Mythbuster: Kann man durch Yoga abnehmen?

Im heutigen Mythbuster-Beitrag geht Yogalehrerin Eva der Frage nach, ob man durch Yoga abnehmen kann und warum das ein heikles Thema ist.

Tatsächlich wird mir diese Frage vor oder nach Yogakursen häufig gestellt – und wie man sich denken kann, fragen mich zu 99 Prozent Frauen. Es ist ein heikles Thema, und von daher möchte ich vorab klar Stellung beziehen: Ich persönlich esse was mir schmeckt, ich mache Sport, weil ich grundsätzlich Spaß an Bewegung habe, und es gibt für mich nichts, was weniger über deine menschlichen Qualitäten aussagt, als die Zahl, die deine Waage anzeigt.

Ich helfe immer wieder jungen Mädchen auf dem beschwerlichen Weg, sich mit ihrem Körper anzufreunden und den Bildschirmschoner meines Handys ziert das wertvolle Zitat “I am more than my body”. In der Tat, wir sind so viel mehr als diese äußere Hülle.

Kalorienverbrauch beim Yoga

Im Vorfeld dieses Artikels wollte ich es ganz genau wissen und schaltete meinen Fitness-Tracker vor einer Yogastunde an. Und ich war über das Resultat überrascht. Es handelte sich um eine All-Level-Stunde mittlerer Intensität mit Anfangsmeditation, ein paar Sonnengrüßen und dem Fokus auf Steh- und Balancehaltungen: Mein Durchschnittspuls betrug 87 Schläge pro Minute, und das Maximum waren 106. Die Gesamtzeit des Kurses betrug 63 Minuten, jedoch berechnete mir der Tracker nur eine effektive Trainingszeit von 13 Minuten – die restliche Zeit, satte knapp 50 Minuten, verbuchte er als Pause! Der “Trainingseffekt” lag bei null. Wäre ich jemand, der die Yogaeinheit wegen des Kalorienverbrauchs besucht hätte, wäre ich enttäuscht gewesen: Magere 35 Kcal zeigte meine Uhr an. Diese Zahl stimmt meiner Meinung nach allerdings nicht und müsste geringfügig nach oben korrigiert werden. Die Pulswerte finde ich aber sehr realistisch.

Ist Yoga Sport?

Dennoch sind dies natürlich alles nur Richtwerte, auch wenn es nun klar sein sollte, in welche Richtung dieser Artikel gehen wird. Auch aus diesem nüchternen und zahlenbasierten Blickwinkel kann man vorab schon sagen: Yoga ist kein Sport! Und es gibt YogalehrerInnen, die allein schon die Verwendung eines Fitness-Trackers, einer Pulsuhr oder Armbanduhr während des Kurses kritisch kommentiert oder gar verboten hätten – mit Recht!

Im Gegensatz dazu stehen meine Werte z.B. beim HIIT-Training mit knapp unter 200 Pulsschlägen und einem so hohen Kalorienverbrauch, dass ich das Studio danach bereits mit einem Bärenhunger verlasse. Und auch im Yoga gab es bereits Kurse, bei denen ich Pfützen geschwitzt habe, bei denen mir der Schweiß eine Kontaktlinse aus den Augen gespült hat und ich danach mein Shirt auswringen konnte. 

Lesetipp: Mythbuster – Detox im Yoga

Gewicht verlieren mit Yoga?

Der Kalorienverbrauch von einer “normalen” Yogaeinheit ist aber nur etwa mit einem leichten Spaziergang für ungefähr dieselbe Zeitspanne vergleichbar. Und hier geht es wohlgemerkt nur um Kalorien, und nicht um kardiovaskuläre Werte, die Muskelarbeit o.Ä.

Wenn man relativ schnell und effektiv Gewicht verlieren möchte, dann fehlt einer Yogastunde u. A. der Herz-Kreislauf-Aspekt, denn der Großteil findet im deutlich aeroben Bereich statt: Der Körper hat zu jeder Zeit genügend Sauerstoff zur Verfügung, und der Puls befindet sich im moderaten oder entspannten Bereich. Eine sehr ruhige Stunde kann sogar kontraproduktiv sein, da sämtliche körperliche Vorgänge, und somit auch der Stoffwechsel, heruntergefahren werden! Ganz anders als bei einem intensiven Fitnesskurs, der erwiesenermaßen einen Nachbrenneffekt hat.

“Von nichts kommt nichts”, und das gilt definitiv auch, wenn man sein Gewicht reduzieren möchte. Für einen effektiven Gewichtsverlust ist einerseits aerobes Training ein Schlüssel zum Erfolg, ebenso wie die Zunahme an Muskelmasse, denn im Muskel wird Fett verbrannt. 

Lesetipp: Mythbuster – Dehnt Yoga die Beinrückseiten?

Es gibt also durchaus intensive(re) Formen des Yoga, die Kraft und Ausdauer fördern können. Somit ist ein gewisses Potenzial für einen Gewichtsverlust gegeben. Typische Ausdaueraktivitäten wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen sind aber insbesondere für mehrgewichtige Menschen um ein Vielfaches effektiver und inklusiver.

Yoga formt den Körper

Dass regelmäßiges Yoga das äußere Erscheinungsbild dennoch verändern kann, ist häufig augenscheinlich. Ein Grund dafür ist, dass die Muskulatur überwiegend im langen Zustand trainiert wird, ähnlich wie beim Ballett oder Pilates. Die Ernährung kann durch Yoga bewusster werden und man überlegt sich immer genauer, welche Mahlzeit man sich vor oder nach dem Yoga gönnt.

Darüber hinaus hilft der danach hoffentlich gesunkene Cortisol-Level vielen “Stress-Essern”, den einen oder anderen Snack wegzulassen. Vielleicht beginnt man auch, sich eingehender mit den Prinzipien des Yoga zu befassen und entscheidet sich zum Beispiel für die fleischlose Ernährungsweise. 

Yoga ist kein Sport und Einheiten, die das Erreichen irgendeines Schönheitsideals versprechen (“Get the Yoga-butt!”), treiben die westliche Absurdität auf die Spitze. Häufig lässt sich kaum noch unterscheiden, ob man vielleicht nicht doch versehentlich im BBP-Kurs gelandet ist, und im Yoga soll es doch genau nicht um das Körperbild gehen, sondern viel eher darum, sich davon zu lösen!

Intention des Yoga nicht der perfekte Körper

Ja, man kann also mit Hilfe von Yoga abnehmen. Bewegung ist fast immer besser als keine Bewegung. Stehen verbrennt mehr Kalorien als Sitzen, und Sitzen verbrennt mehr Kalorien als Liegen. Möchte man aber effektiv an Gewicht verlieren, dann gibt es kaum eine schlechtere Wahl, als hierfür einen Yogakurs zu besuchen. Plus: Die Intention des traditionellen Yoga ist völlig konträr zu körperlichen Trainingszielen oder dem Schönheitsdiktat.

Auch möchte ich mein Schlusswort für ein letztes, wichtiges Statement nutzen, da ich es immer wieder erlebe: Es ist nicht an uns, das Körpergewicht anderer Personen zu kommentieren. Unverfänglicher, harmloser Smalltalk geht anders. Ich möchte daran appellieren, den Gewichtsverlust einer gesunden, normalgewichtigen Person nie zu loben, nie zu thematisieren, und nie zu motivieren. Änderungen der Konstitution gehen selten mit positiven Erlebnissen oder einer positiven Grundstimmung einher. Ich kenne keinen fröhlichen, nicht-oberflächlichen und nicht-fremdgesteuerten Grund, aus dem man mit seiner Figur unzufrieden ist, Gewicht verlieren möchte oder es bereits getan hat.


Yogacycle by eva

Unsere Mythbuster-Kolumnistin und Yogalehrerin Eva kommt ursprünglich aus dem Leistungssport. Aufgrund einer gesunden Neugier liebt sie es, sich mit anatomischen Fragen auseinanderzusetzen und so den eigenen Körper besser zu verstehen. Zusätzlich nutzt sie ihr Wissen, um die Yogawelt immer inklusiver zu machen. Mehr Infos auf Instagram: @yogacycle_by_eva. Porträtbild: Sonja Netzlaf www.sonjanetzlaf.com

Titelbild: Photo by Conscious Design on Unsplash

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