Was passiert im Frauenkreis?

Spiritueller Trend oder uralte Tradition? Frauenkreise oder “Women’s Circles” finden gerade in der Yogaszene immer mehr Zuspruch. Es geht um heilsame Verbundenheit, gemeinsames Wachstum – und eine besondere Magie. Verena Borell war mit dabei und erzählt, was sie dabei erlebte.

Warmes Kerzenlicht, murmelnde Stimmen und üppige Blumen in der Raummitte. Darum versammelt: Ein Kreis von etwa fünfzehn Frauen. Frauen, die sich an diesem Abend zuhören und stärken. Frauen, die sich zuvor nicht kannten und heute wie Schwestern begegnen. In dieser Runde wollen sie sich so zeigen, wie sie wirklich sind. Sie wollen aussprechen, was gesagt werden will, zusammen lachen, meditieren, singen und vielleicht auch zusammen weinen.

Frauen bewegen ähnliche Fragen

Der “Soul Sister’s Circle” findet heute im lichten, türkisblau-verträumten Münchner Yogastudio (T)raum statt. Beim gemeinsamen Meditieren und dem sogenannten Sharing (Von Herzen kommendes Sprechen und vorurteils- und wertfreies Zuhören. Dies Achtsamkeitsübung verlangt von allen Beteiligten Mitgefühl, Demut und Respekt – und sie wirkt sehr heilsam: Das Aussprechen der eigenen Ängste nimmt diesen oftmals ihre Kraft, im Zeigen der eigenen Verletzlichkeit macht man sich frei von den Rollen und Masken des Alltags.) wollen sich die Frauen dieses Mal zum Thema “Fühlen und Reflektieren” austauschen. Aber ganz egal, wie das Thema lautet: Häufig zeigt sich, dass alle Frauen im Grunde ähnliche Fragen und Herausforderungen bewegen – auch wenn jede einzelne zunächst ihre individuellen Erfahrungen mitbringt.

Bedürfnis nach tiefen Begegnungen

“Der Soul Sister’s Circle gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein. Durch das Aussprechen meiner Herzensthemen im geschützten Rahmen erfahre ich Trost und neue Inspiration. Ich komme mit mir selbst in Kontakt und finde gleichzeitig Halt in der Gemeinschaft”, reflektiert Freya Bretnütz, die regelmäßig am Circle in der Münchner Maxvorstadt teilnimmt. Das Bedürfnis nach solchen ehrlichen, tiefen Begegnungen und dem Zulassen von Verletzlichkeit scheint zu steigen – gerade unter Frauen. Vor allem in Großstädten findet inzwischen jede Suchende ihren Kreis. Sie kann sogar wählen zwischen Female Empowerment Circles, mystischen Moon Gatherings, berührenden Yoni-Ritualen oder wilden Witches-Treffen.

Was allen Formen gemeinsam ist? Der Kreis. Das gleichwertige Zusammenkommen. Der geschützte Rahmen. Doch woher kommt das Bedürfnis nach derartigen Treffen? Ist es nur ein neuer spiritueller Hype, der das (Instagram-)Bild der consciously living Yogini mit nachhaltiger Peace-Mala abrundet? Oder reflektieren Women’s Circles eine tiefe Sehnsucht nach einer modernen und zugleich sehr ursprünglichen Weiblichkeit?

Kreis statt Konkurrenz

Ehrliche Begegnungen unter Frauen: Für Verena Borell (Dritte von Rechts) sind diese Momente besonders wichtig im Frauenkreis. – Foto: Stella Schultner

“Oft vergleichen wir Frauen uns miteinander und schämen uns voreinander. Dabei merken wir gar nicht, dass wir uns in Wahrheit alle ähnlich sind,” beobachtet Andrea Morgenstern. In ihren Workshops und bei Circle Ceremonies will sie Frauen die Möglichkeit geben, “die Masken fallen zu lassen und tiefe Herzensverbindungen einzugehen.” Die Kraft solcher Treffen erlebte auch Daniela Batista dos Santos, die vor rund vier Jahren auf Bali zum ersten Mal mit Women’s Circles in Berührung kam. “Frauenkreise haben eine zutiefst transformierende Wirkung. Diese Idee wollte ich unbedingt nach Hamburg bringen.” Obgleich ihre ersten Circles ganz intim in ihrer Einzimmerwohnung stattfanden, wuchs Batista dos Santos Kreis stetig, sodass “The Circle of Wonderwomen” heute deutschlandweite Events und sogar einen gleichnamigen Podcast umschließt. “Obwohl es schon immer Frauenkreise gab, werden sie heute neu entdeckt und zeitgemäß interpretiert”, meint Batista dos Santos.

Frauenkreise: So alt wie die Menschheit

Und es stimmt: Frauenkreise sind zwar im Moment ein Trend, in Wirklichkeit aber beinahe so alt wie die Menschheit. Traditionell ließ vor allem die Menstruation die Frauen zusammenrücken, doch diese Treffen waren nicht immer freiwilliger Natur: Patriarchale Gesellschaften schlossen Frauen während ihrer “unreinen Tage” aus. So war es schon früh auch die Unterdrückung in einer von Männern dominierten Welt, die Frauen motivierte, sich gegenseitig zu stärken. Adelheid Ohlig, Yoga-Pionierin und Gründerin von Luna Yoga (das ebenfalls im Kreis praktiziert wird), erinnert sich noch gut an die Frauenkreise der 1970er- und 80er-Jahre: “Sie dienten zu Beginn der Frauenbewegung der Selbstermächtigung. In München hatten wir zum Beispiel einen Journalistinnen-Kreis, zudem war ich in einem Frauen-Heilkreis, in dem der gegenseitige Austausch über Homöopathie, Tanztherapie und vieles mehr im Mittelpunkt stand.” So lebendig es damals zu “kreiseln” schien, spätestens seit den 1990er-Jahren verloren Frauenkreise an Bedeutung. Barbara Bötsch, die sich als Religionswissenschaftlerin unter anderem mit Yogaphilosophie und matriarchalen Themen beschäftigt, berichtet: “In Westdeutschland waren wir in den 1990ern nach den Erfolgen der großen Frauenbewegung eine Zeitlang stolz, dass Frauen und Männer gleichberechtigt waren.”

Heute, so Bötsch, merkten aber gerade die jüngeren Frauen, dass es weibliche Themen gebe, die im geschlechtergetrennten Kreis besprochen werden wollen. Die ehemals politisch inspirierte Frauenbewegung habe sich in eine Genderbewegung gewandelt, in der es vor allem darum ginge, sich gegenseitig und im eigenen Frausein zu bestärken.

Es gibt weibliche Themen, die im geschlechtergetrennten Kreis besprochen werden wollen. – Foto: Stella Schultner

Weiblichkeit als Weg der Heilung

Zwar liegt auch auf gesellschaftlicher Ebene noch einiges im Argen – das wissen wir nicht erst seit der #Meetoo-Debatte und den endlosen Diskussionen um Frauenquoten und Equal Pay. Dennoch begegnen die meisten der heutigen Frauenkreise diesem gesellschaftlichen Grundrauschen eher mit Spiritualität. Wanda Badwal, die sich als Yoga- und Meditationslehrerin in letzter Zeit verstärkt dem Weiblichen widmet, meint: “Viele Frauen versuchen in unserer männlich dominierten Welt mitzuhalten, aber sie zahlen dabei einen hohen Preis: Sie fühlen sich von ihrer Gefühlswelt und ihrem weiblichen Körper abgeschnitten. Wenn Frauen dagegen in einer gemeinsamen Intention zusammenkommen, kann Magie entstehen.”

Lies auch: Ayurveda-Lehre – Verlieren Frauen ihre Weiblichkeit?

Diese Magie knüpft gerade im Yoga an kraftvolle Traditionslinien an. Die Yogalehrerinnen Veronika Hausberger und Katrin Strohhäcker etwa sehen ihre “Yogini Circles” als energetischen Ansatz, um wieder mehr Balance zwischen Shiva, dem männlichen und Shakti, dem weiblichen Prinzip herzustellen. Sie sind sicher: “Nun ist die Zeit angebrochen, in der wir uns auf unsere ursprüngliche Schöpferinnenkraft zurückbesinnen müssen.” Das hat durchaus auch eine politische und ökologische Dimension, denn äußerer Frieden und Heilung sind erst möglich, wenn auch im Inneren Frieden herrscht.

Rückkehr in den Schoß von Mutter Erde

Diese Position vertritt auch Andrea Morgenstern: “Ich glaube, dass es vor allem darum geht, die eigenen Ängste anzuerkennen, loszulassen und zurück zum eigenen Licht zu finden. Erst dann kann ich auch mit meinem Gegenüber und der Welt im Frieden sein. Es geht letztlich um eine Rückkehr nach Hause. In die Liebe. In den warmen Schoß von Mutter Erde. Genau so kann sich auch ein Women’s Circle anfühlen.”

Ein kleiner (Frauen-)Kreis kann folglich nicht nur für jede einzelne Teilnehmerin heilsam und transformierend sein, sondern auch gesellschaftliche und globale Auswirkungen haben. Doch liegt die Heilung von Mutter Erde nun plötzlich in Frauenhand? Heißt es jetzt: “Circles for Future” und “Pussies for the Planet”? Gewiss nicht, denn das feminine Prinzip beschränkt sich keinesfalls nur auf das biologisch weibliche Geschlecht. Natürlicherweise tragen auch Männer Yin-Energien in sich, genauso wie Frauen über männliche Qualitäten verfügen.

Nicht gegen Männer, sondern für Frauen

Die Yogaphilosophie und vor allem die tantrischen Traditionslinien im Yoga betonen die Verbindung dieser gegensätzlichen Elemente, Shiva und Shakti, Yin und Yang. Dennoch haben die getrennten Kreise ihren Sinn. Die Luna-Yogalehrerin und Religionswissenschaftlerin Barbara Bötsch meint: “Verbindung und Abgrenzung gehören immer zusammen. Dabei darf jedes Einzelteil eigene Stärken haben. Ohne die Separation kann man lediglich vermischen, aber niemals verbinden.” In vielen Kulturen treffen sich sowohl die Frauen als auch die Männer in speziellen Brüder- und Schwesternschaften, um das jeweilige Potenzial zu fördern. Ganz ähnlich sehen das auch die Initiatorinnen heutiger Women’s Circles: Frauenkreise sind keinesfalls gegen Männer, sondern für Frauen.

Hautnah statt feinfiltriert

Gerade der Corona-Lockdown hat uns erneut ins Bewusstsein gerufen, wie lebenswichtig und heilsam echte Begegnungen, Herzensverbindungen und der Bezug zu Mutter Erde sind. Denn so positiv die globale Vernetzung ist, die es uns ermöglicht, Like(s)-Minded People auf der ganzen Welt zu finden: Wir haben eine tiefe Sehnsucht nach realen Umarmungen, bei denen frau den Herzschlag der anderen fühlt. “Ich betrachte Circles als Gegenpol zu unserer Online-Welt. Das Bedürfnis nach Echtheit lässt sich nur stillen, wenn die Energie der anderen bei realen Treffen spürbar ist,” weiß Daniela Batista dos Santos.

Was nicht heißt, dass die Frauenkreise sich den Möglichkeiten des Internets verschlössen. Sahara Rose Ketabis erfolgreiche Community zeigt, dass Women’s Circles erst am Anfang stehen und vermutlich noch viele weitere, kreative Kreisformen annehmen werden. Echte Verbundenheit steht dabei immer im Zentrum – mit der eigenen Weiblichkeit, mit anderen Frauen, unserer Gesellschaft und letztlich auch mit Mutter Erde. In einer Zeit, in der psychische Burnouts und physische Brände zunehmen und ein immer schneller werdender Machen-müssen-Motor weibliche Qualitäten wie Muße und Verletzlichkeit zu überrollen droht, können Women’s Circles einen heilsamen Raum eröffnen. Sie können der Beginn eines neuen Kreislaufs sein, der Werte wie Verbundenheit, Ehrlichkeit und Da-Sein erstarken lässt. “Während des Circles bin ich fähig, zur Ruhe zu kommen und endlich einmal den Pausenknopf zu drücken”, konstatiert Freya Bretnütz nach dem Besuch des Münchner Soul Sister’s Circles. Sie atmet tief durch. Und genau dieser Pausenknopf ist ein Anker für mehr Achtsamkeit – Achtsamkeit mit uns selbst, unserem Gegenüber und unserer Umwelt.


Verena Borell

Autorin Verena Borell beschäftigt sich auch abseits der Artikel-Recherche mit Frauenkreisen: Sie ist die Initiatorin des im Artikel beschriebenen “Soul Sister’s Circle” in München. Zudem hilft sie Frauen durch ihr “Astrology & Empowerment”-Angebot dabei, ihre Wahrheit zu finden und zu leben. Verenaborell.com

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