt den Wunsch, etwas gegen das Leid zu unternehmen.
  • Mudita ist echte, unverstellte Freude an den großen und den kleinen Dingen, aber auch einfach am Leben selbst. In diesem Gefühlszustand schwingen immer auch Liebe und Dankbarkeit mit, egal ob wir uns an einem Menschen freuen, an einem Atemzug oder einem weiten, blauen Himmel.
  • Upeksha wird am treffendsten wohl mit Gleichmut übersetzt: Es geht weder um Gleichgültigkeit, noch um eine pseudospirituelle Losgelöstheit, sondern eher darum, wirklich in Verbindung zu sein, ohne sich dabei dem Spiel von Gier und Ablehnung auszusetzen.

Genau wie die Kleshas sind auch die Brahmaviharas in jedem Menschen angelegt. Im Gegensatz zu den verstrickenden Kräften, drängeln sich die heilsamen aber nicht ständig in den Vordergrund. Vielmehr liegt es bei uns, sie zu wecken, einzuüben und immer stärker zu machen. Das Schöne daran ist: Das wirkt sich nicht nur auf unser eigenes Glück aus. Liebe, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit strahlen auch auf andere aus. So helfen sie, leidvolle Verstrickungen zu lösen, die Teufelskreise von Schmerz und Verletzung zu durchbrechen – und die Welt ein bisschen heller und leichter zu machen.


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YogaWorld Journal 5/26
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