Yogasutra I.1. Atha yoga anushasanam – Yoga ist Jetzt

Zu Beginn von Pantajalis Yogasutras steht im ersten Kapitel das erste Sutra wie eine Floskel: „Jetzt folgt eine Erklärung von Yoga”. Tatsächlich ist das Wort „atha“ viel tiefgreifender, als die Übersetzung „jetzt“ vermuten lässt.

„Atha“ wird auch mit „in diesem verheißungsvollen Moment“ oder „in diesem glücklichen Moment“ übersetzt. Um den Moment auch als „verheißungsvoll“ oder „glücklich“ zu erkennen, braucht es Achtsamkeit. Das heißt, nur wenn wir Yoga achtsam üben, und damit wahre Präsenz üben, kann Yoga seine Wirkung entfalten. Es gibt so viele Möglichkeiten das Wort „atha“ zu verstehen – dabei ist die tiefe Erkenntnis, dass alles, was zählt im Jetzt geschieht und, dass es nichts gibt außer den gegenwärtigen Moment.

The Power of Now

Atha yoga anushasanam

Patanjali Yogasutra I.1.

„Jetzt beginnt das Studium des Yoga.“ In dieser einfachen Übersetzung von Patanjalis Sutra I:1, Atha yoga anushasanam, sehen wir sofort, wie prägnant und pointiert die Sutras sind. Jahrhunderte von Wissen destilliert auf einen einzigen Satz. Es gibt Dutzende von Übersetzungen der Yogasutras, einige einfach, andere wissenschaftlich. Jeder Kommentator und Übersetzer bietet eine wertvolle und einzigartige Perspektive. Mindestens genauso hilfreich ist es die Sutren zu hören und sie in der Art und Weise zu wiederholen, wie sie ursprünglich vorgetragen wurden. Rhythmisches Chanten hilft nicht nur beim Erinnern, sondern wirkt auch auf einer subtilen Schwingungsebene, die über den Intellekt hinausgeht und das Verständnis vertieft.

Ein einziges Wort kann ein ganzes Denkmuster symbolisieren. Betrachte die Bedeutungsnuancen des ersten Wortes „atha“. Baba Hari Dass sagte einst, dass atha (wie Om) der Klang der Schöpfung ist, und das bloße Aussprechen von „atha“ ruft einen Segen hervor. Im Augenblick des Jetzt liegt die ganze Kraft des Lebens.

Die Bedeutung von „atha“ im Yoga

Die Vergangenheit ist abgeschlossen, die Zukunft muss noch verwirklicht werden. Nur in diesem Augenblick kannst du handeln, und jeder Augenblick bietet eine neue Gelegenheit damit zu beginnen. Wir wissen, dass Patanjali die Sutras aus einer langen Tradition von Philosophien und Lehren zusammengestellt hat. Atha oder „jetzt“ signalisiert den Höhepunkt des bisherigen Wissens. Viele Kommentatoren betrachten dieses „Jetzt“ aus einer noch größeren Perspektive und erklären die Sutra I:1 wie folgt: Jetzt, nach vielen Lebenszeiten, bist du in diesem Augenblick angekommen, endlich bereit, die wesentlichen Lehren (anushasanam) über die Natur des wahren Selbst (Yoga) zu lernen.

Obwohl sie vor 2.000 Jahren verfasst wurden und auf Wissen basieren, das noch weiter zurückreicht, sind die Sutras von Patanjali zeitlos. Die menschliche Kultur hat sich seither verändert, und wir betrachten Yoga heute aus einer anderen Perspektive, doch die Sutras enthalten immer noch große Weisheit für die Bewältigung des heutigen Lebens.

Mit dem allerersten Sutra erinnert uns Patanjali daran, präsent zu sein, in der Realität aufzuwachen und die folgenden Sutras sagen uns, wie das geht. Das Sutra I:1 zu rezitieren ist wie auf die Reset-Taste drücken. Wenn du es zu Beginn deiner Praxis singst, wird der Raum geklärt und der Raum bereitet, im Hier und Jetzt zu sein.

Yoga-Übung für „atha“

Nimm dir 15 Minuten Zeit – stelle dein Handy auf Flugmodus und deinen Timer auf 15 Minuten. Leg dich auf den Rücken auf deiner Yogamatte, stell die Füße mattenbreit auf und lass die Knie wie ein Hausdach zusammenfallen. Schließ die Augen und leg die Hände auf den Bauch. Denke über die Idee von atha nach und stelle dir selbst folgende Frage:

  • Was brauche ich in diesem Moment?
  • Was will mein Körper in diesem Moment?
  • Lausche in Stille und Schweigen auf die Antworten, die auftauchen.

Das „Schlimmste“, was passieren kann, ist, dass nichts passiert. Du bleibst 15 Minuten liegen oder du streckst deine Beine aus und machst Savasana. Jedes Mal, wenn ich das gemacht habe, taucht etwas auf und ich fange an, mich zu bewegen und intuitiv zu atmen. Das ist eine viel empfänglichere Art der Praxis, als dem Körper unsere Vorstellung von Praxis aufzudrängen.


Nicoletta Wagenstetter ist Yogalehrerin, Shiatsu-Praktikerin und leitet die Online-Redaktion von Yogaworld.de. Über das Wort „atha“ und dessen Bedeutung, denkt sie schon seit Beginn ihrer Yogapraxis immer wieder intensiv nach.

Titelbild: via Canva

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