Yoga und der innere Schweinehund

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Die Bhagavad Gita gilt neben den klassischen Hatha Yoga-Texten und Patanjalis Yoga Sutra als eine der wichtigsten Schriften des Yoga. Zwar erfährt der Leser nichts über Asanas und nur wenig über Meditation, aber sie enthält klare Hinweise für das Handeln im Alltag.

Obwohl das Schöne an der Bhagavad Gita ist, dass es nicht um die Praxis einer Technik, sondern um eine innere Haltung dem Leben gegenüber geht, kann sie uns zu aktiveren Menschen machen. Wir müssen uns nur mit dem Dialog zwischen Krishna und Arjuna beschäftigen.

Am Anfang der Geschichte sieht es erst einmal nicht danach aus. Für einen spirituellen Ratgeber beginnt die Bhagavad Gita sehr unkonventionell: Mit dem Klagen eines Kriegers, der nicht kämpfen will. Es heißt folgerichtig „Das Yoga der Mutlosigkeit“:

Wenn ich diese meine Verwandten kampfbereit in Schlachtreihe aufgestellt sehe, Oh Krishna, versagen meine Glieder, mein Mund wird trocken, mein Körper zittert, und mein Haar steht zu Berge. (I.28.-29.)

Kennen wir diesen Satz nicht allzu gut von uns selbst? Manchmal wissen wir, wir haben etwas zu tun, aber wir fühlen uns auf einmal wie paralysiert. Arjuna zählt über mehrere Verse gute Gründe auf, warum er das, was er begonnen hat, nicht mehr zu Ende führen möchte. Früher habe ich mich einmal gefragt, warum die Bhagavad Gita ein ganzes Kapitel darauf verschwendet, wie Arjuna sich beklagt. Sie hätte ja auch direkt mit klugen Ratschlägen beginnen können. Dann wäre sie aber wahrscheinlich nicht über so viele Jahrhunderte hinweg so populär gewesen, wie sie ist. Gerade weil sie kaum genaue Handlungsanweisungen gibt, ist sie solch ein kraftvoller Text: Die Verse rufen ein Gefühl beim Leser hervor, das den Wunsch nach Befreiung weckt.

Die Bedeutung
Krishna und Arjuna stehen in der Mitte eines Schlachtfeldes. Im übertragenen Sinne unterstützt die innere Göttlichkeit die menschliche Seele inmitten der Turbulenzen des Lebens. Die Schlacht der Bhagavad Gita ist ein Bild für den Kampf, der im eigenen Herzen stattfindet. Was Arjuna zu überwinden hat – und da geht es ihm wie uns – sind seine eigenen Widerstände dagegen, glücklich zu sein und sich gut zu fühlen. Er möchte es bequem haben und nicht mit alten Vorlieben brechen. Das möchten wir auch oft nicht, sind diese Gewohnheiten doch unsere alten „Verwandten“. Teile von uns selbst also – muss man die nicht einfach akzeptieren?

„Sage Du mir klar, was für mich richtig ist.“ (II.7.) Darum bittet Arjuna am Anfang des zweiten Kapitels. Krishna wird ihm und uns jedoch in der gesamten Schrift diesen Gefallen nicht tun. Er legt nicht fest, was „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern überlässt uns die Wahl zwischen unterschiedlichen Wegen. Und – so ein Schlitzohr, dieser Gott – preist jeden der Wege als den Besten an. Dadurch scheint er sich im Laufe der insgesamt achtzehn Kapitel oft selbst zu widersprechen. Ist Gott also verwirrt? Nein, er weiß einfach, dass wir alle unterschiedlich sind. Und doch bleibt er nicht beliebig. Er will, dass wir eine Haltung einnehmen.

Zunächst wird „Karma Yoga“ ausführlich beschrieben: Das Yoga des Handelns.

Dein einziges Recht ist es zu wirken, und keinen Anspruch hast du auf die Früchte deines Tuns; lass weder die Früchte deiner Handlung dir Motiv zum Handeln sein, noch wende dich zum Müßiggang. So handle, Oh Arjuna, und sei fest im Yoga, gib Bindungen auf, und bewahre Gleichmut in Erfolg und Misserfolg. Ausgeglichenheit im Geiste, Gleichmut wird Yoga genannt. (II.47.-48.)

Egal, womit wir beschäftigt sind und welche Bitte an uns herangetragen wird – es hilft uns, wenn wir bei der Durchführung nicht schon ständig angstvoll an das Ergebnis denken. Wenn wir uns stets fragen, ob etwas „gut“ oder „schlecht“ sein wird, erzeugen wir uns leicht Stress. Ein Beispiel: Wenn ich mir auf dem Meditationskissen darüber Gedanken mache, dass ich doch eigentlich weniger Gedanken haben möchte, verpasse ich den schönen Moment der Ruhe. Noch mehr blockieren wir uns selbst, wenn Zweifel an unseren Fähigkeiten uns schon von vorneherein daran hindern, mit etwas zu beginnen. Das wäre so, als würden wir sagen: „Ich bin leider zu unflexibel, um Yoga zu machen.“ Das „Just-do-it“-Motto aus der Werbung hätte gut von Krishna sein können. Er ist einer der ältesten Motivationstrainer.

Der innere Schweinehund
Dieser berühmte Tier hat – wenn wir das, was wir tun, als Karma Yoga praktizieren – keine Chance mehr. Eine Haltung des Gleichmuts gegenüber Erfolg oder Misserfolg hilft, unsere Aufgaben und Projekte mit leichterem Herzen anzugehen. Dabei sind wir bei der Durchführung nicht gleichgültig. Karma Yoga heißt auch: Während wir mit etwas beschäftigt sind, bringen wir uns mit unserer gesamten Achtsamkeit ein, und handeln nach unseren besten Fähigkeiten:

Daher tue ohne Verhaftung stets das, was getan werden muss; denn durch verhaftungsloses Handeln erreicht der Mensch das Höchste. (III.19)

Wenn wir jetzt durch Krishna gelernt haben, wie wir etwas tun sollen, bleibt die Frage: Was muss überhaupt getan werden? Gerade als Yogi läge es vielleicht nahe, sich mehr und mehr vom Schlachtfeld der Lebensaufgaben zurückzuziehen, um mehr Zeit für die eigene Praxis zu haben? Weil er ein guter Motivationstrainer ist, lässt Krishna keinen Raum für Entschuldigungen:

Auch der Weise handelt gemäß seiner Natur; die Wesen folgen der Natur; was kann Einschränkung bewirken? (III.33.)

Das Fazit
Wir sollen der eigenen Natur folgen, im Sanskrit-Original Prakriti genannt. Wenn wir unsere Natur erkennen, finden wir heraus, was Krishna Swadharma nennt: Die eigene Pflicht. Nicht mehr – und nicht weniger.

Besser ist es, die eigene Pflicht unvollkommen als die Pflicht eines anderen gut zu erfüllen. Wer die Handlung vollzieht, die die Natur ihm auferlegt hat, lädt keine Schuld auf sich. (XVIII.47.)

Krishna kann für das Göttliche in uns selbst stehen. Und unser ureigenster Wunsch ist: uns selbst treu zu bleiben. Gerade bei Vorsätzen für das neue Jahr, ist das eine sehr hilfreiche Richtlinie. Indem wir unser ganzes Leben als Karma Yoga sehen, können wir alle unsere Aufgaben entspannter bewältigen.

Auch Hermann Hesse hat sich von der Bhagavad Gita inspirieren lassen:

Darum kämpfe du und lieg nicht stille;
Dass du Kräfte regst, ist Gottes Wille!
Doch ob dein Kampf zu tausend Siegen führt,
Das Herz der Welt schlägt weiter unberührt.

 

Ralf Sturm lebt und arbeitet im Yoga Vidya-Seminarhaus in Bad Meinberg.

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