Gegen die Schwerkraft – Armbalancen mit Steffi Rohr

kleiner Grashüpfer

Natürlich muss kein Mensch Armbalancen können: Sie erfordern viel Übung und jede Menge Geduld. Aber sie machen auch Spaß, schenken dir Mut – und schon die Arbeit an ihnen kräftigt wichtige Muskeln, die die Wirbelsäule stabilisieren. Steffi Rohrs Geschichte beweist: Manchmal lohnt es sich, seine Ziele himmelhoch zu stecken.

Text: Stephanie Schauenburg / Übungen: Stefanie Rohr / Fotos: Elli Becker

Schon früh im Leben wurde Stefanie Rohr mit einer schweren Rückenerkrankung konfrontiert: Morbus Scheuermann. Diese Wachstumsstörung der Wirbelsäule führt spätestens im Teenager-Alter zu einem ausgeprägten Rundrücken, häufig begleitet von Skoliose und Schmerzen, die ein Leben lang anhalten. Die in Steffis Jugend gängige Therapiemethode war brutal: Ihr gesamter Rumpf wurde Tag und Nacht in ein Korsett aus Hartplastik eingezwängt.

„Nicht nur, dass es natürlich total unangenehm war, so in die Schule gehen zu müssen, nein, viel schlimmer war, dass sich dadurch meine Rücken- und Bauchmuskulatur zurückgebildet hat.“ Die Folge: Schon zwischen 16 und 22 Jahren erlitt sie vier Bandscheibenvorfälle.

Dennoch ließ sich Steffi nicht davon abbringen, Sport zu studieren: „Gottseidank war ich damals so dickköpfig und hab das durchgezogen, denn dank dem für mich richtig dosierten Sport – und ganz besonders dank Yoga – konnte ich meine Rumpfmuskulatur mit der Zeit so gut stabilisieren, dass erst mit Ende 30, Anfang 40 noch mal zwei kleine Vorfälle dazu kamen, aber keiner musste operiert werden.“

Raus aus der Angst, rein in die Bewegung

Heute will sie anderen Menschen Mut machen, auch nach einer Rückenerkrankung zurück in die Bewegung zu kommen: „Unsere Wirbelsäule lebt von Bewegung. Daher kann es absolut fatal sein, wenn wir uns, vielleicht aus Angst, kaum mehr bewegen.“ Diese Angst ist ganz natürlich, nachdem man heftige Schmerzen erlebt hat.

Aber gerade deshalb findet es Steffi sinnvoll, sich sogar an so anspruchsvolle Bewegungen wie ein Armbalancen-Training zu wagen – sobald es der Heilungsprozess erlaubt: „Hier gehört zu Beginn sicherlich sehr viel Geduld und eine ordentliche Portion Mut dazu. Aber in der Freude an Bewegung können wir dieses Selbstvertrauen stärken.“ Was aber vielleicht viel entscheidender als eine irgendwann gemeisterte oder nicht gemeisterte Asana ist: Das Training von Armbalancen kräftigt vor allem die Körpermitteund die ist bekanntermaßen ausschlaggebend für die Gesundheit der Wirbelsäule.

In diesem Artikel zeigt die Bestsellerautorin drei ausgefallene Asanas, die dir auf Anhieb vielleicht unerreichbar erscheinen. Und klar: Es ist für die meisten von uns ein langer Weg dorthin. Das hindert uns aber nicht zu spielen und zu probieren.

Steffis Tipp: „Es gibt nicht den einen Kniff, mit dem dir eine komplexe Asana gelingt. Man muss sie lernen, so wie ein Baby laufen lernt.“

Lies auch:Handstand in 7 Schritten

Warm-up für die Handgelenke

Eine gezielte Vorbereitung auf eine Handbalancen-Praxis ist essenziell, um Verletzungen und Überlastungen zu vermeiden. Daher ist ein kleines Warm-up absolute Pflicht! Dabei wärmst du den gesamten Körper und besonders die Handgelenke auf und aktivierst ihre Stützkraft.

1. Sonnengruß

Warm-up Sonnengruß

Der Sonnengruß sollte in keinem Warm-up fehlen, denn mit ihm mobilisierst und kräftigst du den gesamten Körper. Übe 5–8 Runden der dir vertrauten Variante und achte dabei in allen Stützhaltungen darauf, deine Finger weit aufzuspreizen, die Daumenballen zu aktivieren und die Schultern zu heben. Spüre, wie du dich aktiv abdrückst und dich zugleich in deiner Körpermitte stabilisierst.

2. Kreisen

Warm-up Handgelenke kreisen

Richte deinen Oberkörper im Fersensitz oder einer anderen für dich bequemen Sitzhaltung gerade auf. Verschränke die Hände vor der Brust und lasse sie 1–2 Minuten lang in alle Richtungen kreisen.

3. Ausstrecken

Warm-up Handgelenke

Strecke die Arme mit verschränkten Händen möglichst senkrecht nach oben und drehe dabei die Handflächen nach außen. Führe dann die Arme gerade nach vorne, runde den Rücken und schiebe Handflächen von dir weg. Anschließend kommst du zurück in die Ausgangsposition mit geradem Rücken und gehobenen Händen. (5–10 Wiederholungen)

4. Finger dehnen

Warm-up Fingerstretch

Strecke einen Arm gerade nach vorne aus, hebe die Finger und dehne sie mit der anderen Hand vorsichtig nach hinten. Dasselbe machst du anschließend mit der anderen Hand. (je 5–10 Atemzüge)

5. Aktivieren

Warm-up herabschauender Hund

Finde dich im herabschauenden Hund ein und bewege dich sanft in alle Richtungen. Dabei spreizt du die Finger weit und schiebst bewusst die Daumenballen und Fingerkuppen gegen die Matte. (5–10 Atemzüge)

6. Drehen

Warm-up Handgelenke

Richte im Vierfüßler die Handgelenke senkrecht unter den Schultern aus. Drehe dann beide Hände über außen möglichst weit nach hinten, sodass die Fingerspitzen zu dir zeigen. Bewege dich nun sanft nach vorne und hinten und kreise um die Handgelenke herum. (5–10 Atemzüge)

7. Drehen Variante

Warm-up Handgelenke

Die gleichen Bewegungen kannst du anschließend noch mal wiederholen, wobei dieses Mal immer eine Hand nach vorne und eine nach hinten zeigt.

  • Bevor du die Armbalancen probierst, solltest du die jeweils angegebenen vorbereitenden Übungen mühelos meistern.
  • Übe Handbalancen grundsätzlich langsam und vor allem ohne Schwung.
  • Die Beschreibungen in diesem Artikel sind nur knappe Anhaltspunkte. Nimm dir Zeit, probiere aus, unterstütze dich mit Hilfsmitteln und lass dir in der ersten Zeit von einer zweiten Person helfen.
  • Klappt nicht? Nur nicht gleich aufgeben! Alle Armbalancen brauchen sehr viel Übung und Geduld.

Der kleine Grashüpfer (Bala Parshva Bhuja Dandasana)

Vorübung: Schlafender Vishnu (Anantasana)

Schlafender Vishnu

Lege dich lang ausgestreckt auf die linke Körperseite, stütze den Kopf mit der Hand und stelle den rechten Fuß vor dem Körper auf. Beide Beckenschaufeln sollten nach vorne ausgerichtet sein. Greife mit dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger die große Zehe des aufgestellten Fußes und führe das Knie zur Brust, bevor du das Bein möglichst senkrecht nach oben streckst und Richtung Kopf ziehst. (5–10 Atemzüge, dann Seitenwechsel)

Step by Step

1. Step kleiner Grashüpfer

1. Starte gut aufgerichtet im Langsitz und stelle dann dein rechtes Bein angewinkelt über dein linkes. Stütze dich mit der linken Hand hinter dem Körper am Boden oder auf einem Block auf, dein rechter Arm schiebt sich an der Innenseite deines rechten Beines vorbei lang nach vorne.

2. Step kleiner Grashüpfer

2. Halte den Oberkörper lang, wenn du nun die rechte Hand weiter Richtung kurze Mattenseite schiebst, bis du den linken Fuß umgreifen kannst.

3. Step kleiner Grashüpfer

3. Hebe das gestreckte linke Bein, richte nochmals die Wirbelsäule auf und erzeuge Halt in deiner Mitte. Lasse dabei die Sitzfläche noch auf der Matte.

4. Step kleiner Grashüpfer

4. Schiebe den Oberkörper etwas nach vorn und verlagere damit den Körperschwerpunkt. Jetzt löst sich das Gesäß von der Matte. Drücke dich aus der Kraft des linken Arms und des rechten Beins kraftvoll ab. Nach 5 Atemzügen löst du dich behutsam aus der Haltung und übst die zweite Seite.

Wirkung

trainiert den gesamten Rumpf // kräftigt den stützenden Arm // aktiviert die Oberschenkelvorderseite des gestreckten Beins und dehnt seine Rückseite // kräftigt das gesamte gebeugte Bein.

Der gefallene Engel (Devaduuta Panna Asana)

Vorübung: Gedrehter tiefer Ausfallschritt

Gedrehter tiefer Ausfallschritt

Richte im Ausfallschritt dein rechtes vorderes Knie über dem Sprunggelenk aus. Schienbein und Fußrücken des linken Beins liegen gerade nach hinten ausgerichtet auf der Matte. Lege die Hände vor dem Herzen aneinander und neige dich dann mit geradem Rücken etwas nach vorne, bevor du dich vorsichtig nach rechts drehst. Wenn möglich, legst du den linken Ellenbogen an die Außenseite des rechten Oberschenkels. (5–10 Atemzüge, dann Seitenwechsel)

Step by step

1. Step gefallener Engel

1. Beginne in der tiefen Hocke. Füße und Knie sind geschlossen. Schiebe die Fußballen gegen die Matte, sodass sich die Fersen etwas heben. Richte dich gerade auf und drehe nach links. Platziere die Finger der linken Hand ungefähr auf einer Linie mit den Fersen und die rechte in schulterweitem Abstand parallel dazu. Die Arme sind gestreckt. Schiebe rechten Oberarm und linken Oberschenkel gegeneinander, spreize die Finger und drücke die Fingerspitzen fest nach unten.

2. Step gefallener Engel

2. Die Ellenbogen bewegen sich zum Körper (nicht nach außen), wenn du nun langsam die Arme beugst und die Handballen aufsetzt. Lege die linke Oberschenkelaußenseite auf den Oberarmen ab und verlagere den Körperschwerpunkt nach vorn, bis die Füße vom Boden abheben. Ziehe Rumpf und Beine kompakt zur Mitte und verteile das Gewicht der Beine möglichst gleichmäßig auf beide Oberarmen (seitliche Krähe).

3. Step gefallener Engel

3. Beuge die Arme langsam noch weiter, bis du dein linkes Ohr auf der Matte ablegen kannst. Schiebe die Hände weiter fest gegen den Boden.

gefallener Engel

4. Ziehe die angewinkelten Beine noch etwas dichter zum Körper und komme in eine tiefe Rotation, bis die Zehen senkrecht nach oben zeigen. Nun kannst du das rechte Bein parallel zum linken nach oben strecken. Nach 5 Atemzügen löst du dich behutsam aus der Haltung und übst die zweite Seite.

Praktiziere diese Asana nur, wenn du dabei keinen unangenehmen Druck im Hals und Nacken spürst, da diese Bereiche besonders beansprucht werden.

Wirkung

kräftigt Schultern, Arme und Handgelenke // trainiert Rücken- und Rumpfmuskulatur // aktiviert durch die Rotation neben den geraden vor allem auch die schrägen Bauchmuskeln // trainiert den Gleichgewichtssinn // verbessert die Körperwahrnehmung // fördert die Durchblutung des Gehirns

Die fliegende Taube (Eka Pada Galavasana)

Vorübung: Königstaube (Eka Pada Rajakapotasana, Variante)

Königstaube

Ziehe aus Hund oder Vierfüßler das linke Knie außen an die rechte Hand, bewege den linken Fuß etwas nach innen und lege das rechte Bein lang gestreckt nach hinten ab. Aktiviere beide Beine und Füße, indem du sie fest gegen die Matte schiebst, und richte das Becken gerade nach vorn zur kurzen Mattenseite aus. Strecke die Wirbelsäule lang, bevor du den Oberkörper nach rechts drehst, das rechte Bein beugst und mit der rechten Hand den Fuß greifst. Aktiviere den Bauch, um dich aus der Mitte zu stabilisieren und weite die Brust. Wenn möglich, legst du den Fuß in die Ellenbeuge. (5–10 Atemzüge, dann Seitenwechsel)

Step by step

1. Step fliegende Taube

1. Lege im Stand den äußeren Knöchel des linken Fußes mittig an den rechten Oberschenkel, der Fuß ist kraftvoll geflext, das Knie dreht nach außen. Dann beuge dich nach vorn, setze die Finger auf und bleibe einige Atemzüge lang in dieser intensiven Hüftöffnung.

2. Step fliegende Taube

2. Beuge das rechte Bein und setze die Hände schulterbereit voneinander entfernt auf der Matte auf, die Finger sind gespreizt, die Fingerkuppen Richtung Boden geschoben. Drehe die Ellenbogen nach hinten, drücke den linken Unterschenkel gegen die Oberarmrückseiten und ziehe die Zehen Richtung Schienbein, sodass du den Oberarm mit dem Fuß umklammern kannst.

3. Step fliegende Taube

3. Hebe das Becken und schiebe den Oberkörper nach vorn. Der Körperschwerpunkt verlagert sich, der rechte Fuß löst sich von der Matte. Ziehe die rechte Ferse fest zum Gesäß und richte den Blick zum kurzen Mattenrand.

fliegende Taube

4. Strecke das rechte Bein nach hinten oben und schiebe den Oberkörper zum Ausgleich weiter nach vorn. Nach 5 Atemzügen löst du dich behutsam aus der Haltung und übst die zweite Seite.

Wirkung

kräftigt Schultern, Arme und Handgelenke // trainiert die gesamte Rumpfmuskulatur, vor allem den geraden Bauchmuskel // verbessert das Gleichgewicht // mobilisiert die Hüfte im angewinkelten Bein

Hier findest du Videos zur fliegenden Taube und zum kleinen Grashüpfer:


Kraft und Balance sind die wichtigsten Themen in Stefanie Rohrs Arbeit als Yogalehrerin. Gemeinsam mit Max Kert hat sie den Yoga-Beststeller „Power meets Balance“ verfasst. Ihre Expertise für sportliche Rehabilitation und Personal Training vermittelt die studierte Sportökonomin außerdem in zahlreichen Videoproduktionen. Erfahre mehr über Stefanie Rohr auf ihrer Website stefanie-rohr.de

Schwebend und geerdet – Interview mit Simrit Kaur

Simirit-Kaur

Eine Stimme wie ein Engel, exzentrische Kostüme und eine Musik, die zugleich
ätherisch, groovig und tiefgründig ist: Simrit Kaur ist die vermutlich schillerndste Gestalt der Mantra-Musikszene. Wir haben mit ihr in New York gesprochen.

Interview: Angelika Ahrens / Fotos: Simritkaurmusic.com

Um was geht es dir bei deinen Konzerten?

Wir feiern damit das Leben, die Zusammengehörigkeit und die Liebe. Aber manchmal kann es in unserer Musik auch dunkle Elemente geben, denn wir glauben, dass heilsame Musik die gesamte Bandbreite enthalten muss.

Ist das so: Eure Musik heilt?

Sie hilft jedem und jeder einzelnen von uns als Künstler und wir teilen diese Energie gern mit anderen Menschen. Wir hören so oft, dass das funktioniert: Dass Menschen mit unserer Musik leichter durchs Leben gehen, dass sie ihnen in schwierigen Zeiten geholfen hat. Wenn ich so etwas höre, denke ich: „Wow, das ist großartig! Das ist das beste Feedback!“ Wir hoffen natürlich, dass unsere Musik mehr Liebe und Bewusstsein in die Welt bringt. Ich glaube, sie motiviert und man spürt, dass sie von Herzen kommt. Sie ist heilend auf verschiedenen Ebenen.

Wissenschaftler können mittlerweile ganz gut erklären, wie Musik uns zum Beispiel helfen kann, zu entspannen oder leistungsfähiger zu sein: Der Hörsinn ist ja direkt mit dem Gefühlszentrum, dem limbischen System, verbunden. Was denkst du, wie funktioniert Musik für dich?

Für mich ist mein Körper ein Resonanzkanal. Und zwar unabhängig davon, ob ich ein Instrument spiele oder singe: Der Klang schwingt durch den Körper. Als Yogi*nis kennen wir Energiekanäle, die Nadis. Und der Klang, also die akustische Schwingung, hat einen großen Einfluss auf diese Kanäle. Er trägt dazu bei, dass sie offen, ausgeglichen und entspannt sind und unsere natürliche Energie frei fließen kann.

Simirit Kaur beim Konzert.

Wie würdest du deine Musik beschreiben?

Sie ist ein Mix aus verschiedenen Quellen: Ich lasse etwas von meiner griechischen Abstammung einfließen. Meine biologische Mutter und Urgroßmutter waren bekannte griechische Sängerinnen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich älter war und schon gesungen habe. Aber wie sagt man so schön? Oft tut man Dinge, ohne darüber nachzudenken.

Welche Rolle spielt deine Yogapraxis?

Ich übe seit mehr als 20 Jahren Kundalini-Yoga. Und ich habe mich mit Nada-Yoga beschäftigt, der Wissenschaft des Klangs. Wie er unser Bewusstsein beeinflusst und wie wir ihn bewusst einsetzen können: im Körper, Hals, über den Nabel und die Zungenspitze. Ich habe zudem westlichen und indischen Gesang studiert sowie Koali. Das ist eine ekstatische Sufi- Musik. Ich fühle mich damit sehr verbunden. Das alles hat mir geholfen, meinen eigenen Sound zu formen.

Der wird oft als „mystisch“ beschrieben …

Ja. Ich würde keine Musik machen wollen, die sich nicht so anfühlt. Für mich ist das Leben mystisch. Aber man kann auch dazu grooven, ein hypnotischer Groove. Wir wollen das ganze Spektrum.

Woher kommt dieser mystische Teil in deinem Leben?

Ich bin in einer griechischen Kirchengemeinde aufgewachsen. Und die orthodoxe Kirche ist so mystisch, wie es nur geht. Traditionelle griechische Musik und die Musik in der Kirche, in der ich als Kind im Chor gesungen habe, hatten den größten Einfluss auf meine Stimme und meinen Stil.

Die Musikerin liebt die mystischen Klänge.

Was hast du von der byzantinischen Musik gelernt?

Sie geht sehr tief und hat eine Düsternis, die schön und etwas mystisch ist. Wenn ich als Kind meine Augen geschlossen und gesungen habe, dann war ich an einem anderen Ort. Ich habe damals schon gespürt, dass ich eine spezielle Verbindung zum Klang habe, auch wenn ich es nicht so recht verstanden habe. Eigentlich verstehe ich es noch immer nicht ganz. Es fühlt sich leicht an, ätherisch. Fast so, als ob ich im Weltraum schwebe, aber trotzdem geerdet bin. Deshalb liebe ich den Bass und die Trommeln. Sie bringen Balance.

Neben der traditionellen griechischen Musik gibt es auch Einflüsse von Roots und Reggae …

Ja, auch diese Musik hat mich von klein auf sehr berührt und inspiriert. Fast so stark wie die griechische Musik.

Du bist in Griechenland geboren und in den USA bei Adoptiveltern aufgewachsen. Deine leibliche Mutter lebt in Griechenland und du hast sie dort auch getroffen. Wie war das?

Meine wirkliche Mutter ist die Frau, die mich großgezogen hat. Und sie hat mich auch begleitet, als ich meine leibliche Mutter in Griechenland getroffen habe. Das war ein sehr schöner Moment. Meine leibliche Mutter war bei meiner Adoption 16 Jahre alt. Sie wollte mich behalten, aber ihre Familie wollte das nicht, sie hatte keine Unterstützung. Ich habe auch meine Oma getroffen. Mein Uroma starb ein Jahr vor meinem Besuch. Sie war eine sehr berühmte Sängerin und Schauspielerin. Sie hat während der türkischen Besatzung im Untergrund Musik für die Rebellen gemacht.

Hast du mit deiner Mutter gesungen?

Ja, wir haben zusammen gesungen. Keine Show, einfach nur so.

Dein Name Simrit ist keiner, den dir deine leibliche Mutter oder deine Adoptiveltern gegeben haben. Was bedeutet er?

Simrit ist der Name, den mir Yogi Bhajan gegeben hat. Er bedeutet: ständige Erinnerung an Gott, mit jedem Atemzug.

Yogi Bhajan war der Begründer der 3HO-Bewegung und damit des Kundalini-Yoga, wie wir es heute in der westlichen Welt kennen. In den letzten Jahren gab es schwerwiegende Vorwürfe gegen ihn, es ging um Manipulation und Machtmissbrauch. Wie stehst du dazu?

Mein Name Simrit ist nichts, was ich mit Yogi Bhajan in Verbindung bringe, auch wenn er mir den Namen gegeben hat. Ich habe ihn nie persönlich getroffen. Mein Name berührt mich und ich empfinde ihn als natürlich. So einfach ist das für mich.

Um was geht es in deinem letzten Album inhaltlich?

Es geht um Veränderungen im Leben und den Wunsch, das Leben zu genießen. Während der Pandemie ist mir klar geworden, dass ich einige ungute Kompromisse eingegangen bin. Ich war erschöpft, weil ich mir zu wenig zugestanden habe, dass es in Ordnung ist, glücklich zu sein, bestimmte Gefühle zu haben und Dinge zu tun. Die Zeit zu Hause hat mir bewusst gemacht, was wirklich wichtig für mich ist, worin das eigentliche „Gold“ liegt.

Und was ist das?

Mich weniger zu sorgen und mich nicht für die Gefühle, das Glück und den Erfolg aller anderen verantwortlich zu fühlen. Ich habe erkannt, dass ich die Last anderer Menschen trage. Es war meine Entscheidung. Aber es war mir nicht bewusst, dass ich das getan habe. Und es hat mir geschadet. Weißt du, was ich meine?

Ging es um deine Familie?

Familie, Freunde … Ich habe erkannt, dass ich mehr auf mich achten muss. Es ist in Ordnung, einfach nur „ich“ zu sein. Das war eine große Veränderung im Laufe der Pandemie. Viele Songs stammen aus dieser Zeit. Eines der Lieder heißt „Live fully“. Es handelt davon, dass ich das einfach tun möchte: aus dem Vollen schöpfen, das Leben genießen.

Bisher hast du vor allem Mantras aus der Kundalini-Tradition gesungen, die in Gurmukhi überliefert sind, der alten rituellen Schrift der Sikhs. Was bedeutet das für dich?

Ich singe immer etwas in Gurmukhi, ich liebe es. Wenn ich ein Mantra singe, versetzt es mich in eine andere Stimmung. Mit dem Wiederholen von Worten bekommt man den Kopf frei.

Findest du es wichtig, dass wir in der modernen, westlichen Welt diese alten Techniken üben?

Weißt du, Mantras sind ein wirklich wirksames Mittel, um den denkenden Geist zu umgehen. Sie räumen die Unordnung im Kopf auf, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Mantras helfen, das Gehirn neu zu vernetzen. Wir bleiben dann nicht im Kopf stecken, sondern sind in unserem ganzen Körper, in unserem Herzen. Das allein ist so heilsam. Dann spüren wir, wie Energie und Liebe im Körper fließen.

Welches ist dein Lieblingsmantra?

Oh Gott, ich mag so viele. Sat Narayan ist einer meiner Favoriten. Es wird gechantet, um inneren Frieden herzustellen. Das hilft uns, auch nach außen Frieden zu projizieren.

Du hast auch schon in Yogaklassen gesungen. Welche Musik würdest du Yogalehrenden für ihren Unterricht empfehlen?

Erschaffe eine Atmosphäre, in der Menschen meditieren können, aber spiel dennoch Musik mit einem starken Vibe. In der Yogawelt gibt es viele Songs ohne Ecken und Kanten, oberflächlich und kitschig. Das ist nicht so mein Ding. Für mich braucht es einen „edge“, eine Subs-tanz, Tiefe, Mystik. Du kannst nicht genau sagen, was es ist. Aber es ist gewaltig.

Simrit Kaur

wuchs in einer griechischen Adoptivfamilie in den USA auf.
Die orthodoxe Kirchenmusik hat sie ebenso geprägt wie
Roots und Reggae – doch international bekannt wurde sie mit den
Mantras des Kundalini-Yoga.

Mehr Infos über Simrit Kaur auf ihrer Website simritkaurmusic.com


Angelika Ahrens hat dieses Interview geführt. Als Fernsehjournalistin hat sie in Österreich Karriere gemacht – und sehr viel Stress erlebt. Yoga, Qi-Gong und Meditation haben ihr zurück in die Balance geholfen. Davon handelt ihr Buch „Belastbar und fit“. Sie lebt in New York. Mehr Infos über Angelika Ahrens findest du auf ihrer Website angelikaahrens.com.


Du möchtest mehr über Mantras erfahren? Dann legen wir dir diese Podcast-Folge ans Herz:

#107 Innere Umarmung: Yin Yoga-Praxis für Selbstliebe – mit Ranja Weis

Spüre in deinen Herzraum und stärke die Verbindung zu dir selbst

Yin Yoga ist eine sanfte, meditative Praxis, die darauf abzielt, zu tiefer Entspannung und einem ruhigen Geist zu finden. Die Positionen werden länger gehalten, wodurch die tiefen Schichten des Bindegewebes, der Bänder und Gelenke angesprochen werden. So können sowohl physische als auch emotionale Spannungen gelöst werden.

In dieser Folge „YogaWorld Podcast“ führt dich Ranja Weis durch eine kurze Yin Yoga-Praxis zum Thema „Selbstliebe“. Man könnte sagen, dass Yin Yoga an sich schon ein Akt der Selbstliebe ist. Denn indem du dir Zeit nimmst, achtsam in die einzelnen Haltungen einzutauchen und dabei deine Grenzen zu wahren, schenkst du dir selbst eine große Portion Aufmerksamkeit und Fürsorge. Ranja arbeitet darüber hinaus gezielt mit Asanas, Textzeilen, Denkanstößen und Visualisierungen, die dich auf dem Weg zu einer stärkeren und innigen Verbindung zu dir selbst unterstützen können.

Diese wohltuende Seitbeuge über dem Bolster übst du in dieser Folge mit Ranja Weis.

Die Münchner Yogalehrerin unterrichtet seit einigen Jahren Yoga mit dem Schwerpunkt Yin Yoga und Yoga Nidra. Für sie ist Yoga ein Weg zu mehr Bewusstsein, zur Fähigkeit, sich selbst und andere jenseits von Konzepten und Bewertungen wahrzunehmen und zu spüren, dass alles miteinander in Verbindung steht: „Das führt nicht zwangsläufig sofort zur ‚Erleuchtung‘, aber in jedem Fall zu mehr Toleranz, Mitgefühl und (Selbst-)Liebe.“

Wir wünschen dir viel Freude bei der Praxis!

Du möchtest mehr über Yin Yoga erfahren? Dann höre dir die Podcast-Folge #7 an, in der Ranja bereits zu Gast war.

Dies.Das.Asanas mit Jelena Lieberberg: Der bescheidene Held

Der Bescheidene Heldensitz: Ardha Supta Virasana

Himmlische Entspannung statt heldenhafter Kraft – das ist die Idee von Supta Virasana. Warum diese Haltung trotzdem einen Helden im Namen trägt und wie du dich an sie annäherst, erfährst du hier.

Text: Jelena Lieberberg / Foto: Gordon Schirmer

Virasana, der „Heldensitz“ ist eine der bekanntesten Sitzhaltungen im Yoga. Vor allem in Kombination mit einem Kissen oder Bänkchen wird sie auch häufig für die Meditation verwendet – eine super Alternative für alle, die nicht gut mit gekreuzten Beinen sitzen können. Dabei fragt man sich natürlich, warum eine im Vergleich zu Lotos oder Sukhasana bequemere Haltung diesen heldenhaften Namen trägt?

Angeblich hängt das mit der Geschichte des Affengottes Hanuman zusammen: Auf seiner gefährlichen Reise zur Befreiung von Ramas Frau Sita soll er in dieser Position niedergekniet sein, um zu beten. Dabei bat er um die Gnade, das Unmögliche zu vollbringen – und vergaß völlig, dass er dank seiner übernatürlichen Fähigkeiten längst dazu in der Lage war. Es ist dieser bescheidene Held, der seine Göttlichkeit vergisst und stattdessen ganz auf seinen Glauben vertraut, den wir in Virasana nachahmen.

Supta Virasana ist eine fortgeschrittenere Variante, denn in der aus der Sitzhaltung entwickelten Rückenlage wird die Körpervorderseite, vor allem Oberschenkel, Leisten, Bauchdecke und die darin enthaltenen Organe, intensiv gedehnt. Auch der Herzraum weitet sich und die Dehnung des Quadriceps kann die Beweglichkeit der Knie auf heilsame Art verbessern – allerdings ist sie nicht für alle und zu jedem Zeitpunkt das Richtige.

Lies auch: Dr. Ronald Steiner: 3 Übungen für starke Knie

In der hier gezeigten einbeinigen Variante Ardha Supta Virasana fällt es leichter, dich behutsam an die intensive Dehnung heranzutasten und dabei gut auf die Signale deines Körpers zu achten. Erst indem du erkennst, was für dich funktioniert und was nicht, und indem du deine Praxis wie Hanuman an dieser inneren Weisheit der Bescheidenheit ausrichtest, verwandelt sie sich von einem rein physischen Training in Yoga.

Jelena Lieberberg Der bescheidene Held
„Der bescheidene Held“: Ardha Supta Virasana

Macht das Spaß?

Auf jeden Fall! Vor allem das langsame Herantasten vom Sitzen in die Rückenlage ist eine kleine Forschungsreise. Sei dabei neugierig und achtsam.

Muss ich das können?

Nach Verletzungen der Wirbelsäule, Hüften, Knie oder Fußgelenke sollte man diese Position nur im Sitzen und nicht zurückgelehnt üben. Aber auch für alle anderen gilt: Sobald das Knie spannt, musst du den Rückwärtsgang einlegen.

Was muss ich dafür tun?

Deinen Körper auf den Helden vorzubereiten, wird es dir ermöglichen, ihn wirklich genießen und länger halten zu können. Wärme dich dafür mit Sonnengrüßen auf, mobilisiere deine Wirbelsäule sanft mit dem dynamischen Wechsel aus Katze und Kuh. Krieger 1 und 2 und die tiefe Hocke bereiten zudem Hüften, Beine und Füße vor.

Step by step

1. Setze dich mit nach vorn ausgestreckten Beinen mittig auf deine Matte (Dandasana). Dann winkle das linke Knie an und ziehe die linke Ferse dicht an die Sitzfläche.

2. Greife deine linke Wade mit der linken Hand und rolle sie nach außen, um deinen linken Unterschenkel möglichst dicht heranzuziehen. Halte Ober- und Unterschenkel in dieser festen Verbindung, wenn du dich nun auf deine rechte Hand stützt und zur Seite lehnst, um das linke Schienbein am Boden abzulegen. Dabei sollte die Fußsohle nach oben und der Fußrücken möglichst gerade nach hinten zeigen. Die Oberschenkel sind nicht breiter als hüftbreit voneinander entfernt.

3. Bleibe einen Moment in dieser Position: Atme bewusst, richte die Wirbelsäule auf und lasse beide Sitzknochen sinken. Wenn es im linken Knie spannt und/oder das Knie in der Luft schwebt, solltest du die Haltung variieren, indem du dich erhöht setzt.

4. Nur wenn der halbe Heldensitz völlig ohne Schmerz und Spannung möglich ist, beginnst du nun, dich in vier Schritten Richtung Rückenlage zu bewegen. Bleibe dabei in jedem Schritt mindestens 5 Atemzüge und gehe nur so tief, wie es dir heute gut möglich ist.

  • Als erstes setzt du die Hände hinter dich, hebst den Po, versetzt die Sitzknochen etwas nach vorn und kippst dein Becken nach hinten. Spüre die Dehnung im Oberschenkel.
  • Wenn noch mehr geht, setzt du einen Ellenbogen nach dem anderen auf der Matte ab. Auch hier lässt du dir Zeit und spürst gut hin.
  • Falls du bereit bist, lässt du als nächstes die Hände nach außen gleiten und legst behutsam Schultern und Kopf auf der Matte ab.
  • Wenn du dich auch hier wohl fühlst, nimmst du zusätzlich deine Arme über den Kopf.

5. Richte dich behutsam wieder auf und halte erneut Ober- und Unterschenkel dicht geschlossen, wenn du dich zur Seite lehnst und die Beinhaltung auflöst. Dann wiederhole das Ganze auf der anderen Seite.


JELENA LIEBERBERG ist Osteopathin und Yogacoach in Berlin. Ihre eBooks, Retreats und Workshops findest du unter kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.


Schon gelesen? In ihrer letzten Kolumne brachte Jelena Lieberberg behutsam Bewegung in die Krähe:

Rezept: Chapatis mit Rucola und Kichererbsen

Rezept für Chapati mit Sprossen, Yoga Kochbuch
Sooooo lecker: Rezept für Chapati mit Sprossen und Avocado /Foto: Thomas Dhellemmes

Wenn du gerade überlegst, wie du deine selbst gezogenen Sprossen und Kräuter aufs Leckerste zubereiten könntest: Wir haben genau das richtige Rezept für dich! Kleine Chapatis, indische Fladenbrote, mit sommerlich-frischem Belag, der mega lecker schmeckt und nebenbei ganz schön gesund ist. Unbedingt ausprobieren!

FÜR 8–12 CHAPATIS | CA. 35 MINUTEN

Für die Chapatis:
220 g Mehl Type 1050
1 EL geschmolzenes Ghee
1 TL nicht raffiniertes Meersalz

Für den Belag:
1 EL Ghee
200 g gekochte, abgetropfte Kichererbsen
1 TL Zimtpulver
2 Handvoll Rucola, gewaschen
2 reife Avocados, Fruchtfleisch in Scheiben geschnitten
2 Handvoll gekeimte Alfalfa-Sprossen
2 Wassermelonenrettiche, geschält, in Scheiben geschnitten

Für die Sauce:
1 TL Sesammus
1⁄2 Limette oder Zitrone, ausgepresst
4 EL Olivenöl
1 Prise frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
1⁄2 Rote Bete, fein gerieben

Und so bereitest du die leckeren Mini-Fladenbrote zu:

1. Erst vermischst du die Zutaten für die Chapatis in einer Teigschüssel und fügst so viel Wasser hinzu, dass du daraus einen geschmeidigen Teig kneten kannst, der sich von den Fingern löst. Forme den Teig zu Kugeln von etwa 5 cm Durchmesser und rolle daraus auf einer bemehlten Arbeitsfläche dünne Fladen aus. Backe die Fladen nacheinander in einer sehr heißen Pfanne ohne Fett. 2 Minuten pro Seite genügen.

2. Zerlasse das Ghee für den Belag in einer Pfanne und brate darin die Kichererbsen mit dem Zimt bei starker Hitze goldbraun. Verquirle die Zutaten für die Sauce (nicht abgebildet).

3. Gib auf jedes Chapati etwas Rucola, Avocadoscheiben, Sprossen, Kichererbsen, Rettichscheiben und einen Klecks Sauce -und jetzt? Einfach nur noch genießen.

Das Yoga Kochbuch von Garlone Bardel

Dieses leckere Rezept stammt von GARLONE BARDEL. Sie ist eine französische Stylistin, leidenschaftliche Köchin und Yogalehrerin. In ihrem „Yoga-Kochbuch“ hat sie die Prinzipien der yogischen Ernährungen mit denen der ayurvedischen Medizin und der modernen westlichen Vitalküche verbunden. Das Ergebnis: Geschmack, Fröhlichkeit und Energie! Und eine Extraportion Farbe auf dem Teller.

#106 Die heilende Kraft der Klänge – mit Lisa Schuster

Die positiven Effekte von Sound Healing aus wissenschaftlicher Sicht

In dieser Folge „YogaWorld Podcast“ will unsere Moderatorin Susanne Mors mehr über die faszinierende Welt der Klänge und ihr heilendes Potenzial erfahren. Dazu spricht sie mit Yogalehrerin und Ärztin Lisa Schuster. Lisa hat sich auf Sound Healing spezialisiert und beleuchtet das Thema sowohl aus der wissenschaftlichen Perspektive als auch aus spiritueller Sicht.

Lisa erklärt, wie Klänge unseren Körper und Geist beeinflussen und gibt Einblicke in die Unterschiede zwischen Sound Meditation und herkömmlicher Meditation. Sie zeigt auf, wie die Grundfrequenz der Erde und Klangschwingungen auf unseren Körper wirken und warum Instrumente aus Naturmaterialien eine besondere Bedeutung haben. Erfahre, wie Klangschalen und andere Soundhealing-Instrumente in die Yogapraxis integriert werden können, um Stress abzubauen und den Energiefluss zu fördern. Lisa teilt praktische Tipps, wie man sich dem Sound Healing annähern kann, und berichtet von einem berührenden Moment in ihrem Leben, als die transformative Kraft der Klänge für sie wirksam wurde.

Von Klangschalen über binaurale Beats bis hin zur eigenen Stimme: Tauche ein in die Welt der Klänge und erfahre, wie sie deine Meditation vertiefen, deine Selbstheilungskräfte aktivieren und dein Wohlbefinden steigern können.

Der Sponsor der Folge ist NEUE WEGE Reisen (www.neuewege.com). Mit dem Stichwort „yogaworld“, erhältst du 50 Euro Rabatt auf deine erste Buchung!

Weibliche Spiritualität im Yoga

Frauen auf einem Bett Women Circle Weibliche Spiritualität
Foto von Elly Fairytale von Pexels

Ist weibliche Spiritualität das Gegenstück zur männlichen Praxis? Seit jeher prägten spirituelle Traditionen die Gesellschaft. Aber welche Rolle spielt die weibliche Spiritualität? Was macht die weibliche Übermacht mit Yoga? Und welche Chancen stecken darin?

Text: Diana Krebs, Fotos: Elly Fairytale via Pexels

Die Gesellschaft wurde von der männlichen spirituellen Erfahrung geformt. Das machte den Zugang zum Spirituellen exklusiv. Die Erfahrungen von Frauen, Kindern und Bedürftigen werden ausgeklammert. „Aber es gab doch Frauen, die spirituelle Traditionen mitgestalteten?“ – Durften sie dabei ihre eigenen Erfahrungswerte einbringen? Oder wurden ihre ­Erfahrungen gering geschätzt?

Frauen spielten in Religion und Spiritualität stets eine Rolle. Die katholische Kirche hat mit Maria einen geschickten Schachzug vollzogen. Schließlich ist Maria eine gute Identifikationsfigur. Frau, Mutter und Leidende. Aber das Konzept täuscht es doch darüber hinweg, dass sie selbst keine Göttin ist. Sie ist heilig, aber nicht göttlich. In der christlichen Lehre ist die Erlöserrolle klar verteilt. Maria ist die Trostspenderin, auch wenn sie bei ihren Verehrerinnen mehr als das ist. Damit die Frau in der katholischen Kirche sich nicht zu wichtig nimmt, wurde noch ein Haken eingebaut. Die unbefleckte ­Empfängnis. Maria wird damit die Körperlichkeit abgesprochen. Ein frauenfeindlicher Zug und ein wichtiges Merkmal des Monotheistismus. Weder kann man als Frau im Christentum die volle Menschlichkeit erlangen. Noch wird man wegen Empfängnis geschätzt.

Yoginis auf dem Vormarsch

Die Partizipation, die Frauen in den meisten spirituellen Traditionen untersagt blieb, ist im Yoga scheinbar vorhanden. Die Praktizierenden und Lehrerinnen sind überwiegend weiblich. Die Yoginis geben dem Yoga ein neues Gesicht. Doch gibt es einen Vormarsch einer weiblichen Spiritualität? Und was ist weibliche Spiritualität?

Wie sieht eigentlich das Leben einer durchschnittlichen Yogini aus? Das ist vollkommen unterschiedlich. Die eine lebt in der Stadt, die andere auf dem Land. Die eine hat Kinder, die andere keine. So lässt sich das unendlich weiterführen. Frauen sind auf den gleichen Bühnen wie ihre männlichen Kollegen. Das Einzige, was sie eint, ist vermutlich folgende Tatsache. Sie haben sich bislang nicht von der Außenwelt zurückgezogen. Sie alle sind tagtäglich dem Alltags konfrontiert. Diese Erfahrungen werden im spirituellen Kontext kaum thematisiert. Lama Christie McNally ist eine der wenigen weiblichen westlichen Lamas. Gerade erst hat sie ein dreijähriges Schweige-Retreat in der Wüste Arizonas beendet und sprach in Berlin und München über ihre Erfahrungen. Vorab kaufte ich mir „Das tibetische Buch der Meditation“ über die Formen der Meditation. Beim Lesen ihres Buches stelle ich fest. Im Grunde ist sie eine ganz normale Suchende. Nur hat sie diese Suche etwas ernster genommen. Ihr Vortrag ist interessant.

Extreme Erfahrungen

Aber was haben die spirituellen Erkenntnisse durch dreijährigen Rückzug in die Wüste mit mir zu tun? Sind meine Erfahrungen als Frau, Mutter, Tochter, als Teil der Gesellschaft, politisch Aktive, weibliche Arbeitskraft und beste Freundin nicht spirituell? Ich finde es tief beeindruckend, dass sie sich drei Jahre lang in die Wüste zurückzieht, um mich ­später mit ihrer ­bloßen ­Präsenz zu faszinieren. Allerdings hilft mir das nicht weiter. Denn ich sehe meine Erfahrungen als Teil der Gesellschaft nirgends widergespiegelt. Sollen die Belehrungen von allen, die sich längere ­Zeit zurückziehen, diejenigen sein, die ich für meinen Alltag benötige?

Ich suche also weiter nach Identifikationsfiguren. Mir fallen meine Großmutter und sämtliche Frauen meiner Familie ein. Meine Großmutter war eine unglaubliche Frau, die sich während des Zweiten Weltkriegs um einen Bauernhof und drei kleine Kinder kümmerte. Später pflegte sie ihren an den Rollstuhl gebundenen Ehemann. Sie war eine kleine Person von nicht mal 1,60 Metern. Ihr Ehemann war doppelt so groß und schwer. Doch sie wuchtete ihn in den Rollstuhl, von dort auf die Toilette und abends wieder ins Ehebett. Und jeden Tag dankte sie ihrem Schöpfer für ihr Leben. Sie war bis ins hohe Alter fit. Nur ihren Hausschlüssel verlegte sie ab und zu. Wenn sie ihn wieder einmal suchte, dann legte sie einfach eine Pause ein und sagte. „Herr Jesus, du weißt, wo sich mein Schlüssel befindet. Bitte zeige mir, wo er liegt.“ Selbstredend, dass jeder Schlüssel wieder auftauchte. Sie ist die spirituellste Frau, die mir je begegnet ist.

Der Alltag zählt

Weibliche Spiritualität Frau Himmelbett Gemeinschaft

Damit möchte ich die Erkenntnisse von Lama Christie nicht abwerten. Nur sind die Erfahrungen meiner Großmutter nie aufgewertet oder als spirituell betrachtet worden. Doch es sind diese Erfahrungen, die die andere Hälfte der Menschheit gemacht hat. Während die Männer das Leben bestritten und daraus Lehren ableiteten. Es sind die Praktiken der Männer, die im Christentum oder im Yoga Bedeutung hatten. Früher beruhte Spiritualität auf den Erfahrungen der „ausgezogenen“ Männer. Wenn wir von einer weiblichen Spiritualität sprechen, dann von einer der „Daheimgebliebenen“. Was kennzeichnet eine weibliche Spiritualität im Yoga? In ihrem sehr spannenden Buch „Yogini – The Power of Women in Yoga“ gibt Janice Gates eine Übersicht, wie Frauen Einfluss auf die Yogaphilosophie genommen haben. Und es noch immer tun.

Die Verbannung der Frau aus dem Yoga

Die ersten yogischen Zeugnisse belegen, dass Frauen eine aktive Rolle im spirituellen Kontext einnahmen. Sie waren dabei nicht ausgeschlossen, sondern wurden gleichgesetzt mit Fruchtbarkeit, Wachstum, Überfluss und Wohlstand. Im frühen Yoga, etwa 2600 bis 1600 v. Chr., gab es keine Trennung zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen. Auch die heiligen Schriften weisen darauf hin, dass eine weibliche Göttin ebenso wichtig war wie ein männlicher. Frauen waren dabei als Lehrerinnen, Priesterinnen und Heilige wichtiger Bestandteil. Sie waren aktiv involviert und gleichberechtigt.

Aber wie in den meisten Traditionen wurden sie auch im Yoga aus diesem Bereich verbannt. Der Brahmanismus (etwa 900 bis 600 v. Chr.), der zu Hinduismus und dem Kastenwesen führte, leistete der patriarchalen Spiritualität Vorschub. Frauen wurden in der vedischen Gesellschaft zunehmend als unrein betrachtet. Weibliches wie Menstruation, Schwangerschaft und Geburt bedrohten die brahmanischen Priester.

Ein Gleichgewicht?

Die Upanishaden verschoben den Fokus von den exklusiven Ritualen der Brahmanen hin zur inneren Spiritualität. Doch erst mit der Bhagavad Gita wurde den Frauen der Wiedereintritt gewährt. Darin ist zu lesen, jeder könne am spirituellen Leben teilhaben und es mitgestalten. Zwar betonte die Bhagavad Gita nach wie vor Jnana Yoga, das Yoga des Wissens. Das Besondere aber war die dargestellte Verbindung zwischen spiritueller Praxis und Alltagsleben durch Karma und Bhakti Yoga. Für Erleuchtung war nicht der Rückzug nötig, sondern genau das Gegenteil. Was war spirituell und was nicht? Das entschieden nicht länger die Priester, die sich auf ihre einseitig männlichen ­Erfahrungen beriefen und diese als universell verkauften.

Auch Patanjalis Yoga-Sutren stärken das Bhakti Yoga und damit das Weibliche. Mit dem Tantra war schließlich auch die spirituelle Wiedergeburt der Frau möglich. Tantra stand im Gegensatz zu den Lehren der Brahmanen. Der Körper war nicht mehr Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung. Sondern vielmehr eine Manifestation von Shakti, der göttlich-femininen Kraft. Der Körper wurde als Vehikel auf dem Weg zur Erleuchtung betrachtet. „Diese revolutionäre Spiritualität lehrte, dass Erleuchtung nirgendwo anders erlangt wird als im Hier und Jetzt“. So Gates in ihrem Buch. Tantra wurde dann zum Vorläufer des Hatha Yoga.

Frauen prägen das Bild des zeitgenössischen Yoga

Gates‘ Buch über das Wirken dieser außergewöhnlichen Frauen zeigt. Weiblichkeit ist nicht an einer Sache festzumachen. Sondern an einer Vielfalt von Erfahrungen. Die Alltagserlebnisse bilden dabei die Basis ihres Yogaunterrichts. Wie etwa Schwangerschaft und Geburt. Oder Angela Farmer, die ihren Körper nicht in starren Yogahaltungen gefangen sehen wollte. Oder Sharon Gannon, die den Unterschied zwischen Demut und Erniedrigung aufzeigen möchte. Da im Yoga ein Oberhaupt fehlt, können Frauen hier mit Spiritualität experimentieren. Denn ihre (Alltags-)Erfahrungen unterscheiden sich von den männlichen. Im Yoga kann eine Geschlechterdemokratie gelebt werden, wie sonst kaum in spirituell-philosophischen Kreisen.

Lehrerinnen wie Indra Devi waren Wegbereiterinnen für ein neues Yoga. Sie bringen weibliche Erfahrungen ein. Viele weibliche Stimmen sind verloren, weil sie als unwürdig galten. Die Frauen agierten am Rand. Sie hielten die Gemeinschaft zusammen, kochten und kümmerten sich um Kinder und Alte. Diese Erfahrungen allerdings kommen in den heiligen Schriften nicht vor. Sie waren Gegenteil zu Sakral-Männlichen. Dabei sollten wir unsere Erfahrungen selbstverständlich einbringen. Denn jeder Augenblick ist heilig. Weibliche Spiritualität ist Alltagsspiritualität.

Yoga als Alternative, Weiblichkeit zu leben

Lass uns beginnen, das aufzuschreiben und auszulegen. Und die bestehenden Schriften mit unseren Erfahrungen interpretieren. Doch wie soll das funktionieren? Was ist am morgendlichen Gedrängel in der U-Bahn yogisch-spirituell? Daraus kann man eine Menge herausholen! Wir können darüber schreiben. Wir können uns diese Erfahrungen mit der Yogaphilosophie ansehen. Denn die wenigsten werden sich länger meditativ zurückziehen. Weil die Yoga uns menschliche Ganzheit bietet. Was viele Feministinnen im Christentum vermissen, ist das A und O im Yoga.

Weibliche Spiritualität Schwestern Frauenkreis
Foto von Elly Fairytale von Pexels

Weibliche Spiritualität birgt tiefe Veränderung. Sie trägt zudem einen revolutionären Geist. Außerdem spricht sie wütend und liebevoll bisher verschwiegenes aus. Sie passt in kein Schema. Davon profitieren auch die Männer. Weiblichkeit ist so vielfältig und wandelbar wie Frauen selbst. Davon profitiert jede spirituelle Praxis. Wenn sie den Mut hat, undogmatische Vielfalt anzuerkennen. Hört sich ­irgendwie nach Yoga an, oder?

Die Bhagavad Gita: Ein Krieger auf der Suche nach Frieden

Bhagavad Gita
Bhagavad Gita Illustration: © Reedes/Images via Canva

Anstatt zum Kampf zu blasen, bricht ein Heerführer voller Angst und Zweifel zusammen. Was wie ein militärischer Skandal anmutet, ist der Beginn der Bhagavad Gita – einem der wichtigsten spirituellen Texte des Hinduismus und des Yoga. Seine zentrale Frage lautet: Wie erlangen wir Frieden?

Text: Sybille Schlegel, Titelbild: reddees Images via Canva

Er ist der beste aller Bogenschützen. Beliebt, bewundert, begeisternd. Er ist der Beschützer der Armen und ungerecht Behandelten. Er strahlt, er strotzt vor Energie, er ist unzweifelhaft ein Held. Er heißt Arjuna: der „Silberstreif am Horizont“.

Im großen Epos Indiens, dem Mahabharata, erleben Arjuna und seine Brüder verschiedene Abenteuer, beginnend mit einem verlorenen, weil gezinkten, Würfelspiel: Yudhisthira („der Kampferprobte“) verliert dabei seinen Anspruch auf den Thron an seinen missgünstigen Cousin, Duryodhana („den Falschkämpfenden“). Nomen sunt Omen: Die Geschichte beschreibt den Kampf des Guten gegen das Böse, des Lichts gegen die Dunkelheit, der Pandavas („die Weißen“, Familie Arjunas) gegen die Kauravas (die Familie Duryodhanas). Es ist ein ungleicher Kampf: Das Gute ist in der Unterzahl und doch ist es das Karma der Brüder, den Weg der Gerechtigkeit zu gehen.

Die Arjuna-Situation

In den der Bhagavad Gita vorangehenden Kapiteln des Mahabharata wird Arjuna zu einem Helden stilisiert. Er zeichnet sich ebenso durch seinen unnachahmlichen Fokus beim Bogenschießen aus wie durch seine Moralität im Kampf für das Gute. Zu Beginn des sechsten Kapitels stehen sich dann endlich beide Seiten auf dem Schlachtfeld gegenüber: Der Erzähler berichtet von den würdigen Kriegern beider Seiten, er beschreibt, wie sie sich, zum Losschlagen bereit, gegenüberstehen. Man kann es sich lebhaft vorstellen: Das Schnauben und Stampfen der Pferde, jemand hustet, der Wind pfeift leise. Sonst Stille, die Ruhe vor dem Sturm.

Arjuna lässt den Wagenlenker vor seine aufgereihten Mannen fahren. Der Wagen stoppt. Alle halten den Atem an. Gleich wird Arjuna auf seinem Muschelhorn zum Angriff blasen … So weit, so Braveheart. Doch was dann passiert, ist ein hollywoodreifer Clou: Der Held bricht zusammen! Zitternd, blass und voller Zweifel klagt er dem Wagenlenker sein Leid, also demjenigen, der ihn in die gewünschte Richtung leiten soll.

DIE GITA AUF
EINEN BLICK

* Kapitel VI des Epos Mahabharata

* 18 Gesänge


* Dialog zwischen Schüler und Lehrer

* Vier Yogawege:

Jnana Yoga, der Yoga der Erkenntnis
Raja Yoga, der Yoga der Meditation
Karma Yoga, der Yoga der Tat
Bhakti Yoga, der Yoga der Liebe
(Oft werden auch nur drei Wege genannt,
die Meditation wird ausgenommen als Technik für Jnana.)

Ein moralisches Dilemma

Arjuna hat das Gefühl, dass egal, was er auch anstrebt, falsch ist: Kämpft er, tötet er seine Verwandten und Freunde, was seiner Ehre als Krieger entgegensteht, der doch seine Familie beschützen sollte. Kämpft er dagegen nicht und lässt den „bösen“ Kauravas den Sieg, so handelt er entgegen seiner Pflicht, denn ein Krieger ist in der Standesgesellschaft des alten Indiens nun mal zum Kämpfen da.

Ein klassisches Dilemma, aus dem er keinen Ausweg sieht. Sein Geist wirbelt wie ein entfesselter Sturm. Alles, was Arjuna jetzt will, ist Frieden: „Sag mir, was ich tun soll,“ fleht er seinen Wagenlenker an. „Ich bin dein Schüler!“

Die Weisheit weist den Weg

Arjuna fragt allerdings nicht irgendwen: Sein Wagenlenker ist der Gott Krishna. Bisher einer seiner Jungs, einer, mit dem man durch dick und dünn gehen kann. Jetzt zeigt sich, dass Krishna über wahre Weisheit verfügt. Denn anstatt in Arjunas Lamento einzustimmen, hört er sich dessen Problem an und lächelt. Lächelt? Es ist ein wissendes Lächeln, wie das einer Mutter, deren Kleinkind das Ende der Welt in einem zerbrochenen Keks fühlt.

Krishna
Gott Krishna Illustration: © Cascoly via Canva

Sie lächelt, weil sie weiß, es geht vorbei, es ist nicht das Ende, es ist das, was es ist – und das Kind wird es lernen. Krishna lächelt, weil er sieht, dass sein Freund in seinem Leid und durch sein Leid genau an dem Punkt ist, an dem er lernen und wachsen, selbst weiser werden kann.

An dieser Stelle der Erzählung beginnt die eigentliche Lehre der Bhagavad Gita und wir tun gut daran, zuzuhören. Denn natürlich sind wir in gewisser Weise wie Arjuna: Wir kennen Leid und suchen inneren Frieden. So kann die Bhagavad Gita auch für uns zu dem werden, was sie schon für Johann Wolfgang von Goethe war: ein Text, der unser Leben maßgeblich beeinflusst.

Jnana Yoga: Erkennen, was wirklich ist

Zurück zu Arjuna: Sein Problem ist nicht wirklich der Kampf, sein Problem ist die Unruhe seines Geistes. Der Geist ist es, der ein Problem verkündet hat: kämpfen oder nicht kämpfen? Und er kann keine Lösung finden. Einerseits, andererseits, aber, jedoch, oder… Man kennt das. Die Nadel hängt im Kratzer der Dualität und wiederholt wirbelnd, einsaugend und einnehmend, was man nicht hören will. Ach, Geist, wenn du doch mal die Klappe halten würdest!

Krishna weiß den Ausweg: den Weg nach innen. Krish bedeutet auf Sanskrit nach innen ziehen oder in die eigene Kraft ziehen. Krishna ist also einer, der die Energie, die nach innen, in die Quelle der eigenen Kraft führt. Und gleichzeitig ist er selbst das Innerste und die Kraft, wie er Arjuna im 9. Gesang erklärt. Weg und Ziel. Einheit.

Der Dialog beginnt – etwas unüblich für einen Yogatext – mit dem Thema Tod. Arjunas Furcht, sich mit dem Töten der Gegner Schuld aufzuladen, hat ja schließlich sein Dilemma mit ausgelöst. Krishna versucht, ihm das Unerklärliche zu erklären: Die ewige Seele (Atman) ist das, was ewig und damit einzig wirklich ist. Alles andere ist im Prozess des Kommens und Gehens befindlich und dadurch nur temporär existent. Dieses Temporäre ist nach Krishnas Ausführungen aber nicht „wirklich“. Demnach kann Arjuna nur die temporären Körper töten, niemals aber den wahren Kern des Seins.

Es hilft hier, den Blick von der erzählten Geschichte auf die Symbolebene zu heben: Es geht hier nicht so sehr um die Frage „Töten oder nicht töten?“, sondern eigentlich um das Wesen des Seins und der Existenz. Um Purusha (Geist, Essenz) und Prakriti (Materie, Natur), um den Tanz von Shiva und Shakti. Wer das Wesentliche erkennt, wird frei von Angst und Kummer. Aber so einfach ist das nicht: weder für Arjuna noch für uns …

Raja Yoga: Meditieren bis zum Eins-Sein

Unruhe verschwindet in der Präsenz der Ruhe. Angst in der Gegenwart der Liebe. Leid in „dem Moment, in dem man nichts vermisst“, wie Sri Brahmananda Sarasvati den Begriff Yoga oft definiert hat. Krishna weist Arjuna an, zu meditieren: sitzend auf einem Haufen Kuhu-Gras, die Nase zur Brust gesenkt, äußerlich bewegungslos, innerlich still. So, sagt er, kann er in sich spüren, was eins ist, der Ursprung von allem, das existiert und in allem enthalten ist. Brahman, Atman, Purusha, Shiva, Krishna – die Yogaquellen kennen viele Namen, aber der Name ist irrelevant, die Realisierung des Einen ist ausschlaggebend.

Denn dann kann Arjuna erkennen, dass sein Problem ein Problem des Geistes ist, der alles in Gegensatzpaare ordnet, gemäß seiner dualen Art. Dass alles kommt und alles geht. Das Wesen der Existenz im Unterschied zum Wesen des Seins, das ewig ist. Arjuna gefällt, dass es etwas gibt, das er tun kann. Als Angehöriger des Kriegerstands ist ihm Handeln näher als Kontemplation. Realistisch wie er ist, weist er Krishna darauf hin, dass er in seinem Alltag, zumal aktuell auf einem Streitwagen inmitten zweier aufgestellter Heere sitzend, wenig Raum hat für langwierige Meditationen.

Und wer kennt das nicht? Auch wenn bei den meisten der Kampfplatz aus Arbeitsstelle, Familie, Urlaubsplanung, Karriere-Überlegungen, Hausputz etc. besteht … Gibt es noch eine andere Möglichkeit, fragt er seinen Freund?

Karma Yoga: Handeln im Jetzt

Es gibt sie. Die Praxis für alle, die keine Zeit für Praxis haben. Die mitten im Leben stehen, auf ihrem individuellen Schlachtfeld. Tu, was du tun musst, sagt Krishna. Aber kümmere dich nicht um das Ergebnis. Diese Stelle triggert uns zur Verantwortung und Effizienz erzogenen modernen Menschen doch sehr: Ist ergebnis-unorientiertes Handeln nicht dasselbe wie zielloses Handeln? Wo ist die Motivation? Wo das Weiterkommen, der Fortschritt?

Willst du wirklich, dass dein Arzt handelt „ohne an die Früchte zu denken“? Natürlich nicht, ist mein erster Gedanke. Aber: So ein Arzt wäre vor allem ein konzentrierter Arzt, dessen Fokus auf dem reinen Handeln liegt, was ja ein gutes Ergebnis bedingt. Was ich nicht will, ist ein Arzt, der während der OP an seine Quartalsabrechnung denkt, an seinen Fähigkeiten zweifelt oder innerlich beim nächsten Golfspiel ist (um mal ein paar Klischees zu bemühen). Und genau darum geht es: Um die Konzentration, den Fokus. Handeln mit einem ruhigen Geist. Ohne Citta Vrttis (Gedankenbewegungen), wie es Patanjali nennen würde. Dann ist man in dem Teil des Selbst, das nicht aus dem denkenden Geist besteht. So sieht Handeln im Yoga aus. Denn Frieden ist innerer Frieden.

Bhakti Yoga: Lieben geht immer

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, einen weiteren Pfad des Yoga. Und der ist Krishna eigentlich am liebsten: Lieben. Im Verständnis, dass Krishna in allen Manifestationen steckt. Die Einheit in der Vielfalt erkennend und schätzend. „Handle so, dass es für alle gut ist“, sagt Krishna. Verhalte dich umsichtig, rücksichtsvoll, mitfühlend, respektierend, verständnisvoll, frei von Gewalt, zugewandt. Das ist Hingabe an das Leben, ebenso wie an das Sein selbst. Herz über Kopf. Wahrer Frieden.

Arjuna findet seine Fassung wieder und nimmt den Kampf auf. Moment mal? Morden um des Friedens willens? Entspann dich, Geist. Es ist symbolisch zu verstehen! Arjuna kämpft gegen Gewohnheiten, Ängste, den eigenen windigen Geist. Er kämpft für den Frieden, den laut Sri Nisargadatta Maharaj derjenige verdient, der ihn nicht stört.


Sybille Schlegel ist unsere Lieblingsautorin, wenn es um alltagstaugliche Texte zur Yogaphilosophie geht: So locker und leicht, so tief und wahr, einfach wunderbar! Dieser Text stammt aus unserer Reihe im YOGAWORLD JOURNAL „Die wichtigsten Texte der Yogaphilosophie“. Mehr über Sybille erfährst du auf ihrem Instagram Account. Live kannst du sie in Mainz erleben, im Hatha Vinyasa Parampa Studio, das sie gemeinsam mit Andreas Ruhula leitet.


Du willst noch tiefer in die Lehren der Bhagavad Gita eintauchen? Hier geht es zu einer passenden Podcast-Folge mit dem Yogaphilosophie-Experten Dr. Eckard Wolz-Gottwald: