Was hat Kindness mit Yoga zu tun?

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Was bedeutet eigentlich Kindness?

Vieles, was man in der modernen Yogawelt gerne und häufig formuliert, kommt – Überraschung – aus dem Englischen. Unsere Autorin Sybille Schlegel stolpert seit Jahren über den Begriff “Kindness”. Scheint eines der wichtigsten Yogawörter zu sein – aber was ist das eigentlich genau? Und was hat es mit Yoga zu tun?

So. Kaffee, Couch. Morgenritual. Mal wieder schwirrt eine altbekannte Frage in meinem Kopf herum: Was heißt eigentlich “Kindness” auf deutsch? Ist das mit “Kind” verwandt? In der gestrigen Yogastunde habe ich mir mal wieder mäßig zufrieden mit den Begriffen “Zugewandtheit” und “Freundlichkeit” beholfen, bis ich dann doch wieder (fast entnervt) aufs englische Original zurückgriff.

Das kann doch nicht sein: Wir sind das Land der Dichter und Denker. Wir werden ja wohl ein gutes Wort für “Kindness” haben. Hallo Goethe! Du mochtest die Bhagavad Gita. Es sei das Werk, das dich am meisten beeindruckt hat. Haste was für mich? Einer Eingebung folgend öffne ich das Etymologische Wörterbuch der Englischen Sprache im WorldWideWissen und mache mich auf Entdeckungsreise.

Wie kann man “Kindness” übersetzen?

“Kindness” lerne ich hier, kommt von “kin” zugehörig zu jemandem. Wie auch in “King”. (Ein König war mal jemand, zu dem man zugehörig war – bevor man seine Zugehörigkeit an so etwas wie Landesgrenzen festmachte.) In den nächsten Wörterbuchsatz verliebe ich mich spontan, er erklärt den Ausdruck “to be kind” so: “To see someone as relative.” Jemanden als verwandt betrachten. Uff. Nehmen wir mal kurz alle Konditionierungen und aufkommenden Erinnerungen an misslungene Familienfeiern, sabbrig-küssende alte Tanten und latent nach nassem Hund riechende Sofas aus unserem Erinnerungs-Chitta: Jemanden als verwandt betrachten heißt, jemanden als zu sich zugehörig betrachten. In Verbindung (“relation”) zu sich selbst. Der/die andere als eins mit mir. Bäm. Das ist eine yogische Tiefe, die mich fast aus dem Pyjama haut.

Ist “Zugewandheit” gleichbedeutend mit “Kindness”?

Genau diese Tiefe fehlt mir auf der Gefühlsebene bei meinen üblichen Übersetzungsversuchen. Mit “Zugewandtheit” begegnet mir meine beste Freundin. Sie ist beruflich bedingt quasi ständig zugewandt, was bedeutet, dass sie die Perspektive ihres Gegenübers in ihre Betrachtungen und ihre Kommunikation einbezieht. Sie nimmt den anderen wahr und findet eine Relevanz seiner Situation. Das eigene Ich kommt danach. Ziemlich anstrengend. Manchmal werde ich sarkastisch vor lauter Zugewandtheit. Das Wort selbst finde ich assoziativ holprig, wenn vielleicht auch richtig. So ist das im Deutschen manchmal: Korrektheit vor Einhorn-Feeling.

Was ist mit “Freundlichkeit”?

“Freundlichkeit” drückt die Beziehungsebene von “Kindness” dem Wort nach aus – sogar ohne die gemischten Gefühle, was Verwandtschaft angeht. Freunde sucht man sich nämlich aus nach Gefühl und Nähe. Wogegen man Verwandte eher hat, um “Kindness” zu üben. Wahrscheinlich ist “Freundlichkeit” sogar die beste Übersetzung. Das Problem ist, dass es so abgelutscht ist, dass wir das Gefühl zu dem verloren haben, was das Wort beschreibt. Das Gefühl ist sogar mittlerweile eher bei so was wie “unverbindlich”, finde ich. Mit freundlichen Grüßen. Mfg.

“Kindness” ist ein Gefühl

Meine spirituelle Lehrerin, deren Muttersprache Englisch ist, sagte neulich zu mir, ich solle doch versuchen, meinen Mitmenschen so zu begegnen wie meiner Tochter: Bei ihr könne ich das gut mit der “Kindness”. Als brave Schülerin versuche ich das seitdem. Wortlos. Aber gefühlvoll. Am Ende ist “Kindness” – Übersetzung hin oder her – genau das: eine Übung, ein Gefühl. Vielleicht braucht es dazu keine Worte. Im Yoga schon mal gar nicht, da wir uns hier sowieso hinter die in Wortpäckchen gebündelte Realität begeben möchten. Es ist eine Übung, der die Einstellung zugrunde liegt, dass alles zusammengehört, zu mir gehört, alles eins ist. So sollte ich mich fühlen, sprechen, verhalten.

“Güte”: ein altes Wort mit tiefer Bedeutung

Im Auto (einem meiner meditativen Orte) schwebte mir dann noch ein altes, nahezu in Vergessen heit geratenes Wort in den präfrontalen Cortex: “Güte”. Viel benutzt im Ausruf “Meine Güte!” Sonst in Märchen und älteren Romanen in Kombinationen wie”gütiger Blick”, “gütiges Gesicht” und so weiter. Das habe ich irgendwie immer gern gelesen. Fühlte sich so weich an, dieses “gütig”. So “freundlich” und “zugewandt”. “Herzensgüte” assoziiere ich an der roten Ampel bremsend. Ein gutes Gefühl im Herzen. Google definiert Güte als “auf seine Mitmenschen gerichtete milde, freundliche, von Wohlwollen und Nachsicht bestimmte Gesinnung”. Irgendwie schön. Ein Grundgefühl, das sich nach außen trägt durch einen selbst. Yogapraxis.

Freund aller Lebewesen

Apropos Yogapraxis: “Kindness” ist die gängige englische Übersetzung des Sanskrit-Worts Maitri. Patanjali empfiehlt Maitri als anzustrebende “Gesinnung”. (Die anderen in Yogasutra 1,33 genannten Gesinnungen, Mitgefühl und Zuwendung, sind nach meinem Empfinden Abstufungen dazu, falls man Maitri nicht hinkriegt). Im Sanskrit-Wörter buch steht zu Maitri: “belonging or relating to” – auch hier wird dazugehört, ist alles eins. Im nächsten Absatz finde ich noch etwas: “Freund aller Lebewesen – ein Brahmane, der den höchsten Zustand menschlicher Perfektion erreicht.”

Freund aller Lebewesen = höchste Perfektion. No more words needed.


Sybille Schlegel über KindnessSYBILLE SCHLEGEL leitet in Mainz mit ihrem Partner Andreas Ruhula ihre Yogaschule Hatha Vinyasa Parampara. Außerdem unterrichtet sie Workshops und Teacher Trainings in verschiedenen Städten Deutschlands. Mehr Info unter: Hathavinyasa.de und holycow-podcast.de

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