„Yoga ist keine Blase außerhalb von Zeit, Raum und Gesellschaft“ – Interview mit Politologin Zineb Fahsi

Interview: Zinab Fahsi

Die französische Politologin und Yogalehrerin Zineb Fahsi liebt Yoga – und plädiert zugleich für einen (selbst-)kritischen Blick: Sie hat erforscht, wie tief das moderne, westliche Yoga geprägt ist von den Strukturen und Denkweisen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.

Interview: Stephanie Schauenburg / Titelbild: Zineb Fahsi

Auf Deutsch würde der Titel deines Buches „Yoga, der neue Geist des Kapitalismus“ heißen. Ganz schön provokant – aber genau das war ja vielleicht deine Absicht?

Für mich war das erst mal nur eine doppelte Referenz. Zum einen spielt es auf das Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ der Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello an und zum anderen auf „L’Esprit du Yoga“ von Ysé Tardan-Masquelier, die als Religionshistorikerin und Yogalehrende darüber nachdenkt, wie man als moderner westlicher Mensch authentisch Yoga üben kann.

Hast du keine pikierten Reaktionen aus der Yogaszene bekommen?

Doch! Und das hat mich im ersten Moment überrascht. Manche haben den Zusammenhang Yoga/Kapitalismus gar nicht gesehen, andere glaubten, es ginge um die Vermarktung von Yoga.

Du schreibst aber über etwas anderes: über die historische Entwicklung von Yoga und wie sich da dieselben Denkweisen eingeprägt haben, die auch unser kapitalistisches System ausmachen. Was meinst du genau?

Da spielen sehr viele Dinge hinein, aber ganz besonders hat mich die Beobachtung beschäftigt, dass es da die Tendenz gibt, uns als Individuen die alleinige Verantwortung für unser Schicksal und unsere gesellschaftliche Zukunft aufzubürden. In anderen Milieus ist das vielleicht weniger ausgeprägt als im Yoga, aber es schwingt schon überall mit: Um die Welt zu verändern, musst du vor allem an dir selbst arbeiten. Man sieht das Individuum wie ein kleines Unternehmen, das man nach der Logik von Leistung und Wettbewerb führen soll.

Eine Täuschung …

… und zwar nicht nur weil es unweigerlich mit Schuldgefühlen arbeitet, sondern auch weil es so nicht funktioniert. Es gibt ja mittlerweile viel Forschung dazu, dass beispielsweise alle individuellen Umwelt-Bemühungen den Planeten nicht retten können, solange es keine strukturellen Veränderungen gibt. Trotzdem stellt man das Individuum ins Zentrum, macht es für alles verantwortlich und verschleiert damit all das, was seine Lebensbedingungen erschafft.

Im Yoga geht es ja vordergründig weniger um die Gesellschaft, sondern erst mal um einen selbst. Du zeigst aber, dass Gesundheit und Glück nicht nur individuelle Versprechen sind, sondern dass auch eine Verpflichtung mitschwingt: Es wird erwartet, dass wir fit, entspannt und obendrein positiv eingestellt sind …

Ja und da sehe ich im Yoga etwas sehr Ambivalentes, sobald es um negative Gefühle, um Wut, Traurigkeit oder sogar um kritisches Denken geht. Es wird suggeriert: Wenn es dir schlecht geht, dann hast du nicht genug an dir gearbeitet, dann bist du kein guter Yogi, oder noch nicht weit genug auf deinem spirituellen Weg. Wenn man zum Beispiel der in der Yogawelt ziemlich beliebten Idee vom „Gesetz der Anziehung“ Glauben schenkt, dann darfst du nichts Negatives denken, sonst ziehst du all das Negative in dein Leben. Ich habe mich gefragt: Wie soll sich überhaupt jemals etwas ändern, wenn wir aufgefordert sind, in einer Art yogischer Glückseligkeit in dieser sehr ungerechten, gewalttätigen Welt zu leben?

Dabei wird der Eindruck vermittelt, diese Vorstellungen seien Teil der Yogaphilosophie. Dein Buch zeichnet sehr beeindruckend nach, wie und was da miteinander vermischt wurde. Um was geht es hauptsächlich?

Ganz kurz gefasst: Die Fragen nach dem Individuum und seinem Glück, nach Selbstverwirklichung, all das ist historisch gesehen sehr neu. Ich wollte herausfinden, wie das überhaupt mit Yoga zusammenhängt. Die alten Texte sprechen vom Leiden – und wir haben das in die Suche nach Glück übersetzt. Das fand ich interessant: Dahinter stecken ja dieselben großen, zeitlosen Fragen, aber im Lauf der Zeit wurden sie immer wieder neu formuliert und so hat sich der Sinn auf dem Weg von Indien nach Europa, von der prämodernen zur modernen zur heutigen Zeit immer wieder verschoben. Es gibt also eine universelle Dimension, aber eben auch sehr kontextuelle Dimensionen der Yogaphilosophie. Man könnte es auch so ausdrücken: Die wesentlichen Züge des heutigen Yoga sind alle in der überlieferten Lehre angelegt. Dennoch suchen wir heute zum Großteil etwas ganz anderes als die antiken Yogis.

Es wäre also wichtig zu begreifen, dass wir immer aus einem bestimmten, zeitlich und kulturell bedingten Blickwinkel auf Yoga schauen?

Genau. Dass das, was wir heute vermitteln, keine uralte traditionelle Lehre und Praxis ist, sondern etwas, das immer wieder neu interpretiert wurde, mag viele zunächst verunsichern, aber ich glaube, dass darin ein sehr viel gesünderer Zugang liegt: Man kann sehr ernsthaft üben und zugleich einen distanzierten Blick darauf haben.

Wie wurde denn aus einer antiken, asketischen Praxis ein modernes Tool der Selbstentfaltung oder sogar Selbstoptimierung?

Ich sehe drei wichtige historische Momente: Erstens die Kolonialzeit in Indien, als vor allem Vivekananda Yoga als Beleg dafür darstellte, dass Indien in moralischer, spiritueller und philosophischer Hinsicht dem Westen überlegen sei. Dabei hat er esoterische Ideen mit Yoga verknüpft und die Psychologisierung des Yoga eingeläutet: Die Yogapraxis sollte uns dabei helfen, in diesem Leben glücklich zu sein – wogegen der historische Yoga ja helfen sollte, sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu befreien. Dann zweitens die New-Age-Bewegung der 1960er- und 70er-Jahre: Man interessierte sich für Selbstverwirklichung, veränderte Bewusstseinszustände, andere Formen von Gemeinschaft, Spiritualität und Pazifismus und wandte sich – denselben Klischees wie schon im 19. Jahrhundert folgend – erneut nach Indien, um Antworten auf die Übel der westlichen Moderne zu finden. In den 1980er-/90er-Jahren machte man diese alternativen, antikonformistischen Praktiken dann in einem sozialen und ökonomischen Konformismus nutzbar, das ist der dritte Moment.

Was passierte da?

Man glaubte nicht mehr wie im 19. Jahrhundert, dass die Religion unser Leben besser machen kann, man glaubte auch nicht mehr wie im 20. Jahrhundert daran, dass Politik in der Lage sei, unsere Existenz zu transformieren, und dachte, das Einzige, was demnach bliebe, sei, sich selbst zu verändern. Die individuelle Veränderung sollte die kollektive Veränderung bewirken: „Der Frieden in der Welt wird von deinem inneren Frieden ausgehen …“ Das ist alles sehr ehrenwert – aber es stimmt halt so nicht.

Du schreibst dazu in deinem Buch, dass man auf diese Weise jeden Impuls, das ökonomische System zu hinterfragen, neutralisiert …

Das heißt nicht, dass es auf individueller Ebene nichts zu tun gäbe, nur, dass das leider nicht reicht und ja auch nicht allen gleichermaßen möglich ist. Nicht jeder und jede kann es sich zum Beispiel leisten, bio zu essen und „ethisch“ einzukaufen. Wenn man sich nur auf das individuelle Verhalten konzentriert, verdeckt man den Großteil des Problems: die Art, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft organisiert sind. Das individuelle Verhalten müsste gestützt sein, getragen und ermöglicht werden von strukturellen Veränderungen – und die liegen in der Verantwortung von Politik und Unternehmen.

Bezogen auf Yoga wäre es demnach wichtig, es aus diesem unseligen Kontext von Selbstoptimierung zu lösen, mit dem wir ja letztlich – rundum entspannt und positiv eingestellt – dazu beitragen, dieses ungesunde System am Laufen zu halten?

Richtig, wobei das nicht dazu führen soll, dass sich Yogalehrende schuldig fühlen, weil sie sich sagen: Oh nein, ich trage mit meiner Arbeit zu einer furchtbaren Industrie bei! Auch da muss ich wieder sagen: Als Individuen sind wir unweigerlich Teil größerer Strukturen und wir tragen nicht die Verantwortung für diese Strukturen. Dennoch müssen wir unser Bestes tun: unsere Art, zu unterrichten, kritisch hinterfragen und uns überlegen, welche Vorstellungen wir freiwillig oder unfreiwillig vermitteln und wie es um unsere Ethik steht.

Was kann Yoga denn überhaupt gesellschaftlich oder politisch beitragen?

Ich glaube nicht, dass es die Welt verändern kann. Die großen Veränderungen müssen auf anderer Ebene stattfinden – vielleicht wird es ja mal sowas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen und kostenloses Yoga für alle geben. Bis dahin können wir aber kleine Räume des Widerstands schaffen.

Was meinst du damit?

Ich finde, da gibt es einiges im Yoga, das man als subversiv verstehen kann: Wir laden Menschen dazu ein, das Tempo rauszunehmen, auszuprobieren, wie es ihnen geht, wenn sie mal gar nichts tun, wenn sie still werden und in sich hineinlauschen, wir laden zum Experimentieren ein, zur Sanftheit, zur Neugier. Wir spüren und erforschen unseren Körper, ohne dass es ums Aussehen oder um Leistung geht.

Was wäre dafür wichtig?

Ich glaube, das hat viel mit der Pädagogik zu tun: Was vermittle ich als Yogalehrer*in jenseits der Haltungen, der Atemübungen oder der Meditation? Ich sehe zum Beispiel noch eine Menge Kurse, wo es sehr darum geht, den Körper der Teilnehmenden zu kontrollieren: Wir machen uns oft nicht bewusst, wo so etwas herkommt. Wir geben ja keine Yogazeugnisse zum Schuljahresende aus, es gibt keine ästhetischen Vorgaben und kein zu erreichendes Ziel. Als Lehrende sollten wir uns fragen: In welchem Rahmen bieten wir Yoga an? Welche Stellung geben wir den Teilnehmenden? Versuchen wir, sie in ihrer Autonomie zu stärken oder machen wir sie als Lehrende abhängig von unserem Rat, unserem aufmunternden Lächeln und so weiter?

Wobei es ja auch hier nicht darum geht, Yoga auf einen angeblichen authentischen Kern zurückzuführen, sondern eher darum, sich Bewusstsein zu schaffen, nicht wahr?

Ganz genau! Es geht um den Kontext und um mehr Bewusstheit in dem, was wir vermitteln und üben. Zu verstehen, dass das eine sehr komplexe und reiche Geschichte ist. Anzuschauen, wer heute Yoga übt, wer es nach außen vertritt, wer davon auf welche Weise profitiert, in welchen Zusammenhängen es angeboten oder auch vermarktet wird – mal als Wellnessprogramm, mal eher als spirituelle Praxis, aber doch meist an eine ziemlich wohlhabende Kundschaft. Zu erkennen, wie dabei zum Teil postkoloniale Dynamiken von Unterdrückung fortgeschrieben werden, die es zu hinterfragen gilt – wie aber auch umgekehrt die nationalistische indische Regierung Yoga für sich reklamiert und damit kritische Stimmen zum Schweigen bringen will.

… und währenddessen entwickelt sich Yoga immer weiter …

… und ohne diese fortwährende Entwicklung wäre es nie zu uns gekommen. Yoga war ja auch schon vor der Kolonialzeit keine seit Tausenden von Jahren unverändert bestehende Praxis, sondern es hat immer Veränderungen und verschiedene Traditionen gegeben. Es geht mir auf keinen Fall darum, das Rad zurückzudrehen, ich will die Dinge nur einordnen. Yoga ist eine wunderbare Praxis auf ganz verschiedenen Ebenen. Dabei sollten wir aber wachsam bleiben, wenn es dazu missbraucht wird, Menschen zu manipulieren oder ihre Verletzbarkeit auszunutzen. Da sehe ich Yogalehrende in einer großen Verantwortung: Es ist unsere Aufgabe, Menschen autonomer zu machen und ihr Unterscheidungsvermögen zu stärken.

Unterscheidungsvermögen ist, glaube ich, ein sehr wichtiges Wort an dieser Stelle …

… und wir verwenden es im Yoga viel zu selten! Wir sehen Yoga vor allem im Zusammenhang von Gefühlen, von Achtsamkeit, Entspannung und der Verbindung mit dem gegenwärtigen Moment. Wenn man sich aber mit der Philosophie beschäftigt, dann geht es da sehr viel um Analyse, um Unterscheidung und Erkenntnis.

Yoga-Gemeinschaft
Foto: StefaNikolic / Getty Images Signature via Canvas

In einem Artikel für die Zeitung „Le Monde diplomatique“ schreibst du, man müsse das Wohlbefinden der Menschen wieder politisieren. Was meinst du damit?

Für mich sind Glück und Wohlbefinden auf jeden Fall etwas Politisches! Diese Begriffe wieder zu politisieren bedeutet auch, sie aus den kommerziellen Bilder- und Vorstellungswelten herauszulösen, die die Industrie geschaffen hat. Sie machen uns weis, dass Glück eine Ware sei, die wir im Spa, mithilfe einer bestimmten Ernährung oder auch durch Yoga erwerben könnten.

Vielleicht wäre das eher eine politische Dimension von Yoga: Bereit sein für Veränderungen zum Wohle aller, anstatt sich komfortabel in der eigenen kleinen Wohlfühlblase, dem eigenen Weltbild einzurichten?

Das stimmt. Yoga ist keine Blase, die außerhalb von Zeit, Raum und Gesellschaft schwebt. Im Yoga kristallisieren sich dieselben Problemfelder heraus, die uns auch als Gesellschaft beschäftigen: Welches Verhältnis haben wir zu unserem Körper, zum eigenen Geschlecht, zur Gesundheit, zur psychischen Gesundheit? Was macht die Arbeitswelt mit uns, das hohe Tempo, in dem wir leben? Was bedeutet uns Leistung? Was bedeutet es, für sich zu sorgen? Worin besteht Glück? Wie wollen wir leben? Wie wollen wir Gemeinschaft organisieren? All das sollten wir ins Bewusstsein holen und diskutieren.

Auch im Rahmen des Yogaunterrichts?

Warum nicht? Zumindest in Retreats und Workshops haben wir Raum, uns diese Fragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen, finde ich. Wir sollten jedenfalls nicht so tun, als sei alles prima und als sei es unyogisch, negative Gedanken zu haben oder die Verhältnisse infrage zu stellen. Auch wenn wir einen kritischen Geist haben und zu den alternativen Milieus gehören, sind wir doch alle bis zu einem gewissen Grad im neoliberalen System gefangen. Diese ganzen Widersprüche, die eigenen Grenzen, aber auch ein Nachdenken über Geschichte, über Kapitalismus, über die Instrumentalisierung des Sports … das alles scheint auf den ersten Blick sehr weit weg von Yoga. Aber in der Art, wie ich Yoga vermittle, wie wir uns miteinander verbinden, spielt es immer hinein – und all das ist letztlich: Politik.


Interview: Zinab Fahsi

Die Politologin und Yogalehrerin Zineb Fahsi lebt und unterrichtet in Lyon. Ihr Ende 2023 bei Éditions Textuel erschienenes Buch „Le Yoga. Nouvel esprit du capitalisme“ gibt es bisher leider nur auf Französisch. Mehr Infos erhält du auf ihrer Website yogaaveczineb.com


Lies hier unser Interview mit Anna Trökes zum Thema Yoga und Politik:

Geben und nehmen – die tibetische Tonglen-Meditation

Die tibetische Tonglen-Meditation vereint bewusste Atemarbeit, liebende Güte und tätiges Mitgefühl – und weist so den Weg zu einer liebevolleren Beziehung mit sich und der Welt.

Text: Jacoby Ballard / Fotos: Microgen/Sciencephoto via Canva

Als ich Ende der 1990er-Jahre beim Studium begann, mich für soziale Gerechtigkeit zu engagieren, stellte man sich einen Aktivisten oder eine Aktivistin meist als eine Art Märtyrer vor – und ich glaube, das ist noch immer so: Wir aßen, schliefen und atmeten die Themen, für die wir brannten. Es wurde von uns erwartet, nicht weniger als unser gesamtes Leben der guten Sache zu widmen. Und da wir als Aktivist*innen natürlich sehr genau darauf achteten, wo überall Ungerechtigkeiten lauerten, gab es auch ständig irgendwelche neuen Aspekte in unserer Kultur, über die wir uns empörten.

Ich hatte mich von ganzem Herzen der sozialen Gerechtigkeit verschrieben, aber zugleich wusste ich, dass ich dem Erwartungsdruck auf diese Art nicht lange würde standhalten können. Mein Aktivismus musste nachhaltiger werden, wenn ich nicht sehr schnell ausbrennen wollte. Über den Sport war ich mit Yoga in Berührung gekommen und schon meine erste Lehrerin führte mich auch in die philosophischen Hintergründe ein. Ich wusste schnell: Yoga ist mein Ding. Aber erst als ich einige Jahre später im Rahmen meiner Lehrerausbildung die Tonglen-Meditation kennenlernte, erkannte ich: Das ist genau die Brücke, die mir bislang gefehlt hatte – die Verbindung zwischen meiner Arbeit für eine bessere Welt im Außen und der eher nach innen gerichteten Yogapraxis.

Was ist Tonglen?

Die Quellen der tibetischen Tonglen-Praxis reichen zurück ins 11. Jahrhundert. Das Wort tonglen bedeutet so etwas wie „Geben und Nehmen“ oder „Senden und Empfangen“. Sie vereint liebende Güte, Mitgefühl, Vergebung, Dankbarkeit und Großzügigkeit in sich. Für mich stellt sie eine verkörperte Lehre darüber dar, wie ich mich zu der Welt um mich herum in einen sinnvollen Bezug setzen und mich dabei nach und nach mit mehr Bewusstsein dem annähern kann, was im Buddhismus als die 10000 Freuden und 10000 Sorgen des Lebens bezeichnet wird.

Atme Liebe ein, atme Liebe aus. Die Grundlage der Praxis besteht darin, Liebe zu atmen. Ich beginne meine Tonglen-Meditation damit, mir vorzustellen, dass ich mit jeden Atemzug Liebe in mich ziehe. Das tue ich zunächst, um mir selbst Liebe entgegenzubringen, in all meinen Eigenheiten und meinen Identitäten. Die darauf folgende Ausatmung unterweist mich dann darin, dass ich auch anderen Wesen bedingungslose Liebe schenken kann – und das sollte ich auch tun. Nicht nur aus Großmut, denn es macht auch etwas mit mir: Indem ich mir vorstelle Liebe auszuatmen, kann ich mehr Liebe in der Welt wahrnehmen. Selbst dann, wenn die Situation eigentlich gerade trostlos zu sein scheint.

Atme Leid ein, atme Liebe aus

Der nächste Aspekt der Tonglen-Meditation ermutigt uns, Leid an uns heranzulassen, uns ihm sogar bewusst anzunähern. Damit ist sowohl das eigene Leiden gemeint als auch das anderer Wesen. Wir wollen Unglück, Verletzung und Not ansehen, bewusst machen und anerkennen, selbst dann, wenn es nichts ist, was wir bereits selbst erlebt haben und aus eigener Erfahrung kennen. An dieser Stelle legen wir Zeugnis ab: Ja, Menschen leiden und sterben an Krankheiten, und vielfach trifft es die Schwächsten unter uns. Ja, die Klimakatastrophe zwingt Menschen schon heute, ihre Heimat zu verlassen. Ja, Immigrant*innen werden schikaniert und ausgegrenzt. Eine weitere Pipeline wird durch das Land indigener Stämme gelegt. Ein weiterer Urwald brennt …

Wir schauen nicht weg, sondern sehen all die herzzerreißenden Realitäten unserer Welt mit klarem Blick. Aber wie begegnen wir ihnen? Die Tonglen-Meditation lehrt uns Mitgefühl. Nicht einfach als ein schulterzuckendes Bedauern, sondern als den Mut, selbst Liebe zu geben, statt weiteres Leid zu verursachen. Wir atmen Liebe aus. Wir geben auch dann unsere Liebe, wenn wir selbst verletzt wurden. Wir lernen, dass wir eine Wahl haben, dass wir Menschen, Tieren und Situationen, die der Heilung bedürfen, Liebe schenken können. Dieses Mitgefühl ist die Grundlage für den nächsten Schritt:

Atme Liebe ein, atme Leid aus

In dieser nächsten Schicht sind wir eingeladen, die Liebe und alles Schöne unseres Lebens bewusst in uns aufzunehmen. Es hilft uns, unseren Schmerz loszulassen, unsere Wunden zu heilen und zu vergeben. Ich atme die Liebe aller Gleichgesinnten, aller Wohlmeinenden ein. Und ich atme den Schmerz aus, der mir angetan wurde. Ich atme Brillanz, Erfindungsreichtum, Würde und Visionen von Menschen ein, die den Weg vor mir gegangen sind. Und ich atme meine eigene Scham, meine Wut und meine Verzweiflung aus. Ich fülle mich zum Beispiel mit dem Mut und der Tatkraft von Menschen, die sexuelle Gewalt überlebt haben und ich atme den Hass gegen meinen Aggressor aus. Dieses Loslassen kann von Tränen, Schluchzen, Zittern oder Schwitzen begleitet sein. Der Körper lässt alles gehen, was sich jetzt löst.

So lehrt uns die Praxis einen wichtigen Zusammenhang: den zwischen Nähren und Entlasten – wir nehmen in uns auf, was uns stark macht und wir lösen uns von unseren persönlichen Formen und Aspekten von Leid. Wir befreien unser Herz. Gleichzeitig schenkt uns der Atem einen verlässlichen Anker, der das Nervensystem stabilisiert und uns durch diese manchmal aufreibende Praxis trägt.

Mitgefühl ist der Mut, selbst Liebe zu geben, statt weiteres Leid zu verursachen.

Atme Liebe ein, atme Liebe aus

Im letzten Stadium der Meditation kehren wir wieder zu dem zurück, was wir eingangs praktiziert haben: Wir atmen Liebe ein und aus. Dabei praktizieren wir Dankbarkeit. Ich bin dankbar für Menschen, die mich ganz konkret unterstützen und für solche, die an anderer Stelle, vielleicht sogar zu anderen Zeiten für Dinge gekämpft haben, von denen wir heute profitieren. Für die Freundin, die mir gestern selbst gewonnene Samen für meinen Gemüsegarten geschenkt hat, aber auch für die Aktivist*innen, die LGTBQ+-Rechte durchzusetzen helfen, für Yogi*nis, die die Praxis in Schulen, Gefängnissen und Altersheimen unterrichten und dazu beitragen, Yoga für alle Menschen zugänglich machen, für all die mutigen Vorkämpfer*innen gegen Rassismus und Diskriminierung, deren Weg mich inspiriert und von denen ich so viel lernen kann.

Dieses Ausatmen von Liebe macht uns bewusst, dass all die Schönheiten dieser Welt nicht dazu da sind, sie zu horten, sondern sie zu teilen. Wir geben, weil uns selbst so viel gegeben wurde und weiterhin gegeben wird. Wir haben jeden Grund großzügig und liebevoll zu sein. Es ist unsere Verantwortung, diese Energie, all die Liebe und Schönheit des Lebens weiter fließen zu lassen. Denn nur so wird Ungerechtigkeit schwinden.


Übung: Tonglen-Meditation

  1. Richte eine bequeme Sitzhaltung ein und beobachte einige Minuten lang einfach nur still deinen Atem. Lass ihn in seinem eigenen natürlichen Rhythmus fließen. Dann beginnst du dir einatmend im Stillen zu sagen: „Ich atme Liebe ein.“ Ausatmend formulierst du: „Ich atme Liebe aus.“ Das führst du möglichst konzentrierte 5 Minuten lang fort. (Wenn du magst, verwendest du einen Timer.)
  2. Ändere nun die Worte in: „Ich atme Leid ein“ und „Ich atme Liebe aus“. Dabei kannst du ein bestimmtes Leid meinen, das du erlebst oder erlebt hast, oder du kannst ganz allgemein bleiben und dir vornehmen, Leid offen anzunehmen und zu bezeugen, wenn es sich zeigt. Solltest du dabei von starken Gefühlen überwältigt werden, dann öffne die Augen und sieh dir drei Dinge an, die an diesem Raum besonders sind. Atme tief ein und aus, reibe Hände gegen deine Oberschenkel oder Arme und verbinde dich bewusst mit dem Hier und Jetzt. Auch dieser Teil sollte auf 5 Minuten angesetzt sein.
  3. Nehme bewusst deine Erdung wahr, wenn du nun einatmen formulierst „Ich atme Liebe ein“ und ausatmend „Ich atme Leid aus“. Bleibe wieder 5 Minuten bei diesem Teil der Praxis. Auch hier wirst du vielleicht einen konkreten Aspekt der Liebe im Sinn haben, denn du in dich aufnehmen willst oder bestimmte Wunden, die du heilen möchtest. In diesem Fall solltest du dich aber in jeder Praxis auf einige wenige Geschichten konzentrieren, die du loslassen möchtest. Du kannst aber auch ganz allgemein bleiben.
  4. Kehre zurück zu den beiden Sätzen des ersten Abschnitts: „Ich atme Liebe ein. Ich atme Liebe aus.“ Konzentriere dich dabei einatmend auf alles, was das Leben schön und lebenswert macht. Ausatmend sendest du all das Gute, das dir geschenkt wurde in die Welt aus: deine Privilegien, deine Gaben, Talente, Möglichkeiten. Lass jeden Atemzug eine Gelegenheit sein, es nicht für dich zu behalten, sondern es mit allen Wesen zu teilen, die Welt zu beschenken und die Energie weiterfließen zu lassen. Nach 5 Minuten beendest du die Praxis, indem du zurückkehrst zur einfachen Atembetrachtung: Du atmest ein und atmest aus im Bewusstsein: Es ist genug.

JACOBY BALLARD ist Yogalehrer in Salt Lake City. Er engagiert sich für soziale Gerechtigkeit und hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben: „A Queer Dharma: Yoga und Meditationen zur Befreiung„.


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Karin Obergehrer

karin obergehrer

Was bedeutet es, wirklich bei sich anzukommen? Auf der Matte und vor allem auch im „echten“ Leben?

Yoga ist für Karin Obergehrer ein lebendiger Weg, um mehr Präsenz im Leben zu kultivieren und innere Balance zu finden. Dabei liegt es ihr besonders am Herzen, Räume zu schaffen, in denen Menschen frei, sicher und ohne Druck üben dürfen und so ihre eigene Kraft entdecken.

Karin ist Psychologin, systemischer Coach, Personalleiterin, Mutter von zwei Kindern und Yogalehrerin mit langjähriger Erfahrung und Leidenschaft für echte Verbindung. Sie unterrichtet tantrisches Hatha Yoga aus ganzheitlicher Perspektive: körperlich & energetisch spürbar und mit einem tiefen Verständnis der yogischen Tradition. Ihre Mission ist es, Menschen auf dem Weg des Yoga und der persönlichen Weiterentwicklung zu inspirieren und zu begleiten. Ihre eigenen Erfahrungen von Erneuerung und Veränderung bringt sie authentisch in ihre Yogaklassen ein.

Als Teil des Gründungsteams des Yogareiseveranstalters Local Vibes Yoga Retreats hat Karin bereits an vielen inspirierenden Orten rund um die Welt unterrichtet und dort für die Teilnehmenden Räume für Wachstum und Entwicklung geschaffen. 

„Auf der YogaWorld freue ich mich darauf, genau diese Einladung zu verkörpern: Yoga als Praxis und Haltung, die Herz, Körper und Geist berührt und echte Veränderung bewirken kann.“

Workshop: „Release & Renew – Transformation durch tantrisches Hatha Yoga“

Auf der YogaWorld lädt Karin dich dazu ein, durch Yoga in Bewegung zu bringen, was vielleicht schon viel zu lange festsitzt – körperlich und emotional. Denn Erneuerung kann erst beginnen, wenn wir bereit sind, Altes loszulassen. Dann entsteht Raum: für Klarheit und neue Energie.

Mehr Infos über Karin und Local Vibes Yoga Retreats findest du hier:
Homepage: www.localvibesyoga.com
Instagram: @karin.obergehrer
Kontakt: info@localvibesyoga.com


Karin Obergehrer auf der YogaWorld 2026 in Stuttgart:

Samstag, 11. April // 12:30 – 13:15 Uhr // Release & Renew – Transformation durch tantrisches Hatha Yoga // Vishnu Yogaspace 

Das Herz als Symbol: Mehr als ein Organ

Da ist etwas, das uns verbindet. Trotz aller Unterschiede, die Menschen und Kulturen ausmachen, ähnelt sich vieles auf der ganzen Welt. Zum Beispiel das Herz als Symbol und die Vorstellung, dass die Seele im Herzen zu finden ist. Ein kleiner Abriss über kulturgeschichtliche Herzensangelegenheiten.

Text: Carmen Schnitzer / Titelbild: Rhand McCoy via Unsplash

Mit Symbolen ist das ja so eine Sache: Wer zum Beispiel durch Indien reist, wird dort (und auch in anderen asiatischen Ländern) immer wieder auf ein Glück verheißendes Zeichen stoßen, das für die Weltseele, das Brahman der Upanischaden, steht oder auch für den Sonnengott des Hinduismus, Surya oder Aditya. Es schmückt Gebäude, Eingangstore, Brückengeländer, ja sogar Servietten oder Blumentöpfe. Für europäische Augen ist dieses „Sonnenrad“ erst mal ein irritierender Anblick, denn wir sehen in der Swastika – das berüchtigte Hakenkreuz.

Wie viel einfacher macht es uns da das Herz als Symbol, das weltweit mit Liebe assoziiert wird, und zwar nicht nur die Liebe im romantisch-erotischen, sondern auch im göttlich-geistigen Sinn. Kein anderes Organ hat eine ähnliche „Karriere“ gemacht, wenngleich, für unsere Ohren ganz amüsant, im Indonesischen die Liebe auch in der Leber („hati“) verortet wird und Herzschmerzgeplagte dort unter „patah hati“, einer „gebrochenen Leber“ leiden. Eher eine Ausnahme. Ansonsten spielt in fast allen Kulturen das Herz eine zentrale Rolle – wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

Tipp: In unserer Praxisstrecke für ein heilendes Herz zeigen wir dir, welche Asanas dir helfen, die Herzgegend mit Energie zu versorgen.

Herz als Symbol für Geist: Die indischen Upanishaden

Interessant ist zum Beispiel eine Stelle in der Aitareya-Upanishad. Darin fahren die Gottheiten auf der Suche nach einer Behausung schließlich in den Menschen ein und manifestieren so seine Verbindung mit dem Kosmos: „Das Feuer wurde zur Rede und ging in den Mund ein. Der Wind wurde zu Atem und ging in die Nasenlöcher ein. Die Sonne wurde zum Sehen und ging in die Augen ein. Die Himmelsgegenden wurden zum Gehör und gingen in die Ohren ein. Die Kräuter und Bäume wurden zu Haaren und gingen in die Haut ein. Der Mond wurde zum Denken und ging in das Herz ein. Der Tod wurde zum Aushauch und ging in den Nabel ein. Die Wasser wurden zum Samen und gingen in das Glied ein.“ Das Herz steht hier also für den Geist – eine Vorstellung, die uns vielleicht dabei helfen kann, Denken und Fühlen nicht als Gegensatz aufzufassen, sondern in Harmonie zu vereinen.

Herz-Chakra: Die Magie der Lotusblume

Die zwölfblättrige Lotusblume symbolisiert im Chakrensystem das Herz-Chakra und steht für Weisheit, Harmonie, hingebungsvolle, bedingungslose Liebe sowie die Vollkommenheit und Reinheit des Herzens. Eine Symbolik, die auf der Natur dieser faszinierenden Pflanze basiert, die in der Nacht ihre Blüte schließt und in den schlammigen Wassertiefen versinkt, um im Morgengrauen wieder an der Oberfläche zu erscheinen und sich in ihrer ganzen Schönheit zu entfalten – wobei ihre noppenartigen Blätter Wasser und Schmutz abperlen lassen. Der Legende nach ist Buddha auf einer Lotusblüte geboren, in der man mit etwas Fantasie auch das uns bekannte Herz-Symbol erkennen kann.

Das Herz als Symbol für den Sitz der Seele

Das Herz als Sitz der Seele ist für uns heutzutage ein fast schon selbstverständlich erscheinendes Bild. Doch das war nicht immer so. Bei den alten Griechen etwa wurden eher Leber und Lunge als „beseelte“ Organe wahrgenommen. Es war Aristoteles, der die Vorstellung von der im Herzen wohnenden Seele prägte – und damit unter anderem seinem Lehrer Platon widersprach, der sich die Seele dreigeteilt vorstellte und ihr verschiedene Körperteile zuteilte, als Vernunft (Gehirn), Begehren (Rumpf) und Willen (Herz). Während er dem Gehirn die höchste Bedeutung zuschreibt, ist für Aristoteles ganz klar: Dieses fungiert lediglich als eine Art „Kühlfunktion“ für das Herz und das wallende Blut. Im Herzen aber müsse die Seele wohnen, das sei schon dadurch belegt, dass es all unsere Empfindungen begleite, etwa bei Aufregung schneller schlage.

Foto: Kelly Sikkema via Unsplash

Mitten ins Herz: Die Liebe des christlichen Gottes

Die zentrale Rolle, die das Herz in unserer Kultur spielt, liegt im Christentum begründet, insbesondere im Herz-Jesu-Kult. Das durchbohrte Herz des Gottessohnes gilt als Sinnbild für die göttliche Liebe zum Menschen. Über das Herz als Symbol kommuniziert der gläubige Christ mit Jesus und damit Gott. Im Herzen sitzt auch dem christlichen Verständnis nach die Seele – und damit sowohl das Böse, die irdischen Begierden, als auch der göttliche Funke, der uns das Gute und Übersinnliche erkennen lässt. Unser Herz ist diesem Verständnis nach hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zur Welt. Um diese Spaltung aufzuheben, gilt es, die göttlichen Gesetze zu befolgen und sich loszusagen von egoistischen Trieben. Im europäischen Adel kommt es übrigens bis heute vor, dass das Herz getrennt vom Leichnam beigesetzt wird!

Herzen für den Sonnengott: Aztekische Rituale

Grausam ging es bei den Azteken zu. In der aztekischen Vorstellung war die Welt instabil, stets droht ihr Untergang. Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, waren große Opfer erforderlich. Vor allem dem Sonnengott Huitzilopochtli, aber auch mindestens zwölf weiteren Göttern wurden Menschenopfer dargebracht, Kriegsgefangene zumeist, die – vermutlich unter Drogen gesetzt – auf den Gipfel der Tempelpyramide gebracht wurden, wo ihnen bei lebendigem Leib das Herz herausgeschnitten wurde, das man, noch pochend, der aufgehenden Sonne entgegen hielt. Diesem Ritual liegt die Vorstellung zugrunde, dass die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan das Zentrum der Erde, das Herz das Zentrum des Menschen und die – oft auch als Herz dargestellte – Sonne das Zentrum des Kosmos ist.

Das Herz, ein ägyptisches Superorgan

Auch im alten Ägypten stand das Herz als Symbol im Mittelpunkt. Es galt als Sitz der Seele, war mit der Sonne verbunden und quasi für alles zuständig: Gefühle, Vernunft, Wille, Fortpflanzung und Kommunikation mit den Göttern. Weil man davon ausging, dass das Herz vor dem Totengericht des schakalköpfigen Gottes Anubis die Rechtschaffenheit oder Sündhaftigkeit eines Menschen verriet, legte man es, speziell konserviert, bei der Einbalsamierung als einziges wieder zurück in die Leiche, während die anderen Organe und Eingeweide in Extra-Gefäße kamen und das als unwichtig geltende Gehirn weggeworfen wurde. Übrigens: Ein „Herz aus Stein“ galt bei den alten Ägyptern als etwas Positives, signalisierte es doch Stärke und Stabilität. Und ein „herzloser“ Mensch konnte auch schlicht ein Dummkopf sein. So ändern sich die Zeiten …

Im Herzen lesen: Mohammeds Traum

Die „vielleicht letzte überlebende“, zumindest aber die „ausgeprägteste Herzenskultur“ nennt der norwegische Kulturwissenschaftler Ole Martin Høystad in seinem 2006 erschienenen Buch „Kulturgeschichte des Herzens“ den Islam. Das Herz steht in dieser Religion sowohl für sinnliche Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit als auch für Inspiration und göttliche Einsicht. Gott ist Liebe und Liebe ist Gott – im Herzen kann der Mensch seinem Schöpfer begegnen, wenn es sich seiner dort sitzenden Kraft öffnet. Im Islam geht es viel um Offenbarung. So soll der Legende nach dem Propheten Mohammed im Traum der Erzengel Gabriel erschienen sein und ihm befohlen haben: „Lies!“ Beim Aufwachen stand Mohammed das Wort Gottes ins Herz geschrieben, das er fortan der Welt verkünden sollte.

Herz auf Wanderschaft: Afrikanische Vorstellungen

In fast allen bekannten afrikanischen Kulturen geht man davon aus, dass die Seele nach dem Tod fortbesteht. Die nigerianischen Yoruba etwa gehen von einer geteilten Seele aus, wobei die vitale Seele oder der spirituelle Körper Emin zwischen Herz und Lunge sitzt, die Ojiji-Seele uns quasi ständig begleitet und im Himmel wieder auf uns wartet, die Elda- oder Ori-Seele uns beschützt und die die „Herz-Seele“ Okan wandert. Dabei gibt es die Vorstellung, dass die „Herz-Seele“ eines Vorfahren versucht, bei der Geburt eines Nachkommen in dessen Körper zu schlüpfen. Durch solch eine Reinkarnation könne sich die spirituelle Essenz im Herzen des jeweiligen Trägers weiterentwickeln und verfeinern.


Was ist eigentlich gemeint, wenn wir im Yoga von „Herzöffnung“ sprechen? Lerne in diesem Artikel von Anna Trökes die drei Ebenen des Herzens kennen:

Bhakti, Maitri, Prem & Co: Die verschiedenen Formen der Liebe im Hinduismus

Liebe
Foto: Cloud 1902 via Canva

„Nur die Liebe zählt“ … aber die kann sehr verschiedene Formen annehmen. Im Yoga ist viel von Bhakti die Rede, der bedingungslosen, frommen Liebe. Unsere Autorin findet: zu Unrecht! Sie lädt dazu ein, sich über die verschiedenen Manifestationen des schönsten menschlichen Gefühls Gedanken zu machen.

Text: Rina Deshpande / Titelbild: Cloud 1902 via Canva

Hast du schon einmal überraschend ein kleines Geschenk bekommen, vielleicht von einem Kind oder einem lieben Wesen? Das muss gar nichts Materielles sein: Vielleicht hat sich dein Haustier von sich aus an dich gekuschelt, als du gerade Trost brauchtest. Oder ein Freund hat dir einfach so eine Karte geschickt und sich bei dir bedankt.

Als ich fünf Jahre alt war, habe ich auf ein aus einem Heft herausgerissenen Blatt Papier ein krakeliges Portrait meiner Tante Lalitha gemalt. Ich sehe es noch vor mir: Sie trug darauf ihren gewohnten Sari, ihre Brille und den Bindi zwischen den Augenbrauen. Ich schenkte ihr das Bild zum Abschied, als wir von Indien in die USA auswanderten – und noch jahrzehntelang, so lange Lalitha lebte, hing es unter einem kleinen Magneten am Metallschrank in ihrem Zimmer. Solche kleinen, liebevollen Gesten kosten nichts oder nur sehr wenig. Wir alle wissen: Die Größe oder der Aufwand eines Geschenks haben nichts mit seiner Bedeutung zu tun, das einzige, was zählt, ist die Liebe, die es enthält.

Im amerikanischen Englisch sagen wir: „It’s the thought that counts“, auf den Gedanken kommt es an. Und noch klarer drückt es Krishna in der Bhagavad Gita aus: Es ist die Liebe, die zählt. Leider geht die wunderbare Sprachmelodie des Sanskrit-Verses in der Übersetzung verloren, aber die Bedeutung steht dennoch für sich:

Die Bedeutung von Bhakti

Diese universelle, reine Liebe, die Krishna hier beschreibt, kennen wir im Yoga als Bhakti. Sie gilt als die höchste, hingebungsvolle Form der Liebe und wir erleben sie ganz besonders in der Liebe zu Gott oder der Schöpfung.

Bhakti ist an keine Bedingungen oder Erwartungen geknüpft, sondern immer getragen von Wertschätzung und Akzeptanz. Laut der Lehren von Paramahansa Yogananda besteht das Wesen von Bhakti Yoga darin, sich mit dem Göttlichen zu verbinden, indem man verschiedene Formen der Andacht praktiziert. Dazu gehört zum Beispiel gemeinsames Singen (Kirtan): Man drückt seine Liebe zu Gott (oder auch: zum Leben selbst) in Form von Gesängen aus. Auch beim Rezitieren von Mantras trainiert man den eigenen Geist darauf, sich immer wieder liebevoll dem Göttlichen zuzuwenden. Hindus verstehen auch das andächtige Gebet als Ausdruck von Bhakti: ein ruhiger, klarer Ort voller Reinheit und Wertschätzung für die Quelle unserer Existenz. All das macht deutlich, warum Bhakti in Sanskrit, Hinduismus und im klassischen Yoga als die höchste Form der Liebe gilt.

Die Vielfalt der Liebe

Nur die Liebe zählt
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Diese reine, bedingungslose und andächtige Liebe ist natürlich etwas sehr Schönes, aber wie steht es mit all den anderen Formen von Liebe, die wir empfinden können? Für mein Gefühl wird Yoga hier manchmal falsch verstanden: Als sei es ein Tool, um sich auf eine Art perfekte, erleuchtete Seligkeit hin zu entwickeln. Dabei sind die meisten von uns weit davon entfernt, jederzeit aus einer göttlichen, aus vollem Herzen kommenden Liebe heraus zu handeln.

Was ist zum Beispiel, wenn ich mich von einem Freund oder jemandem aus meiner Familie gekränkt fühle? Nur weil mein Gefühl nicht immer perfekt ist, heißt das noch lange nicht, dass es sich nicht um eine gültige Form von Liebe handelt. Im Sanskrit und in der Yogaphilosophie werden deshalb verschiedene Aspekte der Liebe mit verschiedenen Begriffen benannt – und diese Unterscheidung kann sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, durch unsere ganz alltäglichen menschlichen Erfahrungen hindurch zu navigieren.

Auch die moderne Wissenschaft weiß: Unser biologisches Reaktionssystem – das limbische System – kennt viele Nuancen von Emotionen und dazu gehören auch verschiedene Formen von Liebe und Zuneigung. Manchmal verwenden wir das Wort Liebe, wenn es um Bewunderung geht: „Ich liebe“ eine bestimmte Schauspielerin oder Yogalehrerin. Wenn ich zum Beispiel sage, „ich liebe“ diese Eiscreme, dann geht es eher um Genuss. Auch meinen Bruder liebe ich, meine Katze oder meine Wohnung liebe ich, aber eben nicht auf dieselbe Weise. Je mehr ich mich mit Sprachen beschäftige – ich lerne neben meinen Muttersprachen Hindi und Englisch auch Spanisch, Französisch und Sanskrit – desto mehr berührt es mich, wie sehr es zu jedem Wort in jeder Sprache andere Bedeutungsnuancen gibt.

Liebe
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Sprache und Liebe

Aber bleiben wir hier mal bei Sanskrit und Hindi: In diesen beiden Sprachen unterscheiden wir sehr detailliert zwischen verschiedenen Manifestationen oder Formen von Liebe, indem wir verschiedene Begriffe verwenden. Nimm dir gerne etwas Zeit, dich mit ihnen zu beschäftigen und dir klar zu machen, wo es Überschneidungen zwischen ihren Bedeutungsnuancen gibt und wo sie sich jeweils zwischen dauerhafteren, bedingungsloseren Aspekten und den eher genussvollen, flüchtigeren bewegen.

Ich bin überzeugt: Als Yogi*ni geht es nicht in erster Linie darum, einen konstanten Zustand reiner Herzensliebe zu erreichen, sondern eher darum, unser Verständnis davon zu vertiefen, was die vielfältigen menschlichen Erfahrungen ausmacht, die wir alle miteinander teilen. Die untenstehende Liste der Sanskrit-Begriffe ist nicht vollständig, aber vielleicht weckt sie deine Neugier, tiefer in das Verständnis dieses schönsten aller menschlichen Gefühle einzusteigen.

Die Sprache der Liebe

Im Sanskrit werden verschiedene Manifestationen von Liebe mit verschiedenen Begriffen bezeichnet. Die Reflexion über die Nuancen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann dir helfen, deine Gefühle mit mehr Bewusstheit zu durchdringen.

Bhakti (भक्ति)
Bhakti ist die hingebungsvolle Liebe für die höchste Quelle unserer Existenz, eine bedingungslose, nichts erwartende, reine Form der Liebe. Viele Hindu-Gläubige widmen diese Liebe einer Ishta Devata, also einer bestimmten Verkörperung des Göttlichen, etwa Ganesha,
Krishna, Lakshmi oder vielen anderen. Um sich dieser reinen Liebe anzunähern und sie zu kultivieren, praktiziert man traditionellerweise Mantra, Kirtan, man betet oder man bringt der Gottheit in einer Zeremonie (Puja) Blumen oder andere Gaben dar.

Prem (प्रें)
Prem ist, ähnlich wie Bhakti, eine respektvolle, fromme Form der Liebe. Sie kann sich an eine Gottheit richten, aber auch in Form einer nicht-romantischen Liebe ausdrücken, zum Beispiel zwischen Geschwistern, gegenüber einem Lehrer oder einem Tier – so wie die reine Liebe, die ich für meine kürzlich verstorbene Katze empfinde. Auch Prem strebt der Bedingungslosigkeit entgegen. Eine besondere Form von Prem ist Aham-Prem, die Praxis der Selbstliebe, wie wir sie auch in den Praktiken der Liebenden Güte kennen.

Maitri (मैत्री)
Maitri kennen wir im Yoga als Liebende Güte, sie ist vor allem eine mitfühlende, freundliche, oder auch freundschaftliche Form der Liebe. In der Metta-Meditation, einer vom hinduistischen Konzept der Maitri abgeleiteten buddhistischen Praxis, kultiviert man zunächst mitfühlende Liebe für sich selbst und weitet sie dann schrittweise aus auf Menschen, die einem nahestehen, auf Fremde, auf Menschen, die man nicht mag oder mit denen man sogar verfeindet ist, und schließlich auf die ganze Welt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Praxis helfen kann, Beziehungen zu heilen.

Priya (प्रिय)
Dieser Sanskrit-Begriff soll die etymologische Wurzel des gängigsten Hindi-Worts für Liebe sein: Pyaar. Priya bedeutet wörtlich „Geliebte“, „Geliebter“ und ist auch ein ziemlich
verbreiteter Vorname für Mädchen und Frauen. Pyaar bezeichnet sowohl die romantische Liebe als auch die tief verbundene Liebe zu anderen Menschen, etwa die Liebe zwischen Eltern und Kind oder die zu einem Haustier, das einem sehr nahe ist.

Pranay (प्रणय)
Pranay bezieht sich hauptsächlich auf romantische Gefühle, also die Liebe, Achtung oder Zuneigung zwischen Liebenden oder Verliebten. Preetam bezeichnet dabei den männlichen Liebenden und Premika die weibliche Liebende – auch diese beiden Begriffe sind beliebte indische Vornamen.

Preethi (प्रीति)
Preethi bezeichnet vor allem die besonders angenehmen Aspekte von Liebe oder Gunst, häufig auch im Zusammenhang mit Pranay, der romantischen Liebe. Im Unterschied zu Bhakti verwendet man den Begriff nicht im Bezug auf die andächtige Gottesliebe, dennoch gilt sie als eine kostbare Manifestation von Liebe – weswegen viele Mädchen diesen Vornamen tragen.

Pasandh (पसंद)
Von Pasandh spricht man eher, wenn man jemanden oder etwas gerne mag, also eine Vorliebe dafür hat. Das kann sich nicht nur auf Menschen beziehen, sondern auch auf Dinge,
Erlebnisse oder Tätigkeiten, zum Beispiel auf dein Lieblingsessen oder deinen Lieblingsfilm.
Dahinter steht zwar eine Wertschätzung und Zuneigung, aber das Gefühl ist flüchtiger und darf sich auch immer wieder verändern. Etwa so, wie man Vergnügen von tiefer Freude unterscheiden würde.

Für mich ist Sanskrit reine Poesie – und das drückt sich auch hier aus: die Sprache ist eine Hommage an all die verschiedenen Formen und Facetten der Liebe, die wir kennen – seien sie nun rein und ewig oder eher genussvoll und flüchtig. Indem wir uns mit Bhakti in der bedingungslosen Liebe für die Quelle unserer Existenz verankern, öffnen wir uns auch dafür, all die anderen Formen der Liebe zu schätzen, die uns in diesem bunten, vielfältigen Leben begegnen.


Rina Deshpande lehrt, erforscht und schreibt seit über 15 Jahren über Yoga und Achtsamkeit. Ihre Artikel erschienen bei uns, Huffington Post, Self Magazine und vielen anderen. Außerdem hat sie 2022 ein Kinderbuch verfasst und selbst illustriert: „Yoga Nidra Lullaby„. Erfahre mehr über Rina und besuche sie auf ihrer Website oder ihrem Instagram-Account @rinathepoet.


Rina Deshpande macht die Yogaphilosophie alltagstauglich. Kennst du schon ihren Artikel über Hingabe im Alltag?

Moderne Spiritualität: Alles zwischen Om und Oh weia

Einfach schön, wenn wir auf der Yogamatte Frieden und eine tiefe Verbundenheit spüren. Unsere Autorin meint allerdings: Das ganze Leben ist eine spirituelle Reise – und erst wenn wir unsere Verletzlichkeit anerkennen und Verantwortung übernehmen, kommt diese Reise wirklich in Gang.

Text: Tehya Sky / Bild: Melissa Brown via Unsplash

Jetzt muss ich gleich damit herausplatzen, sonst platze ich selber: Spiritualität umfasst dein gesamtes Menschsein! Sie schließt deine Lustlosigkeit und deine Stolperschritte genauso ein wie deine Andächtigkeit und deine Lebensfreude, Sofa genauso wie Satsang, Autowerkstatt wie Ashram. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, dass viele von uns meinen, in der Spiritualität sei kein Platz für all die zerrupften Federn unseres Menschseins? Vielleicht liegt es an unserer gesellschaftlichen Konditionierung, die so sehr Kontrolle und patriarchale Strukturen betont. Vielleicht ist es auch der Fokus auf die fernöstlichen Ideale von Erleuchtung und Nicht-Dualität, der uns da im Weg steht.

Aber was auch immer für die Auffassung verantwortlich ist, Spiritualität könne nur auf glänzenden, weißen Marmorböden gedeihen und sei ein säuberlich abgetrennter Teil unseres Lebens und eben nicht das ganze Leben selbst – ich bin sicher, dieses gigantische Missverständnis war nicht gewollt.

Das Wesen jeder Form von Spiritualität ist es, die Natur unseres Daseins zu erforschen – folglich kann sie nichts ausschließen oder zurückweisen, was da ist! Deswegen heißt eine echte spirituelle Praxis ausdrücklich nicht nur unser inniges „Ommm“ willkommen, sondern eben auch unser ärgerliches, frustriertes oder ratloses „Oh weia!“ Denn so wie das eine ein Ausdruck inneren Friedens sein kann, macht uns das andere bewusst, dass uns dieser Frieden gerade abgeht. In dieser Bewusstwerdung liegt überhaupt erst die Einladung, den öffnenden, erweiternden Prozess zuzulassen, um den sich das Leben eigentlich dreht. Entdeckungen, Einsichten und Erleuchtung finden ja nicht nur in Tempeln oder Moscheen statt, sie reichen tief hinein ins Alltägliche – bis hin zu Abwasch, Abendessen und sogar Autopanne.

Verletzlichkeit annehmen

Unsere Verletzlichkeit ist eigentlich unser größtes Geschenk, sie ist allgegenwärtig und durchzieht alle Lebensbereiche. Sie könnte uns heilig sein. Trotzdem halten wir sie gerne so weit wie irgend möglich auf Abstand – und die Folge dieser Abwehr ist, dass wir uns abstrampeln, unser Leben in lauter Einzelbestandteile aufdröseln und zutiefst unzufrieden sind. Deswegen ist es höchste Zeit, das anzuerkennen, was wir im tiefsten Inneren längst wissen. Es ist Zeit, dass wir uns auf den Funken unserer Seele und auf die umfassende Heiligkeit des Lebens zurückbesinnen.

Es ist Zeit für eine innere Revolution – eine, die mit den alten Paradigmen aufräumt: Dass das, was du bist, nicht genug ist, dass das Leben eine einzige Abfolge von Problemen ist, oder andersherum, dass alles im Grunde sowieso gut ist oder wenigstens gut sein müsste. Stattdessen wäre es Zeit für neue Paradigmen, die das gesamte Spektrum menschlicher Verletzlichkeit und all die Lehren des großen Gurus „Leben“ radikal annehmen. Ich bin davon überzeugt: Das ist der einzige Weg, um sich wieder an diese Ganzheit, diese Erfahrung von allumfassender Einheit, zu erinnern, nach der wir uns alle sehnen und von der wir eine tiefe Ahnung in uns tragen.

Und wenn es diese Ganzheit ist, auf die Spiritualität ihrem Wesen nach abzielt, dann würde ich behaupten: Spirituelle Praxis ist das, was uns mithilfe unserer menschlichen Erfahrungen genau dafür sensibilisiert – für die Göttlichkeit in allem oder das Einheitsbewusstsein. In diesem Verständnis von Spiritualität ist das ganze Leben eine Feier, eine Abfolge unzähliger kleiner und großer heiliger Momente. Jeder dieser Momente schließt die Einladung mit ein, gerade jetzt noch etwas bewusster zu werden. Vielleicht auch die Einladung, im eigenen Dasein zu ruhen, als jener oder jene, die all das erlebt und bezeugen kann. Ganz egal, was es ist, die Yogapraxis, die Meditation, aber eben auch der Abwasch oder das Rasenmähen: Man kann es als eine spirituelle Handlung verstehen. Allein schon deshalb, weil du ein Teil davon bist – du, ein lebendiges, geistiges Wesen, dessen Präsenz in diesem Kosmos eigentlich unerklärlich ist. Vielleicht auch ganz einfach deshalb, weil es überhaupt geschieht.

Die Feier des Lebens

Jeder dieser Momente steht zur Verfügung für deine Vollständigkeit: Jeder ist ein Moment, in dem du die Fülle des Lebens in diesem unglaublich breiten Spektrum von Dualitäten erfahren kannst. Ein Moment, in dem du es genießen – ja, tatsächlich genießen – kannst, dass das Leben eben nicht dazu da ist, dich glücklich zu machen oder deine Erwartungen zu erfüllen. Ein Moment, um dich daran zu freuen, dass alle Momente – die „guten“ genauso wie die „schlechten“ und überhaupt jede Art von Moment – Teil dieser Feier des Lebens sind. Ein Moment, in dem du aufgerufen bist, die Erfahrung all dessen auszukosten, was sich da entfaltet – mit deiner Gegenwart, deiner Verantwortlichkeit und deiner Verletzlichkeit, ganz egal, was dabei heraus kommt.

Diese Möglichkeit, aus dem eigenen Inneren heraus zu leben und sich auf diese Weise an so etwas wie eine „heilige Einheit“ anzunähern, ganz einfach indem wir mit dem Leben arbeiten, so wie es nun mal geschieht, ist etwas zutiefst Magisches – dabei aber kein bisschen einzigartig. Im Gegenteil: Es ist sogar wichtig zu erkennen, dass wir alle dieselben Schlüssel zu diesem inneren Königreich besitzen. Ganz egal, wer oder was wir sind, welcher Religion oder spirituellen Tradition wir angehören oder nicht angehören, und wie oft wir ins Retreat gefahren oder zur Messe gegangen sind: Jeder und jede von uns ist genauso ins große Ganze eingebunden wie der oder die nächste. Wir alle sind Kinder dieses selben Universums, wir alle tanzen mit in diesem einen kosmischen Tanz. Und wir alle tragen diesen Zauber in uns, diesen geheimen Funken, der unsere Gesichter leuchten lässt, unsere Körper in Bewegung setzt und uns in Form von Inspiration durchströmt.

Er steckt hinter der Liebe, die wir empfinden. Hinter dem Tanz, den wir tanzen, wenn wir uns so richtig frei fühlen. Im Lied, das wir singen, wenn wir einfach mal alles loslassen. Und auch in dem Hoffnungsschimmer, dem winzigen Lichtstrahl, von dem wir wissen, dass er auch in unseren schwersten Momenten noch da ist. Die Feier des Lebens beginnt in dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir überhaupt inmitten einer Feier leben. Das ist der berühmte Vorhang, der sich hebt, wenn die Erkenntnis beginnt. Unsere Verantwortlichkeit für die unablässige Abfolge von Lebensmomenten und unser Da-Sein, das stille, essenzielle Hier-und-Jetzt, das ganz unabhängig ist von jeglicher Vergangenheit oder Zukunft – diese beiden Dinge sind es, durch die sich alles auflösen kann in die tieferen, wahrhaftigeren Schichten. Dann beginnen sowohl die Schätze in unserem Inneren als auch die Schätze des Lebens selbst zu funkeln – wie die wilden Prismen, die sie ja auch sind.


TEHYA SKY sagt von sich selbst, sie sei ebenso sehr eine Schülerin des Lebens wie sie in es verliebt ist. Sie arbeitet in Florida als Autorin und spirituelle Beraterin. Ihre Schwerpunkte sind Verletzlichkeit, Verantwortlichkeit und Präsenz. Seit der Geburt ihres Sohnes Sage hat Sky Spaß daran gefunden, Bilderbücher zu schreiben. Yogi*nis kennen sie eher für ihren Titel „A Ceremony Called Life: When Your Morning Coffee Is as Sacred as Holy Water“. Mehr Infos unter tehyasky.com


Noch mehr zum Thema „Sehnsucht nach Sinn“ findest du im Yoga Journal Nr. 78:

https://yogaworld.de/produkt/yoga-journal-nr-78-06-21-print-ausgabe/

Liebe wachsen lassen – eine Meditation und ein Übungsweg

Wenn es ein Gefühl gibt, nach dem wir uns alle sehnen, dann ist das die Liebe. Aber was meinen wir überhaupt mit dem, was wir da mitunter verzweifelt suchen oder um jeden Preis festhalten wollen? Unser Meditationsexperte ist überzeugt: Liebe kann vieles sein – vor allem aber ist sie ein Übungsweg.

Text: Ulrich Hoffmann / Titelbild: Kristina Litvjak via Unsplash

Unsere Freundin Franzi erzählt bei jedem Treffen ausführlich von ihren aktuellen Eroberungen: Der junge Mann auf der Hochzeit einer Freundin. Eine Urlaubsbekanntschaft. Ein Date von Tinder. Viele wollen mit ihr ins Bett, sie mit manchen auch. Mit anderen flirtet sie nur, geht tanzen und genießt es, umworben zu werden. Das ist total okay. Würde sie nicht nach einer längeren Pause hinzufügen: „Ich verstehe nicht, warum ich niemanden finde, in den ich mich so richtig verlieben kann.“ Was sie sucht, ist die Liebe unserer Elterngeneration – stabil über Jahrzehnte – ohne deren Nachteile wie Langeweile, Desinteresse oder Streit. Stattdessen bitte: lodernde Leidenschaft, spritzige Sexualität, zärtliche Zweisamkeit.

Bei meinem Kollegen Dirk stellt sich die Situation genau andersherum dar. Seit über zehn Jahren berichtet er bei jedem Telefonat davon, wie schrecklich das Zusammenleben mit seiner Freundin sei. Aber, na ja, sie haben das Haus gemeinsam gemietet, den nächsten Urlaub bereits gebucht: „Besser als Alleinsein ist es schon.“

Und dann ist da noch eine ältere Bekannte, Sylvia, die nach dem Auszug der Kinder und der Trennung von ihrem Mann allein mit ihren Katzen lebt. Sie unternimmt lange Spaziergänge, belegt kreative Handwerkskurse und ist „so glücklich und frei wie noch nie“. Sie sei „verliebt in das Leben und das Universum“, sagt sie. Sind Sylvias Liebe und die Liebe von Dirk und Franzi überhaupt dasselbe? Oder beschreiben die drei ganz unterschiedliche Dinge, für die wir nur keine ausreichend präzisen Bezeichnungen haben?

Die Liebe soll das Ego retten

Umfassende Liebe soll allen Schmerz auslöschen, alle Sorgen dahinschmelzen lassen. Unsere Vorstellung von „Liebe“ entsteht durch Filme, Bücher, Eltern, Erfahrungen. Viele hadern mit der Liebe, fühlen sich nicht ausreichend geliebt oder ganz und gar ungeliebt und das hat seine Wurzeln meist schon in der frühen Kindheit. Oft beginnt das Interesse an sogenannten „spirituellen“ Themen dann als Suche nach einer Liebe, auf die Verlass ist, die einem niemand mehr nehmen kann. Gerade in spirituellen Kreisen halten es da viele mit den Beatles: „All You Need Is Love“, denn die Liebe durchdringe und durchströme dich und mich und uns alle, sodass wir letztlich ohnehin eins seien.

Für andere spirituelle Lehrer*innen ist die Liebe dagegen eine verhängnisvolle Leidenschaft, die zu Verlangen und Abhängigkeit führt – weswegen man sie am besten vermeidet oder transzendiert. Und dann ist da noch die Liebe zu einem Gott, die Liebe zur Umwelt, die Liebe zu meiner Schwester und die „Liebe“ mit dem One-Night-Stand. Kann das alles wirklich dieselbe Liebe sein? Und wie kann ich mehr Liebe aller Art in mein Leben lassen? Mehr Sex, mehr Freundlichkeit, mehr positives Denken?

3 Arten von Liebe

Wir alle wünschen uns mehr Liebe. Gerade deshalb lohnt es sich, mal etwas genauer hinzuschauen: Welche Arten der Liebe gibt es, wie lassen sie sich kultivieren, und woher weiß ich, wann es Zeit für welche ist? Das Wort „Liebe“ bezeichnet in meinen Augen mindestens drei sehr unterschiedliche Dinge:

  1. Eine absolute Liebe, die allgegenwärtig und allumfassend ist. Sie stellt sozusagen das Fundament der Welt dar. Im Angesicht des Elends und der Not manchmal ein bisschen schwer vorstellbar. Ähnlich wie man sich fragt, warum ein „gütiger Gott“ eigentlich Kriege zulässt. In spirituellen Kreisen ist es erklärtes Ziel, diese Liebe wahrzunehmen, die uns alle verbindet.
  2. Unsere eigenen Wahrnehmungen der Liebe, vom Verschmelzen im Orgasmus bis zur vielleicht eher widerstrebenden Liebe für die Eltern. Diese intensive Zuneigung ist meist an Personen, Wesen, Orte oder Handlungen gebunden. Wir „lieben“ nicht nur einen Menschen, sondern auch ein Restaurant, eine neue Serie, den Spaziergang durch den Park, das gute Wetter im Urlaub. Diese Liebe ist Schwankungen unterworfen und zum Teil abhängig von den Umständen oder dem Verhalten anderer.
  3. Liebe als Sadhana (zielgerichtete spirituelle Disziplin). Diese Ebene ist die unbekannteste – und meiner Ansicht nach der vielversprechendste Weg zu mehr Liebe im Leben!

Liebe einüben

Egal ob wir Gott, unsere Freundin, die Katze oder Lasagne lieben – solange wir unser Gefühl mit Erwartungen aufladen, kann auch die Erwiderung nicht bedingungslos sein. Die Lasagne kann misslingen, die Katze weglaufen, die Partnerin verliebt sich anderweitig. Dann scheint es so, als halte Gott seine schützende Hand über jeden außer mich und ich erkenne: Auf diese Art der Liebe ist kein Verlass. Darum empfiehlt es sich, zumindest ergänzend eine andere Art von Liebe zu üben. Und zwar genau so wie Vokabeln, Tanzschritte oder Zaubertricks. Damit meine ich die Liebe, die wir in jede Handlung und jeden Blick auf die Welt legen können. Sie steht uns jederzeit zur Verfügung. Und es liegt allein bei uns, sie zum Leben zu erwecken.

Ob es auch wirklich Liebe ist, wenn wir „nur“ liebevoll handeln, weil wir es uns vorgenommen haben? Das ist eine schwierige philosophische Diskussion. Für mich reicht da die Erkenntnis aus, dass das, was wir immer wieder tun, unseren Charakter und unser Leben am meisten prägt. Und so haben wir auch die Möglichkeit, liebevolles Handeln zu üben und immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen.

„Wie würde ich handeln, wenn ich jemand wäre, den ich sympathisch finde?“ Diese auf den ersten Blick etwas theoretische Frage erweist sich dafür im Alltag als gute Richtschnur. Sie führt zu wenig spektakulären Entscheidungen: Menschen, die wir mögen, leben selten an den Extremen, sind keine brutalen Alphatiere oder weinerlichen Egozentriker. Sie sind genau wie wir, wenn wir so sein dürfen, wie wir sein möchten. Dann mögen wir uns. Dann lieben wir uns und die Welt, die wir erschaffen.

Führt das zu mehr Romantik oder Sex? Es führt jedenfalls zu mehr Offenheit, Durchhaltevermögen, Interesse an der Welt. Und damit indirekt, davon bin ich überzeugt, zu genau den Qualitäten, die stabile, tiefe Beziehungen ermöglichen. Die Liebe in jeder Handlung auf diese Weise zu üben und zu kultivieren, öffnet das Herz für jene Eindrücke, die nicht unseren Erwartungen entsprechen und „trotzdem“ schön sind.

Übung: Liebe wachsen lassen

Liebe ist kein Zufallsprodukt. Man kann sie auch wachsen lassen – zu einem allumfassenden Gefühl, wie wir es zum Beispiel beim Anblick eines kleinen Kindes empfinden oder auch in einem wundervollen Moment in der Natur. Es geht um jenen Augenblick, in dem man stöhnen möchte: „Ach ist das schön, alles ist gut!“

  1. Nimm eine entspannte Haltung ein – im Sitzen oder Liegen –, hole tief Luft und lass den Atem dann wieder ausströmen. Bemühe dich, möglichst genau wahrzunehmen, wie sich das Atmen anfühlt. Diese ersten bewussten Atemzüge öffnen dir sozusagen das Tor in deine „Gefühlaufmerksamkeit“ hinein.
  2. Löse deine Aufmerksamkeit nun von der Atmung und wende dich dem Gefühl der Liebe zu. Nicht zu jemandem oder zu etwas, sondern nur dem Gefühl an sich. Gib diesem Gefühl eine Form und eine Farbe. Es kann beispielsweise ein rotes Herz sein. Oder eine leuchtend grüne Rasenfläche. Ein Regenbogen. Was immer sich gerade heute gut und passend für dich anfühlt.
  3. Hege und pflege das Gefühl, lass es wachsen: Je nach deinem gewählten Bild wässere den Rasen, lasse die Sonne darauf scheinen. Halte dein Herz in deinen Armen und lächle es liebevoll an. Lasse am Kreuzungspunkt von Sonne und leichtem Niesel einen immer intensiveren Regenbogen erstrahlen. Was immer du in in deiner Vorstellungswelt tun kannst, um dein Bild der Liebe stärker, intensiver und größer werden zu lassen: Tue es, gerne, mühelos, mit Leichtigkeit.
  4. Versuche nun, nicht nur das Bild zu sehen, sondern das Gefühl zu spüren: Diese Liebe fühlt sich an, als würde die Zeit anhalten. Sie fühlt sich an wie eine warme Decke und zwei weiche Kissen. Sie bringt ein zartes Kribbeln und Flirren mit sich, keine Nervosität, sondern eine Wachheit und Aufmerksamkeit für den Augenblick. Lass zu, dass dich dieses Gefühl mit der Wucht des genau richtigen Songs im genau richtigen Moment erfasst, die Autofenster heruntergekurbelt und die Haare im Wind. Sie passt zu dir wie ein Lieblingskleid oder die weich getragene Jeans. Sie gibt dir Kraft und Stärke und die Wildheit, zu leben. Sie wird größer und größer, stärker und leuchtender: Das Gras strahlt grün, das Herz leuchtet rot, sie erfüllt dich von innen und umgibt dich von außen, sie erstreckt sich bis zum Horizont.
  5. Spüre und genieße das Lächeln auf deinem Gesicht und beende die Meditation, indem du noch einmal tief Luft einatmest. Tiefer. Noch tiefer. Halte den Atem einen Moment lang an, dann lasse ihn ausströmen. Achte dabei auf die Klarheit und Ruhe in deinem Innersten.

URLICH HOFFMANN ist Yoga- und Meditationslehrer und mehrfacher Bestsellerautor. Er schrieb u.a. den Longseller „Mini-Meditationen„. 2024 erschien von ihm „50 philosophische Erkenntnisse, die das Leben leichter machen„. Mehr Infos unter ulrichhoffmann.de


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Gabriele Hogeforster

gabriele hogeforster

Yoga is the safe place, the happy place – so empfindet es Gabriele Hogeforster. Schon früh entdeckte sie Yoga als Ausgleich zu ihrem bewegten Job in Hamburgs Werbe- und Marketingwelt. Für sie ist Yoga ein Raum, in dem alles kann, aber nichts muss – individuell wie die Menschen, ihre Konstitutionen und jeder einzelne Tag.

Dieses Gefühl anzukommen, auf der Matte, auf dem Meditationskissen, ganz bei sich, wollte sie mit anderen teilen. 2016 führte sie ihr Weg zur ersten Hatha-Yoga-Ausbildung – und damit auf eine Reise, die nie aufhört. Mittlerweile sind es über 1000 Ausbildungsstunden (Yoga Alliance zertifiziert), die sie mit Leidenschaft und Authentizität in ihren Unterricht einfließen lässt. Ob Hatha, Vinyasa, Yin oder Restorative Yoga – ihr besonderes Anliegen ist der therapeutische Ansatz. Sei es Hormon-Yoga-Therapie oder Medical Yoga, für sie gilt: Auch körperlich muss es stimmen. Denn nur mit korrekter Ausrichtung kann der Körper frei schwingen – und Yoga sein volles Potenzial entfalten. 

Aktuell lebt sie in Karlsruhe und teilt ihr Wissen mit wolke7yoga® mit viel Begeisterung und Herz. In thematischen Workshops, auf Retreats, Events und mit der Fortbildung rund um Hormone und Wechseljahre lädt sie dazu ein, Yoga nicht nur zu praktizieren, sondern wirklich zu erleben. Auf der Matte – und im Alltag.

Mehr Info auf wolke7yoga.de und Insta @wolke7yoga

Foto: Dammann Design Foto

Workshop: „Medical Yoga – orthopädisch-therapeutisches Yoga nach den Ausrichtungsprinzipien der Spiraldynamik®“

Lerne, gesund und anatomisch korrekt zu praktizieren – für mehr Beweglichkeit, weniger Schmerzen und eine kraftvolle Haltung. Dieses wissenschaftlich fundierte Bewegungskonzept hilft dir, Überlastungen vorzubeugen und deinen Körper optimal auszurichten – auf der Matte und im Alltag. Spüre, wie gut es tut, wenn alles am richtigen Platz ist!

Vortrag: „Hormon Yoga“

Hormon Yoga verbindet fundiertes Wissen über das weibliche Hormonsystem mit gezielter, natürlicher Praxis. Du erfährst, wie hormonelle Veränderungen bewusst begleitet werden können. Für alle Frauen und Yogalehrerinnen, die verstehen wollen, was im Körper wirkt und wie Balance aktiv unterstützt werden kann.


Gabriele Hogeforster auf der YogaWorld 2026 in Stuttgart:

Sonntag, 12. April // 12:15 – 13:00 Uhr // Workshop: Medical Yoga – orthopädisch-therapeutisches Yoga nach den Ausrichtungsprinzipien der Spiraldynamik® // Ganesha Yogaspace 

Sonntag, 12. April // 17:15 – 17:35 Uhr // Vortrag: Hormon Yoga // Focus Stage