Interview mit Kathryn Budig

Gut beleuchtet

Selbstakzeptanz ist Kathryn Budigs großes Thema: Die Yogalehrerin und Buchautorin über Körpergefühl, ästhetische Wahrheit und die Balance zwischen Innen und Außen.

Kathryn, inwiefern war dein Weg als Yogalehrerin auch ein Weg zu dir selbst?

Der Anfang einer Karriere als Yogalehrerin besteht meist daraus, einen anderen Lehrer nachzuahmen. Daher war ich im ersten Jahr sicherlich eine kleine Maty Ezraty… In dieser Zeit bemerkte ich meine Vorliebe für Armbalancen und fing an, sie  verstärkt zu unterrichten. Danach wollte ich alle anspruchsvollen Asanas lernen – das ist mir heute nicht mehr so wichtig.  Zwar mag ich die schwierigeren Haltungen immer noch, da es fast magisch ist, wenn man sie meistert. Viel wichtiger finde ich aber, einer individuell wahren Zielsetzung zu folgen. Mein Motto lautet heute „aiming true“. Das heißt, deine Talente herauszufinden, Ängste loszulassen und dem nachzugehen, für das dein Herz schlägt – unabhängig davon, wie es andere bewerten.


Auf deinem Instagram-Account hast du einmal ein Bild gepostet, auf dem deutlich deine Cellulite- zu sehen ist. Wolltest du deine Schüler und Follower damit ermutigen, sich selbst so zu -zeigen, wie sie wirklich sind?

Die Bilder sind damals am Strand entstanden, und ich mag sie wegen des guten Lichts – und da sieht man eben auch die Cellulite. In den Medien wird so etwas oft retuschiert und das vermittelt den Eindruck, dass wir vollständig glatte Körper haben müssten. Die Reaktion meines Mannes war nur: „Wer sagt überhaupt, dass Cellulite nicht attraktiv ist?“ Recht hat er. Gerade die sozialen Medien sind voll mit Bildern von lächelnden, hübschen Menschen, und schnell denken wir, dass sie ein perfektes Leben führen. Meiner Meinung nach ist das fatal – ein großer Nachteil der sozialen Medien. Daher versuche ich, meine Bilder so realistisch wie möglich zu gestalten.

Vor einigen Jahren warst du in einer Werbekampagne nackt zu sehen, was einigen Wirbel verursachte. Wie stehst du heute dazu?

Es war schon eine Herausforderung zu akzeptieren, wie sich mein Körper von dem einer 25-Jährigen zu dem einer 32-Jährigen verändert hat – aber das ist nun mal die natürliche Entwicklung im Leben. Ich kann noch immer alle Asanas ausführen – egal, ob ich nun 5 Kilo mehr oder weniger wiege. Ich konzentriere mich darauf, wie ich mich fühle und welche Resultate ich erziele. Ich bin heute von sehr viel Liebe umgeben – das war mit 25 nicht so. Wenn ich mich wegen körperlicher Veränderungen mit Komplexen quäle, verliere ich mein Ziel aus den Augen.

Du interessierst dich sehr für Ernährung, sprichst in Blog-Artikeln oder auch in den sozialen Medien aber auch darüber, nicht immer über jeden -Bissen nachzudenken. Diese Einstellung gefällt uns!

Essen nährt und gibt uns die nötige Energie. Es ist erschreckend, wie viele Menschen auf extreme Diät gehen und Nährstoffe wie Öl oder Fette ganz aus ihrer Ernährung verbannen, um ihren Körper zu verändern. Stattdessen sollten wir uns mehr darauf konzentrieren, wie wir uns fühlen, anstatt nur auf das Äußere zu achten. Ich selbst habe extreme Reinigungskuren probiert, war währenddessen überhaupt nicht glücklich und habe meine sozialen Kontakte vernachlässigt. Natürlich bin ich keine Fürsprecherin ungesunden Essens, aber wir sollten uns nicht automatisch vor einem Stück Kuchen fürchten.

Glaubst du, dass diese negative Einstellung und der Zwang, sich einer bestimmten Ästhetik anpassen zu wollen, in der Yogawelt verstärkt vorkommen?

Ja, in der Fitnesswelt generell, und sicher auch im Yoga. Es gibt die ästhetische Vorstellung eines typischen „Yogakörpers“: schlank, kraftvoll und geschmeidig. Ich zeige meine Kurven, so wie sie sind, weshalb ich häufig als mutig bezeichnet werde. Man sollte jedoch bei der Wortwahl vorsichtig sein: Mutig ist es, in den Krieg zu ziehen, nicht wenn man seine Kurven zeigt.


Eine besondere Erfahrung machte Kathryn Budig während eines Retreats in Mexiko. Eine Teilnehmerin litt an einer Essstörung und saß mit ihr am Pool. Als Budig spaßig erwähnte, dass sie den Schnitt ihres Bikinis liebe, da er ihren Bauch verdecke, blickte die Schülerin sie erstaunt an und sagte: „Sprich nie wieder so über deinen Körper, du hast eine tolle Figur.“ „Da realisierte ich betroffen, dass eine negative Einstellung zu mir selbst auch andere zu solch abwertenden Kommentaren befähigt“, so die Autorin von „Aim True“ (William Morrow, ca. 18 Euro).

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