Wie geht Hilfe zur Selbsthilfe?

Du siehst dich einem geliebten Menschen gegenüber in einem Zwiespalt? Heute beantwortet Dr. Moon Hee Fischer die Frage, inwieweit wir anderen unter die Schultern greifen, oder sie in ihrer Selbstverantwortung stärken sollten. Wie geht Hilfe zur Selbsthilfe?

Christoph: Seit den Covid-19 Beschränkungen fühlt sich meine 80-jährige Mutter eingesperrt und macht meinen Vater für alles verantwortlich, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist. Bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit geht sie an die Decke und beschimpft ihn stundenlang. Ich denke es ist eine Depression und versuche sie zu überreden eine Therapie zu machen, doch sie sträubt sich dagegen.
Meine Frage: Ist es nicht meine Pflicht ihr zu helfen, oder sollte ich sie alleine zu dem Schluss kommen lassen, dass sie Hilfe braucht?

Wenn auch du eine Frage loswerden willst, schreibe einfach eine Email an redaktion@yogaworld.de.

Dr. Moon Hee Fischer: Die aktuelle Situation ist für alle neu und stellt eine Herausforderung für den Einzelnen sowie für die Weltgemeinschaft im Allgemeinen dar. Vor allem WIR in den westlichen Wohlstandsländern hätten so etwas nie vermutet. Nie hätten wir gedacht, dass UNS so etwas widerfahren könnte. Wir fühlen uns vollkommen vor den Kopf gestoßen, entmachtet und unserer Freiheit beraubt. Schmerzlich müssen wir erkennen, dass wir nicht (mehr) das große Sagen haben. Kontrollverlust und das Gefühl von Hilflosigkeit nagen an unserem Selbstbewusstsein und Stolz und führen zu inneren und äußeren Aufständen. Das Resultat ist eine gespaltene Welt. Statt einer geschlossenen Einheit herrscht Zwietracht, und gegenseitige Vorwürfe werden immer lauter.

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Herausforderungen für alle

Der physische Virus ist ein Problem, dem wir mit den uns gegebenen Mitteln entgegenwirken müssen. Doch dürfen wir ihn nicht als Deckmantel für schon vorhandene Unzulänglichkeiten und Unzufriedenheit missbrauchen. Eigene Verantwortung abzugeben und Schuldzuweisungen sind immer leichter als der Versuch, eine Sache mal von einem anderen Standpunkt zu betrachten. Und noch schwieriger ist es auf sein Recht, um des Allgemeinwohls Willen, zu verzichten.

Die Pandemie hat uns kollektiv wach- und durchgerüttelt. Egal, wer oder was wir sind oder was wir tun, wir sind sterblich. Der Tod kennt weder Status, Bestechung noch Hierarchie. Gewohnte Mechanismen, diese Tatsache zu verdrängen, greifen nicht mehr. Die Einschränkungen von Konsum und Freizeitvergnügen, die Bedrohung unserer wirtschaftlichen Existenz und die räumliche Trennung von Freunden und Familie haben uns auf unser nacktes Sein zurückgeworfen. Die Fragen, mit denen wir uns konfrontiert fühlen: Wer oder was sind wir ohne all dies? Sind wir noch oder fühlen wir uns leer und unseres Daseins beraubt? Wie ein Schlag mitten ins Gesicht zerbröckelt unser schönes konstruiertes Selbstbild. Das, was bleibt, ist das Gefühl von Einsamkeit, Verlorenheit und tiefgreifendem Verlust. Der eine zieht sich resigniert in sich zurück. Der andere wird wütend und fühlt sich von allem und jedem betrogen. Beide Verhaltensweisen sind destruktiv und alles andere als hilfreich.

Ungewönliche Situationen – ungewöhnliche Hilfe zur Selbsthilfe

„When nothing goes right – go left!“ Witzige Aussage, aber auch ein kluger Rat. Krisen ermöglichen es, neue Wege zu gehen. Aber wie André Gide, Literaturnobelpreisträger, schon sagte: „Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere. Die Tragik liegt darin, dass wir nach der geschlossenen Tür blicken, nicht nach der offenen.

Die derzeitige Lage ist schlimm und wirft viele Probleme auf. Jedoch liegt hier die große Chance, sich neu zu definieren: Nicht wer bin ich und was habe ich nicht, sondern wer möchte ich sein und was werde ich dafür tun? Das gilt für das Individuum im Kleinen, aber auch für die Welt im Großen. Denn kein Weg kann erfolgreich alleine gegangen werden. Es bedarf Weggefährten und einer wohlwollenden Gemeinschaft, die sich gegenseitig tragen und unterstützen. Wird das nicht erkannt und gelebt, wird der Coronavirus zu einer Zeit der „Unversöhnung, Trennung und Depression“ eskalieren. Die Folgen werden verheerender sein, als sie jetzt schon sind und mehr Opfer verlangen, als es notwendig wäre.

moonhee

Ich freue mich auf eure Fragen, die ich sehr gerne – so weit es mir möglich ist – beantworten werde. Meine Antworten haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Mir ist es durchaus bewusst, dass manche Fragen eine ausführlichere Beantwortung verdient hätten, vor allem die persönlicheren. Ich bitte euch um Verständnis, dass das hier in diesem Rahmen nur bedingt möglich ist. Sollten Fragen offen bleiben, dann einfach noch einmal fragen oder mich persönlichen kontaktieren.


Satsang

Dr. Moon Hee Fischer ist promovierte Religionsphilosophin und arbeitet im Bereich der alternativen Heilung. Ihre Schwerpunkte sind mediale Supervision und „Der Weg des Friedens„. Ihre Verknüpfung „spirituelle Medialität und wissenschaftlicher Anspruch“ eröffnet nicht nur neue, interessante Ansätze für ein ganzheitliches Bewusstsein, sondern betont vor allem die Fähigkeit der Offenheit und das Mit- und Füreinander – „denn nichts existiert unabhängig voneinander“. // Titelbild: Tim Samuel von Pexels

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