Nachgeben statt kämpfen

Eine Verletzung machte schließlich klar, dass Yoga nichts mit Meisterschaft zu tun hat.

Im Frühling 2009 verletzte ich mir meinen Nacken und es dauerte fast ein Jahr, bis alles wieder gut war. Ich liebe Joggen, Klettern und Schwimmen, um an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit zu kommen. Ich liebe es, mich richtig auszupowern und bin nach einem guten Workout erschöpft, aber glücklich. In der Genesungszeit musste ich feststellen, dass ich bisher mit dem gleichen Anspruch Yoga geübt hatte. Für mich waren die Asanas eine Art Wettkampf: Wie tief kannst du dich beugen? Wie lang kannst du halten? Wie weit kannst du dich drehen?

Ich verletzte mich tatsächlich mehrere Male, bevor ich meine Einstellung änderte. Während einer Stunde war ich einmal den Tränen nahe, als ich mich mit dem Kopfstand abmühte. Schließlich „gab ich auf“ und wählte eine modifizierte Variante an der Wand, meine Schultern ruhten auf zwei Stühlen. Zunächst fühlte ich mich niedergeschlagen, doch plötzlich spürte ich, wie glücklich mein Nacken war, wie sehr sich meine Trapeziusmuskeln weg von meinen Ohren entspannen konnten und wie wenig Anstrengung mich dieser Erfolg kostete.

B. K. S. Iyengar schreibt in seinem Buch „Der Urquell des Yoga: Die Yoga-Sutras des Patanjali“: „Ein Vogel kann nicht mit einem Flügel fliegen. Genau deshalb brauchen wir die zwei Flügel der Praxis und der Entsagung um uns zum Höhepunkt der Selbsterkenntnis aufzuschwingen.“ Ich hatte immer nur eine Sache bei meiner Praxis berücksichtigt: abhyasa, das beharrliche Üben, die Disziplin, die Mühe. Aber die Entsagung oder vairagya ist der wesentlichere Teil: nicht immer die Perfektion der Asana anstreben, sich nicht ständig mit den anderen Schülern vergleichen, sich nicht wegen körperlicher Unzulänglichkeiten selbst schlecht machen. Nun weiß ich, dass ich früher ein Vogel mit nur einem Flügel war. Auch heute noch ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich rückfällig werde, aber ich lerne immer mehr, darauf zu achten. Dann hole ich tief Luft, entspanne und erinnere mich, dass meine Praxis nur mit zwei Flügeln fliegen kann.

Von Stacey Mietus

Vorheriger ArtikelYoga mit Herz
Nächster ArtikelDas Magazin // Mai + Juni 2011

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Das Neueste

Playlist Yoga im Bett

Unsere Yoga-Playlist für den Winter kommt von Yogalehrerin Gina Weber von Pop Up Yoga München - passend zu ihrer Fotostrecke...

Numerologie & Yoga: Die Zahl Zwei

Unsere YOGA WORLD-Kolumnistin Denise Klier gibt euch Einblicke in die Verbindung zwischen der Numerologie und Yoga – diesmal geht...

30 Fragen an dich selbst, die dein Leben verändern können

Selbstreflexion: Erkenne dich selbst - das ist eine der großen Aufgaben des spirituellen Lebens. Swami Sivananda sagte, "Frag wer...

vervola: Yoga Fashion aus der Schweiz

Klein aber sehr fein. Das ist vervola. Das Schweizer Yoga-Kleider-Label vereint nachhaltige und natürliche Materialien in zarten Farben mit ...

Fünf Sprachen der Liebe

Wie kommunizierst du mit deinem Partner? Wie drückst du deine Zuneigung und Liebe aus? Autor und Seelsorger Gary Chapman...

Playlist des Monats Dezember

Unsere Yoga-Playlist des Monats kommt von Yogalehrerin Lina Frederike aus Leverkusen. Sie ist die Gründerin von Liebensfreu.de und ihre Playlist...
- Werbung -

Pflichtlektüre

30 Fragen an dich selbst, die dein Leben verändern können

Selbstreflexion: Erkenne dich selbst - das ist eine der...

Mattenspray und Räucherwerk von ELIXR

Heute kannst du ein echt duftes Set von ELIXR...

Das könnte dir auch gefallenEmpfohlen
Unsere Tipps