„Wir haben uns nicht alle lieb!“ – Interview Sascha Schmidt

206

Als Paarberater ist Sascha Schmidt von dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul inspiriert. Seine Yogapraxis, intensiviert durch eine Lehrerausbildung, gibt ihm dabei inneren Halt. Der sichere Weg zum eigenen (Beziehungs-)Glück – und dem seiner Klienten? YOGA JOURNAL hat nachgefragt.

Sascha, als Berater von Paaren und Familien in der Krise hast du es regelmäßig mit der Ernüchterung einer weit verbreiteten Glücksvorstellung zu tun. Es gibt ja kaum etwas, das mehr Erfüllung verheißt, als Beziehungen.

Genau da liegt der Haken. Glücksempfindung ist meiner Meinung nach etwas hoch Individuelles. Wann ist man glücklich? Mancher beim Joggen, der andere beim Anblick eines Sonnenuntergangs. Glück hat immer etwas mit mir selbst zu tun: als Empfänger einer Situation, als jemand, der etwas empfindet. Heikel wird es, wenn ich mein Glücksempfinden von etwas oder jemandem abhängig mache und meinem Partner vermittele: Du bist da, um mich glücklich zu machen.

Eine Rolle, die oft auch auf Kinder übertragen wird.

Da wird es noch sensibler. Der Partner kann abwehren und sagen: „Sorry, kümmere dich bitte erst mal um dich selbst.“ Das Dilemma der Kinder ist, dass sie auf Gedeih und Verderb mit ihren Eltern verbunden sind. Sie können keine neuen Eltern tindern, sie sind einfach da. Deswegen haben Eltern eine noch größeres Verantwortung, um sicherzustellen, dass die Kinder nicht dazu da sind, sie glücklich zu machen. Denn sie glauben uns sofort, dass dies ihre Aufgabe im Leben sei. Dann fangen sie an, sich zu verbiegen. Später merken sie, dass sie ihr eigenes Gefühl nicht wahrgenommen haben, sondern sich immer am Glücksbedürfnis ihrer wichtigen Bezugspersonen orientiert haben.

„Du machst mich so glücklich“: Woher kommt die Idealisierung der Liebe?

Früher heiratete man und lernte sich lieben, heute läuft es anders herum. In der Verliebtheitsphase dominiert die rosarote Brille, den Rest blenden wir aus. Alles, was schön ist, verbinden wir mit der Person, in die wir uns verliebt haben. Dann gibt es den ersten Stresstest: Ist Liebe da oder ist man in ein Bild verliebt? Strengt uns das Päckchen an, das der Partner mit sich trägt, oder nehmen wir die Person so, wie sie ist? Es ist, was es ist, sagt die Liebe … Natürlich haben wir ein Grundbedürfnis nach Glück, Zufriedenheit und dem Gefühl, wertvoll zu sein. Je weniger wir das als Kind eventuell von unseren Eltern vermittelt bekommen haben,  desto mehr hecheln wir später nach der Anerkennung anderer und überfrachten auch die Beziehungspartner.

Welche Möglichkeit hat man dann als Erwachsener, diesen möglicherweise entgangenen Selbstwert zu stärken?

Genau dieses „Selbstwertgefühl“ ist ein zentraler Begriff bei meinem Guru (obwohl er keiner sein will!), dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Er beschreibt großartig, wie jedes Kind für seine Bindungspersonen wertvoll sein will und manchmal bis zur Selbstauf­gabe kooperiert. „Ich liebe dich, auch wenn du nächtelang durchschreist, den Übertritt ins Gymnasium nicht schaffst oder keine Lust zum Yoga hast“: Diese hohe Kunst haben wir häufig verlernt. Wenn einer ausschert, kommt die Liebe auf den Prüfstand. Kinder nicht, die lieben uns bedingungslos. Ihnen bleibt ja auch nichts anderes übrig …

Also strengen sie sich an, die entsprechenden Erwartungen zu erfüllen.

Hier kommt das Selbstbewusstsein ins Spiel. Ich kann etwas, und ich weiß, dass ich es kann. So funktioniert ja auch unsere Gesellschaft, durch Leistung, Bewertung, Noten: Ich bin wertvoll, wenn … Natürlich ist Selbstbewusstsein wichtig, um das eigene Können einzuschätzen. Nur sollte man es nicht auf das Gefallen anderer ausrichten. Je mehr Kinder selbstverständliche Akzeptanz erfahren, sind sie als Erwachsene mit innerem Halt versehen und nicht abhängig von äußeren Signalen.

Welche Rolle kann Yoga hier spielen?

„Wer innehält, erhält inneren Halt“: Das geht über viele Wege, Qi Gong, Achtsamkeitspraxis, Segeln, Kochen. Für mich ist Yoga eine wunderbare Lebensphilosophie und Methode, die uns hilft, den Blick nach innen zu richten und in Dialog mit Atem, Körper und Gedanken zu kommen. Das ergibt eine gute Basis für den Blick auf die Beziehung, weil ich plötzlich die Brille erkenne, durch die ich mein Gegenüber betrachte. Ich kann Muster erkennen, zum Beispiel das Bedürfnis nach ständiger Anerkennung durch den Partner. Kann ich sie aus mir selbst beziehen und den Partner damit  neu sehen, entlaste ich ihn enorm. Durch Yoga können wir an das rankommen, was eigentlich los ist.

Auch im Yoga gibt es romantische Tendenzen zur „großen Familie“, es gibt Stile und Veranstaltungen, die dies regelrecht zelebrieren. Wie sieht es da mit der Harmonie aus?

Da reagiere ich etwas aller­gisch. In meinen Augen ist Harmonie der Tod jeder Beziehung! Die Behauptung „Wir haben uns alle lieb“ hört man im yogischen Umfeld sehr oft. Zu „Peace“ gehört aber auch Krieg. Wir wünschen ihn uns nicht, aber er gehört dazu. Wir leben in einer dualen Welt, auch was Beziehungen betrifft. Wir haben uns keinesfalls alle lieb! Hinter den Kulissen der Yogawelt herrscht genauso wie woanders Konkurrenz und agieren Menschen gegeneinander. Das ist oft eine Ernüchterung, aber ganz normal. Niemand braucht einen Harmoniebrei, der nicht funktioniert.

Trotzdem scheint es diese Sehnsucht zu geben.

Das Verlangen nach Harmonie, Ruhe, Stille und Anerkennung kann aber auch aus Angst vor Konflikten resultieren. Meiner Meinung nach sind Konflikte jedoch das, was uns voranbringt. Nach meinen ersten Yogastunden reagierte ich oft aggressiv und sensibel auf Reize. Ich war verwirrt, denn es sollte doch inneren Frieden bewirken! Zunächst hat es aber etwas anderes freigelegt – zum Leidwesen meiner damaligen Ehefrau, der ich damals ziemlich missionarisch gegenübertrat.

Glück ist also nicht ungebrochen hell und harmonisch?

Viele Menschen fühlen sich nach einem Konflikt befreit, ein Gefühl, das ziemlich nah am Glück liegt. Es ist etwas ausgeprochen, ausgetragen. Im spirituell überlasteten Bereich wird das Unangenehme gerne weggewischt. Ich möchte aber nicht mit jedem meine Wohnung oder im Retreat das Zimmer teilen! Wir sind miteinander verbunden, aber jeder hat Grenzen. Auch Yogalehrer, die dies deutlich zeigen, sind mir sympathischer als ungebrochen sanfte, fast „heilige“ Wesen. Natürlich haben auch sie eine Rolle, die sie mit Verantwortung ausfüllen wollen und sollten, weil Menschen dazu neigen, Lehrern eher zu folgen, als auf sich selbst zu hören. Aber deutlich zu benennen, wie es um einen steht, damit der andere Klarheit hat: Das versteht auch Jesper Juul unter „Authentizität“.

Yoga ist also „Schauen, was los ist“.

Wie lange habe ich davon geträumt, den Lotussitz zu schaffen. Ich bin aber bald 50, es geht nicht – auch weil meine Hüfte nicht dafür gebaut ist! Da kann ich noch so viel YOGA JOURNAL lesen, ich schaffe es nicht. Für diese Erkenntnis brauchte ich sieben Jahre, weil ich zunächst dem Leistungsprinzip gefolgt bin. Dann habe ich gemerkt, dass Annehmen die Voraussetzung für das Loslassen ist: Mehr als der halbe Lotus ist in diesem Leben für mich nicht drin.

Da wären wir wieder beim Ideal, an dem sich auch Beziehungen abrackern.

Eine der wichtigsten Aussagen Jesper Juuls ist für mich: „Wenn es in deiner Beziehung gut, also konstruktiv läuft, lebe doch bitte einfach so weiter. Lies nichts dazu, lebe.“ Wenn es bei einem Mitglied des Systems jedoch destruktive Gefühle gibt, macht es Sinn, sie sich Impulse von außen zu suchen. Impulse, keinen Rat! „In drei Schritten zum Beziehungsglück“: Solche Formeln sind erfolgreich, aber bringen wenig. Wichtig ist Selbstreflexion und das, was Yoga bewirken kann: das Wahrnehmen und Formulieren der eigenen Grenzen, in der Asanapraxis erstmal die körperlichen. So ist das. Lasse ich es so oder möchte ich es ändern? Das ist sehr gut auf Beziehungen übertragbar: „Du nennst mich zwar seit 10 Jahren ,Hase‘, aber ich möchte das nicht mehr.“

Anmerkung aus dem Leben: Geht einer der Partner komplett im Yoga auf, kann es den anderen eifersüchtig machen. Kann die Begeisterung für die Praxis wie eine „Affäre“ wirken? 

Als Partner bemerkt man natürlich Veränderungen am Betriebssystem. Wenn man nicht transparent damit umgeht, entsteht schnell das Gefühl, nicht integriert zu sein – vor allem, wenn man nicht zumindest die Chance bekommt, sich dazu zu stellen, auch um eventuell zu sagen: „Das ist nichts für mich, aber ich freue mich, dass es dir guttut. Denn davon proftiere ich auch.“ Dann hat es Affärencharakter. Anders betrachtet: Wenn ich selbst das Gefühl habe, mein Partner brennt nicht dafür und kommentiert womöglich negativ, reagiere ich sensibel und erzähle weniger, weil es ja für mich selbst Neuland ist. Und entwickle mich bewusst in eine andere Richtung.

Ist es also nötig, mit dem Gegenüber Schritt zu halten?

Nein. Voraussetzung ist Transparenz, damit das Gegenüber andocken kann. Bis hin zu: „Ich freue mich für dich und habe sogar Angst, dass wir uns entfremden könnten.“ Auch das kann man in einer Beziehung auf Augenhöhe ja benennen.

Als Paartherapeut verordnest du deinen Klienten sicher keine Yogaübungen.

Wir dürfen eines nicht vergessen: Wir, die wir Yoga üben und leben, können unsere Umwelt damit auch sehr nerven. Wir wissen ja immer, wie alles zu sein hat, was „yogisch“ ist und was nicht. Es gibt aber ein weites Feld in der Welt, das mit Yoga nichts zu tun hat oder haben will, aber fast yogischer agiert als wir. Durch die individuelle Art zu leben.

Oh ja. Integrierst du deine Erfahrung mit Yoga trotzdem auch konkret in deiner Arbeit?

Sie prägt auf jeden Fall meine innere Haltung. Mir persönlich helfen Yoga und Achtsamkeitspraxis, in inneren Kontakt zu treten. Ein anderer sagt: Schön, ich fahre lieber Motorrad. Oder spiele Gitarre. Ich begegne vor allem Paaren in Not, da geht es nicht um die richtige Atmung, sondern die Frage, ob man sich trennt. Dafür versuche ich, die gegenwärtige Situ-ation zu ergründen und die Vergangenheit möglichst außen vor zu lassen: Dinge ohne Wollen einfach zu benennen und zu sehen. Dabei helfen mir die Yogaphilosophie sowie die Ethik des säkularen Buddhismus enorm. Es ist allerdings nicht der Grund, weshalb die Leute zu mir kommen. Ganz nach Jesper Juul liefere ich keine Methoden, sondern Beziehungsangebote. Die viel beschworene „Lösung“ ist erst mal unbekannt.

Wo ich Yoga zukünftig stärker integrieren will, ist im Programm „Eltern im Jetzt“, das ich speziell für Yogastudios entwickelt habe. Wir nutzen die dadurch gegebene Offenheit für Yoga für leichte Asanas und Pranayama. Mit dieser Vorbereitung reflektieren wir anschließend die Familienwerte Jesper Juuls.

Jesper Juul ist sicher und auch berechtigt der „Guru“ einer neuen Elterngeneration. Siehst du ihn auch als Yogi?

In seinen Ideen finde ich von Esoterik, Spiritualismus sowie der indischen Religion und Kultur befreite Essenzen. Tief beeindruckt bin ich von seiner Präsenz und der Ermunterung, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Zweifellos hat er sein Leben lang als echter Genussmensch nicht gesund gelebt. Jedoch wird Yoga als Vorstellung vom Leben und Glücksverheißung überfrachtet.

Wenn man Juul „yogisch“ interpretieren will, dann so: Die größte Yogapraxis ist das Familien- und Beziehungsleben. Wenn es hilft, dass jemand vormittags in einen Yogakurs geht, um nachmittags gelassener mit seinen Kindern umzugehen, wunderbar. Wenn sich eine Parallelwelt aus Workshops, Retreats und Yogaclique auftut und das Zuhause die „andere“ Welt wird, stehen die Dinge anders. Wenn der Funke überspringt, neigt man dazu, Yoga genauso überzustrapazieren wie beim Verliebtsein. Auch hier kommt unweigerlich die Phase des Realitätschecks und die Frage, wie viel Liebe ist noch da? Dann findet jeder einen Weg für sich.

Wie stehst du zum etwas sperrigen Begriff „Beziehungsarbeit“?

Hört sich auch für mich mühsam an. Ich will lieber ein Gespräch führen und mit meinen Klienten eine Beziehung aufbauen, in der Impulse gesetzt werden können. Ähnlich wie in einer Asana: Wir hören manchmal, dass es funktioniert, wenn du dich lange genug dehnst. Aber vielleicht ist es anatomisch gar nicht möglich. Dann können wir ohne konkretes Ziel dranbleiben und trotz des scheinbaren „Nichts passiert“ die kleinen Veränderungen wahrnehmen. Mit „Dranbleiben“ meine ich in diesem Fall Selbsterkenntnis: Was passiert in mir, was sind meine Anteile daran, dass die Beziehung manchmal schwierig ist? Was kann ICH ändern? Das kann entscheidende Weichen stellen.

Wann lohnt sich die Trennung?

Sie ist in meinen Beratungen immer eine Option. Das ermöglicht es, auch das Bleiben freier zu reflektieren. Wenn es ein No go ist, bleibt man eventuell nur zusammen, um die Trennung zu vermeiden. Wie immer eigentlich geht es hier um unterschiedliche Perspektiven.


Sascha Schmidt ist zwei-facher Vater, geschieden und neu verheiratet, Paarberater, Autor („Wieder Paar sein!“) und Family-lab-Seminarleiter nach Jesper Juul. Seine Ausbildung als Yogalehrer erhielt er an der Europäischen Akademie für Ayurveda in Birstein. Eine seiner größten Glückserinnerungen handelt von seiner Tochter, die sich während seiner Morgenmeditation auf seinen Schoß setzte und selbst ganz still wurde. Seit seine Kinder wissen, dass Schmidts Begeisterung für Yoga auch zur Trennung von ihrer Mutter beitrug, stehen sie der Praxis weitaus skeptischer gegenüber.

wieder-paar-sein.de

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here