TriYoga: Style Guide

Vor ungefähr zehn Jahren erfuhr ich durch eine Freundin von den TriYoga-Flows der Amerikanerin Kali Ray. Damals war TriYoga in Deutschland noch relativ unbekannt. Da meine Freundin sehr von ihrer Neuentdeckung schwärmte, wollte ich es selbst ausprobieren. So nahm an einem Workshop der Lehrerin Eva-Maria Beck teil, die hierzulande stark zur Verbreitung des Stils beitrug. Damals ahnte ich nicht, dass dieses Erlebnis mein Leben in neue Bahnen lenken und ich schließlich ein TriYoga-Studio in München eröffnen würde.

Zwar war ich vor dem Workshop ein wenig skeptisch. War dieses TriYoga nach Kali Ray nur eine weitere amerikanische Yogarichtung, die bereits Bekanntes mit einem neuen Namen bestückt? Nachdem ich es ausprobierte, war ich jedoch begeistert. Denn TriYoga ist ein Yogastil, der anmutige Flows mit gehaltenen Stellungen (Asanas), dem Atemfluss und Mudras (Handgesten) verbindet. Durch seine verschiedenen Schwierigkeitsstufen ist er für alle Menschen geeignet. Er verknüpft die uralten Yogatraditionen mit dem modernen Leben.

Gründung des Stils

TriYoga wurde 1980 von Kali Ray als vollständige Hatha-Yoga-Methode entwickelt. Kennzeichnend sind die harmonisch fließenden Bewegungen von einer in die nächste Asana. Der Fokus auf die ruhigen, rhythmischen Bewegungen beruhigt den Geist und ermöglicht ein sogenanntes Flow-Gefühl. Man kann sich vollständig auf das Tun konzentrieren und im Fluss der Bewegung aufgehen. Die Silbe “Tri” steht für die Dreieinheit, die Einheit von Haltung, Atmung und Fokus. Oder Asana, Pranayama und Mudra.

Die universelle Lebensenergie, Prana oder auch Chi genannt, kann man ausgegleichen, so dass sie harmonisch und ohne Anstrengung fließen kann. TriYoga basiert auf der ursprünglichen Hatha-Yogatradition, den Prinzipien von Asana, Pranayama und Mudra, wie sie durch die Hatha Yoga Pradipika bekannt sind. Einzigartig im TriYoga-Stil sind neben der harmonischen Choreografie der Flows vor allem seine Verbindung von Flows und Mudras.

Die Flows

Die Flow-Praxis von TriYoga umfasst drei grundlegende Prinzipien. Wellenförmige Bewegungen der Wirbelsäule (wave-like movements). Entspannung in Bewegung (relaxation-in-action). Ökonomie der Bewegung (economy-in-motion).

Die Wirbelsäule kann sich auf vier Arten bewegen. Beugung nach vorne (Flexion), Beugung nach hinten (Extension), seitliche Neigung und Drehung. Um beispielsweise von der Extension in die Flexion zu kommen, richtet TriYoga die Wirbelsäule Wirbel für Wirbel von unten nach oben auf. Das folgt der natürlichen Schwingung. Das richtet die tief liegende Rückenmuskulatur, die die Wirbelsäule stabilisiert auf, und kräftigt auf natürliche Weise. Damit kann man Rückenbeschwerden, die etwa durch eine starre Haltung vor dem Computer entstehen, entgegenwirken. Sogar, ohne die Wirbelsäule durch übermäßiges Beugen oder Drehen unnötig zu belasten. Die grazile Wellenbewegung der Wirbelsäule fließt weiter durch den gesamten Körper von einer in die nächste Haltung.

Die Abfolgen, die so genannten Kriyas, werden als Vorbereitung auf die Asanas wiederholt. Zudem halten wir die Asana am Ende der Flow-Sequenz einige Atemzüge lang. Der Übergang spielt im TriYoga eine elementare Rolle. Denn er ist genauso wichtig wie die Asana selbst und wird bewusst und koordiniert durchgeführt. Dadurch entsteht ein einzigartig meditativer Bewegungsablauf, der elegant und geschmeidig aussieht. Ein yogischer Tanz der Shakti.

Das Flow-Gefühl erreicht man, indem man nur die Muskeln und Körperteile anspannt, die für die Bewegung gebraucht werden. Trotzdem bleiben die anderen Körperstrukturen locker und entspannt. Dieses Prinzip nennt Kali Ray “Entspannung in Bewegung”. Zusätzlich wird jede überflüssige Bewegung vermieden, um den besten Effekt durch minimalem Aufwand zu erzielen. Die Bewegungen werden ruhig und präzise ausgeführt. Außerdem führt der Ujjayi-Atem. Dieses “Ökonomie der Bewegung” genannte Prinzip ist auch im Rolfing und in einigen Kampfsportarten bekannt.

Pranayama

Prana bedeutet Lebensenergie. Deshalb ist Pranayama die achtsame Regulierung und Vertiefung der Atmung. Als viertes Glied des Raja-Yoga spielt die Atmung auch im TriYoga eine entscheidende Rolle. Die Konzentration auf den Atem entspannt den Körper und beruhigt den Geist. Du synchronisierst Körper und Atmung so, dass die Bewegungen weich und rhythmisch ablaufen. Der Atem führt die Bewegung. Im TriYoga wird der Atem schrittweise verlängert und dadurch vertieft. Die Auswirkungen auf unser Nervensystem sind enorm. Stehen wir unter Stress oder haben wir Angst, atmen wir schnell und flach. Tiefes Atmen dagegen optimiert die Sauerstoffversorgung und beruhigt den Geist. Die alten Yogis glaubten, dass langsames Atmen das Leben verlängert, weil jedem Menschen bei seiner Geburt nur eine bestimmte Anzahl von Atemzügen zugeteilt wird.

Mudras

Mudras sind Körpergesten. Meistens versteht man darunter Handgesten (hasta mudra). Dabei arbeitet jedes Mudra mit speziellen Nadis, also Leitbahnen von Prana. Im TriYoga begleiten Handgesten die Asanas und den Atem, um die Energie der Dreieinheit zu fokussieren. Genauso wie der ganze Körper eine Position einnimmt, stellen die Hände eine “Asana” dar. Dies kann das Jnana-Mudra sein. (Dabei berühren sich Daumen und Zeigefinger). Oder das Erde-Mudra. (Dann liegen die Hände auf dem Boden.) Ider auch Augen-Mudras wie das Bhrumadhya Drishti. Dabei konzentriert man sich mit geöffneten oder geschlossenen Augen auf das dritte Auge.

Durch den Fluss der Kundalini-Energie bildete Kali Ray Dutzende bis Hunderte von Handmudras. Das erste Mal erschufen Kali Rays Hände 1980 über 800 Handmudras. Alle diese Mudras wurden fotografiert, und es gab nicht eine einzige Wiederholung! Ich hatte das Glück, diesem Prozess 2007 während eines Workshops mit Kali Ray in München beizuwohnen. Damals entwickelten sich neuartige Handgesten aus Kali Rays Kundalini heraus. Einfach so, spontan, ohne Anstrengung.

Die fünf Elemente

Die Flows und Asanas im TriYoga stehen in Verbindung mit den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum (Äther). Aus denen ist die Materie zusammengesetzt. Die Elemente korrespondieren mit den ersten fünf Chakras.

Die Erde-Serie besteht aus erdenden Flows mit Hüftöffnungen, die das erste Chakra (Muladhara Chakra) ansprechen. Dabei lernt man, sich zu verwurzeln und im Körper anzukommen, Sicherheit und Vertrauen zu entwickeln. Das zweite Chakra (Svadhisthana Chakra) steht mit dem Wasserelement in Zusammenhang. Zur Wasser-Serie gehören viele bewegende Flows für die Wirbelsäule. Dynamische, einfache Flows werden vom Atem getragen – in die Yogapraxis kommen Leichtigkeit und Lebendigkeit. In der Feuer-Serie erlebt man durch energetisierende Stehhaltungen Hitze, Transformation und Aktivität und spürt die Kraft des dritten Chakras in der Körpermitte (Manipura Chakra). Die Luft-Serie schenkt Ausdehnung, Leichtigkeit und Anmut. Rückbeugen öffnen das Herzchakra (Anahata Chakra) für Licht und Liebe. Das Element Raum (Äther) hat seinen Sitz im fünften Chakra (Vishuddha Chakra). In der Raum-Serie erfährt man in Umkehrstellungen und länger gehaltenen Dehnungen die Qualitäten Stille, Freiheit und Sein. Tiefe Harmonie und geistige Ruhe kann dadurch entstehen.

Die vier Jahreszeiten

Die Flow-Sequenzen werden in höheren Levels zusätzlich zu den fünf Elementen in Frühling, Sommer, Herbst und Winter unterteilt. Der Frühling enthält sanfte Abfolgen, um den Körper aufzuwecken und die Lebensenergie zum Fließen zu bringen. Das ist vergleichbar mit der aus dem Winterschlaf erwachenden Natur. Hier bietet TriYoga viele Variationen unterschiedlicher Sonnengrüße an. Die Frühjahrsenergie harmonisiert und gleicht aus. Im Sommer stehen kräftigende und erhitzende Serien im Fokus, hauptsächlich Flows mit Stehhaltungen. Die Sommerwärme steht für Lebensfreude und Wachstum. Der Herbst zeichnet sich durch Flows mit Rückbeugen und vertiefende Dehnungen aus. Die Übungen erinnern an das Ernten der Früchte, die im Sommer herangewachsen sind. Der Winter enthält Serien, die helfen, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, beispielsweise Umkehrstellungen und lange, tiefe Stretchings. So wie die Natur, die sich wieder zurückzieht. Am Ende des Winters schließt sich Yoga Nidra an.

TriYoga-Praxis

TriYoga legt viel Wert auf die exakte Ausrichtung (Alignment), nicht nur, um im Flow zu bleiben, sondern auch, um die Strukturen des Körpers optimal auszurichten. Dazu zählen etwa Muskeln und Gelenke. Daher gibt es im TriYoga verschiedene Levels. Deshalb vermittelt das Basics-Level die Grundlagen, die helfen, den Flow zu spüren und den Körper für herausfordernde Asanas zu stärken. Beispielsweise übt man Asanas wie den herabschauenden Hund (Adho Mukha Shvanasana), die Kobra (Bhujangasana), das Dreieck (Trikonasana) und verschiedene Heldenstellungen in harmonischen Flow-Abfolgen.

Je nach Level gibt es beispielsweise verschiedene Kobra-Flows. Je höher der Level, umso herausfordernder der Kobra-Flow, weil er mehr Stützpositionen enthält. Da bei den meisten Yogaanfängern die Schulter- und Armmuskulatur wenig gekräftigt ist, gibt es keinen Kopfstand im Basics-Level. Außerdem wird niemand in Stellungen gedrängt, für die sie oder er noch nicht vorbereitet ist. Die Muskulatur wird in den höheren Levels auf Haltungen wie Hand- und Kopfstand vorbereitet. Bekannte Asanas und Flows werden verfeinert und vertieft.

Ein weiteres Merkmal der TriYoga-Flows ist der Einsatz von Hilfsmitteln wie Blöcken, Gurten oder Kissen. Die Hilfsmittel unterstützen eine maximale Öffnung, Dehnung und Ausrichtung in den Yogapositionen. Damit der Flow nicht unterbrochen wird, werden die Hilfsmittel behutsam eingesetzt.

Die Essenz

Außerdem zeigen die Verbindungen der Körperhaltungen mit den fünf Elementen und den vier Jahreszeiten sowie das System der Flow-Serien, dass TriYoga ein komplettes Yogasystem ist. Die universelle Energie manifestiert sich als Dreieinheit “sat chit ananda”. Existenz/ Sein, Wissen, Glückseligkeit. Tief in mir fühlend, dass dies die Yogarichtung sein wird, die meinen Körper und mein Herz öffnen würde, begegnete ich wenig später der Yogameisterin Kali Ray persönlich. Da wusste ich: Ich bin angekommen!

Über Kali Ray
TriYoga wurde vor über dreißig Jahren von der Amerikanerin Kali Ray entwickelt. Ursprung war eine Kriyavati-Erfahrung, spontane Hatha Yoga-Bewegungen, die aus der erwachten Kundalini-Energie entstanden. Auf der Grundlage dieser anmutigen und dynamischen Flows entwickelte Kali Ray eine präzise, systematische und umfassende Yogamethode. TriYoga wird in mehr als 40 Ländern von über tausend Lehrer*innen unterrichtet. Tri-Yoga-Center sind mittlerweile in vielen Ländern in Europa, Amerika, Asien und Australien zu finden. Kali Ray spielt Harmonium und hat einen Chant-Club gegründet. Als engagierte Tierliebhaberin und Ausdruck des Ahimsa-Prinzips (Gewaltlosigkeit) lebt sie seit mehr als 30 Jahren vegan. TriYoga International: www.triyoga.com

Autorin:
Beate Bleif ist eine der führenden TriYoga-Expertinnen in Europa. Nach langen Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Yogastil entdeckte sie TriYoga. Seither ist es ihre große Leidenschaft. Diese gibt sie mit Begeisterung in ihrem Unterricht weiter. Beate leitet das TriYoga Studio in München, gibt Workshops und leitet seit vielen Jahren Yogalehrer-Ausbildungen.

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