Style Guide: Jivamukti Yoga

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Es begann im New York der frühen 80er Jahre: David Life war Punk, malte und führte das Life Café, damals ein bekannter Künstlertreff im East Village. Sharon Gannon tanzte, sang und fiel besonders durch ihr New-Wave-Styling auf. Doch schon bald sollte ihre leidenschaftliche Lebensweise eine völlig andere Richtung nehmen: Nach intensiven Jahren des Yogastudiums entwickelten sie gemeinsam ihren eigenen Yogastil, der heute weltweit eine große Rolle spielt.

Als sich Sharon und David trafen, versuchte Sharon gerade, eine hartnäckige Rückenverletzung mit Yoga zu kurieren. Vor fast 30 Jahren war das eine ziemlich exotische Idee. Aber Yoga half ihr und da es bei Sharon noch viel mehr als ihren Rücken bewegte, begannen die beiden ein jahrelanges intensives Studium der Yogatradition. Sie gingen nach Indien und lebten in Mysore bei Sri K. Pattabhi Jois, dem Begründer des Ashtanga Yoga, von dem sie den fließenden Vinyasa-Stil lernten. Guruji gab ihnen seinen Segen, einen eigenen Stil zu kreieren. Swami Nirmalananda, ein anarchistischer Einsiedler in Südindien, der ein Jahrzehnt lang Mauna (Schweigen) übte und in seinem Wirken Ahimsa (Gewaltlosigkeit) verkörperte, bestärkte sie darin, Yoga durch seine soziale Kraft und als Verantwortung für die Welt und alle Geschöpfe zu verstehen. Und Shri Brahmananda Saraswati, ein indischer Arzt und Psychotherapeut, der 1964 das „Ananda Ashram“ in der Nähe von New York eröffnete, machte Sharon und David die Wichtigkeit der alten Schriften bewusst – mit ihm tauchten sie tief in Sanskrit und in den Klang der Mantras ein. Über diese drei Param Gurus, die Lehrer der Lehrer, läuft eine ungebrochene Traditionslinie zurück bis zum Ursprung des Yoga – aus ihr entwickelte sich Jivamukti Yoga.

Grundlagen des Jivamukti Yoga

Der Bezug auf diese Lehrertradition ist für das Verständnis von Jivamukti Yoga sehr wichtig. Denn aus ihr ergeben sich die fünf Pfeiler, auf denen dieser Yogastil gründet: das Studium der Schriften, Hingabe, Gewaltlosigkeit, Meditation und Klang – Shastra, Bhakti, Ahimsa, Dhyana und Nada Yoga. Diese Kombination war 1986 in der kleinen Yogaszene Amerikas nicht nur ungewöhnlich, sondern im Grunde eine Provokation: Im ersten Jivamukti-Studio wurde ohne Klimaanlage zu lauter Musik geübt, es wurden die alten Schriften gelesen und ein ethischer Vegetarismus als unverzichtbarer Bestandteil von Gewaltlosigkeit und liebender Hingabe propagiert. Sharon und David entwickelten sich schnell zu entschlossenen Aktivisten für Tierrechte – für viele haben sie die Idee des spirituellen Aktivismus erfunden. Es ist schwer vorstellbar, aber auf den ersten Yogakonferenzen in den 90er Jahren gab es kein vegetarisches Essen. Sharon und David mussten in der Szene für ihre Ideen kämpfen und wurden dafür belächelt. Aber der Erfolg war durchschlagend, das Studio wuchs und die Methode etablierte sich weltweit.


✤ Häufig beginnen die Stunden mit einem gesungenen Mantra, das die Schüler an Mitgefühl und Respekt gegenüber allen Lebewesen erinnern soll:

Lokah Samastah Sukhino Bhavantu

Mögen alle Wesen überall glücklich und frei sein und mögen all meine Gedanken, Worte und Taten auf ihre Weise zu diesem Glück und dieser Freiheit beitragen. ✤


Jivamukti in der Welt

Unter den Schülern der ersten Stunde war auch Patrick Broome. Ich lernte ihn kennen, kurz bevor er für ein Jahr nach New York zog, um dort die Ausbildung zum Jivamukti-Lehrer zu absolvieren. Als gebürtige Kroatin war ich gerade wegen des Bürgerkriegs von Bosnien nach München geflüchtet und stürzte mich in mein Studium an der Universität und ins Nachtleben. Aber eine richtige Aufgabe für mein Leben fand ich erst durch Yoga. Heute kann ich sagen, dass ich als Jivamukti-Yogalehrerin die beste Plattform und das effektivste Werkzeug gefunden habe, mein Dharma sinnvoll zu verwirklichen. Beim Yogaunterricht war ich zum ersten Mal wirklich glücklich: Ich hatte entdeckt, dass es im Leben um mehr als nur um Erfolg, Ehrgeiz und selbstsüchtiges Vergnügen geht. Nach und nach erfuhr ich, was liebende Hingabe (Bhakti), Mitgefühl (Karuna) oder Urvertrauen (Shraddha) mit meinem Leben zu tun haben. Ich erkannte, dass es einen erheblichen Unterschied macht, was man isst, wo man einkauft und wofür man die durch die Yogapraxis gewonnene Energie einsetzt. Bald eröffneten Patrick und ich gemeinsam ein Studio. Sharon und David wurden meine spirituellen Eltern und zu Yoga entwickelte ich eine tiefe, kreative und leidenschaftliche Beziehung. Inzwischen gibt es eine zweite Generation von Jivamukti-Studios in Berlin und München und es ist viel passiert in der deutschen Yogalandschaft. Am Anfang wurden wir als die jungen Wilden der Szene angesehen und fühlten uns auch so. Aber wir haben es ernst und ehrlich gemeint – was anderen zu hip, zu amerikanisch, zu cool, zu radikal und vielleicht zu laut war, war unser Versuch, aus der Welt einen herzlicheren und liebevolleren Ort zu machen. Für uns war daher auch ein Nacktfoto all unserer Unbenannt-1Lehrer für eine PETA -Kampagne kein Widerspruch. Immerhin heißt Mukti „Befreiung“ und Jiva „individuelle Seele“. Ein Jivanmukta ist also eine befreite Seele. Heute gibt es außer in New York Jivamukti-Schulen und Affiliate-Studios in Metropolen wie Chicago, Sydney, London, Moskau, Bern und Johannesburg, aber auch in Charleston, einer amerikanischen Stadt in South Carolina, sowie im norwegischen Stavanger. Inzwischen findet man mehr als 500 zertifizierte Jivamukti-Lehrer auf allen Kontinenten. Für ihre Schulen wird von Sharon und David eine Lizenz vergeben, doch es werden keine Gebühren erhoben. Die Gemeinschaft der Lehrer organisiert sich über eine internationale Website und kommuniziert über ein monatlich wechselndes Thema – den „Fokus des Monats“, der als spirituelle Inspiration für Lehrer und Schüler gedacht ist. Einmal im Jahr finden ein „Jivamukti Tribe Gathering“ in New York und ein „Summer Camp“ in Woodstock, der Wahlheimat von Sharon und David, statt. Dort wird gemeinsam mit den beiden geübt. Die yogische Idee, die dahintersteht, ist ein „Global Satsang“ – eine große internationale Yogafamilie, die von einem gemeinsamen Verständnis von Yoga und einer äußerst differenzierten Methode zusammengehalten wird.


Die Praxis

Jivamukti Yoga wird in „Open“-Stunden für Fortgeschrittene und „Basic“-Stunden für Anfänger unterteilt. Die Anfänger bewegen sich in einem vierwöchigen Rhythmus durch stehende Haltungen, Vorbeugen, Rückbeugen und Umkehrhaltungen. Fortgeschrittene üben frei nach einem 14-Punkte-Programm, das alle Bewegungsrichtungen des Körpers, Meditation und Mantras umfasst. In den deutschen Studios hat sich zusätzlich eine Zwischenstufe, die „Medium“-Stunde, entwickelt. Sie soll den bisherigen Anfängern den Übergang in die „Open“-Stunden erleichtern. Das Wichtigste an jeder Stunde ist, den Atem, die Bewegung und die Intention des Übenden in Einklang zu bringen. Dies ist das Prinzip des sogenannten Vinyasa Krama (aus dem Sanskrit: „vi“ für intelligent, „nyasa“ für plaziert und „krama“ für Abfolge oder Schritt). Einerseits geht es um fließende und atemgeführte Abfolgen, andererseits um die exakte Ausrichtung und Aneinanderreihung in den Asanas. Sharon und David haben eine Vielzahl von speziellen Sequenzen entwickelt, um verschiedene Asanas miteinander zu verbinden, zum Beispiel „Flying Eagle“, „Rishi Twist“, „Cobblers Table“ oder „Blossoming Lotus“. Die Kunst, die ineinander übergehenden Sequenzen fließend zu üben und in der exakten Atemfolge zu unterrichten, ist zum Merkmal der Methode geworden. Als Bestandteil der Asana-Abfolgen lernen Jivamukti-Schüler bereits in den Anfängerstunden den Ujjayi-Atem. Dadurch werden die Stunden „heiß“ und herausfordernd – ohne Schwitzen, Leidenschaft und wachen Geist geht es nicht. Der Anspruch: die körperlichen, psychologischen und spirituellen Aspekte des Yoga harmonisch miteinander zu verbinden.

Das Ziel: die Integration des ganzen Menschen – die Einheit von Körper, Geist, Gefühlen, Gedanken, Atem und Seele – durch die Übungspraxis. Eine weitere Besonderheit ist die intensive körperliche Arbeit des Lehrers: In den Stunden berührt und korrigiert er durchgehend seine Schüler. Diese „Herangehensweise“ an die Schüler war nicht immer selbstverständlich, inzwischen ist sie stilbildend. Wer das einmal exklusiv erleben möchte, sollte eine In-Class-Private-Stunde (ICP) nehmen – während der Stunde ist ein zweiter Lehrer bei einem einzelnen Schüler und begleitet jede Asana mit seinen Händen, seinem Gewicht und Hilfestellungen. Selbst für jemanden, der jeden Tag übt, kann es eine Überraschung sein, wie dieses Assistieren neue Möglichkeiten für die eigene Praxis eröffnet und diese intensiviert. Am Ende oder vor Beginn jeder Jivamukti-Stunde wird in drei Schritten meditiert: Die Schüler finden einen Sitz, werden still und richten ihre Konzentration aus. Die Ausrichtung auf ein Mantra soll die Gedanken klären und beruhigen. Sharon und David sind davon überzeugt, dass auch kleine Meditationsübungen ein Erlebnis von Stille, Raum und Zeitlosigkeit vermitteln, welches sich als Ruhe und Gelassenheit schon nach kurzer Zeit in den Alltag überträgt. Mehr noch: „Samadhi ist Yoga. Samadhi bedeutet Erleuchtung. Was der erleuchtete Geist realisiert, ist Wahrheit, das Selbst oder Gott“, sagt Sharon. (Samadhi – Versenkung, tiefe Meditation)

Viele „Neuerungen“ aus den Anfangsjahren des Jivamukti Yoga haben sich heute allgemein durchgesetzt oder werden als gleichberechtigter Weg akzeptiert. Das Üben zu Musik, die Beschäftigung mit den überlieferten Schriften und das Singen von Mantras stört niemanden mehr. Dagegen ist die Forderung von Sharon und David, ein Yogi müsse vegetarisch leben, ein härterer Brocken und polarisiert nach wie vor. Die Vorstellung, dass sich ernstzunehmendes Yoga seiner Natur nach mit sozialem Engagement und persönlicher Verantwortung verbinden muss, wird jedoch immer aktueller und drängender – sie darf als wegweisend verstanden werden.


Jivamukti-Yogastudios im deutschsprachigen Raum


Literatur

  • Yoga fürs Leben. Von Gabriela Bozic und Patrick Broome (Gräfe und Unzer Verlag)
  • Yoga der Befreiung. Das Praxisbuch des Jivamukti Yoga. Von Sharon Gannon und David Life (Vianova Verlag)
  • Jivamukti Yoga: Practices for Liberating Body and Soul. Von Sharon Gannon und David Life (Ballatine Books)
  • The Art of Yoga. Von Sharon Gannon und David Life (Stewart, Tabori & Chang)
  • Yoga and Vegetarianism: The Path to Greater Health and Happiness. Von Sharon Gannon (Mandala Publishing)

Weitere Infos zu Jivamukti Yoga finden Sie in der YOGA JOURNAL Ausgabe von November + Dezember 2012, die Sie versandkostenfrei, schnell und einfach in unserem Wellmedia-Shop nachbestellen können.

Autor:
Gabriela Bozic
ist studierte Sprachwissenschaftlerin
und Mitgründerin der Jivamukti Yoga Center in München. Sie unterrichtet weltweit Workshops und auf Yogakonferenzen und gehört zum festen Team bei den internationalen Jivamukti-Lehrerausbildungen mit Sharon Gannon und David Life. Gabriela ist bekannt für ihre dynamische und leidenschaftliche Art, Yoga als innere Transformationstechnik zu unterrichten, sowie für ihren lebendigen, herzlichen und humorvollen Unterrichtsstil.

Übersetzung:
Michi Kern