Yogapionierin: Barbara Rütting

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Yogapionierin_Barbara Ruetting

Während ihres langen und bewegten Lebens ist Barbara Rütting ein Mensch geblieben, der sich nicht verbiegen lässt. Gerade deshalb ist die Schauspielerin, Politikerin und Autorin eine Pionierin des Yoga im ganzheitlichen Sinn.

Am Anfang herrschte die klischeehafte Idylle vom „Leben auf dem Ponyhof“. Barbara Rütting – alias Waltraud Goltz – wird als erstes von fünf Kindern eines Lehrerehepaars à la Montessori im ländlichen Wietstock an der Nuthe geboren. Eine überschaubare und heile Welt mit Kräuterschulgarten, Wanderungen durch die brandenburgische Landschaft und abendlicher Hausmusik: Der Papa spielt Geige, die Mama Klavier – Szenen wie aus Postkartenmotiven des Malers Carl Larsson. Doch die sich verdunkelnde Zeit wirft ihre langen Schatten voraus, und bereits im Teenager-Alter erlebt sie den Ausnahmezustand. Der Zweite Weltkrieg überschattet das Land und die Menschen. Die Idealisierung des Vaters, der den „Führer“ verehrt, und die jugendliche Begeisterungsfähigkeit verblenden ihre Klarsicht auf ein grausames und gnadenloses Regime. Erst als sie den Anti-Nazi und Journalisten Hans Rütting kennenlernt, der sie mit der verstörenden Wahrheit konfrontiert, wacht sie auf. Gemeinsam fliehen sie nach Dänemark, um dem Inferno des „Endsiegs“ zu entgehen. Das Leben der bis dahin gut behüteten Siebzehnjährigen nimmt schlagartig einen neuen Kurs: Sie verbringt Nächte in leer stehenden Bunkern und durchlebt den Verlust von Sicherheit, Kultur und Heimat. Mit dem kühlen Intellektuellen Rütting geht sie eine Scheinehe ein, um in Dänemark bleiben zu können. Er stillt ihren Wissenshunger mit internationaler, bislang zensierter Literatur und beflügelt ihren Freigeist. Doch die Ehe ist ein Zwang, und sie schafft es erst Jahre später, sich daraus zu lösen.
Etwa zu dieser Zeit beginnt Barbara Rütting, Yogastunden bei der russischen Tänzerin Marussja Berg zu nehmen. Sie lernt, sich mithilfe der Übungen zu entspannen und im Verlauf ihres unsteten Lebens immer wieder in der Gegenwart einzunorden: morgens, abends und bei Panikattacken auch zwischendurch.
Nach der Trennung von Hans Rütting schlägt sie sich als Fremdsprachenkorrespondentin durch. Als sie nach Deutschland zurückkehrt, kann sie jeden Job gebrauchen – und so geht sie nicht nur Blut spenden, sondern nimmt auch Komparsenrollen beim Film an.

Das Fräuleinwunder

Das Talent von Barbara Rütting, wie sie sich inzwischen nennt, bleibt nicht unentdeckt. Die „Geierwally“ ist eine auf ihren Typ maßgeschneiderte Paraderolle, in den Wallace-Verfilmungen gibt sie die Femme fatale. Die Autodidaktin überzeugt als „Fräuleinwunder“ – der Prototyp einer jungen, attraktiven, modernen und selbstbewussten Frau des Nachkriegsdeutschlands. Sie spielt sich hoch bis zum Bundesfilmpreis und nach Hollywood. Egal ob in Theater- und Filmrollen wie Strindbergs „Fräulein Julie“, Sartres „Ehrbarer Dirne“ oder Büchners „Woyzeck“: Barbara Rütting sagt, sie habe sämtliche Neurotikerinnen der Weltliteratur nicht nur gespielt, sondern gelebt. Vielleicht sind es die Wechselbäder ihrer Beziehungen, eine sich zunehmend auf materielle Werte beschränkende und mit Atomwaffen aufrüstende Gesellschaft oder einfach nur die Sehnsucht nach der unwiederbringlich verlorenen heilen Welt: Barbara Rütting beginnt, die Dinge zu hinterfragen, hört auf, sich die Haare zu färben, steigt konsequent aus dem Luxusleben aus und entsagt den Eitelkeiten der Schönen und Neureichen. Sie verlässt die Bühne und beginnt ein ganzheitlich geführtes Leben, zunächst mit neuem Lebensabschnittsgefährten auf einem Pferdehof. Das Zusammenleben mit den Tieren festigt ihr Bewusstsein für den Vegetarismus und sensibilisiert sie für die dahinschwindende Artenvielfalt. Nachdem die Beziehung zerbricht, engagiert sie sich für ein Lebens- und Gemeinschaftsprojekt im Salzkammergut.

Auf den Barrikaden

Wie in ihren Rollen gibt sie alles. Die meisten anderen geben hingegen gar nichts: Es ist ein nervenaufreibendes und kräftezehrendes Pilotprojekt mit stimmungswankenden Partnern und unsicherer Finanzierung in der oberösterreichischen Provinz. Von den kleingeistigen Bürgern wird die mutige Visionärin höchstens belächelt. Einmal mehr verspürt Barbara Rütting das sprichwörtliche Unbehagen in der Kultur. Sie geht in den gesellschaftspolitischen Widerstand und auf die Barrikaden von Wackersdorf, Mutlangen & Co. In den 1980er-Jahren wird sie zur Frontfrau der Ökobewegung. Das Zitat der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ wird zum Leitmotiv der leidensfähigen Vor- und Querdenkerin: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“. Für ihre Überzeugung geht Barbara Rütting sogar in Untersuchungshaft und setzt ihre Gesundheit aufs Spiel. Ohne regelmäßig praktiziertes Yoga, meint sie lakonisch, wäre sie schon längst tot. Das Yogasutra des Patanjali betrachtet sie als „roten Faden“ für einen ethisch-moralischen Lebenswandel, den sie in der Gegenwart vermisst.

Lach-Yoga und Meditation

Heute hält sie sich zunehmend mit Meditation über Wasser. Nach heftigen Wellenbewegungen kommt sie so allmählich zur Ruhe. Von ihrem Meister Osho hat sie gelernt, dass es nicht genügt, auf einer Matte sitzend zu meditieren. Die Meditation muss Teil des täglichen Lebens werden und selbst im Trubel des Marktplatzes funktionieren. In Pune absolvierte sie auch ihre Ausbildung zur Lach-Yogalehrerin. Lachen ist ihre bevorzugte Pranayama-Übung: Sie kläre den Geist, vertiefe die Ausatmung und verbessere die Stimmung. Die Wahl in den Bayerischen Landtag nach ihrer Rückkehr aus Indien hielt sie zunächst für einen absurden Scherz. Doch tatsächlich saß sie als Abgeordnete der Grünen 5 Jahre im Landtag und gab dort als Alterspräsidentin den Ton an. Dann folgte ein Burn-out und damit der Ausstieg aus der Politik.
Nebenbei hat sie eine ganze Reihe von Kochbüchern und Ratgebern geschrieben, die die vegetarische Vollwertkost en vogue und die ökologische Bewegung salonfähig gemacht haben. 2015 – im Alter von 88 Jahren – hat sie ihre Autobiografie (Herbig Verlag) veröffentlicht. Der bezeichnende Titel über diesen fast neun rauschhaft gelebten Jahrzehnten: „Durchs Leben getobt“.
Barbara DeckerYJ-Autorin Barbara Decker traf ihre Namenskollegin während einer Lesung im Kreis von Vollwertkostanhängern, Tierschützern, Atomkraftgegnern, Vegetariern, Bewunderern und Neugierigen. Auf die Frage, was Yoga in ihrem Leben bewirkt hat, antwortet Rütting lakonisch: „Ohne Yoga wäre ich längst tot.“


Foto: Manuela Liebler

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