INS GESICHT GESCHRIEBEN

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Eric Standop ist Gesichtleser. Diese uralte Kunst spielt in vielen Kulturen eine bedeutende Rolle, um gezielte Aussagen über Gesundheitszustand, Talente, Persönlichkeit, Schicksal und sogar Lebensaufgabe eines Menschen zu treffen. Im Interview erläutert Standop die Hintergründe.

Eric, was versteht man unter Gesichtlesen?
Gesichtlesen ist so alt wie die Menschheit. Es ist nachgewiesen, dass es in den ersten Menschheitsjahren keine Sprache gab. Die einzige Möglichkeit der Kommunikation war, in den Gesichtern und Bewegungen der Menschen zu lesen, um zu wissen, was sich gerade in ihrem Inneren abspielt. Damals hat man auch andere Sinne wie das Riechen („Ich kann dich nicht riechen“) oder Abtasten benutzt, doch primär erhielt man Informationen Über die Mimik. Die Menschen hatten das so gut entwickelt, dass sie ziemlich gut miteinander klar kamen, anstatt sich gegenseitig totzuschlagen. Aus irgendeinem Grund hat es diese Art der Kommunikation nicht geschafft und es entwickelte sich eine Lautsprache – das Gesichtlesen ist dennoch nie ganz vergessen worden. Jedes Baby, das auf die Welt kommt, ist ein Gesichtleser. Und ganz verlieren wir diese Art, wortlos miteinander zu kommunizieren, nie. Die Mimik ist uns allen geläufig – manche sind talentierter darin, daraus zu lesen, andere weniger.

Welche Rolle spielt die Methode heute in unserer Kultur?
In Europa blieb das Gesichtlesen immer eine Randerscheinung, allerdings eine bedeutsame. Während heute leider viele Ärzte lieber in den Computer blicken, um Informationen über den Patienten zu bekommen, war es traditionell immer wichtig, sich den Patienten zuerst einmal genau anzusehen. Allgemein bewegte sich Gesichtlesen in Europa hauptsächlich im gesundheitlichen Bereich, daher ist hier die Antlitzdiagnostik oder auch die Blickdiagnose, die sich mit Gesundheit, Ernährung und Mangelerscheinungen beschäftigt, bis heute die bekannteste Linie des Gesichtlesens geblieben.

Kennt man die Technik des Gesichtlesens auch auf anderen Kontinenten?
Ja, aber es gibt unterschiedliche Motivationen. In Nordamerika interessieren heute beim Gesichtlesen in erster Linie die „micro expressions“ – also die Mimik, die unbewusst abläuft. Wir haben im Gesicht 43 Muskeln, die unterbewusst auf Reize reagieren. Wenn wir sie bewusst reagieren lassen, sieht es meist nicht authentisch aus. Wenn man lernt, wie die Muskeln im Gesicht funktionieren, kann man lesen, was im Gegenüber vorgeht. Zahlreiche Ermittlungsbeamte in den USA werden heutzutage bezüglich dieser „micro expressions“ geschult. In Südamerika sieht das ganz anders aus: Wenn sich die Südamerikaner mit Gesichtlesen beschäftigen, interessiert lediglich der Themenbereich Liebe, Partnerschaft und Sexualität. In Indien gibt es Gesichtlese-Methoden aus der hinduistischen Tradition, die sich mit früheren Leben beschäftigen. Und auch auf dem afrikanischen Kontinent kennt man viele Techniken, die nie schriftlich festgehalten wurden und von deren Bedeutung man nur annähernd weiß.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den Kulturen?
Gesichtlesen wird bei sämtlichen Naturvölkern angewendet. Und daher weiß man: Wenn es um die Grundemotionen geht, haben alle Menschen dieselbe Mimik. Das gilt auch für die Lüge: Wenn ein Mensch lügt und er selbst nicht von der Lüge überzeugt ist, geht dem immer eine Emotion voraus, das kann Angst, Schuld oder Freude sein. Man muss sich das so vorstellen: Wenn ein Mensch etwas erzählt, hat er dabei eine Grundemotion. Wenn er zwischendurch etwas sagt, bei dem sein Gesicht ganz plötzlich eine vollkommen andere Zwischenemotion zeigt, kann man davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt.

Gibt es typische Merkmale in Gesichtern und was lässt sich an ihnen erkennen?
Im Grunde verrät unsere Sprache bereits einiges. Wir sagen: „Ich kann es ihm von den Lippen ablesen“, „Es steht dir auf die Stirn geschrieben“ oder so etwas wie „Au Backe!“. Die Wangen gelten als „Kissen der Macht“ und wenn jemand so einen Ausruf loslässt, ist etwas schief gegangen und im weitesten Sinne seine Macht bedroht. Wir sprechen davon, dass es jemand „faustdick hinter den Ohren“ hat. Das sind Lausbuben! Sieh dir an, wer in der Geschichte abstehende Ohren hatte: die großen Veränderer der Weltgeschichte von Gandhi bis Barack Obama. Menschen, die anliegende Ohren haben, sind dagegen sehr harmoniebedürftig und gehen Konflikten eher aus dem Weg. Gesichtlesen bewertet allerdings nicht, es ordnet. Im Grunde genommen wird man sogar toleranter, wenn man Gesichtlesen kann, weil man alle Seiten eines Menschen in seinem Gesicht lesen kann.

Kann man sagen, dass man im Gesicht von sehr starken Persönlichkeiten „besser“ lesen kann?
Für ein „Speed-Reading“, also wenn man nur ganz kurz Zeit hat, ist es besser. Bei einem ausführlichen Reading muss man dagegen aufpassen, dass das herausragende Merkmal einen nicht auf die falsche Fährte lockt. Eine starke Persönlichkeit wird immer – bewusst oder unbewusst – durch die Persönlichkeit zu beeindrucken versuchen. Aber vielleicht geht es darum ja gar nicht! Bei jemandem, bei dem man nicht sofort etwas im Gesicht erkennen kann, wird man sich tiefer auf die Suche machen.

Muss man sich das Gesichtlesen „in Schichten“ vorstellen? Vermutlich kann man relativ oberflächlich in der Mimik lesen, wenn man jedoch etwas über das Schicksal eines Menschen erfahren will, muss man dann nicht viel tiefer blicken?
So habe ich es eigentlich noch nie gesehen. Richtig: Die Mimik ist so etwas wie eine akute Aufnahme. Die Physiognomik hingegen blickt tiefer, da sie über den Gesichtsausdruck hinaus die Persönlichkeit, den Charakter erfassen möchte. Schicksal und Lebensaufgabe liegen sicherlich noch eine Schicht darunter: Wenn man daran glaubt, muss ja alles Seelische schon da gewesen sein, bevor das Gesicht „entsteht“. Menschen, die von „reiner Seele“ sind, haben einen ganz eigenen Gesichtsausdruck und eine ganz andere Ausstrahlung!

Wie siehst du Talente in einem Gesicht?
Es gibt verschiedene „Talentlinien“. Je nachdem, wie zum Beispiel der Mund geformt ist, besitzt er die Linie der Kommunikation, der Liebe, der Zahlen. Dasselbe gilt für andere Bereiche des Gesichtes. Je mehr unser Beruf die Talente abdeckt, die in unseren Gesichtslinien vorkommen, desto zufriedener sind wir.

Worum geht es bei dem Projekt „Portraits of a Soul“, das du gemeinsam mit dem Fotografen Richard Pilnick ins Leben gerufen hast?
Da geht es tatsächlich um die Seele eines Menschen, die in seinem Gesicht durchschimmert. Ich habe längere Zeit in Hong Kong gearbeitet und dort stellten mir die Menschen immer ganz konkrete Fragen zu Job und Gesundheit, Partnerschaft. Irgendwann wollte ich aber auch gerne in einem Gesicht das lesen, was über diese Dinge hinausgeht. Zu dieser Zeit fiel mir auf, dass mir Richards Fotografien die Möglichkeit geben, tiefer zu blicken. Richard schafft es, dass sich Menschen öffnen und sich für seine Fotos von innen heraus zeigen. Es macht mir Spaß, bei diesen Menschen zu sehen, was ihre Lebensaufgabe ist und welche tieferen Belange hinter ihrem objektiven Dasein stecken. Das Schreiben der Gedichte anhand von Bildern begann als abendlicher Zeitvertreib, als eine Art meditative Beschäftigung. Mittlerweile sitze ich vor vielen Bildern 2 bis 5 Stunden und mache mir Notizen. Anschließend schreibe ich ein Gedicht über die Person. Ich habe die Gedichtform deshalb gewählt, weil es weicher ist, als harte Fakten zu liefern. Ich muss mich da anders anstrengen – kreativer und nicht so sehr aus dem Kopf heraus. Das ganze Projekt ist zur Herzensangelegenheit geworden.

Für das Yoga Journal hat Richard Yogalehrer auch in ihren liebsten Asanas fotografiert. Wie gehst du anhand dieser Fotos bei der Interpretation und beim Schreiben deines Gedichtes vor?
Alleine dadurch, in welcher Asana sich ein Lehrer präsentiert, habe ich bereits meinen ersten Bezugspunkt: Das sagt ja etwas über ihn aus! Natürlich gehe ich auch auf das Gesicht ein, aber die Pose spielt eine besondere Rolle. Interessant wird es beispielsweise, wenn jemand in einer anstrengenden Haltung noch ein entspanntes Gesicht macht. Ich war ja live dabei, als fotografiert wurde, und habe mir über das Gesicht schon eine erste Meinung bilden können, habe Gespräche geführt und die Stimmung auf mich wirken lassen. Für das Gedicht wird das allerdings nicht die größte Rolle spielen, sondern das Foto an sich. Generell gilt: Je authentischer der Mensch ist, desto leichter kann man in seinem Gesicht lesen.
Eric Standop arbeitet weltweit als Gesichtleser und bietet in seiner Face Reading Academy regelmäßig Ausbildungen an.

DIE WURZELN DES GESICHTSLESENS

Etwa 1000 v. Chr. wird von den ersten Face-Reading-Schulen in China berichtet. Aber auch in Europa tauchen frÜh große Namen auf, zum Beispiel der Heiler Hippokrates von Kos (360 v. Chr.). Hippokrates hielt als Erster in Europa schriftlich fest, was man in einem Gesicht lesen kann und was es zu bedeuten hat. Noch heute spricht man in der Medizin von der „Facies hippocratica“ – Merkmalen im Gesicht, die bei Sterbenden oder Schwerstkranken auftreten. Auch Aristoteles berichtet, dass man den Charakter eines Menschen im Gesicht erkennen könne. Noch im Mittelalter arbeiteten bei uns Philosophen, Gelehrte und Heiler mit der Kunst des Gesichtlesens – bis es von der Kirche verboten wurde. Zwar gab es sogar im kirchlichen Kontext Menschen wie Hildegard von Bingen, die diese Technik weiter benutzten, um zu heilen, dennoch kam es in Europa zu einem fast 300 Jahre andauernden Bruch. Lediglich in den maurischen Universitäten in Spanien wurde Gesichtlesen weiterhin unterrichtet. Um 1500 schrieb dann der berühmte Arzt Paracelsus: „Alles, was innen passiert, ist außen sichtbar.“ Es folgte eine allmähliche Renaissance des Gesichtlesens.

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