Die neue Weltordnung: von Schubladendenken und Toleranz

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Kolumne: Die neue Weltordnung - von Schubladendenken und Toleranz

Haben Sie sich heute schon selbst gefunden? Sehen Sie klarer, leben Sie bewusster als früher? Fein. Klappt mit der Zeit immer besser, oder? Aber was ist mit dem Durcheinander um Sie herum?

Ich glaube an das Chaos. Ich glaube, dass Chaos entspannt und befreit, dass auch das Gegenteil stimmt und dass das das Paradoxon ist, das es anzunehmen gilt, wenn wir Revolutionen und nicht nur revolutionär sein wollen.

Vielleicht sind Sie schon mal über die kleine Geschichte vom Globus gestolpert, der auf die mitfühlende Frage „Wo tut’s denn weh?“ antwortet: „Überall. Einfach überall.“ Klimawandel, Hungerkatastrophen, Kriege, Unruhen, Rassismus, Sexismus und, und, und – tatsächlich kann einem ganz schwindlig werden angesichts all der Probleme, die unseren Planeten gerade plagen. Dazu kommen die Turbulenzen, die unsere privaten kleinen Welten erschüttern: Liebeskummer, kotzende Kleinkinder, zig unbeantwortete Mails … Puh. Kann da nicht mal einer Ordnung machen?

In meiner Wohnung stapeln sich Zeitschriften- und Klamottenberge, mein Zeitplan gerät gern mal durcheinander, ich mag es wild, aber die Sehnsucht nach Struktur und Klarheit kann ich nachvollziehen. Ist ja nur begrenzt Platz im Kopf. Also? Sortieren wir! Männer und Frauen. Alte und Junge. Arme und Reiche. Homos und Heteros. Ossis und Wessis. Linke und Rechte. Punks und Spießer. Polizei und Demonstranten. Yogis und Menschen, die die Sache mit der Achtsamkeit noch nicht so richtig verstanden haben.

Die Engstirnigkeit der Freidenker

Tja. Schubladendenken ist kein Alleinstellungsmerkmal reaktionärer Unsympathen, sondern auch in alternativen Szenen anzutreffen. Drei Beispiele:
Erstens: Einst wollte mir auf einer Party ein blauhaariger Nachwuchskünstler das Rot von den Lippen rubbeln: „Musst du dein Gesicht hinter Make-up verstecken?“ Farbe ist eben nicht gleich Farbe. Oder?
Zweitens: Bei einer Podiumsdiskussion bedauerte kürzlich ein Anwalt, der Anfang der 70er langhaarig und im Parka studiert hatte, dass heutzutage an der juristischen Fakultät wieder Anzug, Krawatte und Kostüm getragen werden, dazu Aktenköfferchen und brave Frisuren. Auf meine Frage, ob es nicht möglich sei, dass auch im Anzug ein cooler Typ stecke, blieb er mir die Antwort schuldig.
Drittens: Auf einer Veggie-Messe wollte vor einigen Jahren ein Mann wissen, ob ich Yoga praktiziere, was ich damals noch verneinen musste. Sein Kommentar? Das sähe man mir an, ich wirke nicht wirklich bei mir. Tatsächlich ging es mir an dem Tag subjektiv ziemlich gut.

Puh. Zwar bin ich selbst keine Freundin von Krawatten, ich halte Schminke keinesfalls für ein Muss, und tatsächlich fühle ich mich nach einer Yogastunde herrlich entspannt. Aber: Könnten wir vielleicht akzeptieren, dass der Weg, den wir für uns gefunden haben, nicht für jeden und jede der beste sein muss? Ist es vielleicht sogar ganz sinnvoll, auch mal woanders zu sein als „bei sich“? Möglicherweise beim Gegenüber? Ja, im Idealfall schließt sich das nicht aus, aber wer von uns ist schon ideal? Natürlich brauchen wir Selbstliebe, aber sie dient als Fundament, auf dem dann auch die Liebe wachsen kann, die es zu teilen gilt. Achtsamkeit ist eine feine Sache. Aber sie wird zur Einbahnstraße, wenn wir vor lauter Bewusstwerden unserer inneren Zustände die Welt um uns herum vergessen.

Gut sortierte Offenheit

Zudem lösen wir keine Probleme, indem wir sie einfach auf den Kopf stellen, zumindest nicht dauerhaft. Dann bleiben wir nämlich weiter im binären Denken gefangen und werden der Komplexität der Welt nicht gerecht. Toleranz bedeutet nicht, in der U-Bahn die Dragqueen anzulächeln und beim telefonierenden Anzugtypen „Bäh, was bist du für einer?“ zu denken. Niemand bekämpft Magerwahn, wenn er dünnen Ladys abspricht, „echte Frauen“ zu sein, und niemand ist besonders weltoffen, wenn er auf Reisen sein Deutschsein verleugnet, weil er sich für das Verhalten einiger Landsleute schämt.

Andererseits überfordern wir uns natürlich, wenn wir uns immerfort in jeden Menschen einfühlen und jeden partout auf Teufel komm raus mögen wollen. Das kann nicht funktionieren und darum haben grobe Sortierungen, die auf persönlichen Erfahrungswerten basieren, durchaus Sinn. Das Geheimnis ist meines Erachtens, niemals fertig zu werden mit dem Sortieren. Oder aber – und das ist mein kleiner Vorschlag zur Rettung der Welt: Ordnen Sie sie in Schubladen, aber lassen Sie diese halt einfach offen!


CARMEN SCHNITZER hat innerhalb des Schreibens dieses Textes öfter mal den Faden verloren, fand das aber angesichts der Thematik nur halb so schlimm wie sonst. Denn nicht immer geht es schnurgerade zum Ziel.

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