Nada Yoga: Mit Musik geht alles leichter

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Davon ist Brahmadev Marcel Anders-Hoepgen nicht nur überzeugt, er richtet auch sein ganzes Leben nach diesem Motto aus. Von Kindesbeinen an übte er Yoga und Meditation, später studierte er Musik und wurde klassischer Gitarrist. Durch seinen Guru Shri Yogi Hari und die Wissenschaft des Nada Yoga fand er schließlich die perfekte Verbindung zwischen seinen beiden Leidenschaften. Im YOGA JOURNAL-Interview spricht er über Nada Yoga und die „magnetische“ Wirkung von Musik auf den Geist.

Was ist Nada Yoga?
Nada Yoga ist der Aspekt des Yoga, der Klangschwingungen nutzt, um den Geist zur Ruhe zu bringen und zu erheben. Das philosophische System, das dem Nada Yoga zugrundeliegt, besagt, dass Gott in Seiner/Ihrer höchsten Form absolute Stille ist. Aus Ihm heraus entsteht die erste Schwingung, der erste Klang (OM), die wir als Nada Brahman (Gott als Klang) bezeichnen. Diese Schwingung verdichtet sich immer mehr, bis sie sich, in ihrer gröbsten Form, als das Universum ausdrückt, welches wir durch unsere Sinne erfahren. Diese Philosophie drückt aus, dass alles um uns herum und natürlich auch in uns, Gott ist – in unterschiedlichen Ausdrücken der gleichen Schwingung. Die Nada-Yogis nutzen dieses Wissen, indem sie sich auf den Klang konzentrieren und sich nach und nach der immer feineren Aspekte des Klangs bewusst werden, bis sie wieder in die absolute Stille eintauchen.
Die Konzentration auf Musik fällt uns sehr leicht, da der Geist ganz automatisch von ihr angezogen wird. Die Wahl der Musik ist äußerst wichtig, da der Geist sehr schnell die von ihr übermittelte Energie annimmt. Deshalb gilt indisch-klassische Musik als ideales Hilfsmittel für die Praxis. Das System der indisch-klassischen Musik ist, im Gegensatz zum westlichen, nicht „erfunden“, sondern spiegelt Gesetze und „Richtlinien“ des Universums wider, die die Nada-Yogis im transzendentalen (überbewussten) Zustand erfahren haben. Ihre Energie liegt unserem göttlichen Ursprung näher als jede andere Musik. Daher vollzieht sich die Transformation des Geistes durch sie am schnellsten.

Welcher Zusammenhang besteht Ihrer Ansicht nach zwischen Yoga und Musik im Allgemeinen? Und welche Bedeutung hat Musik für Sie persönlich?
Ich glaube, dass es einen sehr großen Zusammenhang zwischen Hatha Yoga und Musik gibt, sehe ihn aber etwas anders als die meisten Menschen. In der Sampoorna-Hatha-Yogapraxis von Shri Yogi Hari verwenden wir so gut wie nie Musik im Hintergrund. Das liegt daran, dass der Geist zu sehr von der Musik angezogen wird und man sich dann nicht auf das konzentrieren kann, was man gerade tut.
Ich habe aber durch Shri Yogi Hari gelernt, wie wichtig die Qualitäten von Musik für eine Hatha-Yogapraxis sind. Es muss einen bestimmten Rhythmus, einen Puls in der Stunde geben, ebenso einen harmonischen Ablauf. Es muss Zeiten der Spannung und der Entspannung geben. Für mich ist eine Sampoorna-Hatha-Yogastunde wie eine gute Komposition.
Musik spielt in meinem Leben eine große Rolle. Ich habe Musik studiert und war viele Jahre als professioneller Musiker tätig. Als ich dann durch Shri Yogi Hari das Nada Yoga kennen lernen durfte, war es ein ganz einfacher Übergang für mich und ist seitdem der wichtigste Bestandteil meiner spirituellen Praxis. Alles, was ich tue, ist mit Musik verbunden. Entweder singe ich (auch im Kopf) oder habe einen Rhythmus in mir, zu dem ich meine Tätigkeiten ausführe. Man sagt ja nicht umsonst: „Mit Musik geht alles leichter.“ Wenn man dann noch die richtige Musik verwendet, geht es nicht nur leichter, sondern sie erhebt und transformiert zugleich den Geist. Oder wie Kabhir sagte: „Wenn du den Namen Gottes singst, wo ist dann noch Platz für schlechte Gedanken?“

Wie kann Musik die eigene ­Meditationspraxis unterstützen?
Meditation, das wirkliche Zur-Ruhe-Bringen des Geistes, ist für die meisten kaum zu erreichen und daher ist die Praxis oft frustrierend. Die Konzentration auf Musik, oder besser noch das eigene Musizieren, kann eine große Hilfe sein, da die Musik auf so vielen verschiedenen Ebenen wirkt. Zum einen muss man sich sehr konzentrieren, wenn man Musik macht. Man muss im Takt bleiben, die Melodie beachten und beim Singen auch noch die richtigen Wörter verwenden. Zum anderen wird der Geist eben sehr schnell von Musik angezogen, wodurch die Konzentration leichter wird.
Musik, besonders das Singen, hat gleichzeitig einen sehr starken Einfluss auf das energetische System. Die Aufnahme von Energie wird erleichtert und der Energiefluss erhöht, wodurch der Geist schneller zur Ruhe kommt. Man kann die Musik also als eigene Form der Meditationspraxis nutzen oder als Vorbereitung für die eigentliche Meditation. Nach dem Singen ist der Geist viel ruhiger, wodurch die Meditation leichter fällt.

Meditationsmusik im Yoga-Kontext bezieht sich meist auf die musikalische Tradition Indiens. Weshalb arbeiten Sie mit Taizé-Einflüssen in Ihrer Musik?
Zwar ist die indisch-klassische Musik das ideale Werkzeug für Nada Yoga, sie ist jedoch wesentlich komplexer als die westliche. Den meisten Menschen im Westen ist sie eher fremd, daher habe ich für meine CDs Taizé-Lieder gewählt, um mehr Menschen den Einstieg in diesen wundervollen Aspekt des Yoga zu ermöglichen. Ich habe hierzu alle Stimmen der Choräle selbst gesungen und auch die Hintergrundmusik selbst eingespielt, wodurch eine ganz besondere Energie und Harmonie entsteht. Ich glaube, dass diese CD eine ganz besondere Wirkung auf den Geist hat und Heilung auf vielen Ebenen der Persönlichkeit bringen kann.

Muss man eigentlich die wörtliche ­Bedeutung von Mantren kennen, um ihre Kraft zu erfahren?
Nein, man muss die Bedeutung der Mantren nicht kennen, um Nutzen aus ihnen zu ziehen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den meisten Menschen leichter fällt, sich darauf einzulassen, wenn sie die Bedeutungen kennen. Dann wird zumindest der Intellekt befriedigt und beruhigt und die Angst vor dem Unbekannten ist nicht mehr so groß. Im Grunde geht es bei den Mantren und Kirtans, die für spirituelle Zwecke verwendet werden, sowieso immer nur um das Eine: Gott in all seinen Namen und Formen zu preisen und uns immer wieder vor Augen zu führen, wie schön Gott (und damit alles, was wir erleben) ist. Das soll uns immer wieder motivieren, diesen Zustand der Gottesverwirklichung oder Erleuchtung anzustreben.


Fotoquelle: www.brahmadev.com