Götter auf der Matte: Vishnu – Bedeutung, Annäherung & Symbolik im Yoga

In unserer Reihe „Götter auf der Matte“ stellt uns Sybille Schlegel Göttinnen und Götter vor, die du vielleicht schon mit einem Mantra besungen hast, oder die als Deko dein Yogastudio zieren. Wir wollen wissen: Wo kommen sie her und was haben sie im modernen Yoga zu bedeuten? In diesem Teil geht es um Vishnu, einen der drei indischen Hauptgötter. Er gilt als eine Art Superheld, der in verschiedener Gestalt auftreten und die Ordnung des Universums wiederherstellen kann. Klingt, als ob wir einen wie ihn gut brauchen könnten …

Text: Sybille Schlegel / Titelbild: Anastasia Gold, Getty Images via Canva

Bestimmt kennst du seinen Namen: Vishnu. Ich nenne ihn den „007“ im Götterhimmel. Denn meist ist es Vishnu, der die Welt vor dem Bösen retten soll. Doch dazu gleich mehr.

Die wichtigsten männlichen Gottheiten Indiens – Brahma, Vishnu und Shiva – werden oft als Dreiheit (Trimurti) gesehen, in der jeder der Herren eine besondere Aufgabe hat: Brahma ist der Schöpfer. Er initiiert die Dinge und schafft Existenz. Shiva gilt als Zerstörer. Er ist derjenige, der die Dinge aus ihrer Existenz wieder in das große Nichts überführt. Als dritter in dieser universellen Dynamik des Werdens und Vergehens ist Vishnu der Erhalter und Bewahrer, der Herr des Hier und Jetzt.

Die Ordnung des Universums

Aber was hat das mit Yoga zu tun? Warum ist dieser James Bond unter den indischen Göttern mit seiner Energie überhaupt wichtig für uns? Denn das ist ja die Idee und Fragestellung, die uns in dieser kleinen Artikelreihe begleitet. Also mal sehen: Als Erhalter der Existenz wird Vishnu immer dann gerufen, wenn die Ordnung und Harmonie des Universums bedroht ist. In den altindischen Geschichten geschieht das meist, sobald Dämonen im Spiel sind. Sie wenden List und Tücke an, um ihre Macht zu steigern und im besten Fall Unsterblichkeit zu erlangen. Da aber jeder Körper vergänglich ist, ist dieses Streben wider die Natur, die universelle Ordnung, das Dharma. So gesehen symbolisiert der Dämon, der diese Gesetze beugen will, Chaos, Widernatürlichkeit.

Im modernen Yoga deuten wir diese dämonischen Kräfte als das Ego, das ich-zentrierte Verlangen, oder auch als Avidya, die Unkenntnis über unsere eigentliche, wahre Unsterblichkeit. Es geht also darum, zu erkennen, dass wir nichts festhalten müssen, da wir in Wahrheit unsterbliches Bewusstsein (Atman) sind.

Foto: Manaku of Guler, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein Job, viele Formen

In den meisten dieser altindischen Legenden schafft es ein Dämon irgendwie, dass ihn niemand mehr töten kann. Doch dann erhält Vishnu den Auftrag, das Unmögliche möglich zu machen, den Dämon auszuschalten und die Ordnung wiederherzustellen. Das gelingt ihm auch zuverlässig, denn er hat die Fähigkeit, immer genau in der Form aufzutreten, die nötig ist, um den jeweiligen Dämon zu vernichten. Die Gestalten, die er annimmt, wenn er auf die Erde hinabsteigt, heißen Avatare, was nichts anderes bedeutet als „der, der hinabsteigt“. Mal ist er ein Fisch, mal eine Schildkröte, dann ein riesiger Eber oder ein Mischwesen aus Mann und Löwe. Im Epos Ramayana tritt er als Held Rama auf, in der Bhagavad Gita als Krishna.

Manches davon erinnert dich vielleicht direkt an die Yogapraxis, etwa Matsyasana (Fisch), Kurmasana (Schildkröte), oder Simhasana (Löwe). Auch Hanumanasana und Anjaneyasana beziehen sich auf Vishnu, denn der Halbgott Hanuman ist ein Mitstreiter Ramas und einer seiner Beinamen lautet Anjaneya (Sohn der Anjani). Vielleicht ist dir auch das Vishnu Mudra geläufig: eine der gebräuchlichen Handhaltungen für die Wechselatmung und andere Pranayama-Techniken.

Was all diese Yogatechniken zu Vishnu-Techniken macht, sind aber nicht so sehr ihre Namen, sondern ihre Fähigkeit, uns fest im Hier und Jetzt zu verankern, den Geist zu beruhigen und zu klären. Denn nur so bekommen wir eine Chance, das grundliegende Missverständnis (Avidya) über unsere wahre Natur zu überwinden und in Weisheit zu verwandeln.

Annäherungen an Vishnu

Vishnu ist der Gott des Hier und Jetzt. Seine Kraft ist die Verbundenheit im gegenwärtigen Moment. Sie macht unsere Yogapraxis tiefer, gibt ihr Klarheit und Fokus. Einer von Vishnus Avataren ist Krishna. Sein Name bedeutet „das, was nach innen zieht“. Zur Verbindung im Moment gehört die Verbindung nach innen, vor allem in der Versunkenheit der Meditation. Das ultimative Vishnu-Mantra besteht in der Anrufung Vishnus in drei Namen: Hari, Krishna und Rama:

OM.
Hare Krishna Hare Krishna
Krishna Krishna Hare Hare.
Hare Rama Hare Rama
Rama Rama Hare Hare.

https://www.instagram.com/p/DKJcTGYt6Et/

Sybille Schlegel Autorin

Sybille Schlegel schreibt regelmäßig für uns über Yogaphilosophie. Mit ihrer Götter- und Göttinnen-Kolumne widmet sich unsere Autorin der Frage, was moderne Yogi*nis von indischen Göttersagen lernen können.

Nach vielen Jahren als Yogalehrerin und -ausbilderin konzentriert Sybille sich jetzt ganz aufs Üben und Schreiben. Du findest sie auf Instagram unter: @sybi_bille


Im letzten Teil ging es um die Göttin Sarasvati. Erfahre hier mehr über sie:

Entfache deine innere Wildheit und Lebenskraft – Praxis mit Sinah Diepold

Mit Sinah Diepolds Praxis feiern wir unsere natürliche Freiheit und Lebendigkeit. Die Sequenz soll dir helfen, aus vorgefertigten Mustern und Zwängen auszubrechen, deine innere Wildheit zu entfachen und deine Lebenskraft zu spüren. Deswegen sind die Anleitungen bewusst kurz gehalten: Nimm wahr, was dir guttut, was stimmig für dich ist, wo die Energie fließt – und vertraue deinem Gefühl.

Text & Sequenz: Sinah Diepold / Fotos: Susanne Schramke

Bist du manchmal auch so eingespannt in all den Dingen, die man so tun „muss“? Ob nun im Job, im Haushalt, in der Familie oder sogar in der Yogapraxis? Wie geht noch mal das perfekte Trikonasana und wie oft soll ich pro Woche meditieren, am besten jedenfalls täglich mindestens eine Stunde Self Practice, aber unbedingt vor dem Kaffee! Das sind alles ehrenwerte Ansprüche und sicher hilfreicher, als den Tag mit endlosem Scrollen und dauerndem Vergleichen zu beginnen. Aber fühlst du dich da auch manchmal eingesperrt, verlierst auch du dieses kraftvolle Gefühl von Lebendigkeit und innerer Freiheit und Wildnis?

„Erleuchtung? Für mich ist das
vollkommene Lebensfreude, die durch jede Zelle fließt.“

Wenn man im Flugzeug über Deutschland fliegt und nach unten schaut, dann sieht man mit dem Lineal gezogene Felder, eingezäunte Wiesen, schnurgerade Straßen und abgegrenzte Wälder. Genau so fühle ich mich manchmal: Ich verliere meine Wildnis, weil ich so viele Erwartungen habe an alles, weil der Laden laufen muss, das Alignment noch optimiert werden könnte oder die Morgenroutine etwas runder werden soll. Ich versuche, mich in vorgefertigte Formen zu drücken, die mich einschränken und limitieren. Doch was ist denn eigentlich das Ziel von Yoga? Erleuchtung. Okay, aber was ist das? Ich stelle es mir so vor: Es ist vollkommene Lebensfreude, die durch jede Zelle fließt, die strahlt und leuchtet. Angefüllt mit Prana, der yogischen Lebenskraft, und trotzdem geerdet und durchdrungen von einem Gefühl von Stabilität und tiefer Verbundenheit – mit mir selbst, den anderen Wesen auf diesem Planeten und überhaupt mit der Natur, dem Leben.

Aus dieser Sehnsucht nach Lebendigkeit heraus habe ich angefangen immer öfter so zu üben, dass ich mich darauf konzentriere, wie ich die Energie in mir bewege, wie ich meinen Kopf und Körper von den selbst auferlegten Pflichten befreie und eintauchen kann in Lebendigkeit und Wildnis, meinen inneren Dschungel. Das ist die Idee von „Rekindle your Wild“, die du mit den Übungen auf den kommenden Seiten kennenlernen kannst. Erforsche diese Sequenz am besten mit guter Musik, vor allem aber spüre aufmerksam in dich hinein und gehe so durch die unterschiedlichen Bewegungen, Asanas, dynamischen Übungen und sogar durch die Meditation: Spüre die Energie, vertraue dir, deinem Gefühl und deiner inneren Wildnis.

TIPP: Am schönsten übt sich diese Sequenz mit Musik. Nutze dazu gerne die Playlist „ReWild Class“ von Kale&Cake:

1. Grounding

Nimm dir ausgiebig Zeit, um anzukommen und dich zu erden, bevor du mit den Asanas beginnst. Dazu schlage ich dir zwei Übungen vor:

A: Bauchatmung

Sinah Diepold Susanne Schramke Bauchatmung

Atme in einer bequemen Sitzhaltung oder auch im Liegen bewusst in deinen Bauch. Spüre, wie du ankommst, wie dein System herunterfährt und du dich erdest. Lass dir dafür mindestens 4–5 Minuten lang Zeit, gerne auch mehr. Vertraue deinem Gefühl.

B: Balasana

Lege danach 2–3 Minuten lang in der Kindshaltung deine Stirn auf dem Boden ab. Lass dein Gewicht nach unten sinken und alle Anspannung abfließen. Atme dabei weiter bewusst in den Bauch und spüre, wie der Kontakt zum Boden dich erdet und wie sich Geist und Körper beruhigen. Vertraue deinem Gefühl.

2. Clearing

Bevor ich neue Energie kreiere, möchte ich erst mal durchlüften, abgestandene Energien loswerden und mich sozusagen neutralisieren. Dazu liebe ich diese beiden Übungen, denen ich die Namen „Tote Fische“ und „Holzhacken“ gegeben habe. Du kennst sie aber vielleicht auch mit anderen Bezeichnungen. Sie aktivieren vor allem die Lymphe, vitalisieren die Wirbelsäule und öffnen die Lungen.

A: Tote Fische

Sinah Diepold Susanne Schramke tote fische
Sinah Diepold Susanne Schramke tote fische

Stehe stabil in einem weiteren Stand, beuge die Knie leicht und lass deine Arme wie tote Fische um dich herum schwingen, während du dich von den Beinen ausgehend dynamisch um deine eigene Achse drehst. Atme dabei weich und gleichmäßig und entspanne dein Gesicht. Mach das etwa 3 Minuten lang. Du wirst sofort merken, wie du Stress loswirst und die Müdigkeit weicht.

B: Holzhacken

Sinah Diepold Susanne Schramke holzhacken
Sinah Diepold Susanne Schramke holzhacken

Hier mobilisierst und aktivierst du noch gezielter deine Schultern und Lungen. Du stehst weiterhin relativ breit und mit leicht gebeugten Knien. Mit der Einatmung hebst du die Arme wie zum Holzhacken dynamisch über den Kopf, mit dem Ausatmen lässt du sie vor dem Körper vorbei nach unten sausen. Beweg dich dabei möglichst locker und mit wenig Spannung, bleib aber dynamisch und atme in vollen Zügen. So wird die Übung zu einem Pranayama. Nach etwa 2–3 Minuten kommst du wieder zur Ruhe und nimmst dir genug Zeit, um nachzuspüren und zu genießen.

3. Flow

Komm jetzt mit einigen Sonnengrüßen in einen ruhigen Fluss an Bewegung: Fließe leicht und bewusst durch 2–3 Runden Surya Namaskar. Wähle dabei die Variante, die dir vertraut ist und die du magst. Halte dich nicht allzu sehr damit auf, die einzelnen Haltungen perfekt ausführen zu wollen. Spüre stattdessen die Verbindung von Atem und Bewegung und stell dir vor, wie du im dynamischen Fluss deine innere Sonne entfachst.

4. Feuer und Transformation

Nun sind wir bereit, das Feuer zu entfachen. Feuer kann wärmen, transformieren, aber auch zerstören. Um das nährende Feuer der Transformation und die feurige Willenskraft zu nutzen, die wir im Yoga Tapas nennen, braucht es für mich zuerst Erdung und eine gute Verbindung nach innen.

A: Bicycle Crunches

Sinah Diepold Susanne Schramke bicycle crunches

Lege in der Rückenlage die Hände an den Hinterkopf, aktiviere deinen Core und ziehe die Knie Richtung Brust. In dieser aktiven Haltung beginnst du, mit den Beinen „Fahrrad“ zu fahren. Dabei ziehst du jeweils den entgegengesetzten Ellenbogen zum gebeugten Knie. Lass die Bewegung aus der Brustwirbelsäule kommen und spüre, wie Feuer in der Körpermitte entsteht. Mach das etwa 1–2 Minuten lang, auf jeden Fall aber über den Punkt hinaus, wo der Kopf keine Lust mehr hat, der Körper aber noch kann. Lass in der Bewegung deinen Atem weiterfließen und halte den Nacken lang.

B: Kali Flow

Nun geht es in die Transformation. Die indische Göttin Kali steht für Zerstörung, aber auch für die Erneuerung und kann Wünsche erfüllen. Also vorsichtig, was du dir wünschst! Du beginnst in einer breiten Grätsche mit schräg nach außen gedrehten Zehen und gebeugten Knien (Utkata Konasana). Dann verbindest du vier Bewegungen zu einem Flow:

Sinah Diepold Susanne Schramke kali flow
Sinah Diepold Susanne Schramke kali flow

1. Breite einatmend die Arme weit zu den Seiten aus und weite die Brust in eine Rückbeuge.

2. Ausatmend rundest du deinen Oberkörper, führst die Arme von den Seiten gestreckt nach vorn und legst die Handrücken zusammen.

Sinah Diepold Susanne Schramke kali flow
Sinah Diepold Susanne Schramke kali flow

3. Mit der nächsten Einatmung streckst du die Beine, hebst Arme und Kopf und verschränkst die Finger senkrecht nach oben zeigend in Kali Mudra: Die Zeigefinger sind lang, die Daumen und restlichen Finger verschränk wie ein Schwert.

4. Ausatmend schlägst du das Schwert kraftvoll nach unten und beugst die Beine zu einer tiefen Hocke. Wenn du magst, kannst du dabei deine Zunge rausstrecken und einen entsprechenden Laut von dir geben.

Wiederhole diesen Flow 5–10 Mal. Dabei atmest du tief und richtest deinen Geist auf eine persönliche Intention: Was möchtest an Glaubenssätzen und Begrenzungen du zerstören, damit Raum für Neues entstehen kann? Bleib danach noch etwas ruhig stehen, schließe die Augen und spüre ein paar Atemzüge lang. Was kannst du jetzt wahrnehmen?

5. Liberation

Nun geht es an die Befreiung und die Öffnung in die Lebendigkeit. Dazu übst du zuerst die klassische Tänzer-Asana, die deinen Herzraum weitet und dir ein Gefühl von Kraft und Balance schenkt, bevor du dich ganz dem freien Fluss und der Energie der Bewegung überlässt.

A: Yoga-Tänzer

Sinah Diepold Susanne Schramke natarajasana

Verlage dein Gewicht auf einen Fuß, erde dich bewusst und finde deine Mitte, bevor du den anderen Fuß vom Boden löst und mit der Hand umfasst. Welche Version von Natarajasana du übst, spielt keine Rolle, du musst den Fuß nicht so weit heben wie auf dem Bild. Viel wichtiger ist, dass du 5–10 Atemzüge lang in der Haltung bleiben kannst, mit einem klaren Blick und einem entspannten Gesicht. Genieße deine Kraft und die Öffnung im Herzraum. Blick und Brustkorb sind nach vorne gerichtet, der Fuß schiebt gegen die Hand und der Atem schenkt dir die eigentliche Tiefe in der Haltung. Dasselbe wiederholst du noch einmal seitenverkehrt.

B: Tanzparty

Für mich ist der direkte Highway zu Lebendigkeit eine Tanzparty: Lieblingslied an und einfach lostanzen. Keine Gedanken daran, wie es aussieht, sondern nur spüren, wie es sich anfühlt. Befreie dich bewusst von limitierenden Gedanken und dem Bild im Außen. Bewege dich so, wie dein Herz es braucht. Mein absoluter Favorit dafür ist das Lied „Spectrum“ von Florence and the Machine.

Sinah Diepold Susanne Schramke tanz

Stehe danach für ein paar Momente stabil auf beiden Beinen, schließe die Augen und lege deine Hände auf Herz und Bauch. Wie geht es dir? Kannst du die Lebendigkeit durch dich strömen spüren, das Prana, das laute „Ja“ zum Leben?

6. Integration

Nun lass uns diese Energie integrieren und einen Anker setzen, um den fruchtbaren Boden unserer Wildnis auch zu nutzen und von da zu wachsen.

A: Drehung

Sinah Diepold Susanne Schramke twist

Komm in einen sitzenden Twist deiner Wahl. Ich liebe den halben Lotus mit Bindung. Genauso gut eignet sich auch Ardha Matsyendrasana oder eine sanfte Drehung im Schneidersitz. Wähle eine Version, in der du dich richtig gut fühlst. Du musst nichts erreichen und erfüllen. Schließe die Augen, atme bewusst in deine Körperrückseite und verbinde dich nach innen.

Bleib 5–10 Atemzüge lang, dann löst du den Drehsitz behutsam auf und wiederholst dieselbe Version noch einmal seitenverkehrt.

B: Vorwärtsbeuge

Sinah Diepold Susanne Schramke baddha konasana

Um noch deutlicher in die Ausrichtung nach innen zu kommen und dich auf Shavasana vorzubereiten, kommst du jetzt noch in eine Vorwärtsbeuge deiner Wahl. Ich habe ein lockeres Baddha Konasana gewählt, mit den Füßen weit weg von der Sitzfläche. Genauso gut eignet sich auch Pashchimottanasana (Vorwärtsbeuge aus dem Langsitz), Upavishtha Konasana (Vorwärtsbeuge aus der Grätsche) oder ganz entspannt in der Rückenlage Apanasana, wo du nur locker die Knie zum Brustkorb ziehst. Bleib hier gerne 10–20 Atemzüge lang. Lass dich einsinken. Spüre deinen Atem, deinen Körper, deine Energie und Verbundenheit.

„Ich fühle mich durchdrungen von einem Gefühl tiefer Verbundenheit – mit mir selbst, den anderen Wesen auf diesem Planeten und überhaupt mit dem Leben.“

7. Shavasana

Die Entspannung am Ende der Sequenz ist genauso wichtig wie die Übungen selbst: Lebendigkeit in der Ruhe, Zeit für Integration. Mach es dir in der Rückenlage so richtig bequem: Vielleicht magst du ein Bolster unter die Knie legen, oder du brauchst ein flaches Kopfkissen. Deck dich auch gerne zu. Dann schließ deine Augen und lausche noch tiefer nach innen, auf deinen Atem, deine Lebendigkeit. Gönne dir 7–10 Minuten Shavasana.

8. Meditation

Eine Meditation ist die ideale Ergänzung nach dieser Praxis. Wähle eine Meditationsform, die du magst, die dich freut. Ich liebe an dieser Stelle eine Mantra-Meditation, beispielsweise auf das uralte Hindu-Mantra „So Ham„, das ganz natürlich mit dem Atem fließt und uns tief in die Verbindung mit allem Leben bringt, sodass wir spüren, wie wir im Sein verankert sind. Du kannst aber im Stillen auch ein ganz anderes Mantra wiederholen, zum Beispiel „Ich erlaube mir einfach zu sein“ oder „Mein Wert ist unantastbar“. Meditiere in einem bequemen Sitz oder auch im Liegen und bestimme, wie lange – alles ist richtig, 5 Minuten, 30, oder auch irgendetwas dazwischen.


Die Münchener Yogalehrerin SINAH DIEPOLD gehört mit ihrer ansteckenden Lebensfreude und ihrem Engagement für mehr Selbstakzeptanz und Toleranz zu den absoluten Lieblingen der deutschen Yogaszene. Zu ihren Herzensthemen gehört neben Yoga auch Female Empowerment. Mehr zu Sinah und ihrer Arbeit auf www.kaleandcake.de oder auf Insta @sinahdiepold.

Hör auch gerne in unser Podcast-Interview mit Sinah rein. Hier erfährst du, wie du Spiritualität in deinen Alltag integrieren kannst:

Dies.Das.Asanas mit Jelena Lieberberg – das dynamische Kamel

Kamele gelten ja als ausgesprochen eigensinnige Tiere – und so ähnlich hast du es vielleicht auch in deiner Yogapraxis schon erlebt. Unsere Asana-Kolumnistin zeigt dir hier, wie du den Spieltrieb deines Kamels wecken und es dabei noch mal ganz neu kennenlernen kannst.

Text: Jelena Lieberberg / Foto: Theresa Bartmann

Ich geb’s ehrlich zu: Das Kamel, Ushtrasana, gehört nicht zu den Asanas, die ich täglich übe. Vielleicht hast du selber schon mal beobachtet, dass manche sich in Vorwärtsbeugen wohler fühlen und andere eher in Rückbeugen zu Hause sind. Nur bei wenigen Yogi*nis ist das in beiden Richtungen ausgewogen. Beim Kamel ist spannend, dass es beide Typen, also die Frontbender und die Backbender, vor Herausforderungen stellt: Die einen zwickt es danach im Rücken, weil sie in diese Richtung nur wenig beweglich sind. Die anderen hängen ohne stabilen Halt in den Bändern ihrer Beweglichkeit und wieder andere weigern sich schlichtweg, es zu üben, aus Angst, sich zu verletzen.

Mehr Energie durch den Herzöffner Ushtrasana

Dabei kann das Kamel dir, wenn du es korrekt ausführst, einen ordentlichen Energiekick verleihen. Außerdem schafft es einen heilsamen Ausgleich zu der im Alltag meist überbetonten nach vorne gebeugten Körperhaltung: Es weitet die Körpervorderseite und aktiviert die Rückseite. Bei dieser Variante kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: Anstatt die Rückbeuge statisch zu halten, konzentrieren wir uns auf eine dynamische Kräftigung der Beine. Dabei versuchen wir, uns mit dem Kopf einem Stapel Klötze, einem Stuhl, einer Wand oder vielleicht sogar dem Boden zu nähern, dort kurz anzutippen und uns aus der Kraft der Mitte wieder aufzurichten. Nicht wundern: Da Ushtrasana zu den Herzöffnern zählt, können sich auch Widerstände auf emotionaler Ebene zeigen und behutsam aufgelöst werden. Umgekehrt schenkt dir diese Challenge nicht nur Kraft in den Beinen, sondern auch eine ordentliche Prise Selbstvertrauen.

Macht das Spaß?

Auf jeden Fall! Auch wenn Ushtrasana in seiner klassischen Form zu den fortgeschritteneren Haltungen zählt, ist sie in Varianten für alle Yogi*nis empfehlenswert. Hör also gut auf deinen Körper, achte und stabilisiere deinen unteren Rücken und finde die Variante, die dir heute am besten entspricht. (Mehr dazu in der Anleitung.)

Muss ich das können?

Natürlich nicht. Aber es spricht wie immer viel dafür, es zu probieren: Alle, denen Rückbeugen sowieso liegen, stärken mit dieser Variante die Stabilität und Kontrolle, die gerade bei sehr beweglichen Menschen oft fehlt. Für diejenigen, die sich nicht so leicht mit ihnen tun, bietet die dynamische Bewegung eine Möglichkeit, sich langsam heranzutasten und Vertrauen in die eigene Kraft herzustellen.

Wie bereite ich mich vor?

Wärme deinen Körper gründlich auf und lege dabei den Schwerpunkt auf Rückbeugen (zum Beispiel die Kobra ohne Hände) und auf die Muskulatur von Beinen und Po (etwa mit einfachen Kniebeugen und Ausfallschritten).

Step by step in das dynamische Kamel

Jelena Lieberberg, Herzöffner, Ushtrasana, das dynamische Kamel

1. Beginne im Fersensitz und richte dich von dort zum Kniestand auf. Bei Bedarf kannst du deine Matte unter den Knien doppelt falten. Wechsle nun ein paar Mal mit möglichst aufrechtem Oberkörper zwischen Fersensitz und Kniestand hin und her und spüre, wie dabei deine Oberschenkel beginnen zu „feuern“.

2. Richte im Kniestand Becken und Oberkörper senkrecht über den Knien aus, strecke deine Hüften, kippe das Becken leicht nach hinten und aktiviere Bauch und Beckenboden. Lege die Hände zunächst stützend ans Kreuzbein, wenn du nun Rippen und Brustbein hebst, den Kopf kontrolliert sinken lässt und dich dann langsam nach hinten lehnst. Gehe nur so weit du kommst, ohne die Extension der Hüften zu verlieren, dann kehre langsam wieder zurück, indem du das Becken nach vorne und das Brustbein nach oben schiebst. Wiederhole diese Bewegung 3 bis 5 Mal, gerne auch im Atemrhythmus.

3. Wenn du bereit bist für mehr, dann stellst du dich jetzt in passendem Abstand vor eine Wand, einen Stuhl oder einen Stapel Klötze. Beginne die Übung wie zuvor: gestreckte Hüften, aktiver Bauch, Rippen und Brustbein gehoben. Strecke deine Arme waagerecht nach vorn und lehne dich behutsam und kontrolliert nach hinten. Tippe mit dem Kopf an dein „Ziel“ und bewege dich dann aus der Kraft von Mitte und Beinen wieder zurück in den Kniestand. Übe 3 Runden à 3 bis 5 Wiederholungen und entspanne zwischendurch und danach in der Stellung des Kindes.

4. Variante: Wenn du deinen unteren Rücken schonen, aber dennoch deine Bein- und Mittenkraft stärken willst, kannst du eine „Sissy Squat“ probieren, bei der du dich aus dem Kniestand gerade wie ein Brett nach hinten lehnst.


JELENA LIEBERBERG ist Osteopathin und Yogacoach in Berlin. Ihre eBooks, Retreats und Workshops findest du unter kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem entspannenden Stretch:

Falls du dich in der grauen Jahreszeit oft müde und erschöpft fühlst, findest du hier eine Mini-Practice für einen kleinen Energiekick im Alltag:

Shakti spüren – 4 Übungen, um ihre Präsenz unmittelbar zu erfahren

Shakti ist die allen Formen des Lebens innewohnende schöpferische Urkraft. Jene Lebensenergie, die den Fluss erst fließen lässt, die dich atmen lässt, dein Herz zum Schlagen bringt, deine Muskeln formt und deine Neuronen befeuert. Mit diesen vier Übungen von Sally Kempton lernst du die Shakti-Präsenz wahrzunehmen.

Text: Sally Kempton / Titelbild: Content Pixie via Unsplash

Shakti bedeutet Kraft, Macht oder Energie. In der indischen Mythologie wird Shakti grundsätzlich als weiblich beschrieben, häufig ist sie als Devi (Göttin) personifiziert, meist als weibliches Gegenüber zum männlichen Gott Shiva. Auf einer tieferen Ebene aber transzendiert Shakti das Geschlecht. Im metaphysischen Sinn ist sie – in der indischen Tradition ebenso wie im Taoismus, wo Shakti als Qi bezeichnet wird – der Inbegriff jener grundlegenden schöpferischen Dynamik, die das gesamte Universum hervorbringt. Sie wird als die Quelle sowohl der Materie als auch der physikalischen Energie, im Grunde also jeglicher Erscheinung, angesehen. Ihr Tanz ist der Tanz des Kosmos.

Gleiche Kraft für alle

In letzter Zeit wurde die Shakti stark von der weiblichen Spiritualität in Beschlag genommen. Das hatte den unseligen Nebeneffekt, dass männliche Yogis das Gefühl bekamen, in ihnen sei keine Shakti. Dabei ist diese Energie in Männern genauso präsent wie in Frauen. Ganz unabhängig vom Geschlecht wird ein Mensch, der bewusst Yoga übt, in seiner Praxis sehr wahrscheinlich Qualitäten wie Feuereifer, Vitalität, Achtsamkeit, Gefühl und Flow (völliges Aufgehen im Tun) an den Tag legen. Ebenso gut kann sich Shakti aber auch als tiefe Ruhe manifestieren oder als die Wahrnehmung eines inneren Zeugen, der wertfrei das eigene Leben betrachtet. Die Shakti erwacht auf ganz verschiedene Weise: durch Pranayama (Atemarbeit), Chakra-Übungen, Mantras, Meditation oder im Kontakt mit einem Menschen, dessen Shakti schon erweckt ist. Es kann aber auch sein, dass sie mehr oder minder spontan aktiviert wird, als natürlicher Bestandteil im Prozess inneren Wachstums.

4 Übungen zur Wahrnehmung von Shakti

1. Spüre die Energie

Halte die Handflächen in einem Abstand von 5 bis 8 Zentimetern zueinander und spüre die Energie dazwischen. Dann vergrößere den Abstand um einige Zentimeter, halte das Gespür für die verbindende Kraft aber aufrecht. Sobald du die Verbindung verlierst, nähere die Hände einander wieder an und nimm den Kontakt erneut auf.

2. Richte die Aufmerksamkeit auf dein Herz

Atme tief ein und aus und stelle dir vor, dass der Atem durch das Herz hindurchströmt und auf der Körperrückseite wieder austritt. Dann mache dir die subtile Energie hinter dir bewusst. Sie stützt dich wie eine Rückenlehne. Nimm diese energetische Stütze an, als ob du dich daran anlehnen würdest. Spüre, wie die Energie um dich herum fließt und dich von allen Seiten umhüllt. Atme langsam und tief ein und lenke diese Energie an Stellen in deinem Körper, die sich verspannt oder blockiert anfühlen. Erkenne, dass du pure Shakti atmest.

3. Mache dir die Gegend um das untere Ende der Wirbelsäule bewusst

Spüre die Präsenz eines subtilen Energiekanals, der von dieser Basis aus durch die Körpermitte bis zur Krone an der Schädeldecke verläuft. Nutze den Atem, um die Aufmerksamkeit von der Wurzel zum Herz hinauf steigen zu lassen, dann vom Herzen zur Schädeldecke und wieder zurück. Mache dir bewusst, dass es sich um eine sich bündelnde Wahrnehmung von Energie handelt, die sich in diesem inneren Kanal bewegt. Du kannst diese Energie als eine Art Ausdehnung empfinden, als Kribbeln oder als ein feines Gefühl von Elektrizität. Es handelt sich in jedem Fall um Shakti.

4.  Richte während der Asana-Praxis die Aufmerksamkeit auf den Fluss des Atems

Lenke den Fokus sanft in die Mitte des Körpers, zu dem subtilen Energiekanal, der vom unteren Ende der Wirbelsäule zum Herzen verläuft. Während der weiteren Übungen wirst du dort vielleicht feine körperliche oder energetische Empfindungen wahrnehmen können, zum Beispiel Schauer, ein Gefühl von Ausdehnung, Hitze, Leichtigkeit oder Schwere, vielleicht sogar den Herzschlag. Auch zum Ende deiner Praxis, bei der Entspannung in Shavasana (Totenstellung), treten diese Empfindungen nicht selten auf, denn die subtile Wahrnehmung fällt leichter, wenn der Körper ruht.

Alles Shakti, oder was? Im YOGAWORLD JOURNAL 06/2025 haben wir uns dem Titelthema „Weibliche Kraft“ gewidmet und sind der Frage nachgegangen: Brauchen wir einen feministischen Blick auf Yoga – oder eher einen freieren Blick auf Weiblichkeit? Hier kannst du dir das Heft bestellen.


Foto: David Martinez

Sally Kempton schrieb regelmäßig für das amerikanische YOGA JOURNAL, veröffentlichte mehrere Bücher (z.B. “Awakening Shakti”) und unterrichtete weltweit Workshops und Retreats. Mehr Info auf sallykempton.com

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Von der Freiheit eine Gurke zu sein – Freiheitsbegriffe im Yoga

Freiheit – ein großes Wort. Spätestens seit Corona empfindet es unsere Autorin als überstrapaziert. Zumal Freiheit häufig so definiert wird, dass man machen kann, was man will. So leben, wie man will. Auch das Yogasutra beschreibt Freiheit als Ziel – aber ist das die gleiche Idee von Freiheit? Eher nicht.

Text: Sybille Schlegel / Titelbild: tjasam von Getty Images Signature via Canva

Wir sitzen im Auto. Meine Tochter verbindet ihr Smartphone mit dem Autoradio – Zeit für ihre Musik. „My love has got no money, he’s got his strong beliefs. My love has got no power, he’s got his strong beliefs. (…) Freedom and love is what he’s looking for. Freed from desire, mind and senses purified.“ Ein Track der Gruppe Gala aus dem Jahr 1997. Nachdem das Kind darüber hinweg ist, dass ich den Song spontan mitsingen kann, versinken meine Gedanken. 1997 hatte ich noch rein gar nichts mit Yoga zu tun. Heute übe und studiere ich es seit mittlerweile 21 Jahren und stelle fest: „Freed from desire“ beschreibt einen Yogi. Einen, dessen gesamtes Streben auf Freiheit und Liebe ausgerichtet ist. Dem Geld, Macht und Ruhm nichts bedeuten. Der sich von seinen Begehrlichkeiten befreit, Geist und Sinne reinigt. Ich muss schmunzeln. Wirkt fast, als hätte man Yogasutra oder Hatha Yoga Pradipika mit Disco-Beats unterlegt …

Freiheit im Yoga

Und damit wird klar: Freiheit im Yoga ist eigentlich das Gegenteil davon, das eigene Wollen ausleben zu können. Freiheit im Yoga ist die Abwesenheit von Wollen. Ein Geist, der von Verlangen befreit und damit klar und rein ist. Es ist die Freiheit von Getriebensein, die Freiheit von Angst. Wollen und Fürchten gehen nämlich oft Hand in Hand: Man will etwas haben, man fürchtet, es zu verlieren. Beides sind starke Treiber. Wollen ist unmittelbar. Im Moment des Wollens scheint das, was wir wollen, absolut, gültig und bindend zu sein. Aber wenn man sein Wollen über die Tage mal genauer betrachtet, muss man feststellen, dass man mal dies und mal jenes will. Gerne auch in Gegensatzpaaren: Ich will schlafen, ich will Action. Ich will meine Ruhe, ich will Kontakt. Ich will Geld, Macht und Ruhm, ich will meinen inneren Frieden …

Frau am Strand mit Tuch, das im Wind weht, Symbolbild für Freiheit
Foto: Milan Markovic von Getty Images via Canva

Wollen oder nicht wollen?

Wollen hält den Geist im Spannungsfeld der Dualität gefangen, denn das Nicht-Wollen ist bei jedem Wollen auf der Gegenseite aktiv. Ich habe in einem meiner Artikel im YogaWorld Journal schon mal erzählt, wie meine Tochter als Kleinkind auf einer Marktstraße hin und her rannte und immer das wollte, was sie gerade sah. Am Ende der Straße hielt sie inne, drehte sich zu mir um und verkündete: „Jetzt will ich ein Eis.“ Das war der Dreijährigen-Code für: „Ich fühle mich schrecklich getrieben. Ich leide, weil ich nichts von dem, was ich wollte, bekam. Jetzt möchte ich meinen Frieden.“ Genau das lehren auch die yogischen Schriften: Wollen erzeugt Leid. Spätestens dann, wenn die Erfüllung des Wollens ausbleibt oder die Bedingungen des Lebens nicht mit unserem individuellen Wollen übereinstimmen. Der Wunsch, Leid zu vermeiden, führt meist zu Angst vor Leid – und damit zu neuen Formen von Leid.

Die Freiheit des Seins

Wie kommen wir da raus? Patanjali erklärt im Yogasutra, dass Wollen, Vermeiden und Angst allesamt darauf zurückzuführen sind, dass wir uns mit unserem sterblichen Körper identifizieren und nicht erkennen, dass wir eigentlich unsterbliches Bewusstsein sind. Wir haben einen menschlichen Körper und machen menschliche Erfahrungen – und das bindet uns in jedem Denken und Handeln. Ich hab‘ Hunger, ich bin müde, ich brauch‘ mehr Anerkennung, ich könnt‘ grad ausrasten, ich will mal wieder wegfahren … Bis du erkennst, dass du all das nicht bist. Die Essenz ist ganz etwas anderes. Von zukünftigem Leid können wir uns befreien, wenn wir uns von diesem Missverständnis befreien.

Wenn du nichts werden musst, nichts haben und nichts darstellen, weil das Leben sich im Leben erfüllt und das Bewusstsein auch ohne den Körper und die jetzige Persönlichkeit fortbesteht, dann lebt es sich befreiter. Im Maha Mrityunjaya Mantra wird das mit einem kuriosen Bild beschrieben: „Wir opfern dem Dreiäugigen (Shiva), dem Wohlduftenden, dem Wohlmeinenden. Auf dass wir dereinst wie eine reife Gurke vom Stiel abfallen können, vom Tod befreit, nicht von der Unsterblichkeit.

Foto: Adrian Moise via Unsplash

Die Freiheitsbegriffe im Yoga

Kaivalya ist der wichtigste Freiheitsbegriff aus dem Yogasutra und zugleich der Titel von dessen letztem Kapitel: das Ziel der Yogapraxis nach Patanjali. Oft liest man als mögliche Übersetzung neben „Befreiung“ auch den etymologisch näher liegenden Begriff „Isolation“, was auf der Gefühlsebene erst mal nicht unbedingt mit unserer Idee von Freiheit harmoniert. Gemeint ist die Absonderung des ewigen Seins (Purusha) von der vergänglichen Materie (Prakriti). Auf dieser Ebene gibt es keine Dualität mehr, sondern absolute Einheit. Kaivalya ist also Freiheit von Zeit, Veränderung, Vergänglichkeit, Unterschiedlichkeit.
Es ist die Freiheit der Ewigkeit.

Moksha ist ein Freiheitsbegriff, der vor allem im Advaita Vedanta verwendet wird. Moksha kommt von der Sanskrit-Wurzel muc „befreien, freilassen, loslassen“, das Partizip dazu ist mukti. Es bezeichnet die Freiheit vom Einfluss des Karma, welches uns zwar Erfahrungen beschert, die uns hoffentlich der Weisheit näher bringen, was uns aber allzu lange im leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten gefangen hält. Moksha ist die Freiheit von Wiedergeburt, von Leid und von Abhängigkeit.
Es ist die Freiheit der Unabhängigkeit.

Nirvana ist ein zentraler Freiheitsbegriff im Buddhismus. Nirvana bedeutet wörtlich übersetzt: ausgelöscht, geleert, beruhigt, tot. Es wird oft als das „große Verwehen“ beschrieben. Hier umfasst Freiheit das Gefühl von Losgelöstheit und Unabhängigkeit. Die Gebundenheit an Leid endet, das endlose Nichts bleibt. Ähnlich wie bei Kaivalya und Moksha ist Freiheit auch hier die Freiheit vom eigenen Wollen und Getriebensein.
Es ist die Freiheit des Nicht-Müssens.


Alles andere als „vergurkt“ finden wir die lebensnahen Texte über die Yogaphilosophie, mit denen Sybille Schlegel uns seit vielen Jahren bereichert. Mehr über Sybille erfährst du auf ihrem Instagram-Account.

Noch mehr spannende Artikel von Sybille findest du zum Beispiel hier:

Rückläufiger Merkur: Bedeutung, Chancen & praktische Tipps

Mercury Retrograde, oder auf Deutsch, der rückläufige Merkur ist eines der bekanntesten astrologischen Phänomene und wird oft für verschiedenste Herausforderungen im Alltag verantwortlich gemacht. Doch was steckt wirklich dahinter? Erfahre mehr über die tiefere Bedeutung des rückläufigen Merkur, welche spirituellen Chancen diese Phase bietet und wie du sie für deine persönliche Entwicklung optimal nutzen kannst. Plus: alle nächsten Termine im Überblick.

Titelbild: buradaki/Getty Images via Canva

Das astronomische Phänomen

Lass uns zunächst einmal die Fakten klären: Denn der Merkur wandert nicht etwa plötzlich rückwärts durch unser Sonnensystem. Rückläufigkeit bezeichnet in der Astronomie nur eine scheinbare Rückwärtsbewegung eines Planeten am Himmel. Beim Merkur entsteht dieser optische Effekt dadurch, dass er die Erde auf seiner inneren Umlaufbahn um die Sonne überholt. Aus Perspektive der Erde erscheint seine Bewegung dann für einige Wochen rückwärts gerichtet. Das geschieht drei- bis viermal im Jahr.

Die nächsten Termine von Mercury Retrograde 2025/2026:

  • 9. November bis 29. November 2025
  • 26. Februar bis 20. März 2026
  • 29. Juni bis 24. Juli 2026
  • 24. Oktober bis 13. November 2026

Astrologische Deutung des rückläufigen Merkur

In der Astrologie hingegen ist die Rückwärtsbewegung des Merkur weit mehr als nur eine astronomische Erscheinung. Der Planet Merkur steht vor allem für das Thema Kommunikation, unseren Intellekt und Denkprozesse. Er beeinflusst, wie wir denken, sprechen, Informationen verarbeiten und miteinander interagieren. Auch die Themen Handel, Technologie und Transport stehen stark unter dem Einfluss des Merkur. Wenn dieser rückläufig ist, stehen all diese Bereiche Kopf. Das kann sich folgendermaßen auswirken:

  • Kommunikation und Verständigung: Missverständnisse, Verspätungen, technische Probleme
  • Reisen und Transport: Verspätungen, Pannen, Umwege
  • Handel und Verträge: Verzögerungen, Änderungen, Unklarheiten
  • Lernen und Studium: Konzentrationsschwierigkeiten, Informationsüberlastung
  • Entscheidungsfindung: Unsicherheit, Zweifel, Rückzug

„Ist der Merkur schon wieder rückläufig?“

Foto: Andrea Piacquadio via Pexels

Das ist bei uns in der Redaktion inzwischen mit die erste Frage, die im Raum steht, wenn es technische Probleme gibt. Je nach dem, von wem der Satz kommt, mit einem mehr oder weniger ernst gemeinten Augenzwinkern ????.

Denn diese Situationen, die wie verhext scheinen, kennen wir alle. Diese eine wichtige E-Mail geht einfach nicht raus, weil das WLAN wieder hängt, kurz darauf stürzt der Computer ab und irgendwie redet man seit Tagen mit seinen Kolleg*innen aneinander vorbei. Wenn dann auch noch auf dem Heimweg der Zug ausfällt, ist klar: Da muss doch irgendetwas los sein im Universum. Schnell das Handy gezückt (wenn es denn noch geht…), kurz gegoogelt und dann ist klar: Tatsächlich ist der Merkur an allem Schuld.

Und so sehr es auch nervt, wenn nichts so richtig funktionieren will, sind wir damit aber gleich bei einem wichtigen Punkt. Denn bevor wir den armen kleinen Planeten mit Schuldzuweisungen überhäufen, können wir diese Zeit als eine kosmische Einladung zur Innenschau betrachten. Natürlich ist das oft leichter gesagt als getan. Deswegen haben wir hier einige Tipps, wie du das Beste aus der rückläufigen Phase des Merkur herausholen kannst.

Kommunikation überdenken

Beim Thema Kommunikation lädt der rückläufige Merkur uns ein, unsere Kommunikationsmuster grundlegend zu überdenken: Drücke ich mich deutlich genug aus? Kommuniziere ich gewaltfrei? Wann kommen „alte“ Kommunikationsmuster zum Vorschein? Woran liegt es wirklich, dass mein Gegenüber mich nicht richtig versteht? Spreche ich meine Wahrheit?

Nutze diese Fragen auch gerne als Journaling Prompts.

Geduld & Achtsamkeit üben

Wenn sich zur Phase des rückläufigen Merkur Verspätungen häufen und du gezwungen bist Zeit abzusitzen, nutze diese sinnvoll. Ist es wirklich nötig, diese „leeren“ Zeiträume möglichst effizient zu füllen? Wenn du zum Beispiel 20 Minuten länger am Bahnhof warten musst, ist das eine Chance, dich in Geduld zu üben und den Stillstand auszuhalten. Oder wie wäre es mit einer Achtsamkeitsübung? Was siehst du, was hörst du, was riechst du? Wie fühlen sich deine Füße auf dem Boden an? Wie fühlt sich die Kleidung auf deiner Haut an? Beobachte deinen Atem.

Digital Detox & zur Ruhe kommen

Foto: Dmitry Belyaev/Getty Images via Canva

Wenn die Technik dich im Stich lässt, freue dich über den ungeplanten Digital Detox. Deinem Gehirn tut das unglaublich gut, wenn nicht ständig neue Informationen darauf einprasseln. Und auch deine Augen werden es dir danken, wenn die Bildschirmzeit jetzt reduziert wird. Gerade weil wir während Mercury Retrograde sowieso oft Konzentrationsschwierigkeiten haben, ist jetzt der optimale Zeitpunkt, etwas mehr zur Ruhe zu kommen und die Wellenbewegungen im Geist zu verlangsamen: Citta Vritti Nirodha at its best.

Was wird laut, wenn alles andere ruhig wird? Lausche der Weisheit deiner Seele. So ist der rückläufige Merkur nicht nur eine Phase der Herausforderungen, sondern ein Portal zu tieferer Selbsterkenntnis und spirituellem Wachstum.

Dein spiritueller Werkzeugkasten für die rückläufige Phase

???? Praktiken: Meditation, Fokus auf das Halschakra, Journaling, energetische Schutzpraktiken
???? Kristalle: Sodalith, Amethyst, Schwarzer Turmalin
???? Räucherwerk: Salbei, Palo Santo, Weihrauch
???? Affirmationen: „Ich kommuniziere klar und wahrhaftig.“ / „Ich spreche meine Wahrheit.“


Hier findest du noch mehr Tipps, Yoga und Astrologie zu verbinden:

Kakao als Herzritual – warum die Yogawelt den „Cacao Spirit“ neu entdeckt

Pure Cacao Rocks von Juice Plus
Sobald Herbst und Winter Einzug halten, wandelt sich nicht nur unsere Yogapraxis – auch in uns selbst geschieht Veränderung: nun stehen mehr Yin- oder Restorative Yoga auf dem Programm und der Wunsch nach Wärme und Nähe wird größer. Genau in diesen Monaten erleben Kakaozeremonien eine besondere Resonanz: Sie wirken wie ein geschützter Übergang zwischen Alltag und Innenwelt.

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Vom Getränk zum Ritualraum

Zeremonieller Kakao wird in vielen Traditionen als „Pflanze des Herzens“ beschrieben – weniger wegen eines einzelnen Effekts, sondern weil sein Genuss meist mit Achtsamkeit, Gemeinschaft und Verbundenheit in Zusammenhang steht. In Yogaräumen entsteht dadurch ein stiller, weicher Fokus: Die Schale in den Händen, der Duft, das gemeinsame Innehalten – ein Moment, der noch vor der ersten Bewegung das Feld öffnet. Kakao stimuliert sanft, ohne aufzuputschen. Viele Praktizierende empfinden ihn als angenehm wärmend und zentrierend – Qualitäten, die gut zum langsamen Rhythmus des Winters passen.

Jahreszeitliche Begleiterin für Vata-Zeiten

Pure Cacao Rocks von Juice Plus

Aus ayurvedischer Sicht gilt Kakao als sattvisch sowie wärmend und kann deshalb in der dunklen Jahreszeit unterstützend wirken. Wer mag, mischt Gewürze wie Kardamom, Zimt oder Chili hinzu, um die erdende Komponente zu verstärken. So entsteht ein kleines Abend- oder Morgenritual, das die Sinne sanft nach innen lenkt.

Wie eine Zeremonie entsteht

Eine Kakaozeremonie folgt keinem strengen Schema. Manche Studios beginnen mit Atemarbeit, andere mit einem stillen Ankommen. Erst danach wird der Kakao bewusst getrunken – langsam, manchmal in Stille, manchmal begleitet von Musik oder kurzen Meditationen. Erst anschließend öffnet sich Raum für Yin, Meditation oder feine Embodiment-Elemente. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die Haltung: Präsenz, Langsamkeit, Begegnung.

Was bei der Auswahl wichtig ist

Wer Kakao in einem rituellen Rahmen nutzt, achtet in der Regel auf eine möglichst naturbelassene Qualität. Reiner Kakao enthält von Natur aus Mineralstoffe, wie Magnesium, Eisen und Kalium, die im Körper vielfältige Funktionen übernehmen: Eisen trägt zu einer normalen Energieverwertung bei, Magnesium unterstützt die normale Funktion der Muskeln und des Nervensystems, Kalium hilft, einen normalen Blutdruck zu halten. Das macht Kakao zu einem angenehmen Begleiter für ruhige Praxisformen, ohne ihn zu einem „Wundermittel“ zu stilisieren.

Pure Cacao Rocks von Juice Plus

100% Kakaomasse, leicht zu dosieren

Eine praktische Möglichkeit für Yogastudios oder Retreats sind Produkte, die sich leicht dosieren lassen, etwa die neuen Pure Cacao Rocks von Juice Plus+. Sie bestehen aus 100 % Kakaomasse, sind von Natur aus zuckerfrei und lassen sich einfach schmelzen – ideal, wenn regelmäßig Zeremonien angeboten werden oder Kakao als kleines Achtsamkeitsritual im Kursraum Teil der Atmosphäre wird. Pure Cacao Rocks von Juice Plus+: Ideal pur, im Getränk oder zum Verfeinern von Speisen – als Teil einer ausgewogenen Ernährung. Preis: EUR 39,- pro Dose. 

Ein Moment von Wärme – mitten im Winter

Vielleicht liegt der Zauber der Kakaozeremonie gerade darin, dass sie nichts verlangt und doch so viel verbindet: Körper, Atem, Jahreszeit, Menschen im Raum. Eine Tasse, die wärmt. Ein Kreis, der hält. Eine Praxis, die tiefer wirkt als jede Pose. Und manchmal entsteht genau daraus das, was viele in der dunklen Jahreszeit suchen: einen achtsamen Ort für sich selbst.

Mehr Infos zu den neuen Pure Cacao Rocks von Juice Plus+: de.juiceplus.com

Yoga und Musik: Wie Klänge deine Praxis bereichern können

Die einen lieben es, mit Musik Yoga zu üben, die anderen halten überhaupt nichts davon. Und wieder andere haben es schlicht noch nie probiert. Hier liest du, wie die Welt der Klänge deine Praxis bereichern kann – und worauf du achten solltest.

Text: Stephanie Schauenburg / Fotos: Sonja Netzlaf

Musik im Autoradio, im Café, im Supermarkt – und dann auch noch im Yoga? Will man die permanente Beschallung hier nicht eher mal ganz bewusst abstellen, Stille finden, nach innen lauschen? Für die Tanzkünstlerin und Vinyasa-Yogalehrerin Daniela Mühlbauer ist das kein Widerspruch, im Gegenteil:

Klang und Rhythmus sind für mich kraftvolle Elemente, die meine Bewegungen beleben, Emotionen freisetzen und die Praxis vertiefen. Es ist ein magisches Gefühl, wenn die Energie der Musik durch meinen Körper fließt und jede Bewegung leitet, trägt und inspiriert. Ganz egal ob ich tanze, Asanas übe oder Yoga unterrichte: Die Verbindung zur Musik ermöglicht eine tiefere Verbindung zwischen meiner inneren Welt und der Energie, die im Raum schwingt.

Doch wie hängt das zusammen? Welche Traditionen verbinden Klang und Yoga? Und wie kann Musik zu einem unterstützenden Element für die Praxis werden – sei es nun im Unterricht oder aber beim eigenen Üben?

Die Welt ist Klang

Nada Brahma, die Welt ist Klang: Die Überzeugung, dass das gesamte Universum aus Schwingungen besteht, ist in der indischen Geistesgeschichte tief verwurzelt. Das beginnt schon bei den alten Schöpfungsmythen, es führt über das Körperbild der Hatha-Yogis mit seinen Nadis und Chakras über das traditionelle Rezitieren und Chanten von Mantras bis zum poppigen Kirtan-Konzert. Die moderne Physik hat diese Lehren inzwischen in vielen Punkten bestätigt: Nicht nur Klang ist Schwingung, auch Licht oder Energie, ja selbst die Gedanken lassen sich als Ströme und Frequenzen messen. Sogar die ganze, riesige Erde schwingt offenbar in einer niedrigen Frequenz, man nennt das „Erdbrummen“.

Viele dieser Schwingungen können wir nicht hören, manche dagegen spüren wir sogar körperlich, zum Beispiel wenn in unserer Nähe ein Gong geschlagen wird oder wir beim Singen eine Hand auf die Brust legen. Und egal wie spürbar oder subtil: Wir schwingen mit den Schwingungen, die uns umgeben, mit, sind in Resonanz und können mit ihrer Hilfe unsere eigenen Schwingungen beeinflussen. Deshalb entstanden im Umfeld von Yoga eine Vielzahl von Praktiken mit Klängen. Manche fassen sie unter dem Begriff Nada Yoga, also Klangyoga, zusammen: Mantra, Bhajan und Kirtan gehören dazu, aber ganz besonders natürlich das Chanten von „Om“, das in den Quellentexten als eine Praxis zum Erlangen von Einheit beschrieben wird.

Daniela Mühlbauer nutzt Musik gerne, um ihre Yogapraxis und die ihrer Schüler*innen zu vertiefen. Sie hat uns zu diesem Artikel inspiriert.

Musik ist noch mehr

Aber ein Klang, selbst so ein machtvoller wie ein den ganzen Yogaraum erfüllendes „Ooooomm“, ist noch nicht Musik. Die erklingt erst, wenn aus der Kombination einzelner Töne und Rhythmen Melodien, Harmonien und Stimmungen entstehen, jede mit einer bestimmten Färbung, einem eigenen „Vibe“. Auch hier schwingen wir mit, meist noch sehr viel deutlicher als bei einem einzelnen Klang: Musik berührt uns. Sie kann uns fröhlich oder melancholisch stimmen, energetisieren oder entspannen, aufputschen oder in meditative Versenkung führen.

Diese komplexe Magie der Musik, die direkt zum Herzen vordringt (und von dort auch in die Sphären des Göttlichen führen kann), hat sehr viel mit Yoga und seinem Verständnis der subtilen Energien zu tun – aber erst mal noch nichts mit Asana. Zwar widmen sich viele wunderbare Bands und Festivals der Yogamusik, es gibt richtig tolle Stücke und Alben, aber dennoch findet diese Musik eher selten während des körperlichen Übens statt. Dass in Stilen wie Vinyasa, Power oder Jivamukti Yoga zu ausgefeilten Playlists Asana und Pranayama praktiziert wird oder dass Menschen bei speziellen Events Yoga zu Live-Musik üben, all das sind moderne Weiterentwicklungen der Praxis. Was erst mal toll ist, denn Yoga darf und soll sich ja weiterentwickeln!

Mit Musik in die Verbundenheit

Im Idealfall fließt man in so einer Stunde durch eine ausgefeilte Choreografie aus Klang und Bewegung, man taucht tief ein in eine ganzheitliche Erfahrung von Atem, Bewegung und Rhythmus und wird getragen von einer Energie, die die ganze Gruppe erfasst. Vielleicht fühlt man sich durch die Musik auch in seiner Konzentration gestützt oder man findet einen heilsamen Zugang zu verborgenen Emotionen. Muss aber nicht sein. Musik im Yoga kann auch nervig und störend sein oder schlicht belangloses Hintergrundrauschen. Es kommt darauf an, wie man sie einsetzt – beziehungsweise welchen Vibes man sich aussetzt.

Wenn du alleine übst, kannst du es einfach ausprobieren, experimentieren und dabei nicht nur auf die Musik hören, sondern auch und vor allem auf dich selbst. So findest du heraus, was für dich funktioniert und was eher nicht. Deine Musik – deine Praxis! Der vielleicht naheliegendste Vorzug einer Home Practice mit Playlist: Es wird sehr viel unwahrscheinlicher, dass du nach zehn Minuten lustlos wirst oder mitten im Üben abbrichst, um „ganz schnell“ noch eine Nachricht zu tippen.

Die Musik kann dich nicht nur mit ihrem Rhythmus und ihrer Energie durch die Anstrengung tragen, deine Stimmung heben und dein Herz öffnen, sie kann dich auch erden und dir helfen, deine Aufmerksamkeit im Jetzt und in deiner Praxis verankern – und zwar bis zum letzten Track deiner Liste. Auch wenn es in deiner Umgebung Störfaktoren gibt, wenn es zum Beispiel nebenan auf der Baustelle klappert oder dein Partner im Home Office telefoniert, legt die Musik einen schützenden Kokon aus Klang um dich und deine Praxis.

Einklang – oder einsam?

Etwas komplizierter ist das alles, wenn du in einer angeleiteten Stunde bist. Zwar kann es unglaublich beglückend sein, sich gemeinsam und synchron mit der Musik zu bewegen, ganz verbunden nicht nur mit der Gruppe und der Praxis, sondern irgendwie auch mit dem ganzen großen, wilden Leben: Alles atmet miteinander, schwingt miteinander, ist im wahrsten Sinn des Wortes im Einklang. Genauso kann es aber auch passieren, dass zum Beispiel das Tempo für dich nicht passt, die Asanas zu schwierig sind oder die Musik so wenig deinem Geschmack entspricht, dass du genau das Gegenteil von glücklicher Verbundenheit empfindest: Du bist inmitten einer Gruppe allein mit dir und deinem Störgefühl.

Aber selbst wenn du gut mitkommst und die Musik dich vielleicht sogar durch eine Intensität der Praxis trägt, die du ohne kaum halten könntest: Du wirst gerade in so einer dynamischen „Musikstunde“ wahrscheinlich nicht ganz so achtsam üben und so fein in dich hineinspüren können, wie das ja eigentlich Sinn der Sache ist. Vor allem wenn die Musik sehr dominant ist, kann sie auch Aufmerksamkeit abziehen, statt dich in der Achtsamkeit der Praxis zu verankern.

Musik sollte sensibel eingesetzt werden

Ein besonders sensibler Punkt sind Emotionen. Wer schon mal in Shavasana liegend in Tränen ausgebrochen ist, weil eine herzzerreißende Melodie alle Schleusen weit aufgemacht hat, weiß „ein Lied davon zu singen“. So eine emotionale Entladung kann wunderbar und befreiend sein, aber eben auch völlig überfordernd. Und nicht selten hat es leider einen schalen Beigeschmack von Manipulation, schließlich weiß die Lehrerin ja, dass sie hier wahrscheinlich ein Stück auswählt, das die Herzen zum Überlaufen bringt.

Wenn Musik die Yogapraxis wirklich bereichern und vertiefen soll, dann muss sie sehr sensibel und bewusst eingesetzt werden. Nicht ein weiterer der Reize von außen, denen wir ja sowieso schon den lieben langen Tag ausgesetzt sind, sondern eine Pforte nach innen, ein Anreiz, feiner zu lauschen und sich den Schwingungen des Lebendigen anzuvertrauen. Es ist wie mit jeder Form von kraftvoller Magie: Sie hat ihre dunklen Seiten, aber in den richtigen Händen kann sie auch verzaubern, transformieren und wahre Wunder bewirken.

Tipps zum Erstellen deiner Yoga-Playlists

von Daniela Mühlbauer

Thema und Intention: Überlege dir, um was es in dieser Praxis geht. Soll die Musik beruhigen, energetisieren oder emotional unterstützen? Wähle zum Beispiel für eine kraftvoll erdende Praxis Musikstücke mit tieferen Tönen, Frequenzen und Bässen.

Dynamik: Beginne mit sanften Klängen, steigere die Intensität während der aktiven Phasen und suche beruhigende Musik für die Entspannungsphase aus. Spanne dabei einen harmonischen Bogen, der in jeder Phase zur Energie der Praxis passt.

Abwechslung: Ein behutsamer Mix, zum Beispiel von Instrumentalstücken und gesungenen Mantras, von schnelleren und langsameren Beats, macht die Playlist lebendiger.

Störfaktoren vermeiden: Achte auf harmonische Übergänge zwischen einzelnen Stücken und wähle nur Musik ohne plötzliche Lautstärkewechsel oder andere Elemente, die die Konzentration stören könnten. Achte dabei auch auf die Songtexte: Passen die Lyrics zur Praxis, können sie vielleicht negative Emotionen wecken?

Feingefühl: Bedenke bei Playlists für eine Gruppe, dass Geschmäcker und Empfindungen verschieden sind. Wähle eher zeitlose Musik und meide Charts und Ohrwürmer.

Pausen: Lasse unbedingt auch Raum für Stille, wo du den Fokus auf den Atem und die inneren Empfindungen lenken kannst. Stille hat ihren eigenen Klang.

Schon gewusst? Auf unserer Webseite findest du eine Vielzahl Yoga-Playlists zu unterschiedlichen Themen, Stilen und Stimmungen.


Stephanie Schauenburg übt in der Gruppe lieber ohne Musik, aber zu Hause findet sie es wunderbar, ihre Bewegungen in Klängen zu baden. Ganz besonders in LaBrassBandas „Yoga Symphony No. 1“.