Yoga-Anatomie mit Dr. Ronald Steiner: Dehnung der Hüfte

Hast du während einer „hüftöffnenden Übung“ an der Außenseite der Hüfte, tief unter den oberflächlichen Gesäßmuskeln, eine Dehnung beobachtet? Und dich gefragt, um welchen Muskel es sich dabei handelt und warum es sich so gut anfühlt? In Dr. Ronald Steiners Yoga-Anatomie erfährst du, was es mit dem Hüftöffner auf sich hat.

An der Rückseite des Beckens verlaufen zwischen Kreuzbein (Sacrum) und Oberschenkelknochen (Femur) lediglich zwei Muskeln, die diese beiden Knochen direkt verbinden. Einer, der birnenförmige Muskel (M. piriformis), kommt von der Innenseite des Kreuzbeins und zieht an die Außenseite des großen Rollhügels (Trochanter Major) am Oberschenkelknochen. Der andere kommt von der Außenseite des Kreuzbeins und zieht ebenfalls Richtung Trochanter Major: Hierbei handelt es sich um den untersten Anteil des großen Gesäßmuskels (M. glutaeus maximus – pars infimus).

Die Muskeln im Stehen spüren

Um die Funktion beider Muskeln zu ergründen, fasse im Stehen mit der rechten Hand von hinten an deine rechte Pobacke, so dass deine Fingerspitzen in Kontakt mit dem Ende deines Steißbeins (Os coccygis) kommen. Rotiere nun dein rechtes Bein aus dem Hüftgelenk nach außen, so als wolltest du mit den Zehen am Boden nach außen wischen. Du wirst die Kontraktion des M. glutaeus maximus – pars infimus unter deinen Fingern spüren. Der M. piriformis liegt etwas tiefer in der gleichen Verlaufsrichtung. Genau diese Funktion, die Außenrotation, ist in jedem Anatomielehrbuch für beide Muskeln aufgelistet. Die Lage begründet die Wirkung. Sie befinden sich im Stehen hinter der durch den Oberschenkel verlaufenden Rotationsachse. Beim Anspannen verkürzen die Muskeln und rotieren damit den Oberschenkel nach außen.

Verblüffende Veränderung im Sitzen

Wiederhole ein ähnliches Experiment im Sitzen, stellst du jedoch Erstaunliches fest. Setze dich hierzu auf einen Stuhl und lege den rechten Knöchel auf den linken Oberschenkel, so dass der rechte Knöchel dicht am linken Knie positioniert ist. In dieser Position entspricht ein Abheben des Knöchels und Senken des Knies der Außenrotation. Du wirst feststellen, dass diese Bewegung zu keinerlei Kontraktion unter deinen Fingern führt. Drückst du jedoch deinen rechten Knöchel fest gegen den linken Oberschenkel, so kommen der M. glutaeus maximus – pars infimus und der darunter liegende M. piriformis sofort in Aktion. Eine verblüffende Entdeckung, die du in den meisten Anatomielehrbüchern vergeblich suchen. Beide Muskeln verändern bei gebeugtem Hüftgelenk ihre Funktion vollkommen. Dann werden sie zu Innenrotatoren. Bei der Yogapraxis ist diese Tatsache natürlich von entscheidender Bedeutung.

Zwischen Kreuzbein (Sacrum) und großem Rollhügel am Oberschenkel (Trochanter Major) liegt das Becken, genauer gesagt der Anteil, der als Sitzbein (Os Ischii) bezeichnet wird. Beide Muskeln werden beim Beugen um eine Kante dieses Knochens umgelenkt. Sie liegen nun oberhalb der durch den Oberschenkel verlaufenden Rotationsachse. Verkürzen sie durch eine Anspannung, so rotieren sie nun den Oberschenkel nach innen.

Yoga-Anatomie im Volksmund: „Den Po zusammenkneifen“

Piriformis und auch Glutaeus Maximus – Pars Infimus neigen bei Stress zu Verkrampfung. „Den Po zusammenkneifen“ heißt es im Volksmund entsprechend. Verspannen die Muskeln chronisch, so verkürzen sie. Vom Becken ausgehend rotiert dann das gesamte Bein nach außen. Das kann zu einer ungünstigen Verdrehung und Fehlbelastung im Kniegelenk führen. Am Boden sitzend verhindert der hohe Tonus dieser Muskeln, dass die Knie locker zur Seite sinken können. Versuchen wir dann überambitioniert, unsere Beine in den Lotussitz (Padmasana) zu legen, muss das Knie für die Bewegung herhalten, die uns im Hüftgelenk fehlt. Die Folge kann eine Verletzung im Kniegelenk sein.

Effektive Dehnung im lockeren Schneidersitz

Ein entspannter und lockerer Piriformis und Glutaeus Maximus – Pars infimus sind daher essenziell für gesunde Knie. Lassen Sie sich locker in einem offenen Schneidersitz nach vorne sinken (Svastikasana) oder gehen Sie in eine der anderen sogenannten „hüftöffnenden Haltungen„. So können Sie Piriformis und Glutaeus Maximus – pars infimus effektiv dehnen. Vordergründig erweitern Sie damit Ihre Beweglichkeit und bereiten sich auf den Lotussitz vor, ohne dabei das Kniegelenk zu überlasten. Doch mit dem Lockern der Verspannungen in der Muskulatur lösen Sie auch den zugrundeliegenden und tiefsitzenden Stress – daher sind „hüftöffnende Übungen“ oft auch emotional so befreiend. Aha!

Welche Übungen bei Problemen im Hüftbereich helfen, erklärt Dr. Ronald Steiner in dieser Übungsstrecke für die Hüfte.


Yoga-AnatomieDr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin und zählt zu den bekanntesten Praktikern des Ashtanga Yoga. Die von ihm begründete AYInnovation®-Methode baut eine Brücke zwischen der Tradition und progressiver Wissenschaft, zwischen präziser Technik und praktischer Erfahrung. www.AshtangaYoga.info

Zurück zur Klarheit: Yoga ohne Schnickschnack

Madhavi Guemoes - Yoga ohne Schnickschnack

Die Yogawelt mutiert immer mehr zu einem Konsumtempel. Während man sich früher einem Yogalehrer anvertraute, weiß man sich heute kaum noch in der Vielfalt von Lehrern, Stilen und Workshops zurechtzufinden. Ein Plädoyer für mehr Schlichtheit – für Yoga ohne Schnickschnack.

Flugs rennen wir zu einem neuen Yogalehrer oder üben einen neuen Stil, wenn uns der alte nicht mehr zusagt. Auf der neuen rutschfesten Yogamatte (mit integriertem Duft und Buddha-Köpfchen) schauen wir überallhin, nur nicht dorthin, wo der eigentliche Schauplatz sein sollte: in unserem Inneren. Wir gehen zu hundert verschiedenen Workshops und natürlich zu den angesagtesten Lehrern. Wir versammeln uns auf Konferenzen, erkennen uns an den feschen bunten Leggings und fühlen uns so hip, als wären wir soeben für den Oscar nominiert worden.

Geht es im Yoga nur noch ums „Sehen und Gesehen-Werden“?

Schlimmer noch: Der Faktor „Sehen und Gesehen-Werden“ wird immer wichtiger in unserer schillernden Yogawelt. Zeigen, was man hat, wer man ist, lautet die Devise. Die Wachheit bekommen wir von unserem fetten Starbucks-Käffchen und fertig ist die Laube. Es ist Zeit, nachzudenken. Ich sage: Wir müssen umdenken. Wie wäre es, sich einfach auf einen einzigen Lehrer einzulassen? Und wenn es dann mal ungemütlich wird, nicht gleich die Biege zu machen? Yoga ist an jeder Ecke zu haben. Das ist auch gut so, doch die Lehre wird in eine bubblegumartige Masse verwandelt und dadurch bisweilen so klebrig und rosa wie Zuckerwatte. Brauchen wir tatsächlich alle zwei Wochen eine neue Leggings oder Yogamatte? Nein!

Yoga ohne Schnickschnack: Rückbesinnung auf das Wesentliche

Wir verzetteln uns, verlieren den Überblick und die Klarheit! Aparigraha gehört zu den fünf Yamas und bedeutet so viel wie Nicht-Anhäufen und keine Habgier zulassen. In der Yogastunde üben wir barfuß. Wir nehmen Kontakt zu uns und der Erde auf. Atmen. Schaffen Raum, um nach innen zu schauen und uns nach außen zu öffnen. Wir nehmen Abstand von unserem Abstand, tauchen ab in die Weite des eigenen Selbst und wenn wir Glück haben, entsteht dadurch eine wundervolle Klarheit und Sensibilität. Es geht überhaupt nicht darum, keinen Spaß mehr zu haben. Nur sollten wir uns wieder stärker auf das Wesentliche besinnen. Warum haben wir angefangen zu praktizieren? Um zu uns selbst zu finden, uns wieder stärker zu spüren? Oder um uns mit der perfekt durchgestylten Frau auf der Matte neben uns zu messen?

Weniger Zeit im Netz verschwenden

Der Fokus sollte dahin gehen, dass wir genau prüfen, wo wir unsere Energie hinlenken. Quillt mein E-Mail-Postfach vor lauter Newslettern über? Dann sollte ich aussortieren, Raum schaffen. Mich nicht ablenken lassen von der Vielfalt und mich in der Konzentration auf das Wesentliche üben. Im Yoga und im Buddhismus wird dies so schön als „Einpünktigkeit“ bezeichnet. Wie viel Zeit verschwenden wir im Internet, sammeln wahllos „Likes“ und Freunde? Drücken unachtsam und vorschnell einen „Gefällt mir“-Button und wundern uns dann, dass wir bei Facebook mit Müll überschwemmt werden?

Lass deinen Geist zur Ruhe kommen

Auch Yoga kann in Stress ausarten. Wenn wir zum Beispiel in mehreren Yogastudios gleichzeitig Mitglied sind und uns überhaupt nicht entscheiden können, bei wem und wo wir überhaupt üben wollen. Und letztendlich so überfordert sind, dass wir zu Hause bleiben. Durch Yoga wollen wir unsere Gedanken und Gefühle entzerren. Für mich bedeutet das, in mir selbst aufzuräumen, damit wieder eine Verbindung entstehen kann. Wenn aber von allem zu viel da ist, kann der Geist nur sehr schwer zur Ruhe kommen. Generell sollte meiner Meinung nach der Trend wieder mehr Richtung Schlichtheit gehen. Lasst uns Yoga ohne viel Schnickschnack üben und den eigenen Raum durch mehr Klarheit und Fokus erweitern!


Die Autorin Madhavi Guemoes möchte mit ihrem Yoga Blog Menschen dazu animieren, facettenreich und lebensbejahend über sich und das Leben nachzudenken.

Montags-Mantra: Kein Regen, keine Blumen

An Niederschlägen können wir wachsen
An Niederschlägen können wir wachsen

Den Regenschirm eines Passanten im Auge, nasse Füße auf dem Weg zur Arbeit, ein Auto rast durch die Pfütze am Straßenrand – willkommen Schmuddelwetter. Schon allein die Regenwolke in der Wettervorschau lässt uns aufstöhnen. Doch wieso sollen wir uns wegen jeder dunklen Wolke die Stimmung verdüstern lassen? An der Wetterlage ändert das rein gar nichts. Tun wir es lieber den Blumen gleich: Zurücklehnen, Gesicht in den Regen halten, jeden Tropfen genießen und wachsen. Der Gewinn ist eine starke Basis in den Wurzeln und eine wunderschöne Blüte, die mit ihrer Farbintensität wichtige Partner wie Bienen auf sich aufmerksam macht.

Das Vorbild der Blümchen

Auch im Alltag werden wir ab und an mit Niederschlägen und kleinen Schauern konfrontiert, die unsere Laune trüben. Uns bleiben zwei Möglichkeiten: Ein Unwetter daraus machen und den ganzen Tag maulend auf Sonnenschein warten oder die Situation annehmen und im Regen tanzen. Schwere Zeiten und neue Herausforderungen sind ideal, um daran zu wachsen. Kommen wir zurück zum Vorbild der Blumen. Nutze Niederschläge um zu gedeihen, Stabilität in deiner Basis zu schaffen und ein Strahlen zu entwickeln, das andere anlockt, inspiriert und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Wenn Blümchen das hinbekommen, können wir das auch.

Beim nächsten Alltags-Unwetter also das Gesicht in den Regen halten und herausfinden, wie du den unerwartete Schauer nutzen kannst um dich zu entwickeln. Jede Situation bietet positive Aspekte – die Kunst ist nur, sie zu erkennen. Und wer weiß, vielleicht ist genau das die Kombination, aus der ein Regenbogen entsteht.

„Ohne Regen, kein Regenbogen.“

Du möchtest noch mehr Lebensweisheiten lesen? Hier findest du unsere Montags-Mantras.

TMX meets Yoga (Journal) – Schultern

Im letzten Teil unserer Serie TMX meets Yoga (Journal) sind wir ganz oben angekommen, bei den Schultern. Um dir Techniken zu zeigen, wie du Krankheits- und Schmerzsyndrome von Fuß bis Schulter lindern kannst, hat sich TMX mit dem YOGA JOURNAL und der Yogalehrerin Shida Pourhosseini zusammengetan. Um was genau es sich bei einem TMX Trigger handelt, kannst du hier nachlesen.

Probleme mit den Schultern

Das Video erklärt, wie du TMX Yoga einsetzen kannst um Schulterschmerzen zu lindern. Dazu zählen unter anderem Bewegungseinschränkungen, die Frozen Shoulder oder eine schmerzhafte Einklemmung von Sehnen oder Muskeln innerhalb eines Gelenks, dem Impingmentsyndrom.

Du hast die vorherigen Teile verpasst? Hier kommst du zu den jeweiligen Videos:


Veganer Schokokuchen mit Rote Bete und Avocado

Soooo gut: Ein veganer Schokokuchen, der ganz ohne tierische Produkte aus und  super in die kommende Herbstzeit passt. Wir verraten, wie du mit wenigen  gesunden Zutaten einen himmlischen Kuchen zauberst, der garantiert auch den kleinen Familienmitgliedern schmeckt.

Mhm lecker … Von diesem Kuchen dürfen es nach der Yogastunde auch gerne mal zwei Stück sein. Wenn du an der Mischung aus Schokolade und Avocado Gefallen gefunden hast, gibt es hier noch ein Rezept, das die beiden Superfoods in einem gesunden Desert vereint.

Zutaten

  • 1 ¾ Tassen glutenfreies Mehl
  • ¾ Tasse dunkles Kakaopulver
  • ½ Tasse Mandelmehl oder gemahlene Mandeln
  • 1 TL Backpulver
  • 1 vollreife Avocado, zerdrückt
  • ¾ Tasse Kokosblütenzucker
  • ½ Tasse fein geriebene rohe Rote Bete
  • 1/3 Tasse und 2 EL Kokosöl, geschmolzen
  • 1 TL Vanille-Extrakt
  • 1 TL Speisenatron
  • 1 EL Apfelessig
  • 1 EL Puderzucker

Veganer Schokokuchen – so einfach geht’s

1.Heize den Ofen auf 175 °C vor. Schneide ein Stück Backpapier für den Boden der Springform zu, fette die Form ein und drücke einen Streifen Backpapier an den Rand.

2. Vermenge Mehl, Kakao, Mandelmehl und Backpulver in einer Schüssel. In einer zweiten Schüssel verquirlst du Avocado, Kokoszucker und Rote Bete. Lasse nun das zerlassene Kokosöl bei laufendem Rührgerät langsam dazu rinnen. Zum Schluss rührst du Vanille-Extrakt und 1 Tasse Wasser unter. Mische die Mehlmischung unter die nassen Zutaten und verquirle alles zu einem glatten Teig.

3. Verrühre das Speisenatron in einem Schälchen mit dem Essig, bis die Mischung schäumt. Rühre diesen Mix unter den Teig. Dann streichst du den Teig in die Form und backst den Kuchen auf der mittleren Schiene 20–25 Minuten, bis eine in die Mitte gestochene Nadel sauber wieder herauskommt.

4. Lasse den Schokokuchen auf einem Gitter abkühlen. Dann löst du ihn aus der Form und bestäubst ihn mit Puderzucker.

Übrigens: Noch mehr leckere vegane Rezepte findest du auf veganworld.de


Nährstoffangaben: pro Stück 291 Kalorien, 14 g Fett (davon 8 g gesättigt), 44 g Kohlenhydrate, 4 g Ballaststoffe, 4 g Eiweiß, 321 mg Natrium

Yoga und Nachhaltigkeit

Yoga und Nachhaltigkeit
Illustration: Carla Schostek

In jeder noch so unbedeutenden Ansprache ist von Nachhaltigkeit die Rede. Kein Politiker, kein CEO, keine Werbebotschaft spart das Thema aus. Doch die Ergebnisse dieses Hypes fallen oft spärlich bis katastrophal aus. Wie sieht es aber beim Thema Yoga und Nachhaltigkeit aus? Was sich Wirtschaft und Staat auf die Fahnen geschrieben haben, ist im Yoga vielleicht eine der wichtigsten Nebenwirkungen.

Eines steht fest: Gäbe es eine Top-Ten-Liste mit Begriffen, die einem hohen Abnutzungsrisiko ausgesetzt sind, stünde „Nachhaltigkeit“ sicherlich auf einem der vordersten Ränge. Was die Glaubwürdigkeit des Wortes gefährdet, ist die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Bedeutung und dem, was uns Vertreter des öffentlichen Lebens täglich vorleben. Der „Rat für Nachhaltige Entwicklung„, ein von der Bundesregierung einberufenes Gremium, definiert das Wort übrigens wie folgt: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“

Nachhaltigkeit unterliegt der freien Marktwirtschaft

Durch nachhaltige Strukturen sollen also unterschiedliche Ebenen in unserem Leben verbessert werden und erhalten bleiben. Im Mittelpunkt stehen dabei immer Mensch und Umwelt, nicht Profit und Zerstörung. Nachhaltige Strategien und Anstrengungen unterliegen jedoch nicht selten der Profitgier und den finanziellen Rahmenbedingungen der freien Marktwirtschaft oder des Staates. Der Ölriese BP beispielsweise betont auf der Firmen-Website leidenschaftlich sein soziales und ökologisches Engagement. Gleichzeitig ist der Ölproduzent für die wohl größte Umweltkatastrophe der USA verantwortlich. Seit der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ sind Expertenschätzungen zufolge etwa 15 bis 20 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko geflossen.

Es sollte also nicht weiterhin ­verwundern, wenn Umweltschutz und Sozialreformen das ­erfahren, worunter die Kulturlandschaft in Deutschland und an anderen Orten immer wieder zu leiden hat: Sie werden eingespart oder nicht ausreichend zum Wohle von Mensch und ­Umwelt umgesetzt.

Sehnsucht nach anhaltendem Wandel

Trotzdem: Dass man außerhalb der konventionellen CEO-Interessen und Politikerreden in Zeiten des Wahlkampfes ­immer wieder auf das schöne Wort stößt, spiegelt die Sehnsucht der zivilen Gesellschaft nach einem wirkungsvollen und ­anhaltendem Wandel auf vielerlei Ebenen wieder. Schon ­lange, bevor die Nachhaltigkeit in Mode gekommen ist, waren unzählige Initiativen auf diesem Gebiet tätig. Und täglich werden es mehr, um den ­Herausforderungen der modernen Welt für Mensch und Umwelt gerecht zu werden. Egal ob Politiker, Umweltschützer und Gewerkschafter, alle sind sich einig: Das ­Engagement auf sozialer, ökologischer und ­ökonomischer Ebene muss sich verstärken.

Yoga und Nachhaltigkeit

Worin aber liegt nun der Nachhaltigkeitsaspekt im Yoga? Gibt es so etwas wie nachhaltiges Yoga, „sustainable Yoga“ – ein Begriff, der im US-­amerikanischen Sprachgebrauch öfter auftaucht? Hat Nachhaltigkeit im Yoga etwas damit zu tun, wie oft ich zuhause oder im Studio übe? Oder mich mit den Yoga-Sutren auseinandersetze? Kann man mit Yoga die Umwelt schützen? Wäre sogar in dieser Sphäre Müll zu trennen? Als ich die Arbeit für diesen Beitrag begann, unternahm ich vielleicht den Fehler, das Thema von einer ungünstigen Warte aus zu betrachten. Der Begriff „nachhaltiges Yoga“ wollte für mich keinen rechten Sinn ergeben. Das würde ja bedeuten, dass manche Yoga-Richtungen nachhaltiger sind als andere. Damit würde die Methode jedoch an Glaubwürdigkeit ­verlieren und zu Grabenkämpfen in den ­verschiedenen Yoga-Lagern verführen. Yoga ist für mich außerhalb der Verbesserungs­spirale anzusiedeln, die den Nachhaltigkeitsboom so sehr umgibt. Es gibt nichts zu verbessern am Yoga, es steht so klar und strahlend für sich, dass sogar ­Atomkraftbefürworter vor Neid erblassen müssten.

Yoga: Kompost für emotional Unausgereiftes?

Die Intention, die wir mit zum Yoga bringen, setzt unseren ganz persönlichen Nachhaltigkeitsaspekt fürs Leben. Die nachfolgende Situation ist typisch für viele Yogis: Am Anfang waren die Rückenschmerzen, die uns auf die Matte geführt haben. Ein paar Monate später wechseln wir endlich zum Ökostromanbieter, flicken die platten Reifen unseres Drahtesels und denken über alternative Lebensentwürfe nach. Über kurz oder lang bleibt niemandem das weitreichende Potenzial von Yoga verborgen. Yoga und Nachhaltigkeit gehen irgendwie Hand in Hand.

Für mich ist Yoga mittlerweile so etwas wie ein emotionaler Komposthaufen: Auf den kann ich alles gefühlsmäßig Unausgereifte kippen, dort wird es zersetzt und nach einer Weile entsteht etwas Neues, hoffentlich Gutes. Wir können uns Yoga hingeben und darauf vertrauen, dass sich unser Leben ­verändern wird. Es ist eine allmähliche, jedoch stetige Entwicklung. Die positive Nebenwirkung dabei ist, dass sich meine Um- und Nachwelt immer weniger von meiner Existenz bedroht fühlen muss.

Yoga zuhause üben – fehlt da nicht etwas?

Nur in Gedanken darin zu schwelgen, was Yoga für unser Leben bedeutet, reicht natürlich nicht aus. Yoga will praktiziert und als Konsequenz auch umgesetzt werden – und zwar regelmäßig. Damit fangen wir am besten gleich zuhause an. Die meisten kommen zum ersten Mal im organisierten Umfeld eines Studios mit Yoga in Berührung. Vor dem regelmäßigen Ausrollen der Matte in den eigenen vier Wänden jedoch schrecken viele von uns zurück. Kein Wunder: Die Daheim-Praxis fühlt sich oft so an wie Autofahren mit angezogener Handbremse. Langsam stottern wir uns voran, wissen nicht so recht, welche Asana-Sequenzen wir als nächstes üben sollen. Schon wieder den Sonnengruß? Also gut – und schon klingelt das Telefon. Danach wieder auf die Matte zurückzufinden ist nicht einfach, der Flow ist verschwunden. Schuldbewusst rollen wir unsere Matte wieder ein und verschieben eine etwas konzentriertere Heimpraxis auf unbestimmt. Wenn es jetzt richtig dumm läuft, tritt uns zu guter Letzt auch noch der innere Zensor gehörig auf die Füße: „Und du willst ein Yogi mit einer hingebungsvollen Praxis sein? Dir fehlt es mal wieder an Durchhaltevermögen“, flüstert er gemein.

Ich habe gelernt, meine Erwartungen an das, was ich zuhause auf der Matte tue, einfach zu reduzieren. Das Credo: Die Heimpraxis gehört mir! Da darf ich machen, was ich will, mit Musik oder ohne, zehn verschiedene Asanas oder auch nur eine. Hauptsache, ich bin auf der Matte! Es ist gar nicht notwendig, ein 90-Minuten-Äquivalent für die Unterrichtseinheiten im Studio zu finden. Auch wenn es sich bisweilen holprig anfühlt, so wissen wir: Es kommt alles einem guten Zweck zugute.

Heimpraxis: Ruhig und unspektakulär

Aha-Erlebnisse auf der Heimmatte bleiben im Übrigen nie aus. Es sind meist die kleinen Augenblicke, die uns erst auf den zweiten Blick wichtige Erkenntnisse liefern: Da nimmt man zum ersten Mal den inneren Oberschenkel des gestreckten Beines wahr und begreift die Dimension dieser Anweisung, die man zuvor schon hundertmal im Unterricht gehört hat. Oder man erkennt, wie wichtig der Kraftaufbau in der Hüfte ist, um Ardha Chandrasana halten zu können. Wie während einer Sonnengruß-Sequenz plötzlich der Atem fließt, ohne dass man sich dafür am Nebenmann ­orientieren muss. Die Heimpraxis läuft ruhiger und ­unspektakulärer ab als im Studioalltag – aber sie ist nicht weniger wichtig.

Mit ihr ehren wir nicht nur die Tatsache, dass wir uns regelmäßig einer Lehre hingeben, die sich der Transformation unserer körperlichen und seelischen Zustände verschrieben hat. Wir gedenken darüber hinaus auch der wechselseitigen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Das Übermittelte zuhause verfeinern und vertiefen zu wollen: Welcher berufene Yoga-Lehrer träumt nicht von solchen Schülern? Unsere eigene Praxis ist eine Möglichkeit, etwas davon zurückzugeben. Und wem partout keine Übungssequenz einfallen will, fragt einfach einmal im Yoga-Studio seines Vertrauens nach.

Nachhaltiges Leben: Yoga-Studios in der Pflicht

Wo Yogis aufeinandertreffen, wird leidenschaftlich über Yoga philosophiert und diskutiert. Dieses ganz offensichtliche Bedürfnis spiegelt sich jedoch selten in den wöchentlichen Angeboten der meisten Yoga-Studios wieder. Es fehlen beispielsweise die regelmäßige intensive Auseinandersetzung mit Patanjalis Yoga-Sutren, der Yoga-Mythologie und -Philosophie oder der Meditation. Genau auf diesem Gebiet jedoch gibt es eine ­Menge über Nachhaltigkeit zu lernen.

Der normale Unterrichtsbetrieb bietet Kurse für alle Altersgruppen und körperlichen Verfassungen an: Yoga für Alle eben. Yoga für Schwangere, ­postnatales Yoga, Yoga für Kinder, Stress- und Rückenschmerzgeplagte. Yoga für Frauen mit hormonellen Beschwerden und ­Menschen ab 50. Viele Kurse werden auch auf Spendenbasis angeboten. Mediationskurse beispielsweise findet man oft nur in Form von Wochenend-Workshops mit Gastlehrern. Der Workshopcharakter, den viele der Yoga-Aspekte haben, erweckt leicht den Eindruck, dass diese Glieder außerhalb von Yoga ­anzusiedeln sind. Oder zumindest nicht so wichtig wie das ­Praktizieren von Asanas sind.

Yoga muss mehr sein

Natürlich kann nicht jedes Yoga-Studio dieser Republik ­sämtliche Yoga-Aspekte im wöchentlichen Stundenplan ­abbilden. Die großen und bekannten Studios sollten sich dies jedoch zum Ziel setzen. Außerdem setzt ein umfassender Stundenplan genau jene Qualitätskriterien, die in der Yoga-Landschaft oft schmerzlich vermisst werden. Als Ausbildungsbetrieb ist man so beispielsweise gegen den Vorwurf gefeit, nur eine „Yoga Light“-Ausbildung anzubieten. Yoga und Nachhaltigkeit gehören zusammen. Durch die Einbeziehung aller Yoga-Glieder in unsere Praxis – sei diese nun zuhause, im Studio oder auf einem Retreat – werden die Nachhaltigkeitsaspekte im Leben zusätzlich gestärkt und gefestigt. Und wie gut und schön klingt der ­Zusatz, mit dem so ein Yogastudio werben könnte: „Dies ist ein Ausbildungs- und Lehrbetrieb für ein nachhaltiges Leben.“


Drei Menschen, drei Meinungen: Yoga und Nachhaltigkeit

Nicola Knoch, Beraterin bei der Sustainable AG in München: „Nachhaltigkeit ist ein Prozess, bei dem wir Altes hinter uns und Neues entstehen lassen. Hinsichtlich der Herausforderungen wie dem sozialen Wandel oder dem Klimawandel stellt sich die Frage, wie die Welt aussehen sollte, in der wir morgen leben möchten. Je mehr wir bereit sind, diese Zukunft selbst zu gestalten, desto ’nachhaltiger‘ ist unser Beitrag.“

Annette Söhnlein, Inspired Anusara-Yogalehrerin in Berlin: „Nachhaltigkeit im Yoga bedeutet für mich ‚Action in Balance‘. Ich pflege Körper und Geist auf einer tieferen Ebene, ohne andere dabei auszunutzen. Dieser Weg der Mitte schafft Bewusstsein für die Verknüpfung all meiner Gedanken und Taten mit denen des Universums. Yoga kümmert sich um mich und stärkt meine Weitsicht auf alle Dinge.“

Tom Beyer, Home Yoga Berlin: „Yoga zu leben, yogisch zu leben, heißt im Einklang mit unserer Umwelt, mit der Natur und auch mit unseren Mitmenschen zu leben. Achtsamkeit, Gewaltlosigkeit, Respekt und Toleranz auf allen Ebenen sind dafür notwendig. Das Gleiche gilt für nachhaltiges Leben und Wirtschaften mit Blick auf zukünftige Generationen: Dies erfordert ebenfalls Achtsamkeit und ein Bewusstsein, das über den eigenen Horizont, das eigene Ego hinausgeht. Ein echter Yogi lebt immer nachhaltig.“

Einschlaf-Playlist: Besser schlafen mit Yoga

Entspannt in den Schlaf mit dieser Playlist
Entspannt in den Schlaf mit dieser Playlist

Diese Einschlaf-Playlist ist für Abende, an denen du schon vorm zu Bett gehen merkst, dass sich kleine Ängste bemerkbar machen oder sich die Gedanken noch um die Ereignisse des Tages drehen. Bevor du dich unruhig hinlegst und dann doch nicht einschlafen kannst, hilft dir vielleicht eine kleine Yoga-Einheit, die dich auf den Schlaf vorzubereitet. So kannst du einen hyperaktiven Geist beruhigen und Spannungen im Körper lockern oder sogar ganz lösen. Es reichen schon 15-20 Minuten, die du mit einer kleinen Achtsamkeitsübung einleiten kannst: Wie fühle ich mich? Welche Bewegungen tun mir heute gut? Was beschäftigt mich? Was kann ich vorm Einschlafen loslassen? Nutze den Flow der Asanas, die Mittel von Pranayama, die Meditation und die Musik um Geist und Körper in Einklang zu bringen.

Shavasana im Bett

Vielleicht möchtest du Shavasana an diesen Tagen sogar ins Bett verlegen. Plaziere dazu beide Hände auf den Unterleib unterhalb des Nabels und atme sanft in den Bauch hinein. Spüre, wie er sich bei der Einatmung hebt und atme tief aus. Verlängere bei jedem Atemzug deine Ausatmung und du wirst bemerken, dass dein Körper automatisch ruhiger wird und sich auf den Schlaf einstimmt. Versuche im 1:2 Verhältnis zu atmen – Einfach Einatmung, doppelte Ausatmung – und finde so deinen eigenen Rhythmus. Eine genauere Anleitung zur Bauchatmung findest du hier.

Einschlaf-Playlist

Du hast trotzdem noch Probleme beim Einschlafen? Vielleicht helfen dir unsere 7 Rituale für einen besseren Schlaf.

Kankyo Tannier: So findest du ins „Hier und Jetzt“ zurück

Kankyo Tannier
Kankyo Tannier - Foto: privat

Oft kreisen unsere Gedanken um längst Vergangenes. Oder sie schweifen in die Zukunft. Dabei übersehen wir, was für unser Leben grundlegend ist: den gegenwärtigen Moment. Die französische Zen-Nonne Kankyo Tannier will dem entgegenwirken und zeigt in ihrem neuen Buch, wie du ins Hier und Jetzt zurück findest. Zum Beispiel mit Kinhin, einer Gehmeditation im Atemrhythmus.

Sie bloggt und produziert Videos über Spiritualität, Meditation, Zen-Buddhismus und Stille: Die buddhistische Zen-Nonne Kankyo Tannier nennt sich scherzhaft „Nonne 2.0“. Sie unterrichtet Zen-Meditation (Zazen), gibt Seminare, leitet Retreats und tritt auf Konferenzen als Rednerin auf. Noch dazu arbeitet sie als Hypnose-Therapeutin und Autorin. Wir durften der unglaublich sympathischen und offenen Frau, die ziemlich gut deutsch spricht, ein paar Fragen stellen.

Mini-Interview mit Kankyo Tannier

YW: Kankyo, Sie leben im Kloster und wirken gleichzeitig total gelassen in der hektischen Welt „da draußen“. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Mediation, Ruhe, Abgeschiedenheit und der Hektik der Alltagswelt?

Kankyo: „Ich habe durch die Zen-Lehre gelernt, keine Trennung zwischen „hier“ und „dort“ vorzunehmen. Zwischen Kloster und Stadtleben. Im Herzen der Städte, mitten im Lärm, können wir in einem inneren Kloster sein, auch wenn es nicht einfach ist! Es geht darum, eine anderen Zugang zu den Gedanken zu finden, zu lernen, sich von ihnen zu befreien, sie frei zirkulieren zu lassen und dabei tiefe Freude zu erlangen. Und das ist überall möglich!“

Digitale Welt trifft Zen“ – wie passt das für Sie zusammen? Warum wollen Sie sich bewusst in beiden Welten bewegen?

Das digitale Leben ist uns zu einer „zweiten Natur“ geworden. Ich bin gerade aus China zurückgekehrt, wo mein Buch im August veröffentlicht wurde. Dort konnte ich einen Einblick in unsere mögliche Zukunft gewinnen: Telefone, als ob sie mit den Händen verwachsen wären, die von morgens bis abends für Alles verwendet werden. Die Menschen dort lösen ein U-Bahn-Ticket, sie bezahlen die Einkäufe, sie planen den Tag, sie chatten mit dem Babysitter … Auch in Europa ist dieses Szenario bereits Realität – aber in geringerem Maße.

Es besteht keine Notwendigkeit, gegen die natürlichen Entwicklungen der Gesellschaft anzukämpfen. Aber es besteht eine große Gefahr: die, uns von der Realität abzuschotten! Außerhalb der realen Welt zu leben, den direkten Kontakt zwischen den Menschen zu reduzieren. Das birgt die Gefahr, den damit verbundenen Sinn des Lebens zu verlieren. Dabei ist es die Interaktion mit unserem Gegenüber, die uns Halt gibt. Nicht das Gegenüber auf Facebook, sondern die Mitmenschen, die ich auf meiner Straße sehe, wenn ich von meinem Handy aus aufblicke. Das sollen meine Bücher vermitteln, ohne die Moderne abzulehnen.

Zen Nonne 2.0 Kankyo
Kankyo bezeichnet sich selbst als „Zen Nonne 2.0“ – Foto: Privat

Oft heißt es: „Früher, ohne Internet, Handy und Co. war alles besser!“ Wie sehen Sie das Problem der digitalen Überpräsenz?
Das Problem des Lebens „außerhalb der realen Welt“ ist, dass man in die virtuelle Welt des Digitalen gesaugt wird. Das ist das Gegenteil der Gegenwart, die wir im Zen lehren. Und das digitale Leben ist sehr komfortabel, macht Spaß, wie eine wohltuende Zuflucht … Was das spirituelle Leben betrifft, so ist es wichtig, sich der Realität zu stellen: zu lernen, die Augen öffnen, Gerüche wahrzunehmen, Emotionen zu spüren und wieder ein vollständiger Mensch zu werden. Nicht nur ein Roboter, der über das Internet ferngesteuert wird.

„Unterwegs ins Hier & Jetzt“

Und Genau diesen Themen widmet sich Kankyo Tannier auch in ihrem neuen Buch „Unterwegs ins Hier & Jetzt“. Darin zeigt sie dem Leser in einem einfachen 30-Tage-Kurs wie Achtsamkeit und Spiritualität zu einem selbstverständlichen Teil unseres Alltags werden – der auf einmal so viel mehr an Lebensfreude, Gelassenheit und Glücksgefühlen für uns bereithält, als gedacht. In folgendem Auszug aus Kankyo Tanniers Buch beschreibt die Autorin die Magie des Atems in Kombination mit Kinhin, einer Meditation im Gehen.


Die Magie des Atems – eine Gehmeditation

Ritual: Kinhin, die Gehmeditation: (…) Kinhin ist ein Gang im Rhythmus der Atmung, der im Zen-Buddhismus sehr verbreitet ist. In den Stadt-Dôjôs laufen die Meditationssitzungen meistens folgendermaßen ab: dreißig Minuten Zazen (Sitzmeditation), zehn Minuten Kinhin (Gehmeditation), dreißig Minuten Zazen. Die aufrechte Meditation basiert ganz und gar auf der Atmung. Sie hat den Vorteil, unseren Geist wieder in den Körper zu holen, ins Innere; wir kommen dabei „nach Hause“, vom Keller bis zum Dachboden, von den Füßen bis zum Kopf.

Wie man übt

Beginnen Sie die Übung, indem Sie sich beckenbreit hinstellen und dann einen Fuß in Fußeslänge vor den anderen setzen. Verlagern Sie nun beim Ausatmen das ganze Gewicht Ihres Körpers auf das vordere Bein. Bis zum Ende des Ausatmens. Halten Sie einen kleinen Moment inne und lassen Sie den Einatem von selbst kommen. In genau diesem Augenblick – wenn der Atem durch die Nasenlöcher eintritt – machen Sie einen halben Schritt nach vorn. Und dann beginnen Sie von vorne. Beim Ausatmen stützen Sie sich auf das vordere gestreckte Bein. Beim Einatmen gehen Sie ganz leicht, einen ganz kleinen Schritt nach vorn. Was die Haltung von Händen und Armen angeht, so bildet die linke Hand eine Faust, wobei der Daumen sich im Innern befindet. Die Daumenwurzel liegt vor dem Solarplexus, unterhalb der Brust. Die rechte Hand umfasst die linke Faust. Die Ellenbogen werden waagerecht gehalten, um eine gewisse Energie im Körper aufrechtzuerhalten.

Die Wirbelsäule ist dank eines leichten Ziehens des Scheitels zum Himmel gestreckt. Die Füße sind im Boden verwurzelt. Die Augen – ein ganz wichtiger Punkt – sind schräg zum Boden hinab gerichtet, um den Blick und die geistigen Bilder zu beruhigen. Sie sind halb geschlossen und der Blick ist auf nichts fixiert. Völlig ruhig. Sie bleiben leicht geöffnet, damit an dieser Grenze zwischen innen und außen eine Form von zarter Präsenz beibehalten werden kann.

Aufgrund dieses Wechsels zwischen Spannung (Ausatmen, der Körper streckt sich) und Entspannung (Einatmen, der ganze Körper ist locker, bevor er vorangeht), stabilisiert sich die Atmung und kann zunehmend einen ruhigen Rhythmus annehmen. Auch wenn die ersten Schritte manchmal schnell sind, wird sich allmählich ein viel langsameres Tempo einstellen. Erzwingen Sie nichts. Lassen Sie Ihren Atem kommen, wie er will, ganz natürlich Indem Sie Ihren Körper und Ihre inneren Rhythmen respektieren, wird sich eine Ruhe ausbreiten wie ein Geschenk.

Wirkung (von Kinhin)

In den Siebzigerjahren ist der Choreograf Maurice Béjart dem charismatischen Zen-Meister Taisen Deshimaru begegnet. Daraus entstand ein lebhafter Austausch. Zwei Meister dieses Formats im selben Raum … Zu gern wäre ich Mäuschen bei diesem Schauspiel gewesen! Jedenfalls hat Béjart, zweifellos vom Einfluss und von der körperlichen Intensität Deshimarus fasziniert, an Zen-Retreats teilgenommen. Was das Kinhin angeht, so hat der große Choreograf erklärt: „Kinhin ist die Essenz des Tanzes.“ Eine Weise, in seinem Körper zu sein, anstatt daneben. Vollkommen bewusst von Kopf bis Fuß.

Was Meister Deshimaru angeht, so lehrte er seine Schüler, das Kinhin mit „der Intensität eines Tigers, der einen Wald betritt“ zu praktizieren. Nichts Geringeres! Mit Kinhin, dieser Meditation, die Körper und Atmung einschließt, werden Sie schnell eine zentrierende Wirkung spüren … und die Erleichterung, die daraus erwächst. Die Haltung beim Kinhin erfordert einiges an Aufmerksamkeit. Umso besser! Auf diese Weise ist unser Geist ganz und gar auf die zu vollführende Aufgabe gerichtet. Die Sorgen können den körperlichen Empfindungen weichen. Mit ein wenig Übung wird sich eine starke Konzentrationsfähigkeit einstellen. Nach einigen Tagen wird Ihnen ein sehr wirksames Ritual zur Klärung Ihres Geistes zur Verfügung stehen. Die erste Stufe eines jeden spirituellen Wegs.

Dosierung

Die Praxis des Kinhin erfordert keine besondere Ausrüstung. Ein Körper genügt, selbst wenn er etwas eingerostet oder mollig ist. Üben Sie Kinhin möglichst mit bloßen Füßen, um die Erde besser zu spüren. Und öffnen Sie Ihren Gürtel, damit Sie gut atmen können. Das ist alles.

Deshalb ist die Dosierung einfach. Die Praxis ist täglich für zehn Minuten zu üben. Zu Hause, auf der Arbeit während der Mittagspause, im Wald, in einem Park, an einem Gewässer, vor einem Fenster, beim Aufwachen … Alles ist möglich!

Allerdings empfehle ich Ihnen, Kinhin nicht auf der Straße zu üben, aus Rücksicht auf die wahrscheinlich fassungslosen Blicke der Passanten. Aber warum eigentlich nicht? Einer muss ja schließlich die Mode auslösen. Erinnern Sie sich: Als die Handys aufkamen, waren wir etwas überrascht oder gar beunruhigt, jemanden allein vor sich hin reden zu hören, während er mit großen Schritten die Straße entlangging. Seither ist so etwas eine Konstante in der Geräuschlandschaft der Städte geworden.

Also … I have a dream … (Achtung historische Erklärung!): „Ich habe einen Traum, dass in einigen Jahren die Städte von Menschen übersät sind, die die Gehmeditation praktizieren. An der Bushaltestelle, in den Warteschlangen, im Supermarkt, auf den U-Bahnsteigen, in den Foyers zu den Vorstellungen … Es ist mein Traum, dass in all diesen Bereichen, wo wir gewöhnlich ungeduldig sind, der Mann und die Frau der Zukunft mit Würde und Eleganz Kinhin praktizieren.“

Amen.


Kankyo Tannier

Kankyo Tannier, „Unterwegs ins Hier & Jetzt. Buddhistische Impulse, um aus
jedem Moment das Beste zu machen“
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