Yoga in Japan – Absolute Hingabe

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Wie sich Yoga in Japan vom Rest der Welt unterscheidet und welche Bedeutung es nach dem Schicksalsschlag von Fukushima für die Japaner hatte.

Im November 2011 begleite ich Mark Whitwell zum dritten Mal bei seinem Teacher-Training in Japan. Ich sitze also jeden Tag sieben Stunden in einem Raum mit 17 japanischen Yogis, die verschiedener nicht sein könnten. Vom Land, aus der Stadt, etablierte Yogalehrer und Yoga-Anfänger. Sie alle sind sehr konzentriert. So konzentriert, dass man sich fast fragt: Brauchen die überhaupt Yoga? Die scheinen es doch ziemlich gut hinzukriegen, den Geist in eine Richtung zu lenken und im Moment zu leben.

Außer dieser Fähigkeit, alles mit absoluter Hingabe zu tun, ist der wohl größte Unterschied zwischen der japanischen und der deutschen Kultur – und damit auch der Yogaszene – das ausgeprägte Gruppenbewusstsein der Japaner. Das Wohl der Gruppe steht immer über dem eigenen und was immer sie tun und sagen, muss auch für die anderen relevant sein. Sie sind oft zögerlich, wenn man sie nach ihrem persönlichen Befinden fragt. Aber wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass ihre Erfahrungen von allgemeiner Bedeutung sind, erzählen sie in einer Offenheit, die einem Tränen in die Augen treibt.

Gruppenbewusstsein
Den Individualismus, den die Amerikaner in allem, was sie tun, zelebrieren, drücken die Japaner in ihrer Mode und ihrem Faible für ungewöhnliche Designs aus, nicht in ihrem Sozialverhalten. In einem Land, in dem so viele Menschen auf engstem Raum leben, ist das gar nicht anders möglich. Die negativen Auswirkungen dieses Gruppenbewusstseins sind oft die Vernachlässigung der persönlichen Bedürfnisse und dadurch eine Abwertung der eigenen Person. „Wir haben in Japan ein ausgeprägtes Vergleichsdenken. Wir messen unser Glück auf relativer Ebene“, meint Kaori, unsere Übersetzerin. So kommt es, dass viele Menschen, die nicht unmittelbar unter den Folgen des Erdbebens leiden, mit Schuldgefühlen kämpfen. Obwohl sie eines der schwersten Erdbeben der letzten hundert Jahre durchlebten, fühlen sie sich nicht dazu berechtigt, negative Gefühle zu empfinden. Es geht ihnen doch so viel besser als den Menschen in der Region Tohoku, die noch immer mit den Folgen von Tsunami und Reaktorkatastrophe leben müssen.

Yoga als Zuflucht
Der positive Aspekt des Gemeinschaftsbewusstseins ist der Halt, den das Zugehörigkeitsgefühl den Mitgliedern einer Gruppe gibt. „Die Yogastunden hatten hier nach dem 11. März eine ähnliche Funktion wie für die Amerikaner nach dem 11. September“, meint Kaori. „Die Menschen waren verunsichert und betroffen. Sie wollten gerettet werden. Aber niemand kann einen anderen Menschen retten, oder?“, überlegt Kaori. „Also habe ich ihnen von ganzem Herzen gewünscht, dass es ihnen gut geht.“ Für viele der japanischen Yogis wurden die Studios zu einem Zufluchtsort, an dem sie zulassen konnten, dass sie verletzlich sind und Angst haben. Die körperliche Yogapraxis half ihnen, tiefer zu atmen und gab ihnen dadurch mehr Raum, die Realität zu verdauen. Es stellt sich natürlich sofort die Frage, ob es in solchen Notsituationen nicht grundlegendere Bedürfnisse als Yoga gibt, um die es sich zu kümmern gilt. Wie leicht drücken wir uns doch vor der eigenen Yogapraxis mit der Entschuldigung, es gäbe Wichtigeres zu tun – selbst wenn die Zeiten nicht halb so schwer und dramatisch sind. Aber in vielen Gesprächen betonen Marks Schüler immer wieder, was Yoga für sie bedeutet und warum es in dieser schwierigen Lage so wichtig für sie war. „In der Zeit nach dem Erdbeben musste ich Yoga üben, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich weiß nicht, wie Leute, die diese Praxis nicht hatten, die Situation überhaupt aushalten konnten.“ So oder ähnlich höre ich das von fast allen. Gerade in problematischen Zeiten ist es nötig, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Und jeder, der einmal krank, einsam oder in sonst einer misslichen Lage war, wird zustimmen, dass es die Beziehungen zu unseren geliebten Menschen sind, die uns am Leben halten. Und was ist Yoga anderes als Beziehung? Beziehung zum eigenen Leben und zum Leben, das einen umgibt. Yoga verbindet den Körper mit dem Atem, der die Grundlage des Lebens ist. Kyoko, eine Yogalehrerin, beschreibt es so: „Wenn du dich nicht mal mehr auf den Boden unter deinen Füßen verlassen kannst, weil er ständig bebt, ist der Atem dein einzig verlässlicher Freund.“

Pranayama im Katastrophengebiet
Yoku, Künstlerin und Yogaschülerin aus Tokio, entschied sich, in der vom Tsunami am schwersten betroffenen Region bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Sie übte dort morgens Yoga in der Gemeindehalle, in der die Hilfskräfte untergebracht waren. Ohne zu wissen, was das genau ist, fingen die anderen Helfer an mitzumachen. Diese gemeinsame Yogapraxis sei ganz ungeplant entstanden und hätte die Kommunikation untereinander unheimlich gefördert, erzählt Yoku. Für Helfer, die sich um das Schicksal so vieler Menschen kümmern müssen, ist es wichtig, sich zunächst um sich selbst zu kümmern. So war es einfacher für sie, das Unglück und den Schmerz auszuhalten, die ihnen täglich begegneten.

Die Stadt Ishinomaki, in der Yoku die Hilfskräfte unterstützte, ist bekannt für ihren Fischfang. Der ganze Ort stank also unglaublich nach totem Fisch. Der Geruch war so stark, dass man kaum atmen konnte. Yoku erzählt, wie sie mit den Menschen zusammen geweint hat. „Das war wie eine Art Pranayama. Es hat den Menschen geholfen, wieder besser atmen zu können.“ Viele der Frauen, mit denen sie sprach, konnten ihre Gefühle den Angehörigen gegenüber nicht zulassen. Sie wollten füreinander stark sein. „Ich war ja von außerhalb und somit nicht betroffen, also konnten sie loslassen. Das war für sie, glaube ich, sehr befreiend.“

An das beklemmende Gefühl, nicht atmen zu können, kann sich auch Kaori erinnern: „Als ich am Tag nach dem Erdbeben Yoga übte, hatte ich Angst, dass radioaktive Partikel in meinen Körper gelangen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn du Angst haben musst, dass jeder Atemzug, der dich am Leben hält, dir Schaden zufügt.“ Darüberhinaus ist man zum Teil selbst dafür verantwortlich: „Schließlich haben wir die Energie dieser Atomkraftwerke alle genutzt.“

Die yogische Weisheit, dass alles eins und auch das, was wir nicht sehen, real ist, erschloss sich ihr in dieser Zeit ganz besonders. „Die radioaktiven Teilchen sind zwar unsichtbar, aber sehr effektiv. Diese Stoffe sind jetzt überall in Japan. Und der Wind und das Meer verteilen sie auf der ganzen Welt“, erklärt sie. Das was geschehen ist, betrifft uns alle, im Guten wie im Schlechten. Globalisierung heißt auch: Wir sind alle verbunden.

Verbindung mit der Natur
Diese Naturkatastrophe und das daraus resultierende Atomunglück zeigen für Kaori ein tief liegendes Problem der modernen Gesellschaft: „Es geht nicht darum, aus der Atomenergie auszusteigen, um dann eine neue Art der Energieerzeugung zu suchen“, meint sie. „Es geht darum, dass die Menschen glauben, ihnen würde etwas fehlen und dass sie diese Leere mit Konsum füllen müssten.“ Auch sie sei dieser Illusion erlegen, bevor sie anfing, Yoga zu üben. Und noch immer sei es schwierig, zu realisieren, dass ein neues Smartphone genauso wenig Erfüllung bringt wie schicke Naturkosmetik oder der perfekte Partner. „Mit etwas, das von außen kommt, wird man diese Leere nie füllen können.“ Aber natürlich ist das einfacher und bequemer. Und es verlangt auch weniger Eigeninitiative.

In seinen Stunden betont Mark Whitwell immer wieder, dass Yoga unsere praktische Verbindung zur nährenden Kraft ist, die das Leben darstellt. Dieser Glaube an die Natur ist den Japanern nicht fremd. Der Shintoismus, der in Japan bis Ende des zweiten Weltkrieges Staatsreligion war, ist ein Naturkult. Dessen Grundgedanke ist, dass alles Leben auf der Welt aus der Natur kommt und wieder zur Natur zurückkehrt. Nach dem Erdbeben im März war es sehr schwierig für sie, dieses Vertrauen in die Natur zu behalten, meint Kaori. „Aber ich musste daran glauben, dass uns diese Natur liebt und nährt. Sonst hätte ich nicht weitermachen können.“ Yoga zu üben habe ihr sehr dabei geholfen, die Situation anzunehmen und den Tod als Teil des Lebens zu sehen. „Ich habe mich daran erinnert, dass dieses Beben, diese Bewegung der Erde die Bewegung der Natur ist und dass dadurch nun einmal Menschen sterben“, erzählt Kaori. „Und dass auch ich früher oder später sterben werde. Es kann jederzeit passieren.“ Auch das verbindet uns alle. „Dadurch ist mir klar geworden, dass das Leben ziemlich wertvoll ist.“ Diese Akzeptanz des Todes ist wohl die ultimative Hingabe. ✤

Veronika Köberlein wurde von Mark Whitwell zur Yogalehrerin ausgebildet. Sie ist studierte Mathematikerin und Journalistin und arbeitet als Fernsehproduzentin. Ein Jahr lang war sie auf Weltreise und hat Yoga in anderen Kulturen erfahren.